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Update 16. Januar 2023

Faktencheck: Das zahlen Landwirte für Agrardiesel in anderen Ländern

Der Pflug bewegt große Bodenmassen.Das geht in den Spritverbrauch.
Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Dienstag, 16.01.2024 - 10:10

Das Abschmelzen der Steuerrückerstattung wird die deutschen Bauern bei den Dieselkosten ganz nach oben katapultieren. Das trifft einen empfindlichen Nerv, denn die Energiekosten in landwirtschaftlichen Betrieben sind bereits heute sehr hoch. In der aktualisierten Fassung ist nun ein alternatives Modell enthalten, das in Österreich gilt und über die Rückerstattung der CO2-Bepreisung erfolgt. Und jetzt aufgepasst: Der CO2-Preis für eine Liter Diesel beträgt 2026 in Deutschland ca. 18,9 ct/l. Er könnte also in etwa den Entfall der Gasöl-Rückerstattung kompensieren. Allerdings ist da noch eine Unwägbarkeit.

Die steigenden Energiekosten treiben die Aufwendungen der Bauern kräftig nach oben. Einen hohen Anteil daran haben die Ausgaben für Diesel. In der Außenwirtschaft, wozu beispielsweise der Ackerbau zählt, gibt es bislang noch keine ernsthafte Alternative zu fossilen Energieträgern. Pflügen, Säen, Dreschen oder Gras häckseln sind alles energieintensive Arbeiten.

Im Schnitt kommen in der Außenwirtschaft so rund 110 bis 120 l Treibstoff pro Hektar und Jahr zusammen. Rechnet man das auf die durchschnittliche Betriebsgröße von 64,1 ha (Situationsbericht des Deutschen Bauernverbandes 2023/24) um, kleckert sich das zu beachtlichen Beträgen zusammen. Für den Durchschnittsbetrieb mit 64,1 Hektar LF ergibt das rund 7.400 l pro Betrieb und Jahr.

Auf Feld und Hof wird Diesel verbraucht

Hinzu kommt der Aufwand in der Innenwirtschaft. Bei Milchviehbetrieben schlägt vor allem der Futtermischwagen zu Buche. Ein mittlerer Milcherzeuger erreicht hier schnell die 10.000-l-Marke.

Zusammen mit der Außenwirtschaft macht das dann im beschriebenen Beispiel 17.400 l pro Jahr aus. Bei einem Dieselpreis von 1,70 €/l zum 1. Januar kommen so rund 29.580 € pro Jahr zusammen. Eine Rückerstattung für den Agrardiesel von 21,48 ct/l bringt eine Ersparnis von 3.737 € pro Betrieb und Jahr mit sich. Übrig bleiben 25.842 €. Das ist durchaus eine bedeutsame Größenordnung, wobei das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht ist. Schließlich gibt es eine Reihe weiterer Tätigkeiten mit Dieselverbrauch auf den Höfen.

Abschaffung der Rückerstattung katapultiert deutsche Bauern ganz nach oben

Nach den aktuellen Vorschlägen der Ampelregierung soll die Agrardieselvergütung bis 2026 schrittweise auslaufen. Das bringt eine weitere Verschärfung der Wettbewerbssituation für die deutschen Landwirte mit sich. Bereits heute liegen sie bei den Preisen für Agrardiesel im oberen Bereich. 

Die Tabelle weist unter Berücksichtigung der jetzigen Situation den Platz 7 zu. Mit dem Abschmelzen der Rückvergütung steigt Deutschland Treppe für Treppe nach oben - 2024 auf Rang 5, 2025 auf Rang 3. Ab 2026 werden Deutschland und die Niederlande nahezu auf einer Stufe stehen und den Platz mit den höchsten Agrardieselkosten untereinander ausmachen. Für die deutschen Bauern ist dies eine immense Belastung im Wettbewerb mit den europäischen Kollegen. 

Entscheidend ist dann der Preis an der Tankstelle, der in beiden Ländern relativ hoch ist, weil der Staat ohenhin bereits mit anderen Aufschlägen kräftig abkassiert. Die Agrardiel-Rückerstattung beträgt in beiden Ländern dann Null. Nachdem der CO2-Preis in Deutschland weiter steigen wird und damit den Dieselpreis weiter nach oben treibt, kann Deutschland durch sich bis 2026 ändernde Rahmenbedingungen durchaus auf Platz 1 landen. Aus Gründen der Einfachheit wurde in der Tabelle der Dieselpreis zum 1. Januar beibehalten - also 1,70 €/l für Deutschland und 1,72 €/l für die Niederlande. Eine spekulative Vorschau wäre ohnehin nicht möglich.

