AlzChem

Kalkstickstoff: Altbewährt, doch jetzt droht das Aus

Sepp Kellerer Portrait 2019
Sepp Kellerer
am Donnerstag, 02.07.2020 - 16:14

Seit gut 100 Jahren ist Kalkstickstoff auf dem Markt. Nun hat die Europäische Chemikalienagentur ihn ins Visier genommen.

AlzChem-CEO-Andreas-Niedermaier_ke

Nie ist der Stickstoffdünger mit dem erheblichen Kalkanteil und seiner zusätzlicher Wirkung gegen Unkräuter, bestimmte Pilze und Schädlinge auffällig geworden. Und dennoch droht ihm jetzt das Aus. Die Europäische Chemikalienagentur (ECHA), eine Behörde der EU, die die technischen, wissenschaftlichen und administrativen Aspekte bei der Registrierung, Bewertung und Zulassung von Chemikalien regelt, hat das den Landwirten und Gartenbauern vertraute Produkt ins Visier genommen. Einziger Hersteller des Produktes ist das oberbayerische Unternehmen AlzChem in Trostberg. Der Hersteller ist zwar inzwischen in vielen Sektoren mit speziellen Produkten aktiv, aber Kalkstickstoff ist immer noch ein wesentlicher Pfeiler und auch die Grundlage für viele weitere Produkte, wie Andreas Niedermaier, Vorstand der Aktiengesellschaft erläutert.

Die ECHA empfiehlt der Europäischen Kommission, dass Kalkstickstoff nicht mehr als Dünger auf den Markt gebracht werden darf. Bei einem entsprechenden Beschluss der Kommission müsste der Dünger 36 Monate nach Inkrafttreten des Beschlusses vom Markt sein und dürfte dann auch nicht mehr eingesetzt werden .

Für Mikroorganismen im Boden gefährlich

AlzChem-Dr.-Hans-Juergen_Klasse_ke

Laut ECHA können bei einer Kalkstickstoff-Düngung Risiken für Bodenlebewesen in gedüngten Feldern sowie für angrenzende Oberflächengewässer nicht ausgeschlossen werden. Cyanamid sei gefährlich für Makroorganismen in gedüngten Böden und bei Abtrag auch für Organismen in Oberflächengewässern. Das bei der Umsetzung im Boden entstehende Dicyandiamid könne aufgrund seiner nitrifikationshemmenden Wirkung Mikroorganismen im Boden beeinträchtigen. Außerdem könnten Rückstände von Cyanamid und DCD im Grundwasser nicht ausgeschlossen werden.

Nach Aussage des Öffentlichkeitsbeauftragten von AlzChem. Dr. Hans-Jürgen Klasse, begründet die ECHA diesen weitreichenden Verbotsvorschlag damit, dass

  • Landwirte sich nicht an differenzierte Auflagen halten würden,
  • Abstandsregelungen zu Oberflächengewässern zu komplex seien,
  • die ECHA-Inspektoren die Einhaltung differenzierter Auflagen auf den vielen Bauernhöfen nicht kontrollieren könnten und
  • ein Vermarktungsverbot einfach durchzusetzen sowie durch ECHA-Inspektoren leicht zu kontrollieren sei. Man brauche ja nur einen (dann ehemaligen) Hersteller zu kontrollieren.
Ganz sicher scheint sich die EU-Behörde aber auch nicht zu sein. Zwar könnte sich ein Verbot von Kalkstickstoff positiv auf die Qualität von Gewässern und Böden auswirken, schreibt sie. Würden die Landwirte jedoch andere Dünger und zusätzliche Pflanzenschutzmittel einsetzen, sei nicht sicher, ob die Umweltbilanz insgesamt positiv, neutral oder negativ sei. Es könnte bei nicht stabilisierten Stickstoffdüngern mehr Nitrat ausgewaschen werden und die ersatzweise eingesetzten Pflanzenschutzmittel könnten sich negativ auf Nicht-Zielorganismen auswirken.

Geprüft wie eine Industriechemikalie

Die Prüfung von Kalkstickstoff wurde von der ECHA nach der REACH-Verordnung durchgeführt, die vor allem bei Industrie- und Haushaltschemikalien angewandt wird. Nach Ansicht der AlzChem ist diese Verordnung jedoch nicht für Düngemittel geeignet. Kalkstickstoff sei der erste Dünger, der auf diese Weise auf den Prüfstand komme, es gebe keinerlei Vergleichsmöglichkeiten mit anderen Düngemitteln. Außerdem seien die klimatischen, geologischen und pflanzenbaulichen Bedingungen in Europa so unterschiedlich, dass sich die Anwendung eines Düngers nicht einheitlich regeln lasse.

