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Erntesaison 2022

Hopfenanbau: Auf Dauer nicht auszuhalten

Hopfenanbauer seit Generationen: (v. r.) Marianne und Stephan Weiß mit Tochter Magdalena sowie den Eltern Johann und Edeltraud.
Helga Gebendofer
am Mittwoch, 07.09.2022 - 09:36

Für die bayerischen Hopfenbauern war 2022 ein sehr schwieriges Jahr.

Ministerpräsident Markus Söder hängte mit Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber und im Beisein von (hintere Reihe) Adolf Schapfl und Landtagsabgeordneter Ruth Müller die ersten Hopfenreben ein.

In der Hallertau gibt es dieses Jahr eine schlechte Hopfenernte. Das zeigte sich bei der traditionellen Hopfenrundfahrt, bei der nach dem Pressegespräch im Haus des Hopfens in Wolnzach Station auf dem Betrieb von Familie Weiß in Schafhof, Landkreis Pfaffenhofen, gemacht wurde. In diesem Jahr gab sich neben Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber auch Ministerpräsident Markus Söder die Ehre.

Von der offiziellen Ernteschätzung ergeben sich für die Hallertau, dem größten zusammenhängenden Hopfenanbaugebiet der Welt, nur 650  000 Zentner. Elbe Saale meldet 53 827 Zentner, Spalt 9813 Zentner und Tettnang 48 430 Zentner. „Das ergibt in ganz Deutschland insgesamt 762 470 Zentner, was einen Rückgang um mehr als 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr ausmacht“, rechnete Adolf Schapfl, Präsident des Deutschen Hopfenpflanzerverbandes, bei der Pressekonferenz im Haus des Hopfens in Wolnzach vor.

Der Grund: Nach Hagelschlägen vor allem die trockene Witterung. „Damit fehlen den deutschen Hopfenpflanzern Einnahmen in Höhe von rund 65 Millionen Euro“, erklärte Schapfl. Hinzu kommt der hohe Anstieg der Produktionskosten, vor allem im Bereich Energie, um rund 30 %.

Kosten und Vorkontrakte

Besonders die Mehrkosten für die Hopfentrocknung, Diesel und Betriebsmittel bluten die Betriebe förmlich aus. Nach Schapfls Auskunft sind in der Regel die Hopfenpreise in mehrjährigen Vorverträgen fixiert, ohne die Möglichkeit, diese zu erhöhen. „Dieses System hat sich in normalen Zeiten als notwendige Planungsgrundlage für die Hopfenpflanzer, den Hopfenhandel und die Brauwirtschaft bewährt und sollte grundsätzlich beibehalten werden“, stellte er fest und forderte dafür ein Gegensteuern in Form von gezielten Unterstützungsprogrammen für Hopfenpflanzer.

2022 fehlen den Hopfenbauern zusammen mit den Mehrkosten etwa ein Drittel der normalen Gesamteinnahmen. „Diese Verluste führen zu einer massiven Schwächung der Betriebe. Das wird auf Dauer kein Hopfenpflanzer aushalten können“, meinte der Präsident und sprach sich kurzfristig für finanzielle Hilfen und langfristig für verbesserte Rahmenbedingungen aus.

Dazu gehören die praxisorientierter Gestaltung bei der Zulassung von Pflanzenschutzmitteln, der Abbau von Handelshemmnissen, Unterstützung beim Umgang in der Bekämpfung neuer Krankheiten und Schädlinge sowie ganz stark die Hopfenbewässerung. Denn heuer wird die schwache Hopfenmenge zu Unterlieferungen der Hopfenhandelsfirmen führen und angesichts des Klimawandels ist in Zukunft der Ausbau der Bewässerung ein wesentlicher Baustein zur Absicherung der Produktion und damit Wettbewerbsfähigkeit.

Die Meisten haben keine Bewässerung

Derzeit sind in Deutschland ca. 80 % der Hopfenbetriebe ohne Bewässerung. Schapfl beklagte in diesem Zusammenhang, dass der Weiterbetrieb bestehender Bewässerungssysteme zukünftig in Frage gestellt wird und Neugenehmigungen immer schwieriger bis unmöglich geworden sind. Im Fokus steht eine wassersparende Tröpfchenbewässerung, die mit Flüssigdüngung direkt an den Wurzeln kombiniert werden kann.

