Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Erntesaison 2022

Kartoffelanbau in der Krise

Kartoffelfeld
Helga Gebendorfer
am Donnerstag, 08.09.2022 - 07:07

Viele Landwirte machen wegen schlechter Ernte das zweite Mal in Folge Verluste.

Nach monatelanger Trockenheit und tagelanger Hitze mit Temperaturen teils über 35 °C befürchten die Kartoffelanbauer schwere Ertragseinbußen. „Die Hitze hat die Kartoffeln leiden lassen und deshalb ist eine unterdurchschnittliche Ernte zu erwarten – in manchen Gebieten sogar fast katastrophal“, sagte Vorsitzender Konrad Zollner beim Marktgespräch der Landesvereinigung der Erzeugergemeinschaften für Qualitätskartoffeln in Bayern.

Die diesjährige Kartoffelernte wird nach Einschätzung von Zollner für viele Landwirte erneut zum Minusgeschäft, nach dem extrem feuchten Vorjahr. Er appelliert deshalb an den Handel und die Vermarkter, in dieser schwierigen Situation Unterstützung zeigen. „Wir müssen zusammenhelfen und das Beste daraus machen“, fasste er zusammen.

Schlechte Erträge auf kleinerer Anbaufläche

Dr. Maria Linderer von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft LfL) präsentierte die offizielle Vorernteschätzung. In Bayern ist nach ihrer Auskunft die Kartoffelanbaufläche moderat auf gut 40 000 ha, davon knapp 28 000 ha Speise- und Veredlungskartoffeln und über 11 700 ha Stärkekartoffeln, zurückgegangen.

Der Rohwareertrag über alle Sorten liegt nur bei 348,8 dt/ha – 358,8 dt/ha bei Speisekartoffeln und 329,8 dt/ha bei Veredlungskartoffeln. Der Anteil der Mängel ist mit 3,78 % deutlich niedriger als im Vorjahr. Zu beklagen sind vor allem Drahtwurm, Oberflächenschorf, grüne und missgestaltete Knollen.

„Die Erträge liegen heuer deutlich unter den Vorjahreswerten“, so Linderer, die zudem Einblick in die einzelnen Regierungsbezirke gab. Demnach bilden Franken und die Oberpfalz das Schlusslicht, gefolgt von Schwaben, Oberbayern und Niederbayern. Alles in allem ergeben sich für alle Sorten ein Marktertrag von 335,6 dt/ha und ein relativ hoher Stärkegehalt von 15,23 % – für Speisekartoffeln 344,6 dt/ha und 14 % und für Veredlungskartoffeln 317,6 dt/ha und 17,8 %. „Damit erreicht die vermarktungsfähige Ware den tiefsten Wert seit zehn Jahren“, kommentierte die LfL-Vertreterin. Auffallend ist der höhere Ertrag durch die Bewässerung: ein Plus von 60 dt/ha auf leichten und 150 st/ha auf mittleren Böden. Die Größensortierung zeigt ein starkes Mittelfeld, aber mit dominierenden kleinen Kalibern.

50-Jahrestief in Franken und der Oberfpfalz

Wie gewohnt berichteten die Vorsitzenden der Erzeugergemeinschaften (EG´s) über die Situation in ihrer Region. Am schwersten getroffen hat es Franken und die Oberpfalz. „Bei uns ist die Lage sehr dramatisch und das Ergebnis der Stichproben mit vermarktungsfähiger Ware katastrophal“, informierte HerbertHechtel von der EG Roth, der von einem 50 -Jahrestief sprach. Demnach wurden im Durchschnitt nur 121 dt/ha Rohertrag bei Speisekartoffeln aus der Erde geholt – oft nur die Hälfte davon als vermarktungsfähige Ware.

Nur wenig mehr meldete Josef Irlbacher von der oberpfälzischen EG Stulln mit durchschnittlich 155 dt/ha. „Damit ist kein zufriedenstellender Deckungsbeitrag zu erzielen. Am Schluss ergibt sich keinesfalls ein Plus“, waren sie sich einig.

Herbert Riehr von derEG Donau Lechin Schwabenwies auf eine sehr heterogene Lage hin. Während im Aichacher Raum „so schöne Kartoffeln wachsen wie noch nie“, schaut es im Günzburger und Dillinger Raum nicht so gut aus. Im Durchschnitt werden 300 dt/ha erwartet, also die Hälfte.

