QM

Mehr Tierwohl bei Kühen

Alm Alp Weide
Hans-Jürgen Seufferlein, VMB
am Donnerstag, 06.08.2020 - 14:57

Die Milcherzeuger ringen derzeit damit, sich an den neuen QM-Standard 2020 anzupassen. Doch der LEH fordert schon eine Stufe 2 mit noch mehr Tierwohl.

Seit Januar gilt für die deutschen Milcherzeuger der neue Standard QM-Milch 2020. Neben dieser mittlerweile bewährten Prozessdokumentation Milch werden aber bereits in und mit anderen Organisationen und Initiativen weitergehende Diskussionen geführt, weil sich Milcherzeugung und Haltung von Nutztieren nicht mehr trennen lassen. Die Kooperation von QM-Milch mit der QS-GmbH über die Vermarktung von Schlachtkühen hat sich seit 14 Jahren bewährt.

Jetzt tritt vermehrt auch der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) in Erscheinung. Der LEH möchte die Initiative Tierwohl auf den Bereich Rind ausdehnen und die Kennzeichnung der Haltungsform einführen. Diese Aktivitäten des LEH müssen jetzt im Sinne der Landwirtschaft mitgestaltet werden.

Laufhof-Braunvieh

Über den neuen Standard QM-Milch 2020 wurde in den Fachmedien lange und ausgiebig informiert, vor allem über die wichtigsten Änderungen. Neben der Anpassung und Aktualisierung der jeweils gültigen Gesetze und Verordnungen hat vor allem der Kriterienbereich „Gesundheit und Wohlbefinden der Tiere“, kurz „Tierwohl/Tierschutz“ eine spürbare Ausweitung erfahren. Ohne Zweifel hat die Einführung der drei Fokusbereiche „Tierschutz“, „Milchhygiene“ und „Betriebliches Umfeld“ zu einer Verschärfung des Standards beigetragen, denn auch in diesen Teilbereichen müssen jetzt Mindestpunktzahlen erreicht werden.

Während bei der Mindestpunktzahl für das Gesamtaudit ein Scheitern eher selten ist, ist dies bei den drei Einzelbereichen anders – und folgenreich, denn es verkürzt das Prüfintervall auf 18 Monate. Aber dieses risikoorientierte Vorgehen war auch die Zielsetzung bei der Revision des neuen Standards, um für den Großteil der Milcherzeuger weiterhin das 3-Jahres-Prüfintervall weiterführen zu können.

An der Weiterentwicklung von QM-Milch wird gearbeitet

Während der neue Standard QM-Milch 2020 nun die kommenden Jahre die Messlatte für die bundesweiten Audits sein wird, wird bereits kräftig an der Weiterentwicklung von QM-Milch gearbeitet. Bekanntlich ist seit Juni mit dem BVLH (Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels) ein ganz gewichtiger Akteur der Wertschöpfungskette mit im Boot von QM-Milch vertreten und meldet nachdrücklich seine Ansprüche bei der Weiterentwicklung an. Diese Initiativen wären vom Handel übrigens genauso weitergetrieben worden, wenn der BVLH nicht in den Gremien von QM-Milch sitzen würde. Die Erzeugerseite kann als Akteur von QM-Milch die Diskussion mitbestimmen, auch wenn das nicht jedem Milcherzeuger einleuchten mag – wie lange Zeit auch die geführte Grundsatzdiskussion über die Sinnhaftigkeit von QM-Milch.

QM-Milch als Label auf Milchpackungen

Worum geht es bei der aktuellen Diskussion? Mit der Aufnahme des Lebensmitteleinzelhandels in die Gremien von QM-Milch ist von den nun vier Trägerverbänden auch eine Absichtserklärung über die Weiterentwicklung von QM-Milch unterzeichnet wurde. So soll zukünftig das bekannte Logo von QM-Milch als Label auf Milchpackungen ausgelobt werden können. Mit der Auslobung verbunden sein wird auch die Vorgabe, dass importierte Milch unter einem mit QM-Milch vergleichbaren System bzw. Standard erzeugt worden ist, eine von Erzeugerseite immer wieder vorgebrachte Forderung.

Und es geht auch um ein Mehr an Tierwohl und Tiergesundheit. Und für dieses Ziel wird spätestens bis Mitte 2021 unter dem Arbeitstitel „QM-Stufe 2“ ein Zusatzmodul erarbeitet, mit dem die Einhaltung noch strengerer Vorgaben für Tiergesundheit und Tierwohl gekennzeichnet werden sollen.