Zum Vorschlag einer Ernteausfallversicherung bemerkte der Präsident, dass diese in Einzeljahren dem betroffenen Landwirt helfen kann. „Sie liefert jedoch keinen Hopfen an den Brauer, der sich dann langfristig wohl um verlässliche Lieferanten umschauen wird“, betonte er.

Lagerbestände gleichen heuer aus

Auf den Hopfenmarkt blickte Peter Hintermeier, Vorsitzender des deutschen Hopfenwirtschaftsverbandes. „Zwar kann es heuer saisonal zu einer Marktenge bei einzelnen Sorten kommen, aber die Versorgung unserer Kunden mit Hopfen ist aufgrund von hohen Beständen aus früheren Ernten sowohl in der Brau- als auch in der Hopfenwirtschaft gesichert“, erklärte er.

Allerdings sei die gesamte Branche derzeit mit großen Unsicherheiten und Risiken konfrontiert. Dazu zählte Hintermeier neben Klimawandel, die hohen Erzeugungskosten, die Verfügbarkeit von wirksamen Pflanzenschutzmitteln, die verschärfte EU-Düngemittelverordnung, sowie die Marktbelastung durch einen zu hohen Anteil von Flavour-, und sehr vielen Aroma- und Randsorten. Dazu kommen: Corona-Pandemie, Störungen der Lieferketten und Logistik und Versorgung mit Energie. „Ziel aller Beteiligten muss sein, Lösungen für diese Problemfelder zu finden, um Wettbewerbskraft und Liefersicherheit des Anbaugebietes zu erhalten“, lautete sein Appell.

Von politischen Gästen bis zum Praktiker

Im Anschluss an das Pressegespräch stiegen die Teilnehmer in die bereitgestellten Busse ein und fuhren durch die Hopfenregion zum Betrieb von Stephan Weiß, wo Ministerpräsident Markus Söder hinzustieß. Gemeinsam mit Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber sagte dieser der Hopfenbranche ihre Unterstützung zu. „Wir stehen zu euch. Bayerisches Bier und damit auch der Hopfen stehen für hohe Qualität und sind in der ganzen Welt bekannt“, versicherten die beiden.

Ministerin Kaniber wies auf ein kleines Trostpflaster hin: Die Aufnahme des Bereichs Hopfen in die vorgesehene Krisenhilfe. Das bedeutet, eine Abfederung eines Teils der Mehrkosten mit 130 €/ha, bei maximal 15000 € pro Betrieb. Ministerpräsident Markus Söder erhoffte sich mehr Vertrauen in die landwirtschaftliche Produktion, weniger Gängelung durch Kontrollen und weniger Bürokratie und forderte eine Steuersenkung auf Nahrungsmittel.

Mehr Hilfe wünschte sich auch Hopfenpflanzer Stephan Weiß, der in der vierten Generation den Hopfenhof führt. Mit seiner Frau Marianne sowie den Eltern Johann und Edeltraud bewirtschaftet er im Vollerwerb 35 ha Hopfen und 10 ha Wald. Bereits seit 1991 wurde in eine Bewässerung investiert. „Aktuell bewirkt die Tröpfchenbewässerung mit Düngerausbringung, dass der Wirkstoff besser an die Pflanzen verteilt wird und deshalb weniger Behandlungen nötig sind“, erklärte der Betriebsleiter und machte klar, dass die Bewässerung zudem vor allem den Ertrag sichert. „Sie war eine Investition für die Zukunft. Im diesjährigen Dürre- und Hitzejahr bringt sie auf jeden Fall einen deutlichen Unterschied“, informierte er die Gäste.

Passend zu diesem Thema demonstrierte die LfL aktuelle Forschungsprojekte: Ertragsstabilisierung und positive Umwelteffekte durch Bewässerung und Fertigation, vorgestellt von Johann Portner, sowie Optimierung der Hopfentrocknung und eine damit bessere Energieeffizienz, erklärt von Jakob Münsterer.

„Wir sind Optimisten und haben bereits viele Hochs und Tiefs überstanden. Auch diese Krise werden wir meistern“, zeigte sich am Ende Adolf Schapfl zuversichtlich. Er war überzeugt, dass mit Unterstützung Wege für das Überleben der deutschen Hopfenbauern gefunden werden.