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Geflügel

Martini: Festtagsgans wird knapp und teurer

Festtagsgänse: Auf der Weide haben die Tiere viel Bewegung und können gesund aufwachsen.
Florian Maucher
Florian Maucher
am Freitag, 11.11.2022 - 10:48

Wir haben bei den Landwirtsfamilien Dangel und Bechter nachgefragt, mit was sie zu kämpfen hatten und wie ihre Saison verlief.

Die Geflügelpest und hohe Produktionskosten werden 2022 den Gänsebraten teurer machen. Das teilt die Presseagentur Agra Europe mit. „Wir rechnen damit, dass es dieses Jahr 25 % bis 30 % weniger deutsche Gänse auf dem Markt geben wird. Aufgrund der Geflügelpest mussten allein in diesem Sommer in Niedersachsen 16 000 Mastgänse und in Deutschland insgesamt 40 000 Gänse gekeult werden“, wird der Geschäftsführer des Landesverbandes der Niedersächsischen Geflügelwirtschaft (NGW), Dieter Oltmann, zitiert.

Erhöhte Kosten für Futtermittel tragen der Meldung zufolge zusätzlich zur Situation bei und sollen laut Experten die Festgans im Hofladen um bis zu 35 % verteuern. Im Großhandel soll der Kilopreis einer gefrorenen deutschen Gans sogar zwischen 50 % und 80 % zulegen.

Wie sieht es im Süden Deutschlands aus? Das Wochenblatt hat beim Landesverband der Bayerischen Geflügelwirtschaft e.V und auf Gänsemastbetrieben nachgefragt. „Bayern ist im Moment nicht direkt von der Geflügelpest betroffen – abgesehen von einem Ausbruch vor kurzem im unterfränkischen Landkreis Miltenberg. Dort war ein Kleinbetrieb mit Enten betroffen. Das hatte aber keine Auswirkung auf umliegende Höfe“, erklärt Annika Nottensteiner, Geschäftsführerin Landesverband der Bayerischen Geflügelwirtschaft, die aktuelle Situation.

Einfluss auf die Gänsemast hatte aber sehr wohl die allgemeine Produktionskostensteigerung, die die Geflügelexpertin auf rund 30 % schätzt. Auf dieser Basis geht Nottensteiner davon aus, dass sich die letztjährigen Gänsepreise aus konventioneller Produktion von 13,5 bis 18 €/kg Schlachtgewicht in diesem Jahr auf 18 bis 25 €/kg steigern werden. „Auffällig ist, dass die Preisspannen in diesem Jahr sehr breit auseinander gehen“, so die Geschäftsführerin, die auch die regional aufgetretene Dürre mit als Faktor nennt, die zusätzliche Kostensteigerungen durch teures Zukaufsfutter nötig machte.

Knappe Futtergrundlage durch Hitze

Am Betrieb Dangel haben die Tiere großzügigen Auslauf ins Grünland. Im Herbst werden sie dann in stehende Maisfelder getrieben, die sie abweiden.

Mit der Trockenheit zu kämpfen hatte auch der Geflügelbetrieb Dangelhof in Altheim nördlich von Ulm. „Im August hat uns für unsere Weidegänse dann die Futtergrundlage gefehlt – die Flächen waren schnell abgefressen und wir mussten unsere Tiere vier Wochen früher in den stehenden Maisacker treiben als geplant. Dann hat uns hinten raus das Futter gefehlt, das wir aber von den eigenen Flächen ergänzen und zufüttern konnten“, erklärt Betriebsleiter Uwe Dangel. Lediglich das Mineralfutter musste zugekauft werden. Der Geflügelhalter geht rein bei den Futterkosten von 20 bis 30 Prozent Steigerung aus: „Durch die Weidehaltung konnten wir uns aber zumindest die Energiekosten sparen.“

Trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage zeigt sich Dangel optimistisch: „Die heimische Gans hat an Wert gewonnen. In den letzten Jahren stieg bei uns die Nachfrage nach Gänsen kontinuierlich.“ So auch in diesem Jahr, wenngleich die Familie sich im Frühjahr aufgrund der unsicheren Wirtschaftssituation entschied, ihre jährlichen Tierzahlen gegenüber dem Vorjahr nicht zu erhöhen.

Nicht wesentlich erhöht haben sie auch ihre Vermarktungspreise: „Klar, etwas mussten wir schon nach oben gehen, auch bei uns steigen die Personal-, Kraftstoff-, Verpackungs- und Futtermittelkosten, aber wir wollen unseren Kunden gegenüber fair bleiben“, stellt Dangel klar. „Auch unsere Kunden haben es schwer. Wir pflegen seit Jahren ein gutes Verhältnis zu unseren Stammkunden und möchten, dass sie auch im nächsten Jahr wieder kommen.“ Mit heuer 17,90 € pro kg verlangen die Geflügelhalter für ihre Gänse im Direktverkauf ab Hof 2,50 € mehr als im Vorjahr.

