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Getreide und Raps

Hoffnung am Schwarzen Meer

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Wiebeke Mohr
am Donnerstag, 21.07.2022 - 16:35

Die Märkte reagieren sensibel auf jede Nachricht. Dass Russland mit der Ukraine über Exportkorridore verhandelt, hat Druck auf den Markt ausgeübt.

Der Kurs für den Septemberweizen fiel in Paris in den vergangenen zwei Monaten bis zur zweiten Juliwoche um 113 €/t auf 325 €/t. Damit brach der Kurs für Weizen um ein Viertel ein. Der Kursrückgang bei Raps in Paris betrug seit Mitte Mai 200 €/t. Der Augustraps schloss die zweite Juliwoche mit 675 €/t. Dies ist ein Preisrückgang von über 20 %. Die Novemberbohne in Chicago verlor lediglich 70 US-$/t und lag Mitte Juli bei 490 US-$/t (489 €/t).

Die Hoffnung auf eine Entspannung der Versorgungssituation an den Getreide- und Ölsaatenmärkten ist zurück und drückt auf die Preise. Russland und die Ukraine haben die Gespräche über eine Öffnung der ukrainischen Häfen und Einrichtung von Handelskorridoren im Schwarzmeer wieder aufgenommen, mit dem Ziel Getreideexporte aus dem Krisengebiet zu ermöglichen.

Während Weizenexporte vor allem die Nachfrage in Nordafrika und den arabischen Ländern aufgrund der geringen Transportkosten finden, sichert die ukrainische Rapsernte die Auslastung der europäischen Ölmühlen in der ersten Hälfte des Vermarktungsjahres. Sonnenblumen aus der Ukraine sind weltweit gefragt. Die fehlenden Mengen, vor allem bei Getreide und Sonnenblumen, haben weltweit die Märkte beunruhigt, zu Versorgungsengpässen und damit explodierenden Preisen geführt.

Ukrainische Exporte: Viele Fragezeichen bleiben

Die Akteure am Verhandlungstisch zwischen der Ukraine und Russland zeigen sich optimistisch, dass zeitnah eine Lösung zur Öffnung der Häfen gefunden werden kann. Diese Aussicht schürt die Hoffnung der Marktteilnehmer, dass demnächst zwei Ernten aus der Ukraine gleichzeitig auf den Weltmarkt drängen: die Restmengen der Ernte 2021 sowie die Ernte 2022, die derzeit gedroschen wird. Diese Hoffnung führte zu dem kräftigen Preisrückgang an den weltweiten Warenterminbörsen in der ersten Julihälfte.

Getreideterminal Mariupol Juli 2022

Aber auch mit einem Verhandlungserfolg bleiben einige Fragezeichen übrig. Es ist noch unklar, in welchem Zeitrahmen eine Öffnung der Häfen umsetzbar ist und welche Sicherheitsgarantien Handelsschiffen bei der Fahrt ins Krisengebiet gegeben werden können. Eine zeitnahe Lösung ist notwendig, um die im Land herrschenden Logistikprobleme bewältigen zu können. Viele Betriebe stehen vor der Herausforderung, dass während der Ernte 2022 noch Lagerkapazitäten durch Restmengen der Ernte 2021 blockiert sind. Das gleiche gilt für ansässige Handelsunternehmen und Logistikzentren.

Eine Wiederaufnahme der ukrainischen Getreideexporte wäre ein großer Erfolg für die Diplomatie und die weltweite Ernährungssicherheit. Gleichzeitig würde dies mittelfristig den Preisdruck in den Grenzländern zur Ukraine vor allem bei Mais und Weizen lindern, in denen derzeit verstärkt ukrainische Mengen via Güterzug und Lkw auf den Markt drängen.

Neben einer möglichen Lösung für die ukrainischen Getreideexporte führt auch die derzeitige Getreideernte auf der Nordhalbkugel zu einem verstärkten Preisdruck bei Getreide. Die Gerstenernte scheint in Deutschland leicht oberhalb der Erwartungen zu liegen.

