Fleisch aus der Retorte

Löst Laborfleisch Umweltkonflikte?

Retortenfleisch
Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Montag, 08.03.2021 - 08:42

Laut European Livestock Voice könnte die neue Technologie katastrophale Auswirkungen auf Vielfalt und Kultur in Europa haben.

Als Treiber hinter der High-Tech-Vision für die Fleischproduktion sieht European Livestock Voice vor allem finanzkräftige Technologiekonzerne. Sie würden synthetisch hergestelltes Fleisch als Lösung für Umweltprobleme propagieren.

Dabei würden, so European Livestock Voice, einige Dinge unberücksichtigt bleiben. Eine Ernährung ohne „echtes Fleisch“ und ein Europa ohne Vieh als Antworten auf die Herausforderungen des Klimawandels seien zu ungenau und könnte sich als "katastrophal für unsere Ernährung, unsere Regionen, unsere Umwelt, Vielfalt und unsere Kultur erweisen", so der Verband, der den Fleischerzeugern in Europa eine Stimme verleihen will.

Wissenschaftliche Position nicht eindeutig

Die Meinungsführer für synthetisches Fleisch berufen sich häufig auf die Wissenschaft. Deren Standpunkt sei aber nicht so eindeutig. So betrachtet der französische Agrarökonom Jean-Louis Peyraud von INRAE es als unrealistisches Szenario, die Viehzucht in Europa auszuradieren. Vielmehr wären Fortschritte in Haltung und Schlachtung nötig, die den Tieren ein würdiges Leben bieten. Die Forschung soll dazu dienen, die negativen Auswirkungen der Tierhaltung zu verringern und die Dienstleistungen für die Gesellschaften zu verbessern.

Der europäische Viehsektor hat bereits in der Vergangenheit deutliche Fortschritte gemacht. So sei jedes Jahr eine Reduzierung der CO2-Emissionen aus der Produktion erreicht worden.

Weiden- und Heckenlandschaften drohen unterzugehen

Ein viehloses Europa dürfte wahrscheinlich nicht die Welt sein, die als erstrebenswert gilt. Ohne Wiederkäuer wäre die Pflege der Weiden- und Heckenlandschaften in Europa äußerst schwierig. Nutztiere regulieren die ökologischen Kreisläufe, schließen den Nährstoffkreislauf und verbessern die Bodenfruchtbarkeit und die Kohlenstoffbindung, indem sie Gülle als Bioressource recyceln und nicht für Nutzpflanzen geeignetes Grasland verwenden.

In Mischkulturen und Viehbeständen haben Graslandrotationen auch die Funktion, den Kreislauf der Pflanzenschädlinge zu unterbrechen, wodurch die Landwirte den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln reduzieren können.

Außerdem verwertet Vieh Gras, Stroh und Kleie, die für Menschen ungenießbar sind.

CO2-Ersparnis unklar

Darüber hinaus sei der CO2-Fußabdruck von synthetischen Fleischalternativen bislang nur wenig durchleuchtet worden. Unter Umständen fällt er schlechter aus als erwartet. Woher kommt das Serum zur Herstellung von kultiviertem Gewebe? Wie viel Energie würde benötigt, um diese Gewebe wachsen zu lassen? Welche Antibiotika, Fungizide oder Hormone wären erforderlich, um die Produktion zu kontrollieren?

Der Viehsektor produziert nicht nur Lebensmittel, sondern auch eine breite Palette von Nebenprodukten. So ist Gülle ein wichtiger Dünger. Heute verwenden 40% der Anbauflächen der Welt organische Düngemittel aus der Tierproduktion. Ein Europa ohne Vieh würde daher zu einem deutlichen Anstieg des Einsatzes von Kunstdünger führen.

Viele andere weniger bekannte Nebenprodukte seien ohne hohe ökologische, wirtschaftliche und soziale Kosten schwer zu ersetzen, etwa Leder (ersetzt durch Produkte auf Basis fossiler Brennstoffe) oder pharmazeutische Inhaltsstoffe (ersetzt durch synthetische).

Schlüsseltechnologie in der Hand von Konzernen

Viehhaltung ist in fast allen Regionen Europas in einer Vielzahl von Produktionssystemen eingebunden, die den lokalen wirtschaftlichen, geografischen und soziologischen Kontexten entsprechen. Der Viehsektor trägt erheblich zur europäischen Wirtschaft bei (168 Mrd. EUR jährlich, 45% der gesamten landwirtschaftlichen Tätigkeit, zur Handelsbilanz und schafft Arbeitsplätze für fast 30 Millionen Menschen.

Ohne Vieh wird sich die Landflucht beschleunigen, zusätzlichen Bevölkerungsdruck auf die Städte ausüben und eine stärkere Trennung von der Natur und dem kulturellen Erbe fördern.

Die geplante Revolution bei synthetischem Fleisch wird kein Open-Source-System sein. Synthetische Lebensmittel werden hochentwickelt, ultra-verarbeitet und durch Patente geschützt. Es sei daher sicher, dass eine Gesellschaft mit „100 % synthetischem Fleisch“ eine Gesellschaft wäre, in der die Produktion konzentriert, verlagerbar und von Natur und Land getrennt wäre. Die Lebensmittelproduktion könnte sich in den Händen einiger Lebensmitteltechnologieunternehmen konzentrieren.