Außenhandelbilanz

Lebensmittel: Deutschland ist Nettoimporteur

Luftfracht
Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Mittwoch, 28.10.2020 - 17:28

Im Ernährungssektor weist das Land eine tiefrote Handelsbilanz auf. Es importiert deutlich mehr Agrarwaren als es exportiert.

Wirtschaft

Deutschland gefällt sich in der Rolle des Exportweltmeisters. Für die Überschüsse in der Bilanz sorgen vor allem der Fahrzeug- und der Maschinenbau. Hier überschwemmt das Land die Welt mit seinen Errungenschaften und ist stolz darauf, wenn es anderen Nationen mehr Geld abzwackt als es dort zurücklässt. Das macht die Deutschen nicht unbedingt beliebt im Ausland, aber wirtschaftlich erfolgreich.

Ganz anders im Agrarsektor: Die deutsche Bilanz im Außenhandel mit Gütern der Land- und Ernährungswirtschaft ist negativ. 2018 exportierte Deutschland Waren im Wert von 69,215 Mrd. € und führte Waren im Wert von 80,424 Mrd. € ein. Das geht aus dem Agrarpolitischen Bericht der Bundesregierung 2019 hervor. Das Exportdefizit beträgt also stolze 11,209 Mrd. €. Das ist eine beträchtliche Summe. Bei den Nettoimporteuren im Weltagrarhandel katapultiert sie Deutschland nach Japan, China, Ver. Königreich und Südkorea immerhin an die fünfte Stelle, wie aus Angaben der WTO hervorgeht.

Diese Situation spiegelt sich auch im aktuell heißdiskutierten Mercosur-Abkommen wider, bei dem die EU-Kommission nach wie vor auf einen Abschluss drängt. Es soll Zollschranken zwischen südamerikanischen Ländern und der EU abbauen. Dabei ist die Lastenverteilung sehr ungleich. Die europäische Industrie würde profitieren, die europäischen Bauern darunter leiden. Für die südamerikanischen Länder gelten die umgekehrten Vorzeichen. Allein in Argentinien droht nach Einschätzung des Forums Umwelt und Entwicklung der Verlust von 186.000 Industriearbeitsplätzen, da Zölle wegfallen und günstigere Importe aus der EU argentinische Industriegüter verdrängen werden.

 

Agrargüter

Das bedeutet:

  1. Dass andere Länder mit Deutschland im Agrarsektor gutes Geld verdienen durften. Was an sich naheliegend ist. Wer deutsche Luxuskarossen abnehmen soll, muss dafür bezahlen. Bei gering industrialisierten Nationen erfolgt das oft mit Gütern der Urproduktion.
  2. Dass Deutschland bereits heute große Flächen in anderen Nationen für den Eigenkonsum beansprucht. Bei Kaffee sind das beispielweise Brasilien und Vietnam. Bei einer Importmenge von 382.642 t Kaffee im Jahr 2019 aus Brasilien (Quelle: Statista) und einem Hektarertrag von 550 kg sind das immerhin stolze 695.713 Hektar. Das entspricht in etwa der landwirtschaftlich genutzten Fläche von Rheinland-Pfalz (698.763 ha LF).
    Im Vergleich dazu fallen die viel geschmähten Sojaimporte aus Brasilien fast bescheiden aus: 2019 importierte Deutschland laut dem Verband der Ölsaaten verarbeitenden Industrie 500.000 t Sojabohnen aus Brasilien. Bei einem Ertrag von 3,1 t/ha entspricht das 161.290 ha Anbaufläche, also rund nur einem Viertel der durch Kaffeeanbau für den deutschen Konsum in Brasilien belegten Fläche. Das war in früheren Jahren zwar mitunter anders, der Handelsstreit zwischen China und USA hat hier aber zu grundlegenden Verschiebungen geführt: Soja für Europa, soweit es noch nötig ist, kommt nun vorwiegend aus den USA.
  3. Nachdem die Außenhandelsbilanz auf Basis von Geldströmen berechnet wird, fällt das Bilanzdefizit in Gütermengen betrachtet noch deutlicher aus. Denn Deutschland importiert häufig einfache Agrargüter, verarbeitet sie und exportiert das dann deutlich teurere Gut wieder. Diese Marge hübscht die Bilanz auf. Also wenn Kakao importiert und teure Schokolade das Land wieder verlässt, kann das in Euro betrachtet sogar als Nettoexport gelten, obwohl Agrargüter importiert wurden.

Die Mär von einer ausufernden Überproduktion

Agrarexport

Dass Deutschland deutlich mehr Lebensmittel importiert als es exportiert, mag jetzt den ein oder anderen verwundern, denn die deutschen Bauern müssen sich häufig den Vorwurf anhören, sie würden auf Kosten von Umwelt und anderer Länder eine Überproduktion betreiben.

Für die Diskrepanz zwischen der „gefühlten“ Über- und der tatsächlichen Unterproduktion gibt es eine naheliegende Erklärung: Die Importe werden kaum thematisiert. Selbst in Google taucht der eigenartige Effekt auf, dass bei der Eingabe von „Agrarimporte“ keine Wortkombinationen mit dem Suchbegriff angezeigt werden, sondern mit dem Begriff „Agrarexporte“. Das ist schon eine kleine Offenbarung.

