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Massive Kritik an Doppelmoral des Handels

Josef Koch
Josef Koch
am Donnerstag, 19.08.2021 - 15:00

Der jüngste Verfall der Schweinepreise bringt die Bauern auf die Barrikaden. Denn der Handel nutzt die Lage schamlos aus.

Schweinefleisch-Werbung-Handel

Dem jüngsten Preisverfall am Schlachtschweinemarkt gibt die Interessengemeinschaft (ISN) der Schweinehalter Deutschlands vor allem dem Lebensmittelhandel und dessen Doppelmoral die Schuld. Denn aktuell liefern sich verschiedene Unternehmen wie Edeka oder Metro wahre Rabattschlachten im Fleischsegment.

„Während bei allen möglichen Dialogformaten von Seiten des Handels das Hohelied auf die deutsche Produktion gesungen wird, betreiben konzerneigene Tochtergesellschaften zeitgleich diese schändliche Preisdrückerei! Das stinkt zum Himmel!“, so die ISN. Wenn die Handelshäuser tatsächlich zu ihren Beteuerungen stehen, dann müssen sie solche Angebote konsequent auslisten und ausschließlich auf heimische Erzeugung setzen. Und zwar konzernweit und für alle Marktsegmente, fordert die Interessengemeinschaft. „Hier müssen die gleichen Maßstäbe gelten wie an der Frischetheke im Supermarkt, alles andere ist einfach nur beschämend und zeigt die verwerfliche Doppelmoral der Lebensmittelhändler“.

VEZG-Preis um 7 Cent/kg gedrückt

Die ohnehin schon schwierige Situation am Schlachtschweinemarkt verschärft sich noch weiter. Gestern (18.8.) fiel die Notierung für Schlachtschweine um weitere 7 Cent auf 1,30 €/kg SG. Gleichzeitig sind die Futtermittelpreise extrem angestiegen - mit weiter steigender Tendenz. Die VEZG-Notierung hat in den vergangenen zehn Wochen insgesamt 27 Cent oder gut 17 % verloren und ist auf das Niveau von Anfang März zurückgefallen.

Die Verluste an jedem verkauften Schwein oder jedem verkauften Ferkel erreichen damit katastrophale Dimensionen und das, obwohl das Angebot an Schlachtschweinen so gering ist wie zuletzt 2007, verdeutlicht ISN-Marktanalyst Klaus Kessing das Ausmaß der Lage.

In den vergangenen Jahren wurden die Schweinebestände in hohem Tempo abgebaut und besonders während des letzten Jahres hat sich diese Entwicklung noch einmal deutlich beschleunigt. Die Sauenbestände nahmen innerhalb eines Jahres um 8,3 % ab. Einen so starken Rückgang in so kurzer Zeit hat es seit Beginn der Viehzählung 1973 noch nie gegeben. Auch die Importe von Ferkeln nahmen im 1. Halbjahr 2021 im Vergleich zum 1. Halbjahr 2020 um 17,3 % ab. Insgesamt führte das zu 8,8 % niedrigeren Schlachtzahlen in den vergangenen fünf Wochen verglichen mit dem gleichen Zeitraum im Jahr 2019. Das vergangene Jahr sei wegen der starken Kapazitätseinschränkungen nach Corona-Fällen in einigen Schlachthöfen nicht vergleichbar, so die ISN.

Wahres Gesicht des Handels

Wer wie Aldi morgen Schweinefleisch aus heimischer Produktion aus den Haltungsstufen 3 und 4 wolle, der müsse heute schon in Gänze auf heimisches Schweinefleisch der Stufen 1 und 2 setzen und dieses ordentlich bezahlen. Auf Handelsseite werde man zwar nicht müde darauf hinzuweisen, dass man an der Seite der deutschen Landwirte stehe und die heimische Produktion unterstütze, so die ISN.

Auf der anderen Seite zeigt der Lebensmittelhandel jedoch ganz aktuell wieder sein wahres Gesicht, wie zuletzt bei der Edeka-Foodservice oder der Metro. Hier wird spanisches oder sogar chilenisches Schweinefleisch neben deutscher Ware zu deutlich niedrigeren Preisen angeboten. Und hier handelt es sich nach Auffassung der ISN mit Sicherheit nicht um Spezialitäten, die am deutschen Markt nicht zu bekommen wären.

Staack hält Importe für überflüssig

Dieses Handelsgebaren ist nach ISN-Meinung „einfach nur beschämend“, denn es hat gleich einen doppelt negativen Effekt für die hiesigen Schweinehalter. Zum einen üben genau diese Angebote erheblichen Preisdruck auf den gesamten Markt, also auch auf deutsche Ware, aus. Zum anderen fließen die angebotenen Mengen aus heimischer Produktion schlicht nicht ab, kommentiert ISN-Geschäftsführer Dr. Torsten Staack.

"Dass der Lebensmittelhandel so agiert, obwohl bekannt ist, dass wichtige Teile des deutschen Schweinefleischabsatzes schwächeln oder fehlen, wie der Außer-Haus-Verzehr beziehungsweise der Export, macht uns wütend. Das ist das Gegenteil von Unterstützung heimischer Erzeugung", schimpft Staack.

Beringmeier fordert mehr Werbung für deutsches Schweinefleisch

schweinehälften-im-schlachthof

Als katastrophale Entwicklung bezeichnet DBV-Veredlungspräsident und WLV-Präsident Hubertus Beringmeier den nochmaligen Preisrutsch am Schweinemarkt. „Eine derart ruinöse Entwicklung über einen so langen Zeitraum hat es selten gegeben,“ so Beringmeier. Verschiedene Gespräche von ihm zur Lage der Schweinehalter mit der Schlachtwirtschaft in der vergangenen Woche hatten zu keinem positiven Ergebnis geführt. Verstärkt wird die desaströse Lage laut DBV noch durch die hohen Futterkosten. Dabei geht die Erzeugung von Schweinefleisch in Deutschland im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern bereits seit längerer Zeit zurück.

„Wir brauchen nicht nur allgemeine Bekenntnisse zur regionalen Erzeugung sondern aktives Handeln zur Stärkung der heimischen Betriebe. In vielen anderen europäischen Ländern liegen die Schweinepreise teils deutlich über dem deutschen Niveau. Schlachtunternehmen, Verarbeiter, Großverbraucher und der Lebensmitteleinzelhandel sind gemeinsam gefordert, aktiv die heimische Erzeugung durch entsprechende Einkaufs- und auch Preispolitik zu stabilisieren und zu stärken“, fordert Beringmeier.

Kurzfristig helfen könne eine verstärkte Bewerbung von deutschem Schweinefleisch. Darüber hinaus erwartet Beringmeier ein klares Bekenntnis der deutschen Fleischwarenindustrie zu mehr Tierwohl in heimischen Betrieben, indem sie geschlossen der Initiative Tierwohl beitritt.