Rang
2023
LandRang
Folge-
jahre
Dieselpreis für 1.000 l in EuroRegulärer Steuersatz für 1.000 l in EuroAgrardiesel Steuersatz für 1.000 l in Euro (1)Agrardieselpreis für 1000 l in EuroRückerstattung pro 1.000 l in Euro
1Niederlande 1.7205165161.7200
 Deutschland 202621.7004704701.7000
2Griechenland 1.6504104101.6500
 Deutschland 202531.7004704061.63664
3Finnland (2) 1.8605282681.600260
4Österreich 1.5903973971.5900
 Deutschland 202451.7004703411.571129
5Slowakei 1.5003683681.5000
6Polen (2) 1.4903343341.4900
7Deutschland 202371.7004702561.485215
8Irland (2) 1.6804661401.354326
9Bulgarien 1.3403303301.3400
10Frankreich (2) 1.7505941821.338412
11Tschechien 1.4704072691.332138
12Portugal (2) 1.5704221461.294276
13Dänemark (2) 1.660443701.287373
14Schweden 1.610362231.271339
15Ungarn 1.570368511.254316
16Italien (2) 1.7306171361.248482
17Lettland 1.580414621.228352
18Malta 1.2103303301.2100
19Spanien (2) 1.490379971.208282
20Slowenien 1.4704591921.203267
21Estland 1.520372211.169351
22Kroatien 1.55038301.167383
23Zypern 1.460330211.151309
24Litauen 1.490410601.140350
25Belgien 1.72060001.120600
26Rumänien 1.410372211.059351
27Luxemburg 1.49044101.049441
 EU-Durchschnitt im Januar 20241312254

Legende: Angaben zum 1.1.2024 (Abweichendes Datum ist unter (2) vermerkt; (1) nach Artikel 8 (2) (a): Kraftstoff für land-, garten- oder fischwirtschaftliche Arbeiten und in der Forstwirtschaft oder Artikel 15 (3) für land-, garten- oder fischwirtschaftliche Arbeiten und in der Forstwirtschaft; (2) Spritpreise zum 1.1.2024, Gasöl-Steuerangaben zum 7. Januar; In Österreich gibt es eine Rückerstattung der CO2-Steuer; Quelle für Treibstoffpreise: Destatis, Quelle für Steuersatz: ec.europa.eu/taxation_customs/

Erklärung zur Tabelle: In der ersten Spalte ist die Reihenfolge aufgeführt, wie sie noch bis Februar 2024  gilt. Ab März 2024 soll dann die schrittweise Absenkung der Rückerstattung gelten. In der Spalte 3 ist dann der Rang aufgeführt, der sich für Deutschland in den Folgejahren ergibt. Als Bezug wurden der jetzige Dieselpreis von 1,70 €/l beibehalten.

Schlechterstellen der eigenen nationalen Produktion erlaubt

Dies belegt: Trotz strenger Wettbewerbsvorschriften für den Binnenmarkt der EU ist eine Wettbewerbsverzerrung durch staatliche Vorgaben jederzeit möglich. Denn die EU-Vorgaben sind vor allem gedacht, eine Bevorteilung der nationalen Produktion zu verhindern. Dass ein Staat seine eigenen Produzenten freiwillig schlechterstellt als die Konkurrenz aus den restlichen EU-Ländern, interessiert die Wettbewerbshüter weniger. Das muss die betroffene Nation mit sich selbst ausmachen.

So hat das Wochenblatt verglichen

Wie in der EU üblich, gibt es auch für den Energiesektor eine unsägliche Zahl an Regeln, die dann auf nationaler Ebene unterschiedlich ausgelegt werden können. Das macht den direkten Vergleich schwierig. Um noch einen überschaubaren Rahmen zu liefern, hat das Wochenblatt die beiden wichtigsten Agrardieselvorgaben ausgewertet. Als erstes ist hier Artikel 8 (2) (a) zu nennen. Er führt den länderspezifischen Gasöl-Steuersatz für land-, garten- oder fischwirtschaftliche Arbeiten auf. Alternativ können Länder sich für Artikel 15 (3) entscheiden. Die jeweilige Länderoption ist in der Tabelle berücksichtigt. Alle in der Tabelle verwendeten Werte sind auf dem neuesten Stand und stammen von 1. oder 7 Januar 2024.

Damit aber nicht genug. Neben einem eigenen Gasöl-Steuersatz für Agrardiesel können auch andere Formen der Rückerstattung erfolgen.  Dazu im Folgenden das österreichische Modell.

So sieht die Agrardiesel-Rückvergütung in Österreich aus

In Österreich erfolgt die Rückvergütung nicht anhand eines verringerten Gasöl-Steuersatzes. Dort gibt es die stattdessen die CO2-Steuer zurück. Dieser Wert ist in obiger Tabelle nicht aufgeführt, da sie sich auf die Gasölsteuersätze bezieht. 

Die CO2-Bepreisung ist im Rahmen der ökosozialen Steuerreform 2022 eingeführt worden und im Oktober des Jahres gestartet. Die Auszahlung der ersten Rückvergütung zur CO2-Bepreisung wird im Juni 2024 erfolgen. Zunächst sind darin nur die Monate von Oktober bis Dezember 2022 enthalten.