Brasilien

Außerdem beruhen die gängigen Selbstversorgungsdarstellungen in der Regel auf Gütern, bei denen Deutschland einen signifikanten Eigenerzeugungsanteil hat. Das ist an sich naheliegend, denn warum soll man Statistiken für Güter erstellen, die man selbst überhaupt nicht oder nur in geringem Umfang produziert. So werden in Deutschland laut dem Agrarpolitischen Bericht pro Jahr durchschnittlich rund 20 Millionen Hektoliter Wein konsumiert. 14 Millionen Hektoliter sind dabei ausländischer Herkunft. Damit ist die Nation der größte Weinimporteur der Welt. Bei Kaffee, Tabak oder Schwarztee würden auf Grafiken zur Selbstversorgung nur weiße Flächen auftauchen. Also verzichtet man darauf. Das führt zu Fehleinschätzungen.

Aus dem jüngsten Agrarpolitischen Bericht der Bundesregierung geht für 2018/19 für folgende Güter eine deutliche Unterversorgung hervor: Ölsaaten und -produkte, Wein, Fisch, Obst, Gemüse, Kaffee und Tabak. Auch bei Getreide – unserem wichtigsten Nahrungsmittel – weist der Agrarbericht mit 87 % Selbstversorgung eine Unterdeckung auf.

Nichts ist in Stein gemeißelt

Und selbst dort, wo Überschüsse erzielt werden, wie Fleisch, Kartoffeln und Zucker, ist nichts in Stein gemeißelt. Beim Zucker ist es so, dass Deutschland zu den Ländern gehört, die keine gekoppelten Stützungszahlungen vornehmen, was mit dem Auslaufen der Zuckermarktordnung im Jahr 2017 zu einem entscheidenden Überlebensfaktor geworden ist. Dieser Fakt dürfte zu einem Abwandern der Produktion führen. Auch bei der Kartoffel sind für nächstes Jahr aufgrund der schlechten Preise und dem sinkenden Verzehr starke Anbaurückgänge vorhergesagt.

    Deutschland

    Beim Fleisch resultieren die Überschüsse vor allem aus dem Schweinefleischsektor. Und hier lohnt es sich näher hinzusehen:

    1. Die Schweinbestände sind rückläufig. So zeigen Zeitreihen des Bayerischen Landesamtes für Statistik, dass in Bayern 2019 der niedrigste Schweinebestand seit 60 Jahren gezählt wurde. Längere Zeitreihen für die gesamtdeutsche Produktion weichen nicht wesentlich davon, sind aber aufgrund der Wiedervereinigung mit Inkonsistenzen behaftet, weil hier zwei getrennte Bestände (Ost und West) zusammengeführt werden müssen. Deshalb der Verweis auf die bayerische Statistik.
    2. Der Selbstversorgungsgrad ergibt sich aus Erzeugung und Konsum. Der Verzehr an Schweinefleisch ist rückläufig. So ist von 1994 auf 2019 der Verzehr immerhin um 20 % gesunken. Damit ergibt sich der technische Effekt, dass bei gleichbleibender Produktion der Selbstversorgungsgrad steigt.
    3. Nicht alles was in Deutschland über die Schlachtbänder läuft und als Schlachtmenge anfällt, wurde hier aufgezogen oder gemästet.

    Zuflüsse aus dem Ausland beachten

    Deutschland

    Spätestens seit den Corona-Vorfällen bei Tönnies ist bekannt, welch rigides Kostenmanagement die deutschen Großschlachter betreiben. Wer eine Leistung billiger anbietet als die Konkurrenz, dessen Geschäft brummt. Das sorgt für Zufluss an Schlachttieren aus den Anrainerstaaten. Schlachtereien aus Belgien, Dänemark und den Niederlanden klagen seit Jahren über den beinharten Wettbewerb durch deutsche Großunternehmen.

    Laut der Studie „Steckbriefe zur Tierhaltung in Deutschland: Mastschweine“ des Thünen-Instituts vom Mai 2020 machten 2018 Schlachttierimporte rund 6 Prozent der Gesamtzahl der Schlachtungen aus.

    Hinzu kommen die Ferkelimporte. Im Jahr 2018 betrug der Anteil importierter Ferkel knapp 20 %, Tendenz steigend. Aufgrund von Änderungen in der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung und der betäubungslosen Ferkelkastration sehen viele Sauenhalter in Deutschland keine wirtschaftliche Perspektive mehr und haben ihren Ausstieg angekündigt oder bereits vollzogen. So hat die Erzeugergemeinschaft Südbayern allein 2019 einen Rückgang von 12 % bei seinen Ferkelerzeugern zu bedauern.

