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DRV-Ernteschätzung

Kohle kontra Getreide

Josef koch
Josef Koch
am Donnerstag, 14.07.2022 - 15:27

Deutsche Getreidebauern ernten nach Raiffeisenprognose mehr Getreide, aber die Logistik ist ein Problem. Viele Schiffe sind mit Kohle belegt und LKW-Fahrer knapp.

Kohle-Schiff-Rhein

Deutschland könnte mit der diesjährigen Ernte einen Beitrag zur weltweiten Versorgung mit Getreide leisten und die aufgrund des Kriegs in der Ukraine größer werdende Versorgungslücke ein wenig schließen. Trotz Trockenheit in manchen Regionen wie Nordbayern könnten die deutschen Bauer mit über 43 Mio. Getreide 2,3 % mehr als 2021 ernten.

„Allerdings fehlen uns derzeit die notwendigen Kapazitäten in der nationalen Logistik“, erklärt der Getreidemarktexperte des Deutschen Raiffeisenverbands (DRV), Guido Seedler. Zum einen werden viele Binnenschiffe in Südosteuropa gebraucht, um das Getreide aus der Ukraine über die Donau nach Mittel- und Westeuropa zu transportieren. Zum anderen fallen in Deutschland viele Binnenschiffe derzeit für den Getreidetransport aus, da sie Kohle zu den Kraftwerken transportieren.

 

Mangel an LKW-Fahrern auch bei Getreidetransport spürbar

Und auch auf der Schiene und der Straße läuft es nach DRV-Sicht nicht rund: In Deutschland fehlen Lokführerinnen und Lokführer und bis zu 100.000 LKW-Fahrerinnen und LKW-Fahrer. „Dieses Problem muss kurzfristig gelöst werden, sonst leidet bald auch die inländische Versorgung darunter“, mahnt Seedler. Er fordert Vorrang für den Transport von Lebens- und Futtermitteln geben.

 Weiterhin erneuert der DRV-Experte seine Forderung, dass die Bundesregierung umgehend das zulässige Gesamtgewicht für LKW von 40 auf 44 Tonnen erhöht. „Mittelfristig schafft eine staatliche Förderung für die Ausbildung von LKW-Fahrerinnen und LKW-Fahrer ebenfalls Abhilfe“, so Seedler.

Weiterhin durchschnittliche Ernte erwartet

Trotz der heißen Temperaturen in den vergangenen Wochen erwartet der DRV wie im Vormonat eine durchschnittliche Getreideernte von 43,2 Millionen Tonnen sowie eine Rapsernte von 3,8 Millionen Tonnen. Im März ging der DRV aber noch von 43,3 Millionen Tonnen Getreide und 3,9 Millionen Tonnen Raps aus.

Allerdings hat der Verband die Ernteerwartungen einzelner Getreidearten angepasst. Die Wintergerste, deren Ernte mancherorts schon beendet ist, hat bessere Ergebnisse bei der Menge als auch den Qualitäten gebracht, als angenommen. Für die gerade begonnene Weizenernte korrigiert der DRV die Erwartungen witterungsbedingt etwas nach unten, und zwar auf 22,5 Mio. t. Bei dieser Kultur erwartet Seedler heterogene Ergebnisse, je nach Standort und Wasserversorgung.

Beim Körnermais passte der Verband seine Ernteprognose mit knapp 4,1 Mio. t ebenfalls leicht nach unten an. „Die in den kommenden Tagen zu erwartende Hitzewelle kann sich negativ auswirken“, betont Seedler.

Getreideanbaufläche sinkt seit Jahren

Mit Sorge bewertet Seedler die stetige Verringerung der Anbaufläche: Vor zehn Jahren wurde in Deutschland auf 6,5 Millionen Hektar Getreide angebaut, heute sind es 400.000 Hektar weniger. Die durchschnittlichen Erntemengen sanken im gleichen Zeitraum um zirka vier Millionen Tonnen.

Diese Entwicklung hat verschiedene Gründe. Zum einen ist die Anbaufläche von alternativen Kulturen wie beispielsweise Leguminosen angestiegen. Außerdem werden immer mehr Flächen zugunsten ökologischer Maßnahmen aus der Produktion genommen. Und nicht zuletzt gehen jeden Tag 50 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche für den Bau von Straßen und Siedlungen verloren.

„Wir müssen im Wohnungsbau auf Verdichtung setzen, statt laufend neue Baugebiete zu erschließen. Weiterhin müssen versiegelte Flächen, die nicht mehr benötigt werden, konsequent entsiegelt werden“, fordert der DRV-Marktexperte.

Fotovoltaik-Anlagen auf schwachen Standorten errichten

Dies müsse auch bei Neuinstallationen von Fotovoltaik-Anlagen für die Energiewende bedacht werden. Der DRV begrüßt, dass durch die jüngste Novellierung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes zukünftig auch Grünland mit Fotovoltaik bebaut werden darf.

Positiv zu bewerten ist ebenfalls, dass aufgeständerte Anlagen stärker gefördert werden. Entscheidend wird laut Seedler sein, dass die Kommunen den Bau von Fotovoltaik-Anlagen möglichst nur auf Böden mit einem geringen Ertragspotenzial erlauben.

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