Neben den Kostensteigerungen hat auch die Geflügelpest den Start ins Jahr spannend gemacht. „Bei einem unserer Kükenzulieferer aus Norddeutschland musste die Herde gekeult werden – da ist uns ein großer Teil unserer geplanten Tiere ausgefallen. Wir konnten das aber dank unserem langjährigen Netzwerk mit anderen Betrieben ausgleichen.

Dangel sieht durchaus eine Knappheit an Festtagsgänsen. Allerdings eher im Einzelhandel und „nicht für unsere Stammkundschaft, für die wir im Frühjahr das Risiko eingingen ausreichend Küken einzustallen.“ Rund ein Drittel der Gänse wird zu Martini, die restlichen zwei Drittel zu Weihnachten vermarktet.

Unsichere Wirtschaftslage: Weniger Tiere aufgezogen

Von voralpiner Landschaft sind die Gänse am Betrieb Bechter umgeben und dürfen den gesamten Sommer auf den umliegenden Bergweiden verbringen.

Mitten im Martini-Schlachtstress nahmen sich auch Irmi und Peter Bechter aus Hittisau im benachbarten Vorarlberg Zeit, dem Wochenblatt einen Saisonrückblick zu schildern. „Wir haben dieses Jahr rund 200 Gänse aufgezogen“, ziehen die beiden Biolandwirte Bilanz, deren Tiere den Sommer über auf den Grünlandflächen des Bergbetriebs grasen. „Wir haben weniger Tiere als sonst aufgezogen, weil die Vermarktung durch die unsichere Wirtschaftslage schon risikobehaftet ist. Man konnte ja zu Beginn der Saison noch nicht wissen, ob die Leute am Jahresende noch Geld haben – zumal so eine Gans ja schon ein gewisses Luxusprodukt ist.“

Die Geflügelpest war für den Betrieb kein Thema, ebenso wenig die Sommerhitze: „Der Futteraufwuchs war kein Problem. Wir fahren nicht an die Grenze mit dem Tierbesatz. Wir liegen hier auf knapp 1000 Meter Seehöhe schon fast im Alpbereich, da schlägt die Hitze nicht so durch.“ Aufgrund seiner Höhenlage ist der Betrieb allerdings in Sachen Getreide vollständig auf Zukauf angewiesen: „Da gab es schon massive Preisschwankungen. Wenn du aber im Mai einstallst, bist du das ganze Jahr abhängig. Und wenn du am Futter sparst, leidet die Fleischqualität – das können wir uns auch nicht leisten“, schildert die Tierhalterin.

„Rund 40 kg Getreide je Saison frisst eine Gans“, rechnen Bechters vor. Bei somit 8 t benötigter Futtermenge gehen die Mehrkosten bei bis zu 40 % Kostensteigerung beim Biogetreide in die Tausende. Dennoch haben die Geflügelhalter den Kilopreis ihrer Schlachttiere kaum erhöht: „Wir haben nur zehn Cent aufgeschlagen auf jetzt 22 Euro je Kilo Schlachtgewicht. Wir hätten Anlass genug, die Preise noch weiter zu erhöhen, aber zugunsten unserer treuen Kunden tragen wir die Teuerung mit und geben sie nicht eins zu eins durch.“ Um es wirtschaftlich interessant zu machen, müssten sie theoretisch bis zu 28 € je kg verlangen, rechnet Biobäuerin Irmi Bechter vor. Dann aber würde der Absatz schwierig werden – auch an die Gastronomie, die bisher bei Bechters gerne einkauft, aber selbst die Preise auch nicht grenzenlos anheben kann.

Handschlagsqualität lässt nach

Mit dem Absatz ihrer Tiere haben Bechters keine Probleme. „Was aber auffällt, ist, dass die Handschlagsqualität nachlässt“, bedauern Bechters. „Es werden Gänse bestellt und dann nicht abgeholt und ans Telefon geht dann auch keiner mehr.“ Schwierig sei es außerdem, an geeignetes Personal zu kommen: „Für die Arbeitsspitzen wie jetzt zum Schlachten, ist es kaum mehr möglich, Personal zu finden. Das geht nur noch mit Familie“, ist die Landwirtin stolz auf den Zusammenhalt, der ihnen auch in diesem Jahr wieder hilft, rechtzeitig alle Festtagsbraten mit höchster Zufriedenheit ihrer Kunden küchenfertig zu bekommen.