Nach dem ergiebigen Niederschlag in der zweiten Augusthälfte ist die Gefahr von Kindelbildung und Zwiewuchs gegeben. „Bei der Hälfte der Bestände ist noch offen, wie sie sich entwickeln“, so Riehr. Nach seinen Worten lautet das diesjährige Motto der KCB: „Quantität vor Qualität, was bedeutet, die Kartoffeln wachsen lassen – egal, was da noch kommt.

„Der Regen im August mit teilweise bis zu 130 Liter kam zu spät“, urteilte Martin Glöckl von der EG Neuburg-Schrobenhausen. Er bewirkte keinen Zuwachs mehr, sondern richtete eventuell durch Durchwuchs sogar Schaden an. Der Ertrag liegt bei 300 dt/ha, wobei auf leichteren Standorten mit Schorf gerechnet werden muss. Außerdem hält sich die Ware über 50 mm sehr in Grenzen.

Die Südstärke erwartet eine starke Verknappung

Für die EG München und Umgebung sprach Konrad Zollner. So wird es eine richtig schlechte Ernte mit über ein Viertel Mindererträgen, aber hohen Stärkegehalten und guter Qualität geben. Für jeden Beregnungsdurchgang mussten Kosten in Höhe von 250 bis 300 €/ha berappt werden.

„Es hat uns schwer getroffen und wird es voraussichtlich weniger Ertrag geben als in der Ernteschätzung prognostiziert. Ich rechne mit durchschnittlich 300 dt/ha“, meldete Kaspar Lambert von der EG Plattling. Die Nährstoffdefizite seien krass ausgefallen, die Kartoffelanbauer kämpfen mit Drahtwurm und zum Roden wird beregnet.

Stefan Dick, Geschäftsführer von der Südstärke GmbH, berichtete von Proberodungen in der ersten Augustwoche. „Die Erträge lagen bei 75 % der Vorjahresmenge. Wir haben aber dafür sehr hohe Stärkegehalte – in Schrobenhausen 20,5 % und in der Oberpfalz fast 24 %. Das sind beachtliche Ergebnisse“, so Dick, der von einer starken Verknappung bei Kartoffeln in der EU sprach. Gleichzeitig verbreitete er Zuversicht: „Kein Verarbeiteter und Vermarkter hat Interesse, dass er seine eigene Rohstoffbasis absägt.“

Den Handel vertrat Johann Dittenhauser von der Agropa Handels GmbH. Nach einer normalen Frühkartoffelernte mit Durchschnitts-Erträgen zwischen 35 und 40 t fällt die Speisekartoffelernte mit einem Minus von 15 bis 20 % katastrophal schlecht aus. Die Preise für Frühkartoffeln waren relativ erträglich und es wird einen vernünftigen Preis für Futterkartoffeln und Drillinge geben.

Der Handel erwartet Preise von 35 bis 40 €/dt

Seine Aussichten fürs Frühjahr: „Niemand darf das Vermarkten vergessen, nur nicht alle gleichzeitig“, forderte er die Zuhörer auf. Am Ende ging er davon aus, dass es Preise zwischen 35 und 40 € geben wird. „Mehr gibt der Markt nicht her. Wir brauchen aber alle Vermarktungswege in Bayern“, so Dittenhauser, der erklärte, dass der Handel genauso von den Kostensteigerungen betroffen ist und der Preis Mindererträge nicht ausgleichen kann.

Zum Schluss machten die Kartoffelanbauer nochmal ihren Sorgen Luft. „Die Stimmung ist schlecht. Viele Betriebe machen ein Minusgeschäft“, meinten sie und appellierten an die Abnehmer, die Preise anzupassen, um das unternehmerische Risiko abzudecken und den Kartoffelanbau in Bayern zu erhalten. Konrad Zollner befürchtete, dass angesichts von Alternativkulturen die Anbaufläche wieder ein Stück zurückgehen wird: „Nach zwei schlechten Jahren in Folge brauchen die Anbauer ein deutliches Signal ihrer Abnehmer. Ich weiß sonst keinen Ausweg, jeder Betrieb muss selbst entscheiden, was er in Zukunft macht.“