Die ECHA bewertet gemäß der REACH-Verordnung Umweltrisiken von Chemikalien, die bei einer gleichmäßigen unbeabsichtigten Freisetzung in geringen Mengen in die Umwelt gelangen können, erläutert Klasse. Dabei sollen diese Stoffe in naturnahen Ökosystemen verständlicherweise keine Veränderungen bewirken. Düngemittel dagegen werden zu einem bestimmten Zeitpunkt mit Absicht und in größeren Mengen auf landwirtschaftliche Flächen – nicht auf natürliche Biotope – ausgebracht. „Veränderungen im Boden sind dabei ausdrücklich erwünscht“, so Klasse.

Landwirtschaftlichen Zielflächen anders prüfen

Nach seiner Aussage wurden von der ECHA auch die bereits geltenden Maßnahmen zur Vermeidung des Stickstoffeintrags in Gewässer wie die EG-Nitratrichtlinie oder nationale Düngeverordnungen nicht berücksichtigt. Das Schutzniveau für Bodenorganismen müsse auf landwirtschaftlichen Zielflächen anders definiert werden, als auf naturnahen Nichtzielflächen, fordert er. Und Niedermaier ergänzt: „Das aktuelle Vorgehen der ECHA führt dazu, dass Düngemittel wesentlich strenger beurteilt werden als Pflanzenschutzmittel.“

Völlig unberücksichtigt hat die ECHA nach Ansicht der AlzChem auch die erhebliche Kalkwirkung des Kalkstickstoffs. Würde dieser verboten, müsste entsprechend mehr gekalkt werden. Besonders bei Kulturen wie Raps und Kohl müsste für eine entsprechende Kohlhernie-Vorbeugung vor allem Branntkalk eingesetzt werden. Dieser Kalkdünger ist bei der ECHA auch als Biozid-Wirkstoff (Desinfektions- und Algenbekämpfungsmittel) registriert. Auswirkungen auf Bodenorganismen durch eine pH-Wert-Erhöhung sind also unvermeidbar und in diesem Fall ausdrücklich erwünscht.
Widersprüche finden sich im ECHA-Dossier auch in Bezug auf die Nitrifikationshemmer. So ist in der neuen EU-Düngemittelverordnung von 2019 extra eine Kategorie für Nitrifikationshemmstoffe aufgeführt. Sie sollen dazu beitragen, die Emissionen von Lachgas und die Nitratauswaschung aus den Böden zu verringern. Dicyandiamid, eine der Stickstoffformen, die aus Kalkstickstoff entstehen und das ebenfalls die Nitrifikation hemmt, wird im Kalkstickstoff-Dossier aber genau wegen dieser Wirkung als risikoreich bezeichnet.

Keine Umweltschäden in der Praxis bekannt

Natürlich ist die Betroffenheit eines Düngerherstellers hoch, wenn sein Hauptprodukt verboten werden soll. Aber auch die Landwirtschaft würde ein seit mehr als 100 Jahren bewährtes Produkt verlieren, von dem im Laufe dieser Zeit Millionen Tonnen ausgebracht wurden. „Noch nie wurde eine umweltschädigende Wirkung beobachtet oder beschrieben. Cyanamid wurde bisher weder im Grund- noch im Oberflächengewässer nachgewiesen. Daher wurde noch nie ein Schaden an die Umwelthaftpflichtversicherung gemeldet“, betont Klasse.
Stattdessen gibt es wissenschaftliche Beweise für die positive Wirkung von Kalkstickstoff. In einem Dauerversuch über 53 Jahre mit verschiedenen Stickstoffdüngern an der TU München wurde auch die biologische Aktivität des Bodens gemessen. Ergebnis der Versuchsansteller ist deutlich positiv: „Die gelegentlich geäußerte Befürchtung, Kalkstickstoff könne die erwünschten Mikroorganismen des Bodens schädigen, trifft demnach keinesfalls zu. Er ist vielmehr ein geeignetes Mittel, die mikrobiologische Aktivität des Bodens zu fördern.“
Noch ein Aspekt dieses Beschränkungsverfahrens ist aus Sicht der Landwirtschaft absolut gravierend: Werden die übrigen Stickstoffdünger in der Landwirtschaft nach dem gleichen Verfahren geprüft wie jetzt der Kalkstickstoff, so droht auch ihnen ein ähnliches Schicksal. Das ließe sich vermeiden, wenn die ECHA ein Prüfverfahren an der Hand hätte und anwenden könnte, das auf Düngemittel angepasst ist und bei dem auch die gewünschten Effekte auf den Zielflächen, also den Böden berücksichtigt und toleriert werden.
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