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Anbindehaltung

Haltungsstufe 2 für Milch: Die Sprache der Fakten

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Rainer Königer Portrait 2019
Rainer Königer
am Montag, 24.01.2022 - 14:19

Der Lebensmitteleinzelhandel gibt bei der Auslobung der Stufe 2 Gas. Vielen ganzjährigen Anbindehaltern dürfte jetzt mulmig werden. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache.

Der Aufschrei war groß, dass der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) bei den Eigenmarken nach und nach auf die Haltungsstufe 2 umstellen will, und damit die Milch aus ganzjähriger Anbindehaltung aus den Regalen verbannt. Dass dieser Schritt jetzt kommt, ist genauso unerfreulich, wie er erwartbar war. Aber bleiben wir in aufgeheizten Zeiten bei den Fakten. Und erlauben Sie uns an dieser Stelle eine andere Sicht auf die Dinge, die auf den neuen Fakten und  Zahlen beruht. 

Umsetzung kann Jahre dauern

Der LEH beginnt mit der Stufe 2 jetzt erst einmal mit der Trinkmilch. Nach und nach sollen alle Molkereiprodukte, auf die der Handel sein eigenes Markenlogo klebt, auf Haltungsform 2 hochgestuft werden. Je nach Discounter oder Konzern kann das Jahre dauern. Was folgen wird, ist die Forderung des Handels, dass auch die Molkereien ihre eigenen Marken mit der Haltungsstufe versehen sollen. Dass dann die Molkereien gegen die Billigmarken des Handels nicht abstinken wollen, ist auch klar. Soll heißen: Auch die Molkereien werden mit ihren eigenen Produkten die Haltungsstufe 2 nicht unterschreiten.

Bis wann im Handel nur noch Milchprodukte ab Haltungsstufe 2 stehen, kann heute niemand sagen. Aber würde dieser Zeitpunkt das Ende der ganzjährigen Anbindehaltung besiegeln? Wenn man sich die Marktverteilung einmal unaufgeregt anschaut, darf das nicht der Fall sein. Rund 35 % der in Deutschland produzierten Milchprodukte gehen in den Lebensmitteleinzelhandel. 50 % gehen in den Export und weitere 15 % landen in der Industrie, wo die Haltungsform keinerlei Rolle spielt.

65 Prozent der Milch ohne Haltungskennzeichnung

Zählt man eins und eins zusammen, dann brauchen 65 % (Export und Industrie) der deutschen Milch überhaupt keine Haltungskennzeichnung. Mehr noch: Diese 65 % brauchen nicht nur keine Kennzeichnung, es wäre auch sinnlos und verschenktes Geld, diese Milch durch Auflagen noch zu verteuern. Worum es also maximal geht, ist rund ein Drittel der Milch, die dann aber auch einen Abnehmer, sprich Kunden finden muss.

Drehen wir den Spieß doch einmal um. Die Molkereien brauchen dann im Schnitt 65 % Milch, die um Himmelswillen nicht durch teure Auflagen für die Haltungsform belastet ist. 65 % sind viel. Diese Quote zu erfüllen, das schaffen nicht einmal die Anbindehalter im Freistaat. In Bayern ist rund jeder zweite Stall ein Anbindestall. Da diese Ställe klein sind, stehen darin nur rund 25 % der bayerischen Kühe. Darin enthalten sind sogar die Kombihalter, die in die Stufe 2 wechseln könnten.

Doch nehmen wir mal großzügigerweise diese 25 % komplett, dann braucht eine durchschnittliche Molkerei immer noch zusätzlich 40 % Milch aus Laufställen, um auf 65 % nicht teurer verkaufbarer Milch zu kommen. Aus diesem Blickwinkel geht es nicht darum, ob die ganzjährigen Anbindehalter vor dem Aus stehen, sondern diese Rechnung zeigt auf, dass ein Großteil der Laufstallbetriebe gar nicht in die Haltungsstufe 2 wechseln kann, weil es dafür keinen Markt gibt.
 

Getrennte Erfassung und denkwürdige Argumente

In diesem Zusammenhang sind allgemeine Aussagen von Molkereien und Molkereiverbänden wie „Die Milch aus ganzjähriger Anbindehaltung ist nicht mehr vermarktbar“ unter der Kategorie „denkwürdig“ einzustufen. Ebenso wird gerne gejammert, man müsse die Milch getrennt erfassen. Doch das müssen die Molkereien jetzt ohnehin, weil sie über das Stöckchen der Haltungsstufen 2, 3 und 4 gehüpft sind – und was es sonst noch alles an Labels gibt und geben wird.