    Inkonsistenzen in der Statistik

    Und noch eins geht aus der Thünen-Studie hervor. Es gibt Inkonsistenzen in den Statistiken. Während die Summe aus Mast- und Jungschweinen heute in etwa auf Höhe des Jahres 2000 verläuft, bis 2014 mit Schwankungen anstieg und dann wieder abfiel, bewegen sich die Zahlen bei Jung- und Mastschweinen gegenläufig. Die Zahl der Mastschweine steigt an, die der Jungschweine sinkt.

    Deutschland

    Das ist widersinnig. Das Jungschwein wird zum Mastschwein und jedes Mastschwein war einmal ein Jungschwein. Das Ganze findet in dem Zeitfenster eines Mastdurchgangs statt, bei konventionellen Betrieben also innerhalb von 90 bis 110 Tagen. Die Kurven müssten also mit einem kleinen zeitlichen Versatz parallel laufen.

    Wer nur die Kategorie Mastschweine heranzieht, unterschätzt einerseits die Gesamtzahl der Mastschweine, überschätzt aber andererseits deren Anstieg. Während die Summe aus Mast- und Jungschweinen das Ergebnis wiederum überschätzt, so das Thünen-Institut.

    Damit beruhen viele Aussagen zur Schweinemast auf einer Datenbasis, die gewisse Unschärfen aufweist.

    Rüssel, Pfötchen und Ohren in Deutschland nicht verwertbar

    Eine inländische Schweineproduktion ohne Exporte wird es so gut wie nie geben - und das ist gut so. Das hört sich zunächst einmal provokant an, lässt sich aber erklären. Die Deutschen lieben die großen und edlen Fleischpartien am Schwein, wie etwa die Lende. Andere Teile des Schlachtkörpers lehnen sie hingegen aufgrund ihrer Verzehrsgewohnheiten ab, wie Ohren, Rüssel, Schwanz oder Pfoten.

    Ganz anders in Asien. Die Asiaten wissen diese Teile zu schätzen. Deshalb macht es Sinn, diese Schlachtkörperteile Märkten zuzuführen, die sie verwerten. Damit wird es selbst bei einem Selbstversorgungsgrad deutlich unter 100 % noch Exporte geben, um den gesamten Schlachtkörper besser zu verwerten, was aus Sicht des Ressourcenschutzes durchaus Sinn macht.

    Damit gibt es zur Selbstversorgung bei Schweinefleisch eigentlich zwei Maßstäbe. Sie lauten:

    1. Wieviel Prozent der nachgefragten Schweinepartien in Deutschland deckt die Produktion?
    2. Wie hoch fällt die Gesamtproduktion im Vergleich zum Gesamtverbrauch aus?

    Je nachdem welcher Maßstab herangezogen wird, ergeben sich unterschiedliche Selbstversorgungsgrade. Ein Selbstversorgungsgrad von 100 % nach dem 2. Maßstab würde nicht ausreichen, um die in Deutschland nachgefragten Partien zu decken.

    Oder bei umgedrehter Betrachtung: Würden die in Deutschland nicht absetzbaren Partien eines Schlachtkörpers als Schlachtabfälle beseitigt, würde das schlagartig den Selbstversorgungsgrad reduzieren, weil die Schlachtkörperausbeute sinkt. Aber das wäre eine unsinnige Ressourcenvergeudung.

    Wo die Reise hingeht

    In jüngster Zeit gab es eine Reihe von einschneidenden Entscheidungen für die Landwirte: Zwei Düngeverordnungen innerhalb kurzer Zeit, Volksbegehren, eine verschärfte Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung, Auslaufen der betäubungslosen Ferkelkastration, verschärfte Wasserrahmenrichtlinien, rigides Baurecht und höhere Forderungen durch den Handel, etwa zur Anbindehaltung. Außerdem steht eine Agrarreform ins Haus.

    All das hinterlässt Spuren, die in die statistischen Zahlenwerke bislang nur unzureichend eingegangen sind, da sie immer nur die Entwicklung der Vergangenheit nachzeichnen, aber nicht die Gegenwart, geschweige die Zukunft abbilden. Was heute bereits beschlossen ist, wird erstmals 2023 in den Statistiken zu 2022 auftauchen, weil dann beispielsweise eine komplettes Anbaujahr nach der neuen Düngeverordnung durchlaufen wurde.

    Ab 2023 werden dann auch schrittweise die Beschlüsse der Agrarreform einfließen. Zielsetzungen sind weniger chemischer Pflanzenschutz und Düngung sowie die Entnahme von Flächen aus der Produktion.

    Daraus lässt sich ableiten, dass die landwirtschaftliche Produktion in den nächsten Jahren sinken wird. Das wird den Strukturwandel weiter befeuern. Regional hat diese Entwicklung schon massiv eingesetzt, wie das Beispiel der Erzeugergemeinschaft Südbayern zeigt. Die Liste ließe sich weiterführen. So befürchtet die Milchliefergenossenschaft Eichstätt einen Verlust von 25 % der Mitgliedsbetriebe innerhalb von fünf Jahren. Was sich hier noch im kleinen Rahmen abspielt, wird deutliche Spuren in den Statistiken der kommenden Jahre hinterlassen.