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Lebensmittelkrise

Getreidemarkt: Wende oder nur eine Delle?

Weizenfeld
Prof. Dr Reimer Mohr
am Montag, 13.06.2022 - 10:41

Der russische Präsident Putin betreibt mit dem Getreide der Ukraine Kriegspolitik und vernebelt die Fakten.

In den ersten Junitagen sind weltweit die Kurse an den Börsen stark eingebrochen. Nach dem Kurshoch von 438 €/t Mitte Mai für den Septemberweizen in Paris fiel der Kurs am Ende der ersten Juniwoche auf 378 €/t. Landwirte hatten Mitte Mai in der Spitze Preisgebote von 420 €/t ex Ernte geboten bekommen.

Auch die US-Börsen verzeichneten einen starken Kursrutsch. Dort fiel der Kurs gegenüber dem Kurshoch sogar um 94 $/t auf 380 $/t (356 €/t). Die indische Ankündigung eines Exportstopps neben den weltweiten Wettermeldungen trieb Mitte Mai die Kurse nach oben, während die Diskussion über mögliche Schutzkorridore für ukrainisches Getreide sowie der Aussaatfortschritt in den USA die Kurse fallen lassen. Diese Woche kam es jedoch wieder zu einer starken Gegenbewegung beim Weizen, der Preisrückgang der Vorwoche wurde zum großen Teil aufgeholt.
 

Neben dem Weizen sanken Anfang Juni auch die Kurse für Mais und Ölsaaten. Besonders stark gab der europäische Rapsmarkt nach. Seit Mitte Mai fiel der Augustraps um 104 €/t auf 776 €/t. Im gleichen Zeitraum bewegte sich der Kurs der Novemberbohne in Chicago bei hohen Tagesschwankung zwischen 550 bis 570 $/t seitwärts. Viele Marktteilnehmer fragen sich, ob damit die Preisspitze bereits hinter uns liegt.

Mit Putin im Gespräch

Seit 100 Tagen geht nicht nur der nervöse Blick der Politiker nach Moskau. Besonders die Wirtschaft und nicht zuletzt die Agrarwirtschaft reagieren auf russische Meldungen. Zuletzt traf sich Putin mit dem türkischen Präsidenten Erdogan. Er stellte in Aussicht, für die Getreidelieferungen aus der Ukraine zur Versorgung der Weltbevölkerung einen Schutzkorridor zu schaffen. Gleichzeitig sprach auch die UN von konstruktiven Gesprächen. Allerdings stellte Putin dabei die Forderung, dass der Westen seine Sanktionen gegenüber Russland überprüfen und zurücknehmen müsse. Auch im Gespräch mit dem senegalesischen Staatsoberhaupt Macky Sall, der im Angesicht der humanitären Krise nach Moskau gereist war, wiederholte Putin sein Angebot. Er gab dabei zu Protokoll, dass der Westen Schuld an der Hungerkrise habe. Macky Sall ist gleichzeitig Präsident der Afrikanischen Union.

Die weltweiten Märkte haben diese Botschaft erst einmal sehr positiv aufgenommen und leiten daraus eine Entspannung in naher Zukunft ab. Es stellt sich die Frage, wie realistisch ein Schutzkorridor für ukrainisches Getreide ist. Während Putin eine Rücknahme von Sanktionen fordert, hat die EU-27 die Sanktionsschraube weiter angezogen. Gleichzeitig bietet Putin „Hehlerware“ aus der Ukraine am Weltmarkt an. Hinzu kommt, dass die ukrainischen Häfen teilweise vermint sind und die Infrastruktur in und zu den Häfen beschädigt ist. Die Umsetzung der Schutzkorridore ist daher mit vielen Fragezeichen zu versehen. Trotz der geringen Wahrscheinlichkeit ist die Reaktion der Märkte verständlich. In der Ukraine lagern noch sehr viel Getreide und Sonnenblumen, die im Falle des Zuganges zu den Häfen schnell dem Weltmarkt zur Verfügung stehen würden.

Zu hohe Preise für Arme

Durch das Fehlen der ukrainischen Exportmengen wäre zu erwarten gewesen, dass die Verkäufe in den übrigen Exportnationen von den USA, Kanada, Australien und der EU-27 steil nach oben gehen. Diese Bestellungen sind ausgeblieben. Die EU-27 hat seit Kriegsbeginn 6 Mio. t Weizen am Weltmarkt verkauft. Im Vorjahreszeitraum waren es 7,5 Mio. t und vor zwei Jahren 12 Mio. t. Ähnlich sieht es in den anderen Exportländern aus. Getreide, insbesondere Weizen, ist für die Käuferländer in Afrika und Asien schlichtweg zu teuer. Einschließlich Verladekosten, Seefracht, Abwicklung und Handel im Importland hat der Weizen die Marke von 550 bis 600 €/t am Bestimmungsort erreicht oder überschritten. In vielen Ländern werden daher erst einmal die Vorräte abgebaut und die diesjährige Ernte verbraucht.

Vor allem im städtischen Bereich bahnt sich eine humanitäre und daraus folgend eine politische Kata­strophe an. In diesem Zusammenhang ist auch die aktuelle Situation in Ägypten zu betrachten. Mit einem Hilfspaket der Weltbank und der EU-Kommission von 600 Mio. $ sollen auf der einen Seite die dortigen Siloanlagen modernisiert und Weizen gekauft werden. Gleichzeitig erhielt die Regierung in ihrer jüngsten Ausschreibung von knapp 500 000 t 18 Angebote aus Russland und der EU-27. Dies zeigt, dass es Ware gibt, die aber kaum bezahlbar ist.

Trügt der Saatfortschritt?

