Milchmarkt

Milch: Der erste Schritt aus dem Preisloch ist geschafft

Schaum
Hans-Jürgen Seufferlein, VMB
am Donnerstag, 09.07.2020 - 15:35

Die Vollbremsung und der Aufprall am Milchmarkt konnte besser bewältigt werden als im März noch zu befürchten war.

Als um die Jahreswende in den Medien erstmals der Name der Stadt Wuhan aufgetaucht ist in Verbindung mit „Hotspot“ und „Corona“ war alles „nur aus der Zeitung“. Wenige Wochen später war das Problem aber schon greifbar: Die Hotspots hießen jetzt Bergamo, Ischgl, Heinsberg in Nordrhein-Westfalen – und Mitterteich mitten in Bayern. Und seitdem hat sich das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben, einfach fast alles, grundlegend geändert. Mitte des Jahres ist Zeit eines Zwischenfazits von einzelnen Märkten, nachdem die erste Schockstarre überwunden ist, mit den Folgen aber noch lange zu kämpfen sein wird.

Robust ins Jahr gestartet

Aus Sicht der Milchbauern war es mit ein bisschen Abstand betrachtet ein glücklicher Umstand, dass der Milchmarkt sehr robust mit besten Aussichten in das Jahr gestartet ist. In der Corona-Sprache ausgedrückt: Es war ein Start „ohne Vorerkrankung“, sodass die Vollbremsung und der Aufprall weitaus besser bewältigt werden konnte als im März noch zu befürchten war.

In Zahlen ausgedrückt: Für Januar wurde in Bayern ein Milchpreis konventionell OGT von 35,0 ct bezahlt, für Mai lag der durchschnittliche Wert bei 33,4 ct/kg bei 4,2 % Fett. Und das dürfte, nach dem stärksten Durchhänger im letzten Monat mit minus 1,2 ct/kg, auch der tiefste Wert gewesen sein, der durch Corona unmittelbar verursacht worden ist. Wenn in diesen Tagen das Milchgeld Juni bei den Milchbauern ankommt, dürfte es keinen Rückgang mehr geben, im Durchschnitt!

Nicht nur Corona wirkt ein

Dass auch andere Kräfte auf den Markt einwirken, wie zum Beispiel der gerade wieder tobende Kampf der Lebensmitteleinzelhändler unter- und gegeneinander, sollte bei der Ursachenforschung und Unzufriedenheit über einzelne Milchpreise schon getrennt gesehen werden. Und in einer solch gravierenden Situation es allen Akteuren recht zu machen, ist ebenfalls ein Ding der Unmöglichkeit. Zudem ist Marktanalyse strikt von Preisfestlegungen zu trennen. So lagen die Milchpreise durch die unterschiedliche Betroffenheit der Molkereien weit auseinander: Bei vergleichbaren Qualitäten in Bayern gab es im letzten Monat eine Spreizung von 7,5 ct/kg, die gleiche Spanne übrigens auch im benachbarten Baden-Württemberg. Und bundesweit betrachtet wurde gar eine zweistellige Spanne beobachtet, in Cent wohlgemerkt.
Der Markt hat sich trotz aller Abhängigkeiten von politischen Entscheidungen Mitte Mai schlagartig gedreht. Die Frühindikatoren, also vor allem die Entwicklung an den Spotmärkten, haben sich nicht als einzelne Schwalbe erwiesen: Die perspektivischen Marktparameter haben sich gefestigt, seitdem diese sich Mitte Mai katapultartig („durch die Decke“) aus dem Tief begeben haben.
Ärgerlich ist auch zu benennen, dass vorher nicht als Milchmarktexperten bekannte Akteure wie der Vorsitzende des Bundes Naturschutz in Bayern, Richard Mergner, die ausgesprochen starke Exportorientierung kritisiert und vor neuen Milchseen und Butterbergen gewarnt haben.

Absatzwege wieder flott

Was die Corona-Pandemie gezeigt hat: Der Export ist weiterhin eine wichtige Absatzquelle der bayerischen Milchwirtschaft, vor allem der vor der bayerischen Haustür liegende Absatzmarkt nach Südeuropa, sprich Italien – aber speziell der Außer-Haus-Verzehr nimmt mittlerweile einen beträchtlichen Raum ein: Und wer hätte jemals in Erwägung gezogen, dass die Systemgastronomie, Möbel-und Warenhäuser oder die gesamte Gastronomie und Hotellerie einmal „die Schotten dicht“ machen müssen?
Deswegen lag der hauptsächliche Fokus der pragmatisch ausgerichteten Akteure in der Frage: Welche Instrumente sind verfügbar? Und: Wo können Absatzwege wieder flott gemacht werden? Und hier scheint doch vieles richtiger als falsch gemacht worden zu sein, wenn man sich heute das Ergebnis ansieht. Jede kleine Initiative hat dazu beigetragen, dass die politischen Lockerungen von der Gesellschaft auch angenommen wurden. Dass dies immer noch so zögerlich verläuft und viele „ein anderer Mensch als vorher sind“, mag überraschen, ist aber doch – menschlich!

