Handel in der EU

Keine Angst vor dem Brexit

Whiskydistillerie in Schottland
Petra Jacob Sachs
am Montag, 12.10.2020 - 16:43

Landwirtschaft in Schottland ist nicht immer einfach. Doch was produziert wird, ist von erstklassiger Qualität. Der Brexit schreckt die Schotten kaum: Die Landwirte sind gelassen.

Brokkoli-Chips von leckeren Farmern 20190609_164037 (2)

Es ist Mitte Juni und ein eiskalter Wind fegt über den Hof. Mike Martin (75) und Sohn Ali (45) erscheinen in warmer Kleidung, um über die Garguston Farm zu führen. Harsche Wetterverhältnisse sind typisch für Schottland, sagen sie und „der taffste Teil der Landwirtschaft.” Dafür gehören die Böden der Farm zu den fruchtbarsten Schottlands. Sie liegen auf der Black Isle-Halbinsel, 17 km nordwestlich von Inverness, und dienen vor allem zum Anbau von Kartoffeln und Gerste.

Gerste für Whisky

Scott Renwick

Der Ackerbaubetrieb umfasst 680 ha Land, 280 ha sind eigen, 60 ha gepachtet, der Rest wird unter Contract bearbeitet. Zum Betrieb gehören: 440 ha Sommergerste, 113 ha mit 33 Sorten Saatkartoffeln, 34 ha Hafer, 28 ha Wintergerste, 21 ha für Grassilage, 55 ha Weideland und 400 Rinder für die Fleischproduktion. Es sind verschiedene Kreuzungen von Simmentaler, Charolais und Limousin. „Wintergerste und Hafer verfüttern wir ans Vieh, die Sommergerste geht in die Whiskyproduktion”, erklärt Mike Martin. In Schottland gibt es mehr als 120 Whiskybrennereien. Schottischer Whisky wird in alle Welt exportiert. Nur 6 km von der Farm entfernt steht mit Old Glen Ord bereits die nächste Brennerei. Von dort kommen Treber und Schlempesirup als Bullenmastfutter wieder zurück auf den Hof.

Kartoffelhütte

Für das Kartoffelgeschäft ist Sohn Johnnie zuständig, er ist während des Hofbesuchs auf Informationsreise im Ausland. Diese Seite des Business ist sehr international ausgerichtet. 20 % der Saatkartoffeln gehen nach England, der Rest in alle Welt – Europa einschließlich Russland, aber auch Brasilien, Israel, Irak, Marokko, Island und Usbekistan. Der größte Abnehmer ist Ägypten, so Mike Martin. „Früher wurden auf jeder schottischen Farm Kartoffeln angebaut, heute gibt es nur noch fünf, sechs Anbauer. Wenn du es richtig machst, dann ist es die lukrativste Feldfrucht, wenn es nicht klappt, dann kannst du viel Geld damit verlieren.” Der Kartoffelanbau macht ein Drittel des Einkommens der Martins aus.

Traktoren aus Deutschland

Vor dem Brexit fürchten sich die Martins nicht, Subventionen seien kein großes Thema, sie machen nur 5 % des Umsatzes aus. Juniorchef Ali: „Ich möchte nicht arrogant erscheinen, doch es würde uns nicht umbringen, wenn wir ohne weiterarbeiten müssten.“ Vater Mike ergänzt: „Keiner bleibt im Geschäft, wenn er ständig subventioniert werden muss. Wir versuchen, so unabhängig zu wirtschaften, wie wir können, Subventionen nehmen wir nicht in die Kalkulation mit hinein, sie sind ein Bonus.“

Vater und Sohn stehen auf einer Wiese, hinter ihnen schneidet ein Fendt-Traktor Gras für Silofutter. „Die sind mir die liebsten, das sind die Rolls Royce unter den Traktoren“, kommentiert Ali Martin. Sein Händler hat vor dem Brexit noch einmal über 100 der deutschen Traktoren eingekauft. Trotz Brexit will Landwirt Ali Martin weiterhin mit der Marke arbeiten, denn er schätzt die Zuverlässigkeit, wie er sagt. „Ich glaube nicht, dass die Ersatzteile durch Brexit teurer werden. Die Deutschen wollen doch sicher auch weiter mit uns Geschäfte machen“, meint er lachend. Wo Familie Martin auf ein Entgegenkommen der Regierung hofft, ist bei der Beschäftigung von ausländischen Mitarbeitern. Schon seit über zehn Jahren kommen die Arbeiter aus Polen. „Es ist sehr schwierig, geeignetes Personal vor Ort zu finden, die gehen lieber in die Ölindustrie.“