65 % der Milch können im Schnitt mit einem Milchwagen abtransportiert werden. Fummeliger wird es mit den restlichen 35 %. Aber das ist nun wirklich nicht das Problem der Anbindehalter und der vielen Laufstallbetriebe, die in Stufe 1 bleiben wollen oder müssen. Auch hier darf in der Diskussion gerne die Realität im Vordergrund stehen. Zahlen lügen nicht.

Nichtauszahlung käme Vertragsbruch gleich

Gehen wir einmal davon aus, dass irgendwann alle Milchprodukte im LEH auf Stufe 2 umgestellt sind. Von Stufe 3 und 4, wie es Aldi für das Jahr 2030 herausposaunt, brauchen wir erst einmal gar nicht zu reden. Wenn diese Menge an – nennen wir sie mal Tierwohlmilch – aus gesellschaftlicher und politischer Sicht nicht reicht, darf der Staat gerne das Spielfeld betreten. Das würde den Molkereien und den Milchviehhaltern helfen.
Nehmen wir an, eine Molkerei hat sich verkalkuliert und aus welchen Gründen auch immer zu viel Milch aus Stufe 2 von den Landwirten geordert. Für diese Milch wird ein Aufschlag von 1,2 ct ausbezahlt, der zum Teil am Markt aber nicht refinanziert werden kann. Was tun als Molkerei? Den Landwirten den Zuschlag für die freiwillige Umstellung kürzen? Das wird sich keine Molkerei leisten können.

Der Zuschlag ist im Modul QM+ fixiert, ein Nichtausbezahlen käme einem Vertragsbruch gleich. Um dieses Defizit auszugleichen, wird die Molkerei wohl den Basispreis für alle Lieferanten absenken, damit die Mischkalkulation wieder stimmt. Den Schaden müssten die Milchviehhalter, und zwar alle Lieferanten dieser Molkerei, gemeinsam tragen.
Und jetzt kommt die Politik ins Spiel. Wenn die Regierung die Tierhaltung in Richtung zu mehr Tierwohl umbauen will, hätte sie hier ein einfaches Instrument, auf das sie sich einfach nur draufsetzen müsste. Der Staat bräuchte jetzt nur die überschüssige Stufe-2-Milch, die nicht vermarktet werden kann, finanziell ausgleichen. Im Prinzip ist das dasselbe System, wie es seit Jahrzehnten in der EU praktiziert wird. Die höheren Standards (Cross Compliance) machen die Produktion so teuer, dass sie am Weltmarkt nicht mithalten kann. Ausgeglichen wird das über die Direktzahlungen.

Die mögliche Umsetzung in der Praxis

Bei der Umsetzung sollte man zu allererst über den jetzigen Zuschlag von 1,2 ct reden. Der ist vor allem für kleinere Betriebe wie in Bayern einfach zu mickrig, um die Kosten für die Zusatzauflagen überhaupt abzudecken. Ein abgestufter Zuschlagsplan könnte da helfen. Je kleiner die Herde, desto höher der Zuschlag. Das würde die Wettbewerbsnachteile der „Kleinen“ ausgleichen, die der Gesellschaft und der Politik nach eigenem Bekunden ja besonders am Herzen liegen.

Abrechnen könnte man in diesem Modell über die Molkereien. Die Molkereien zahlen den abgestuften Zuschlag an ihre Lieferanten. Die Milch, die nicht entsprechend vermarktet werden kann, wird in den Büchern ausgewiesen und als entsprechender Antrag auf Erstattung beim Staat eingereicht. Das wäre zwar wieder Bürokratie – in diesem Fall für die Molkereien. Der Aufwand wäre aber sicher gerechtfertigt. Denn eine Molkerei muss natürlich nicht mehr Stufe-2-Milch ordern als sie vermarkten kann. In diesem Fall kann sich die Molkerei den Rückerstattungsstress einfach sparen.
Und eine Molkerei, die sich in der Öffentlichkeit als besonders tierfreundlich darstellen will, kann diesen Weg gehen, um letztlich auch damit zu werben: „Wir haben sogar so viel Tierwohlmilch, dass wir sie gar nicht mehr verkaufen können!“

Landwirtschaftsminister Cem Özdemir sieht den Staat bei der Haltungskennzeichnung in der Pflicht. Über die jetzigen LEH-Modelle sagte er diese Woche: „Das löst das Problem nicht.“ Beim Landwirt komme vom Endpreis zu wenig an und die Umbaukosten der Ställe seien damit auch nicht abgedeckt. Wie ein staatliches System aussehen und finanziert werden soll, ist jedoch völlig offen.