Kriterien für QM-Stufe 2

Mitte dieser Woche hat sich, zur Vorbereitung der Diskussion im Fachbeirat QM-Milch im September, eine Arbeitsgruppe mit der VMB-Geschäftsführung mit möglichen Kriterien für „QM-Stufe 2“ auseinandergesetzt. Und dafür sagt der Handel einen noch zu definierenden Preisaufschlag zu, das ist auch Bestandteil der bereits erwähnten Absichtserklärung.

Vor dem Aufschlag kommt aber das harte Ringen um die angesprochenen Standards: Dieses Mehr an Tierwohl soll nach Willen des Lebensmitteleinzelhandels auch mit den von ihm selbst initiierten Haltungsformstufen verknüpft werden. Konkret: Milchkühe finden nach der Karriere als Milchproduzentinnen vor allem auch in Bayern noch eine finale, auch ökonomisch wertvolle Verwendung als Rind- bzw. Kuhfleisch. Und das soll zukünftig Ausdruck finden durch die Eingruppierung in die Haltungsformstufen 1 bis 4.

Initiative geht vom LEH aus

Um es nochmals deutlich zu sagen: Die Initiative für die „QM-Stufe 2“ und der Haltungskennzeichnung von Rind- und Kuhfleisch geht ausschließlich vom Lebensmitteleinzelhandel aus. Der LEH hat auch einen Antrag an die bisher vornehmlich aus dem Bereich Schwein und Geflügel bekannte Initiative Tierwohl gestellt, sich auch mit einer Initiative Rind bzw. Rindfleisch beschäftigen zu wollen.

Anfang Mai wurde zu diesem Zweck eine bundesweite Arbeitsgruppe aus Vertretern der Land- und Fleischwirtschaft sowie des Lebensmitteleinzelhandels gebildet, der zukünftig auch die Molkereiwirtschaft angehören wird. Bayern ist hier sehr gut aufgestellt mit VMB-Vorsitzenden Wolfgang Scholz, BBV-Direktorin Isabella Timm-Guri und dem Geschäftsführer der VVG Oberbayern-Schwaben.
Diese Gruppe ist erst in den Anfängen, um vor allem die doch etwas komplexeren Zusammenhänge im Bereich Rinderhaltung von den doch einfacheren Vorgaben bei Schwein und Geflügel zu trennen. So wurde bereits erreicht, dass der Entwurf eines anfangs gemeinsamen Kriterienkataloges Rind bereits in drei Teilbereiche mit Kälbermast, Rindermast und Milchviehhaltung differenziert werden konnte.

Abstimmung mit bereits bestehenden Programmen

Es muss im Sinne der Milchviehhalter dafür Sorge getragen werden, dass die Initiative Tierwohl (ITW) Rind mit bereits bestehenden Programmen und Standards der QS GmbH und natürlich auch QM-Milch abgestimmt wird. Gleiches gilt für die Haltungskennzeichnung.

Dabei dürfte es kein großes Geheimnis sein, dass das Thema „ganzjährige Anbindehaltung“ nicht nur mit dem LEH, sondern auch mit der außerbayerischen Milchwelt sehr kontrovers diskutiert wird. Dabei gilt die jetzt genau ein Jahr alte Vereinbarung der bayerischen Milchwirtschaft über die Definition einer Kombihaltung, mit verschiedenen Varianten an Bewegungsmöglichkeiten, als Richtschnur.

Die bayerischen Vertreter beharren dabei darauf, dass ein bestandenes Audit QM-Milch auf der Grundlage des Standards 2020 die Eintrittskarte für eine Einstufung in die Haltungsform 1 („Stallhaltung“) sein muss – auch für Erzeugnisse der Kategorie „Eigenmarken des Handels“. Und die bayerische Definition der Kombihaltung, mit allen Möglichkeiten von Bewegung, auch über Laufhöfe, muss eine Einstufung in Haltungsform 2 („StallhaltungPlus“) gewährleisten.
Dass im Zuge der laufenden Diskussion bereits ein Pilotprojekt zur Erhebung von Schlachtbefunddaten, in Zusammenarbeit mit der QS GmbH initiiert ist und möglicherweise in naher Zukunft ein ebensolches Pilotprojekt „Antibiotikamonitoring in Milchviehbetrieben“ umgesetzt wird, sei nur am Rande erwähnt. Es werden bewegte Zeiten für die Milchviehalter, unabhängig vom Milchpreisgeschehen. Nicht überraschend, nachdem die Diskussion um das Tierwohl auch die Milchviehseite voll erreicht hat. Der LEH will seine Interessen lieber gestern als morgen umgesetzt wissen.