Marktordnungsinstrumente aktiviert

Auch die sehr stark polarisierende Aktivierung der vor wenigen Tagen zu Ende gegangenen privaten Lagerhaltung, auch für Milchprodukte, hat zu dieser Entspannung beigetragen. Bekanntlich konnte seit dem 7. Mai auf EU-Ebene dieses verfügbare und sehr schnell einsetzbare Marktordnungsinstrument aktiviert werden. Für die befristete Einlagerung von Milchprodukten konnten dabei Anträge auf Förderung gestellt werden. Folgende Mengen sind von der EU-Kommission veröffentlicht:

  • Magermilchpulver: 17 730 t, davon 7921 t aus Deutschland,
  • Butter: 60 184 t, davon 12 608 t aus Deutschland,
  • Käse: 45 634 t, davon 670 t aus Deutschland.
Von den möglichen 90 000 t Magermilchpulver sind gerade einmal 19 % der förderfähigen Menge beantragt worden. Bei Butter hätten bis zu 140 000 t gefördert eingelagert werden können. Beantragt wurden aber nur 43 %. Bei Käse, mit bis zu 100 000 t förderfähigen Menge, waren am Ende nur 45 % der möglichen Menge registriert. Alles in allem, ohne Hellseher zu sein: Die Maßnahme war wohl mehr schnelle Hilfe in einer Ausnahmesituation als späte Hypothek für den Markt.

Die Perspektiven stehen gut

Die Perspektiven auf eine Markt- und vor allem Milchpreiserholung bleiben gut: Die Spotmärkte haben sich wie schon angesprochen in den vergangenen sechs Wochen recht stabil und beständig gezeigt. Der Börsenmilchwert hat sich nach dem Durchsacken auf fast 25 ct bei etwa 32 ct, sicherlich insgesamt zu wenig, stabilisiert. Und höchst erfreulich zeigt sich der GDT (Global Dairy Tender) in Neuseeland: Mitte der Woche macht dieser bei der letzten Auktion einen Sprung um plus 8,3 %, so stark wie schon lange nicht mehr.

Und auch der Export in Drittländer scheint nach den vorliegenden Zahlen weit weniger gelitten zu haben als befürchtet, wenn man einen Blick auf die Handelsbilanz der ersten vier Monate wirft. Natürlich gab es in Teilbereichen auch Rückgange, aber diese müssen auch immer in Relation zu früheren Werten gesehen werden. Es wurde ja auch nie davon gesprochen, dass es ein wirkliches Nachfrageproblem auf den Märkten gegeben hat. Sicher, es gab Handelsbeschränkungen aufgrund der Seuchensituation, die Logistik war merklich gestört und Container kamen später an und später wieder zurück. „Allgemeine Verzögerungen im Betriebsablauf“, würde man das bei der Bahn nennen. Und wer sich jährlich den einen oder anderen Urlaub antut weiß: Ankommen wird man immer, es ist nur eine Frage der Zeit.

Wie reagiert der LEH?

Der Kampf um den Kunden wird derzeit wieder aggressiver: Als die Coronakrise noch im Anfangsstadium war, der Verbraucher verunsichert die Läden stürmte, spielten Rotstiftaktionen im Lebensmittelhandel (LEH) keine große Rolle. Doch das ist Vergangenheit. Dass der Preis plötzlich wieder ein heißes Thema ist im LEH, hat aber nicht nur mit der Mehrwertsteuersenkung zu tun. Vor allem die Discounter haben zurzeit allen Grund, im Kampf um die Kunden aggressiver zu agieren. Zwar profitierten in den vergangenen Monaten alle Lebensmittelhändler von dem dank der Pandemie gestiegenen Konsum in den eigenen vier Wänden. Doch schnitten die Discounter dabei merklich schlechter ab als die großen Supermarktketten.
Jetzt blasen Aldi und Lidl zur Aufholjagd auf die Supermärkte, die Mehrwertsteuersenkung bietet da eine besonders spektakuläre Gelegenheit. Vorreiter Lidl senkte deshalb schon am 22. Juni die Preise auf das reduzierte Niveau. Eine Woche später folgten dann die Wettbewerber, allen voran Branchenprimus Aldi. Und sie unterboten teilweise die von Lidl gesetzte Marke mit durchaus kreativen Einfällen. Von Systemrelevanz, Regionalität und „Preis ist nicht alles“, von den aktuell laufenden Forderungen um noch mehr Tierwohl in der Rinderhaltung und deren Honorierung: Keine Spur mehr. Beim LEH scheint der Rückfall in alte Zeiten bereits in vollem Gange. Auf der anderen Seite versucht die Wirtschaft im Allgemeinen und die Michwirtschaft im Besonderen weiter sich von den noch nicht absehbaren Corona-Folgen zu erholen. Der erste Schritt aus dem tiefen Loch ist zweifelsohne gemacht; aber der weitere Weg mit den vielen Unwägbarkeiten wird noch sehr beschwerlich.