Die Folgen der Frühsommertrockenheit führen allerdings zu niedrigeren Ernteschätzungen beim Weizen durch den Deutschen Raiffeisenverband sowie dem französischen Analystenhaus Strategie Grains. Letzteres reduzierte europaweit nicht nur die Prognose für die Weizen-, sondern auch für die Gerstenernte nach unten.

Kritisch wird die anhaltende Trockenheit in Südeuropa beobachtet. Auch die bisher angesetzten Maiserträge werden unter die Lupe genommen. In den kommenden Wochen werden Niederschläge benötigt, um die Erträge hier zu sichern. Strategie Grains sieht daher die europäische Maisernte bei lediglich 65,4 Mio. t, das amerikanische Agrarministerium (USDA) bei 68 Mio. t. Die europäische Kommission war in ihrer letzten Schätzung mit 71,7 Mio. t noch deutlich optimistischer. Insgesamt gehen die Schätzungen der europäischen Maisproduktion in diesem Jahr sehr weit auseinander. Wer am Ende richtig liegt, werden vor allem die Niederschlagsmengen in den kommenden Wochen entscheiden.

Auch in den USA ist es in Teilen zu trocken. Während auch hier die Weizenernte bereits zur Hälfte beendet ist, geht der Blick auf die Maispflanzen. Diese sind bisher überwiegend gut entwickelt, auch wenn 30 % der Maisfläche in von Dürre betroffenen Gebieten liegt. Das USDA sieht die US-Maisernte in seinem Julibericht nahezu unverändert gegenüber der Vormonatsprognose bei 368 Mio. t (Vj. 384 Mio. t). Der große Rückgang gegenüber dem Vorjahr ist auf eine reduzierte Aussaatfläche zugunsten der Sojabohne zurückzuführen.

Zwischen Erntedruck und Trockenheit

Die Ernteprognose des USDAs orientiert sich noch an Durchschnittserträgen. Entscheidend für eine ausreichende weltweite Versorgung mit Mais wird neben ausreichenden Niederschlägen auf der Nordhalbkugel die Produktion auf der Südhalbkugel sein. Hier wird bisher mit einer überdurchschnittlichen Maisproduktion gerechnet. Diese wird benötigt, um den weltweiten Verbrauch von 1185 Mio. t (Vj. 1199 Mio. t) nach USDA-Zahlen zu decken. Derzeit wird die Produktion weltweit auf Höhe des Verbrauchs geschätzt.

Wie beim Weizen würde auch bei Mais die Einrichtung von Handelskorridoren im Schwarzmeer und damit eine Wiederaufnahme von ukrainischen Exporten die Versorgung auf dem Maismarkt entspannen. Derzeit erwartet das USDA für die Ukraine nach einem Aufbau der Vorräte um 6 Mio. t auf 6,8 Mio. t in 2021/22, zum 30. 6. 2023 einen Aufbau der Vorräte um weitere 5,3 Mio. t auf 12,1 Mio. t. Trotz rückläufiger Produktion von 25 Mio. t (Vj. 42 Mio. t, Vvj. 30 Mio. t) wird damit ein Aufbau der Vorräte erwartet, was die derzeitigen Exportprobleme widerspiegelt.

Insgesamt wird die Versorgung am Getreidemarkt knapp bleiben. Bei einer weltweiten Produktion von 2249 Mio. t (Vj. 2283 Mio. t) und einem Verbrauch von 2262 Mio. t (Vj. 2279 Mio. t) sollen die Vorräte um 13 Mio. t auf 605 Mio. t sinken. Damit gibt es weiterhin keine Spielräume für Ertragsverluste. Erste Trockenheitsschäden werden allerdings bereits eingepreist sein.

Ölsaaten: Die Entwicklung am Pflanzenölmarkt

Neben dem Getreidemarkt sind auch am Ölsaatenmarkt die Preise in den vergangenen Wochen eingebrochen. Eine geringe Produktion im vergangenen Vermarktungsjahr, fehlende Sonnenblumenmengen aus der Ukraine und ein Exportstopp von Palmöl in Indonesien haben die Preise bis Mai 2022 stark steigen lassen.

