Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Fleischversorgung

Fleischwirtschaft: Knappes Angebot und hohe Kosten

Fleischwirtschaft
Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Mittwoch, 16.03.2022 - 09:04

Die Fleischwirtschaft fordert wegen der Kostenexplosion höhere Preise. Die Versorgung mit Schlachtvieh betrachtet die Branche als knapp.

Vergangene Woche hat ein Brandbrief von Tönnies die Branche wachgerüttelt. Die schlechte Preissituation bei Schweinen und die hohen Getreidepreise hätten dazu geführt, dass es für Mäster lukrativer sei, das Getreide zu verkaufen als Tiere zu halten. Das hätte zu erhöhten Leerständen in den Betrieben geführt. Auch bei Rindfleisch sehe die Lage nicht rosig aus. Hier läuft der Bestandabbau bereits seit langem. Zu Ostern könnten damit Rinder zur Schlachtung fehlen.

Selbst Gewürze sind um 30 % teurer

Diese Woche gab es ein etwas anders gefärbtes Stimmungsbild aus der Branche, wenn auch keine Entwarnung. Für Hubert Kelliger, Vertriebsleiter bei Westfleisch, sind die erforderlichen Mast- und Schlachtkapazitäten auf dem Markt verfügbar.

Das große Problem seien die starken Kostensteigerungen, wie er am Dienstag (15. März) in einem Gespräch mit der Fachpresse betonte.  Jeder kenne die Entwicklung bei den Gas- und Dieselpreisen. Das habe zu extremen Anstiegen in der Beschaffungskosten geführt. Selbst für Zutaten, wie etwa Gewürze, hätten die Preise binnen kurzer Zeit um 30 % angezogen.

Bei den Schweinepreisen hat es innerhalb von zwei Wochen einen Sprung von 1,20 €/kg Schlachtgewicht auf 1,75 €/kg gegeben, ein bis dato nicht beobachtetes Phänomen.
Dass die Durststrecke für die Schweinehalter ein Ende hat und ein Ende haben musste, ist für Kelliger nachvollziehbar. Es wird aber auch für den Verbraucher Folgen haben, die nun mit höheren Preisen rechnen müssen.

Komplette Verwertung des Schlachtkörpers nur über den asiatischen Markt

Kelliger

Neben höheren Endpreisen sieht Kelliger aber noch einen weiteren Ansatzpunkt. Es müssten auch Drittländer wie China oder Korea in den Fokus genommen werden. Durch ASP ist der Absatz dorthin zusammengebrochen. Sie sind aber für den Abnahme von Schlachtnebenprodukten von großer Bedeutung. Die Asiaten wissen Fleischpartien zu schätzen, wie etwa Pfoten, Rüssel und Ohren, die auf dem deutschen Markt nicht absetzbar sind. Auch das seien Lebensmittel betont Kelliger.

Eine Verwertung des Gesamtschlachtkörpers sei dadurch nicht mehr möglich. Dadurch gingen der Fleischwirtschaft in etwa eine Milliarde € verloren und es müssten Lebensmittel vernichtet werden. Hier sei die Politik in der Pflicht. Frankreich hat mit wichtigen asiatischen Staaten ein Regionalisierungs-Konzept beschlossen, dass bei einem nationalen Ausbruch der Schweinepest immer noch die Vermarktung aus nicht betroffenen Regionen erlaubt. Das müsse auch in Deutschland passieren. Außerdem braucht es von der Politik endlich verlässliche Rahmenbedingungen. "Unter welchen Bedingungen kann und darf ich produzieren?" Auf diese Frage muss endlich klare Antworten geben, fordert der Westfleisch-Vertriebschef.

Versorgungszahlen richtig interpretieren

Einen unmittelbaren Einbruch in der Versorgungskette befürchtet Kellig nicht unmittelbar. Dazu müsse man aber die Zahlen der Selbstversorgung richtig zu interpretieren wissen. Bei Schweinen bedeute eine Selbstversorgung von 130 % noch keine starke Exportausrichtung, denn hier sei das deutsche Konsumverhalten zu berücksichtigen.

Eine Versorgungsgrad von 130 % würde gerade einmal ausreichen, um die vom deutschen Verbraucher gewünschten Partien bereitzustellen, wobei für einige Partien es sogar nach wie vor Importbedarf gebe. Was dann in den Export geht, seien auf dem deutschen Markt nicht absetzbare Produkte, wobei wieder der asiatische Raum ins Spiel kommt. Ein internationaler Austausch verbessere damit die Verwertung des Schlachtkörpers.

Intelligente Lösungen statt immer mehr Vorschriften

Tönnies

Gereon Schulze Althoff, Leiter Qualitätsmanagement und Veterinärwesen bringt noch einen weiteren Aspekt ins Spiel. Nachhaltigkeit und Produktivität seien keine Gegensätze. Ziel müssen ausgewogene Kreislaufmodelle sein, in denen Nutztiere als Verwerter von Reststoffen auftreten. Nachdem Deutschland bei einer Gesamtbetrachtung der Selbstversorgung bei Agrargütern - also unter Einbeziehung von Obst und Gemüse - Nettoimporteur ist, sollte die Eigenversorgung mit tierischem Eiweiß aufrechterhalten werden.

Es gelte, die Intelligenz der Branche zu nutzen und bedürfe nicht noch weitere Maßregelungen durch die Politik, so seine Überzeugung. Als Beispiele für intelligente Lösungen nennt er die Multiphasenfütterung mit einer Reduktion der Gesamteiweißmenge und eine effiziente sowie umweltschonende Gülleverwertung.

Das Angebot an Schlachttieren sieht Schulze Althoff etwas kritischer als Krelliger. "Der zuvor monatelang niedrige Schweinepreis hat die Landwirtschaft dahingetrieben, ganze Mastanlagen leer stehen zu lassen und massiv weniger Tiere einzustallen. Sprich: Es gibt eine massive Verknappung des Lebendviehangebots", beschreibt er die Situation in einer Einschätzung, die er bereits am 14. März zu den Kriegsauswirkungen abgegeben hat. Darin hält er auch fest: „Fleisch wird teurer, aber kein Luxusgut.“