Kommentar

In der Kartoffel steckt viel Politik

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Rainer Königer
am Donnerstag, 06.09.2018 - 15:31

Vorernteschätzung Kartoffeln: Die vielen Proben zeigen, dass die Trockenheit vor allem in Nordbayern den Beständen zugesetzt hat.

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Kartoffeln sind eigentlich das Grundnahrungsmittel schlechthin. Was passieren kann, wenn die Kartoffel ausfällt, zeigt ein Blick in die Geschichtsbücher. In Irland kam es in den Jahren zwischen 1845 und 1852 zu der legendären wie dramatischen „Großen Hungersnot“. Im Englischen spricht man von der „Irish potato famine“ (Irische Kartoffel Hungersnot). Die damals neuartige Kartoffelfäule sorgte für massive Missernten.

Die irische Bevölkerung hätte damals auch mit Weizen versorgt werden können. Doch das marktwirtschaftliche Denken Großbritanniens verhinderte das. Die Politik wollte sich in die Wirtschaft nicht einmischen, und da die Ernten zu dieser Zeit in Europa schlecht waren, wurde sogar mehr Weizen aus Großbritannien und Irland exportiert als in den Jahren zuvor. Der irische Autor John Mitchel schrieb dazu im Jahr 1861: „Der Allmächtige sandte die Kartoffelfäule, aber die Engländer schufen die Hungersnot.“

Nun leben wir heute in einer anderen Zeit, die Mechanismen des Marktes scheinen sich aus humanistischer Sicht aber nicht verbessert zu haben. An die Stelle der Kolonialmächte sind heute die Globalisierung und weltweit operierende Großkonzerne getreten. Die Weichen in diese heutige Marktwirtschaft sind damals schon gestellt worden.

Was sich verbessert hat, ist das Miteinander der früher verfeindeten Nationen. Europäische Handelskriege wurden damals mit Kanonen ausgetragen, heute sitzt man im EU-Parlament beieinander. Auf die EU kann man gut schimpfen. Was ein vereintes Europa gebracht hat, ist aber weit mehr als bürokratische Auswüchse wie die Vorschriften zur Gurkenkrümmung. Was ein vereintes Europa gebracht hat, sind Frieden und Freiheit für seine Bürger. Das Anzetteln neuer Handelskriege (USA) und der Rückfall in den Nationalismus setzen diese Errungenschaften aufs Spiel.