Schafe und Rinder

Keine Nachwuchssorgen gibt es bei Familie Renwick in Inverbroom, 13 km südwestlich von Ullapool. Hier in den North-West Highlands zeigt sich Schottland von seiner schönsten Seite. Das Land ist wild und bergig. So schön wie die Landschaft ist auch die Familie: Seniorchef Scott Renwick modelte einst für Hoggs of Fife, einem renommierten Hersteller von Arbeitskleidung. Sohn Farquhar folgt in seinen Fußstapfen: 2019 gewann er den Titel „Young Shepherd of the Year“ – Schäfer des Jahres –, und Anfang des Jahres vertrat er Schottland bei der „Ovinpiades“ in Paris, der Olympiade der Schäfer.

Farquhar, sein Neffe Gavin MacDonald und Vater Scott halten rund 2000 Nord-Country-Cheviot-Schafe, eine schottische Rasse, die vor allem des Fleisches wegen gezüchtet wird. Ein weiterer Fokus des Betriebs liegt auf der Zucht von Luing-Rindern. Diese Rasse hat ihren Ursprung ebenfalls in Schottland. Die natürlich hornlose Rasse ist durch Kreuzung von Shorthorn und Highland Cattle entstanden.

Die Tiere werden 45 Autominuten entfernt auf dem Dingwall & Highland Viehmarkt verkauft. Das Weideland der Renwicks erstreckt sich über 8000 ha, dazu gehört flaches Gebiet, aber auch hügeliges und bergiges. Das Land gehört den Renwicks nicht, die Familie darf es aber mit anderen Farmern nutzen.
Scott Renwick glaubt nicht, dass der Brexit einen großen Einfluss auf seine Arbeit haben wird: „Egal, was passiert, wir werden weitermachen.“ Ein wichtiger Teil des Einkommens stammt aus Contractarbeit für Schafhalter aus der Umgebung. Für diese treiben sie Schafe aus den Bergen, scheren und behandeln sie gegen Ungeziefer. Es sind rund 25 000 Schafe im Jahr, die durch Renwicks‘ mobiles Infektionsbad laufen. Auf dem Hof kümmert sich Frau Marie um „Bed and Breakfast“, was auch gerne von deutschen Urlaubern gebucht wird.

Nachhaltige Fischzucht

Es ist die schöne Landschaft, die Besucher nach Schottland lockt. Besonders beeindruckend ist es an der Küste. Von Inverbroom geht es 90 Minuten über schmale Straßen zur Bucht Loch Kishorn. Dass hier Fischzucht im großen Stil betrieben wird, ist erst nach einer 20-Minuten-Bootsfahrt über die dunkelblaue See zu erkennen. Wie kleine Inseln liegen die Zuchtbecken von Scottish Sea Farms im Wasser verstreut.
Lachs ist inzwischen zu den Britens liebstem Fisch aufgestiegen. Ihn in bester Qualität und nachhaltig zu produzieren, sei hier das große Thema, so Patrick Blow, Manager für Aquakultur bei Marks & Spencer. Die renommierte britische Supermarktkette ist für Lebensmittel von höchster Qualität bekannt und kauft all ihren Lachs, rund 15 000 t pro Jahr, von Scottish Sea Farms. „Großes Augenmerk liegt auf Fütterung und Tiergesundheit“, so Blow. Mithilfe von Computern und Kameras werden Temperatur, Sauerstoffgehalt und Futterzufuhr geregelt. Der Lachs wächst schnell heran: in 14 Monaten von 70 g auf 4.5 kg. Das Futter wird effizient umgesetzt, höhere Proteinwerte und Omega-3-Gehalt als bei Wildfang sind das Ergebnis.
Die Lachsproduktion über Zuchtbecken hätte somit einen geringeren ökologischen Fußabdruck, als wild gefangener Lachs, erklärt Blow. Für das Problem „Seeläuse“ sei inzwischen auch eine Lösung gefunden worden. Die kleinen Lippfische – in schottischen Gewässern heimisch – werden als sogenannte Putzerfische eingesetzt und fressen die Schädlinge.

