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Getreidemarkt

Braugerste: Mehr Fläche, keine Entwarnung

Rainer Königer Portrait 2019
Rainer Königer
am Freitag, 08.07.2022 - 12:21

Vorsichtig optimistische Ertragsaussichten auf den knapp 100.000 ha in Bayern

Nach dem Katastrophenjahr 2021 mit einer Mini-Fläche und schwachen Erträgen, schaut es heuer in Sachen Sommergerste/Braugerste in Bayern wieder besser aus. Von einer entspannten Versorgungssituation kann aber nach wie vor nicht die Rede sein. Das wurde auf der Rundfahrt der Braugersten-Gemeinschaft vergangene Woche im Raum Neuburg an der Donau deutlich.

Wie es in den Regionen aussieht, veranschaulichte Dr. Markus Herz von der LfL. In Bayern steht heuer auf 98 600 ha Sommergerste. Das Plus zum absoluten Negativjahr 2021 fällt mit plus 15 000 ha deutlich aus. Zuwächse gibt es in allen wichtigen Regierungsbezirken. Spitzenreiter in der Anbaufläche ist Oberfranken mit über 28 000 ha (+ 2500 ha), es folgt Oberbayern mit 21500 ha (+ 2600 ha), knapp vor Unterfranken (20 000 ha, + 4000 ha) und der Oberpfalz (16 600 ha, + 1100 ha).

Herz hatte bei der Vorstellung der Zahlen auch eine nicht ganz ernst gemeinte Idee auf Lager: Wenn man weniger Fleisch essen soll, bräuchte man weniger Sojabohnen, und man könnte mehr Braugerste anbauen.

Hoffen auf Sommerregen

Flächendeckend sprach der LfL-Experte von einem Defizit bei den Niederschlägen. Während die Bestände „bis zur Donau noch gut aussehen“, wird es Richtung Norden immer schlechter. In den Monaten April, Mai und Juni fehlten laut Herz durchschnittlich rund 50 % der Niederschläge. Die Sommergerste, die Trockenheit zwar besser verträgt als andere Kulturen, bräuchte in den nächsten Wochen Regen. Zur Stickstoffversorgung meinte Herz: „Hier ist etwas weniger im Boden.“ Das wirke sich zwar einerseits positiv auf die Eiweißwerte der Gerste aus, auf der anderen Seite entstehen den Landwirten Zusatzkosten für die Aufdüngung.

Um die Erträge genauer abschätzen zu können, ist es zwar noch ein bisschen früh. Aber zur Rundfahrt warten die Teilnehmer in der Regel ungeduldig auf die Einschätzung der LfL. Herz geht in einer ersten, vorsichtigen Schätzung von einem Durchschnittsertrag von 51 dt/ha aus. Bei einem Vollgerstenanteil von 92 bis 93 % und bei Eiweißgehalten bis 11,5 % für 60 bis 66 % der Gerste, ergibt das eine Gesamtmenge von 310  000 t Braugerste. Herz‘ vorläufiger Korridor: „300 000 bis 330 000 Tonnen.“

„Die Restmengen 2021 sind abgearbeitet, die Silos sind leer“ – Dr. Alexander Rosenberger, Vermarktungsspezialist bei der BayWa, sprach nicht nur von einem geräumten Markt, er gab auch zu verstehen, dass die Braugerste in jüngster Vergangenheit „bei den Landwirten nicht beliebt war“, die hohen Preise jetzt aber für „mehr Gegenliebe“ gesorgt hätten. Dass heuer wieder mehr Sommergerste angebaut wurde, dürfe nicht darüber hinwegtäuschen, dass in Bayern rund 50 % der Braugerste importiert werden müssen.

Auch Rosenberger ist bezüglich der anstehenden Ernte vorsichtig optimistisch: „Wir rechnen mit einer guten Ernte, aber mit keiner Spitzenernte.“ Deutlich schlechter sehe es in Frankreich aus. Die Bestände sind dort dünn und die Eiweißgehalte hoch. Auch solche Nachrichten halten die Preise „auf unbekannt hohem Niveau“, meinte der Marktanalyst. Weitere Unsicherheiten bringen der Krieg in der Ukraine und pandemiebedingte Störungen der Lieferketten, sowie fehlende Container mit sich. Für die Saison 20022/23 geht Rosenberger davon aus, dass kaum Überschüsse erzielt und Lagerbestände aufgebaut werden können.

Jahre der Verwerfungen

Wie vorsichtig die Experten derzeit für die bayerische Ernte noch sind, zeigt auch sein Schlussbemerkung: „In ein paar Wochen werden wir es wissen. Wir gehen von einer durchschnittlichen Ernte aus.“

Die Mälzer und Brauer haben unruhige Jahre hinter sich. Die Pandemie brachte massive Verwerfungen mit sich. Erst der Rückgang beim Bierumsatz und volle Lager bei den Mälzerein, gefolgt von Malzengpässen. „Das ist für die Malzwirtschaft nicht leicht“, erklärte Walter König von der Braugersten-Gemeinschaft.

Zumindest ist der Bierabsatz wieder gestiegen. Laut König habe man jetzt wieder das Niveau von 2019 erreicht. Für die Brauereien problematisch: Eine Mälzerei hat aufgehört und eine andere liefert nicht mehr.

Die Lage der Mälzereien beleuchtete auch Markus Burteisen. Er ist Präsident der Deutschen Mälzerbundes und Geschäftsführer der Bamberger Mälzerei-Gruppe, zu der auch Donau-Malz in Neuburg gehört. „Der Branche geht ist nicht besonders gut“, gab Burteisen zu verstehen. Die Mälzer sind mit vielen Unsicherheiten konfrontiert und die Preise für Energie sind extrem hoch.

Anbau attraktiv machen

Da aus Bayern nur rund 50 % der benötigten Braugerste kommt, importiert der Freistaat viel Ware aus den benachbarten und nahegelegen Bundesländern. Und diese Mengen fehlen den norddeutschen Mälzereien, die sich im Ausland bedienen müssen, ohne Einfluss auf die Sorten zu haben. Daher seien die Bestrebungen, mehr einheimische Ware zu beziehen, hoch, meinte Burteisen. Über Direktverträge mit den Mälzereien zum Beispiel versuche man, den Landwirten den Anbau von Braugerste schmackhafter zu machen.

In die gleiche Kerbe schlägt der Vorsitzende des Vereins zur Förderung des Bayerischen Qualitätsgerstenbaues, Michael Gutmann. „Partnerschaften schaffen Vertrauen“, sagte der Brauereichef. In Bayern habe man die besten Voraussetzungen für den Braugerstenanbau – von der wissenschaftlichen Seite durch die LfL bis hin zu den Landwirten. Braugerste sei als extensives Getreide zudem umweltfreundlich.

Regionale Wertschöpfung

Sich von den globalen Märkten unabhängig zu machen, hat viele Vorteile. „Das Hauptaugenmerk muss sich auf die regionale Wertschöpfungskette richten. Der Verbraucher wird es uns danken“, erklärte der Braumeister.

Um die bayerische Braugerste kämpft auch Walter König. „Die Winterbegrünung vor der Braugerste muss weg“, forderte er. Zudem kämpft der Förderverein und die Braugersten-Gemeinschaft massiv gegen Patente auf Saatgut, insbesondere Braugersten-Saatgut an. „Wenn wir jetzt nicht dagegen vorgehen“, werden weitere Patente folgen. Und die Konzerne würden die Macht weiter an sich reißen.