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Nahrungsmittelpreise

Lebensmittel: Verbraucher müssen sich auf höhere Preise einstellen

Einkauf
Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Montag, 14.02.2022 - 11:55

Die hohen Energiepreise verteuern die Produktion. Verschärfend könnten sich noch die EU-Agrarpolitik und die Transformation des Energiesektors auswirken.

Nach Umfragen des Münchner ifo-Instituts planen in den kommenden Monaten mehr als ein Drittel der Nahrungsmittelhersteller weitere Preisanhebungen. Das sagte Timo Wollmershäuser, Konjunkturchef des Instituts, im Gespräch mit der Welt am Sonntag.

Bei Lebensmitteln rechnet das Institut sogar mit einem Anstieg von 7 %. Damit verliert der Lebensmittelsektor seine über Jahrzehnte ausgeübte Funktion als Inflationsbremse. Damit könnte die Zeiten, in denen die anteiligen Ausgaben von Haushalten für Nahrungsmittel von Jahr zu Jahr sanken, enden oder zumindest eine Pause einlegen.

Dünger kaum noch bezahlbar

Maßgeblichen Anteil daran haben die gestiegenen Energiekosten. Die Hersteller von mineralischem Stickstoffdünger ist energieaufwändig und nutzt zum Teil Erdgas als Rohstoff. Damit schlagen hier die gestiegenen Erdgaspreise in doppelter Weise durch.

Dieses Problem ist ein weltweites Phänomen. Druck auf die Erzeugerpreise in Deutschland über Billigimporte auszuüben, funktioniert deshalb nicht. Alle großen Produktionsländer, wie etwa Brasilien oder USA, sind mit steigenden Betriebsmittelpreisen konfrontiert, wenn sie überhaupt och in ausreichender Menge bekommen. So hat Russland jüngst den Export von Ammonium gestoppt, um sich selbst ausreichend zu versorgen.

Verschärfung durch Green Deal

Im Rahmen des Green Deals beabsichtigt die EU-Kommission über die Farm to Fork- und die Biodiversität-Strategie die landwirtschaftliche Produktion in Europa zu extensivieren beziehungsweise einen größeren Anteil der Fläche aus der Produktion zu nehmen. Studien, wie die der Uni Wageningen, gehen von Produktionsrückgängen von bis zu 20 % aus.

Hinzu kommt die Umstellung von fossiler auf regenerative Energie. Sowohl Windkraft als Solar beanspruchen weit mehr Fläche als die Lager von Fossilbrennstoffen. 2 % Der Bundesfläche für Windkraft und ein noch genauer festzulegender Bedarf für Solarfreiflächenanlagen, mindern die Agrarfläche.

Eine große Welle baut sich auf

Die steigenden Produktionskosten, wofür vor allem die Düngerpreise stehen, schlagen bereits massiv auf die Lebensmittelpreise durch. So hat Destatis für den Dezember einen Anstieg von 22 % bei den landwirtschaftlichen Erzeugnissen gegenüber dem Vorjahr ermittelt.  

Eine Art Dopplereffekt ist durch die EU-Agrarpolitik und die steigenden Flächenansprüchen durch Erneuerbare Energien zu erwarten. Daraus könnte sich eine gewaltige Welle aufbauen, die zu einer starken Verknappung von Lebensmitteln auf dem Weltmarkt führt. Was bedeutet: Trotz der bereits jetzt erfolgten Preissteigerungen für Lebensmittel ist davon auszugehen, dass die Welt eher am Anfang, denn am Ende einer deutlichen Preisspirale steht.

Europäische Zentralbank reagiert sehr träge

Als Hüterin der Inflationspolitik treibt die Europäische Zentralbank auf ein Dilemma zu. Die von der EU-Kommission angetriebene Politik sieht einen Umbau im Energiesektor, der Industrie, der Bausubstanz und der Landwirtschaft vor. All das wird Geld kosten und dafür braucht es billige Kredite. Deshalb hält die Europäische Zentralbank weiter an einer Politik der billigen Geldbeschaffung fest. Dafür könnte ihr aber die Inflation entgleiten.