„Leckere Farmer“

Für Einfallsreichtum und Geschäftssinn sind die Schotten bekannt. Farmer James Orr (51) ist dafür ein Paradebeispiel. Erst Milchviehbetrieb, dann Kartoffelanbau, heute schlägt sein Herz für den Brokkoli. In der Region Fife, zweieinhalb Stunden Fahrt südlich von Inverness hat er 100 ha mit Brokkoli bepflanzt. Er gehört zur „Farmers Collective Growers Garden“, für die 16 Landwirte und Landwirtinnen auf rund 2500 ha Fläche Brokkoli anbauen. Das Frischgemüse wird in ganz Großbritannien verkauft, 75 % an die beiden großen Supermarktketten Sainsbury’s und Tesco. „Wir spielen eine ziemlich große Rolle in der britischen Brassica-Welt“, schmunzelt Orr.
Was mit dem weniger schönen Brokkoli tun?, fragten sich die Farmer. Anstatt ihn ins Feld einarbeiten oder als Tierfutter verwenden, wollten sie „Mehrwert schaffen und etwas aufbauen, was in die Zeit passte“, blickt Orr zurück. Entstanden sind Gemüsechips. „Mit einem Anteil von fast 30 Prozent frischem Brokkoli sind diese einmalig. Andere Gemüsechips haben oft nur einen Gemüseanteil zwischen zwei und fünf Prozent, und das in Pulverform beigemischt.“
Als sich niemand fand, die Chips für die Farmer zu produzieren, bauten sie sich ihre eigene Fabrik, so Orr. „Wir legten zusammen, Familienmitglieder und Mitarbeiter kauften ebenfalls Anteile.“ Heute steht eine Produktionsanlage mit einer Kapazität von 3000 t im Jahr. Im vergangenen Jahr wurde eine halbe Million Tüten Chips produziert. „Made by real farmers“ wird dafür auf den Packungen geworben, auf einem Flyer dazu heißt es übersetzt: „leckerer Snack von leckeren Farmern“.
Inzwischen sind die Chips nicht nur aus Brokkoli, sondern auch aus Blumenkohl, Karotten oder Erbsen. „Viele weitere Gemüse sind im Gespräch, Gemüsechips liegen im Trend“, so Alan Wallace, der kaufmännischer Leiter von Growers Garden. „Wir produzieren inzwischen mehr für andere als für uns. Das Potenzial ist da.“ Die Chips gibt es vorerst in ausgewählten Geschäften, Restaurants und Hotels, mit dem Einzelhandel sei man im Gespräch, auch dem Export sei man nicht abgeneigt.

Der IT-Techniker arbeitet am Acker – im Schlepper

Ein Wermutstropfen jedoch ist der Brexit. Die Landwirte der „Farmers Collective“ bauen neben Brokkoli, auch Getreide, Kartoffeln und Beerenfrüchte an, rund 2000 ihrer Mitarbeiter kommen aus Osteuropa. Ob sie die auch nach dem Brexit beschäftigen dürfen, ist ungewiss, so Wallace. „Auf dem heimischen Arbeitskräftemarkt findet sich dafür kein Ersatz. Die Arbeit ist zu schmutzig und schwer, das wollen die wenigsten machen.“
James Orr findet: „Wir inspirieren die jungen Leute nicht, indem wir rumjammern. Landwirtschaft hat ein immenses Potenzial, wir müssen es nur richtig verpacken.“ Ein Kollege von ihm suchte lange Zeit nach einem Traktorfahrer, erzählt er, die Bewerbungen blieben aus. Als er es dann mit der Bezeichnung „IT-Techniker“ in der Stellenbeschreibung probierte, flatterten die Anfragen ins Haus. Im Nu war die offene Stelle besetzt. Auch um den Brexit macht sich James Orr wenig Sorgen: „Ich sehe das nicht als Problem, sondern als eine Chance.”
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