Die Beantragung der Rückerstattung erfolgt mit dem jeweiligen Mehrfachantrag. Die Berechnung des Rückerstattungsbetrages erfolgt auf Basis von pauschalen durchschnittlichen Dieselölverbräuchen je Hektar bewirtschafteter landwirtschaftlicher Fläche sowie forstwirtschaftlicher Forstfläche und dem CO2-Preis für das zutreffende Kalenderjahr.

Umgerechnet auf den durchschnittlichen Jahres-Dieselölverbrauch ergibt sich ein CO2-Preis von 2,25 Cent je Liter Dieselöl. In den darauffolgenden Jahren erhöht sich der CO2-Preis bis 2025 auf 16,50 Cent je Liter Dieselöl.

CO2-Preis von 2022 bis 2025 in Österreich
JahrCO2-Preis in Cent je Liter Dieselöl
Oktober bis 
Dezember 2022
2,25
202310,50
202413,50
202516,50

Durchschnittlicher Dieselölverbrauch als Berechnungsgrundlage in Österreich

BewirtschaftungsartDieselölverbrauch in Liter je Hektar und Jahr
Ackerflächen110
Zuschlag Hackfrüchte (exkl. Körnermais), Feldgemüse, Gemüse im Freiland (Gartenbaukulturen, Blumen und Zierpflanzen im Freiland, Erdbeeren)85
Zuschlag Feldfutterbau (inkl. Silo- und Grünmais)63
Weingärten, Obstanlagen, Sonstige Dauerkulturen (Holunder), Reb- und Baumschulen310
Mähwiesen, -weiden mit mind. zwei Nutzungen145
Einmähdige Wiesen, Kulturweiden61
Almen, Bergmähder, Hutweiden, Streuwiesen, Grünlandbrache19
Forstwirtschaftlich genutzte Flächen12

Antragstellung: Wie die Landwirtschaftskammer Oberösterreich mitteilt, erfolgt für das Jahr 2022 die Beantragung der Rückerstattung des CO2-Preises für Agrardiesel mit einer Korrektur des Mehrfachantrages 2022 bis 31. Dezember 2022. Forstflächen mussten zusätzlich angegeben und erfasst werden.
Ab dem Jahr 2023 erfolgt die Beantragung mit dem jeweiligen Mehrfachantrag bis Mitte April.

Auszahlung: Die Auszahlung der Rückvergütung der CO2-Bepreisung für Agrardiesel für den Zeitraum Oktober bis Dezember 2022 mit österreichweit rund 6 Mio. Euro erfolgt im Juni 2024 durch die Agrarmarkt Austria.
In den Folgejahren erfolgt die Auszahlung der CO2-Bepreisung voraussichtlich jeweils im Juni des darauffolgenden Jahres. 2025 dürfte der Auszahlungsbetrag österreichweit rund 45 Mio. Euro betragen.

Österreichisches Modell auch für Deutschland denkbar?

In der aktuellen Diskussion zum schrittweisen Abbau der Agrardiesel-Rückerstattung sind die Fronten zwischen den Verhandlungsführern verhärtet. Bundeskanzler Scholz hat bereits während der massiven Proteste der zurückliegenden Woche verlautbart, dass sich die Landwirte beim Agrardiesel keinen Hoffnungen hingeben sollten. Damit hat die Bundesregierung den eigenen Handlungsspielraum "verspielt". Von landwirtschaftlicher Seite wurde stets eine komplette Rücknahme gefordert. 

Wie könnte nun eine gesichtwahrende Lösung aussehen? Das Modell aus Österreich öffnet eine Tür. Der CO2-Preis wird in den kommenden Jahren stetig angehoben. 2026, also zum Zeitpunkt des geplanten Auslaufens des verringerten Gasölsteuersatze für die Landwirtschaft, wird sie ca. 18,9 ct/l betragen. Der aktuell noch gültige Rückerstattungssatz beträgt 21,48 l/ct. Über den Entfall der CO2-Bepreisung für Agrardiesel könnte also in etwa eine Kompensation erfolgen.

Gasölrückerstattung und CO2-Bepreisung in Deutschland
Jahr2023 in ct/l2024 in ct/l2025 in ct/l2026 in ct/l
Gasölsteuerrückerstattung21,4812,896,440,00
CO2-Bepreisung--------14,2017,3018,90
     
Summe*21,4827,0923,7418,90
* Planungsgröße für CO2-Bepreisung und Gasölrückerstattung

Allerdings gibt es da einen Haken: Ab 2027 soll für die CO2-Emissionen von Verkehr und Gebäudewärme ein europäisches Emissionshandelssystem eingeführt werden. Dann könnten sich wieder Änderungen ergeben. Für diesen Fall müssten dann Vereinbarungen bestehen, die eine weitere Steuererparnis für die Landwirte garantiert.

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