Das hohe Preisniveau hatte eine Signalwirkung an die Landwirte, mehr Ölsaaten anzubauen. Die Folge war ein Anstieg der Anbaufläche für Sojabohnen in den USA sowie Raps in Kanada und Europa, und auch die Sonnenblume konnte in der EU Fläche hinzugewinnen. Daher rechnet das USDA mit einem Anstieg der weltweiten Ölsaatenproduktion um 43 Mio. t auf 643 Mio. t.

Das hohe Preisniveau und die begrenzte Verfügbarkeit führten zu einem Rückgang der Nachfrage nach Ölsaaten, vor allem nach Pflanzenölen. Trotz derzeitig noch knapper Versorgung ist insgesamt doch mehr Ware verfügbar, als zunächst erwartet. Der Ölsaatenmarkt befindet sich im Übergang von einem Verkäufer- zu einem Käufermarkt. Diese Entwicklung wird zusätzlich durch indonesisches Palmöl gestützt, die nach Wiederaufnahme der Exporte auf den Markt drängen. Bei einem parallel rückläufigen Rohölpreis setzt dies die Pflanzenölpreise und damit auch die Preise für Raps und Sojabohne unter Druck.

Allerdings steht hinter der bisherigen Schätzung der europäischen Rapsernte infolge der Ungewissheit über mögliche Trockenschäden ein Fragezeichen. Das USDA reduzierte in seinem Julibericht die Prognose für die EU um 400 000 t auf 17,9 Mio. t. Um den Verbrauch von 23,1 Mio. t decken zu können, werden Importe aus Kanada, Australien und der Ukraine benötigt. Letztere sind noch ungewiss.

Erste Druschergebnisse in der Ukraine waren unterdurchschnittlich. Auf den noch ausstehenden besseren Standorten wird mit einer Steigerung gerechnet. Aufgrund der schlechteren Lagerfähigkeit gegenüber Getreide und des hohen Preisniveaus wird erwartet, dass Raps bevorzugt bei den Exporten behandelt werden wird. Ein Lkw mit Raps hat einen deutlich höheren Wert als ein mit Weizen beladener.

Auch wenn das USDA die Schätzung der US-Sojabohnenproduktion gegenüber dem Vormonatsbericht um 3,5 Mio. t auf 122,5 Mio. t (Vj. 120,7 Mio. t) reduziert hat, soll die weltweite Sojabohnenproduktion um 38 Mio. t auf 391 Mio. t steigen. Vor allem in Brasilien soll die Produktion um 23 Mio. t auf 149 Mio. t steigen. Auch in Argentinien wird ein deutlicher Anstieg um 7 Mio. t auf 51 Mio. t erwartet.

Bei einem Verbrauch von 378 Mio. t (Vj. 363 Mio. t) sollen die Vorräte um 11 Mio. t auf fast 100 Mio. t steigen. Davon lagert fast ein Drittel in China. Sollten die Schätzungen für Südamerika stimmen, würde dies die weltweite Versorgung am Ölsaatenmarkt ab dem Frühjahr sichern. Bereits mit der US-Sojabohnenernte und der kanadischen Rapsernte ist ab November mit einer deutlichen Entspannung am Ölsaatenmarkt zu rechnen.

Dem Erntedruck ausweichen

Trotz der Unsicherheit über die Getreideerträge infolge der starken Trockenheit vor allem in Europa und der unverändert knappen Versorgung am Getreidemarkt ist die Stimmung an den Märkten positiv. Die Hoffnung auf eine schnelle Lösung zur Einrichtung von Handelskorridoren für ukrainisches Getreide und Raps verringert den Kriegsaufschlag und ließ die Preise einbrechen.

Parallel erhöhten bessere Gerstenerträge und die laufende Getreideernte auf der Nordhalbkugel den Druck auf die Preise. Es ist damit zu rechnen, dass der Erntedruck vorerst anhalten wird. Die Trockenheit in weiten Teilen Europas als auch in den USA ist in den kommenden Wochen zu beobachten, da der Mais für eine gute Vegetationsentwicklung Niederschläge benötigt. Die hohe Volatilität an den Agrarmärkten wird weiter anhalten. Das gleiche gilt für die Sojabohne in den USA. Aus diesem Grund ist es ratsam, dem Erntedruck auszuweichen und die derzeitige Trockenheitswelle abzuwarten.