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Getreide

Erntebilanz Deutschland: Das Wasser ist der Faktor

Rainer Königer Portrait 2019
Rainer Königer
am Dienstag, 23.08.2022 - 16:31

Unterdurchschnittliche Ernte: Je nach Niederschlägen ist die Spreizung bei den Erträgen enorm. Bewässerung macht nur in Sonderkulturen Sinn.

Mähdrescher

Die deutsche Getreideernte wird mit rund 43 Mio. t im Vergleich zum langjährigen Mittel unterdurchschnittlich ausfallen. Die Trockenheit bestimmt das Geschehen. Dort wo noch Niederschläge niedergingen – wie am Alpenrand und in Schleswig Holstein – konnten anständige Mengen gedroschen werden. DBV-Präsident Joachim Rukwied ging diese Woche bei der Ernte-Pressekonferenz auf die Details ein und warnte gleichzeitig davor, die Versorgungssicherheit Europas durch Überreglementierung zu gefährden.

Die diesjährige Getreideernte wird rund 6 % unter dem langjährigen Mittel liegen. Beim Weizen fehlen rund 8 % (22 Mio. t), beim Winterraps fehlen rund 6 % zum langjährigen Mittel (4 Mio. t). „Die Versorgungslage ist angespannt“, erklärte Rukwied. Weltweit wird heuer mehr Weizen verbraucht als erzeugt werden kann. Sein banger Blick richtet sich jetzt auf die Herbstkulturen, „die auf Regen warten“. Ohne Wasser könnten die Einbußen bei Körnermais, Zuckerrüben, und auch Kartoffeln, bis zu 50 % betragen. Hart erwischt es heuer auch die Tierhalter, die in trockenen Gebieten wohnen. Die Futtermittel fehlen und wie Rukwied erklärte, sei vielerorts der Mais „mit einem Meter Höhe und ohne Kolben“ dürrebedingt abgeerntet worden. Mancher Betrieb müsse bereits auf die Wintervorräte zurückgreifen.

Die Herren in den Glaspalästen

„Wir brauchen in der Landwirtschaft steigende Preise, um überhaupt wirtschaften zu können“, erklärte der DBV-Präsident. Die Energiepreise hätten sich verdoppelt und die Düngerpreise vervierfacht. Kritik übte er auch in Richtung EU-Agrarpolitik.

„Den Green Deal gehen wir mit“, stellte er klar, die derzeitig geplanten Regelungen würde aber die Versorgungssicherheit Europas gefährden. Den Pflanzenschutz generell um 50 % zu reduzieren, sei zum Beispiel nicht praktikabel.  Der Verband habe geeignete Vorschläge gemacht, doch „die Herren in den EU-Glaspalästen“ hören offensichtlich nicht zu, und es drohe „die Vernichtung zigtausender bäuerlicher Existenzen.“

Entscheidend für die Ernte ist auch eine entsprechende Düngung, die erstens wahnsinnig teuer geworden ist, und zweitens – angesichts der Gasknappheit – zu Engpässen beim Stickstoff führen kann. Rukwied dazu: „Ob wir im Frühjahr genügend Stickstoff zur Verfügung haben, wissen wir nicht.“ Eine Reduzierung des Stickstoffs würde sich direkt auf die Erträge auswirken, bei Kali und Phosphor setze dieser Effekt zeitverzögert ein.

Zurück zur deutschen Ernte und zum ökologischen Landbau. Hier ist die Fläche geringfügig um 11 000 ha auf 370 000 ha gestiegen, 1,2 Mio. t Ökogetreide kommen heuer – ähnlich wie im vergangenen Jahr – von deutschen Fluren. Die Zeiten der hohen Flächenzuwächse sind laut Rukwied vorbei. Es bestehe eine gewisse Kaufzurückhaltung bei Bio-Getreide. Inflationsbedingt „schauen die Verbraucher verstärkt auf den Preis.“

Vom Klimawandel stark betrofffen

Ob konventionell oder Bio: „Wir sind Betroffene des Klimawandels. Der Klimawandel ist da“, so Rukwied. Die Landwirtschaft kämpft dagegen mit Wasser sparenden Verfahren und trockenresilienteren Sorten an. „Dazu brauchen wir aber auch neue Züchtungstechnologien“, fordert der 61-Jährige.

Rukwied hat sich mit dem Klimawandel offensichtlich tiefgehender beschäftigt. Wie er darstellte, hat sich der Jetstream über Mitteleuropa verlangsamt, und dies führt zu lang anhaltenden Großwetterlagen. Die Folge sind trockene und heiße Sommer, es kann aber auch Sommer mit langen kühlen und feuchten Phasen geben. Setzt man nun auf Kulturen, die Trockenheit und Hitze besser vertragen, und es kommt ein feuchter und kalter Sommer, „dann hat man etwas falsch gemacht“, umschrieb er die Problematik.

Großflächig bewässern ist keine Alternative

Das Wasser wird immer mehr zum bestimmenden Faktor. Von Landregen war heuer nichts zu sehen und die Landwirte freuen sich inzwischen über Wasser bringende Gewitter. Von einer zukünftigen Bewässerung der Getreidebestände hält der DBV-Präsident wenig: „Bewässerung macht aus meiner Sicht nur in Sonderkulturen Sinn.“ Insgesamt sei der Anteil der Bewässerung in der Landwirtschaft marginal. Zudem seien die Investitionskosten für solche Anlagen enorm teuer. Gleichzeitig werde die Entnahme von Oberflächenwasser stark eingeschränkt, oder inzwischen ganz verboten.

Von tiefroten Zahlen bis starken Ergebnissen

  Aufs richtige Pferd zu setzen, ist für die Ackerbaubetriebe inzwischen sehr schwer geworden. Rukwieds Rechnung zu den Einkommensverhältnissen verdeutlicht dies: Liegt der eigene Betrieb in einer Trockenzone wie Sachsen-Anhalt, oder im feuchteren Schleswig Holstein? Wann habe ich meinen Weizen vorkontrahiert? Mit 220 €/t, oder mit 360 €/t? Wann wurde Dünger eingekauft. Vor der Preisexplosion, oder danach zu vierfach höheren Preisen. Es wird heuer wohl Betriebe mit tiefroten Zahlen und Betriebe mit sehr guten Wirtschaftsergebnissen geben.

Große Sorgen bereiten dem DBV die Schweinebetriebe. „Sie leiden massiv und hören auf, weil sie nicht mehr können“, gab Rukwied zu bedenken. Das Höfesterben betrage jährlich 10 %, was untragbar sei.