In ihrem wöchentlichen Bericht zum Aussaatfortschritt und zur Vegetationsentwicklung meldet das USDA, dass bis Ende Mai 86 % der Maisfläche ausgedrillt ist und damit das fünfjährige Mittel erreicht wird. Bei der Sojabohne sind es 66 % im Vergleich zu 67 %. Trotz des starken Aufholens in der Aussaat sind aber viele Flächen zwei bis drei Wochen zu spät bestellt worden. Diese Vegetationszeit kann vielerorts nicht wieder aufgeholt werden.

Trotz einiger Regenfälle in den Winterweizenanbauregionen werden weiterhin 40 % der Weizenfelder vom USDA als schwach bis sehr schwach entwickelt beurteilt. Festzuhalten bleibt, dass Nordamerika für eine gute Ernte nahezu ideale Witterungsverhältnisse bis in den Herbst hinein braucht. Der hohe Aussaatfortschritt in den USA ist daher als trügerisch zu bezeichnen.
Die Witterungsbedingungen in der EU-27 waren in den vergangenen Wochen sehr unterschiedlich. Seit April war es in Teilen Frankreichs, Deutschlands und Polens sowie in Italien und Teilen des Balkans zu trocken. Daher hat die EU-Kommission in ihrer Prognose vom 2. Juni ihre Ernteschätzung gegenüber der Aprilschätzung um 2 Mio. t auf 294 Mio. t gesenkt. Für Deutschland liegen die Schätzungen bei 42,4 bzw. 42,8 Mio. t.

Die EU-Kommission erwartet, dass sich bei ihrer optimistischen Produktionsprognose die Vorräte zum 30. Juni 2023 mit 48 Mio. t auf dem Vorjahresniveau verharren. Das USDA, das die Vorräte in der Landwirtschaft nicht erfasst, erwartet hingegen einen Rückgang der Vorräte um 3 Mio. t auf 26 Mio. t. Beide In­sti­tutionen sehen einen Rückgang des Verbrauchs in der EU-27 um 2 bis 3 Mio. t. So soll die Ethanolproduktion und der Einsatz in der Fütterung sinken.

Russland erwartet Rekord

In Argentinien war es durch La Nina in den vergangenen Wochen zu trocken. Daher hat sich die Weizenaussaat verzögert. Die Börse in Buenos Aires hat in ihrem wöchentlichen Bericht die Prognose der Fläche um 100 000 ha auf 6,5 Mio. ha verringert, die Börse in Rosario sieht die Fläche sogar nur noch bei 6,35 Mio. ha. Insgesamt gehen argentinische Analysten von schwierigen Startbedingungen für den Weizen durch Trockenheit und Kälte in 2022 aus.

In Australien sollen laut Rabobank Regenfälle und die hohen Preise zur Flächenausdehnung für Getreide, Ölfrüchte und Hülsenfrüchte von 0,9 % auf 23,8 Mio. ha führen. Dies sind 11 % mehr als im fünfjährigen Durchschnitt. Insbesondere die Rapsfläche soll um 21 % auf 3,6 Mio. ha steigen und die Weizenfläche um 1,4 % auf 13,6 Mio. ha. Dagegen soll der Gersten- und Hülsenfrüchteanbau sinken. Aufgrund der Flächenausdehnung und dem guten Vegetationsstart wird die dritte hohe Ernte in Folge erwartet. Für die EU-27 könnte damit auch in 2022/23 australischer Raps die Versorgung der Ölmühlen ergänzen und die ukrainische Lücke schließen.

Sehr gute Witterungsbedingungen werden weiterhin aus Russland und der Ukraine gemeldet. Es ist damit zu erwarten, dass eine große russische Ernte auch im kommenden Jahr einen wichtigen Beitrag zur Welternährung bringen wird. Die ukrainische Ernte wird von den lokalen Institutionen auf 66 Mio. t Getreide geschätzt. Der internationale Getreiderat sieht die Produktion bei 63 Mio. t und das USDA nur bei 48 Mio. t. Diese Prognosen stehen im Vergleich zur Erntemenge von 71 Mio. t in 2020 und 92 Mio. t in 2021. Deutlich stärker ist die Erwartung des Rückganges bei den Sonnenblumen von 16 Mio. t auf 9 bis 11 Mio. t. Beim Raps liegen die Prognosen mit 1,5 bis 2,7 Mio. t nach 2,9 Mio. t im Vorjahr sehr weit auseinander. Neben der Produktion ist und bleibt vor allem die Exportlogistik die große Unbekannte.

Dünger für 2023 kaufen?

Auf der Produktionsseite ist aufgrund der Wettereinflüsse noch vieles offen. In vielen Regionen sind die Spitzen- und zum Teil auch die Durchschnittserträge nicht mehr zu erreichen. In Anbetracht der niedrigen Vorräte werden die weltweiten Ertragsprognosen neben der Politik die Preise bestimmen.
Da die Preisrichtung heute keiner vorhersagen kann und damit auch keine Aussage über das Ende des Höhenflugs getroffen werden kann, ist es ratsam, nicht alle Eier in einen Korb zu legen und das Risiko zu splitten. Zum derzeitigen Zeitpunkt ist es empfehlenswert, in Abhängigkeit der betrieblichen Lagerkapazität und dem Liquiditätsbedarf im Sommer 25 bis 50 % der Ernte 2022 verkauft zu haben.

Beim Düngereinkauf für die Ernte 23 ist der Abschluss erster Lieferverträge für die Ernte 23 weiterhin zu raten. In der aktuellen sehr unsicheren Zeit durch den Krieg und die damit einhergehenden hohen Inflationsraten wird die Absicherung der betrieblichen Liquidität deutlich wichtiger.