Sommergerste/Ernte 2020

Braugerste 2020: Da braut sich was zusammen

Bodenbearbeitung
Olaf Zinke
am Montag, 06.07.2020 - 10:00

Braugerste wurde zwei Jahre lang gut bezahlt. Nun schmelzen die Prämien. Und die Aussichten werden nicht besser.

Das Wetter machte wieder einmal einen Strich durch die Rechnung: Im vorigen Herbst verhinderten starke Regenfälle in Teilen Westeuropas, dass die Bauern ihr Wintergetreide in den Boden bekamen. Besonders betroffen waren der Westen Frankreichs, die britischen Inseln und der Nordwesten Deutschlands. "Der Regen hat die Aussaat von Winterweizen und Wintergerste in den betroffenen Regionen erheblich behindert und viele Bauern konnten ihre Aussaatabsichten nicht einhalten", sagt Benoit Fayaud vom Analystenhaus Strategie Grains.

Das Resultat ist: In den betroffenen Ländern ist nicht nur die Anbaufläche von Wintergetreide erheblich kleiner. Die Landwirte müssen auch Alternativen finden. Und da ist die Auswahl mit Blick auf die möglichen Erlöse und Kosten nicht so groß. Denn es gibt ein Problem. Die nicht mit Wintergetreide bestellten Flächen sind erheblich größer, als zunächst gedacht. Eine entsprechend kräftige Anbauexpansion bei Sommergetreide hat dann auch negative Folgen für die dort möglichen Erlöse.

Hinzu kommt, dass die Getreidemärkte in Europa eng zusammenhängen. Wie kommunizierende Röhren. Ende Januar meldete die Analystenfirma Sigma Conseil jedenfalls: Bei unseren französischen Nachbarn ist die Aussaatfläche für Winterweizen auf ein 19-Jahrestief gefallen. Gegenüber dem vorigen Jahr beträgt der Rückgang 10 Prozent bzw. rund 500.000 Hektar. Und da ist der Anbaurückgang bei Wintergerste noch nicht einmal dabei.

Viel weniger Wintergetreide

Wer nun denkt, dass Problem bleibt auf Frankreich und England beschränkt, ist auf dem Holzweg. Auch hierzulande ist die Anbaufläche für Wintergetreide kräftig geschrumpft. Das Statistische Bundesamt meldet: Deutsche Bauern haben gut 7 Prozent bzw. 215.000 ha weniger Fläche mit Winterweizen bestellt.

Zwar wurde dafür mehr Roggen und Raps gesät – dennoch bleiben gut 100.000 Hektar Fläche übrig. Das bestätigten auch die Analysten von Strategie Grains. Sie ermitteln für die gesamte Europäische Union einen Anbaurückgang bei Weizen von reichlichen 600.000 Hektar.

Und eine weitere Überraschung kommt hinzu. Beim Raps geht Strategie Grains – anders als das deutsche Statistikamt –nicht von einer Zunahme des Anbaus aus. Zumindest nicht für Gesamteuropa. Die Rapsfläche bleibt vielmehr so klein wie im extrem schlechten Jahr 2019. Das Resultat ist klar. Denn für die bevorstehende Frühjahresbestellung muss weitaus mehr Fläche mit Sommergetreide oder Mais bestellt werden, als erwartet.

Vorkontrakte sind wichtig

Die Folgen muss man im Auge behalten. Das Sommergetreide der Wahl ist in den meisten Ländern die Sommergerste. Der britische Getreidehändler Fengrain warnt seine Bauern deshalb: „Angesichts der Probleme bei der Aussaat von Wintergetreide deutet 2020 alles auf eine weitere große Ernte bei Sommergerste hin. Auch das Frühjahrssaatgut dürfte knapp und teuer werden. Es ist deshalb ratsam, rechtzeitig einen Vorvertrag für die Ernte 2020 für Braugerste abzuschließen.“

Darüber sollten auch deutsche Bauern unbedingt nachdenken: Ende Januar haben süddeutsche Mälzereien für Braugerste der neuen Ernte im Großhandel noch knapp 200 Euro je Tonne geboten – das waren zu diesem Termin noch 5 bis 10 Euro mehr als der Kassamarkt bereit war zu  zahlen.

Viele Bauern zögern jedoch damit Vorkontrakte abzuschließen – zu sehr waren wohl die hohen Preise des Wirtschafjahres 2018/19 in Erinnerung. Doch wenn sich die Prognosen aus Frankreich, Deutschland und von den britischen Inseln bestätigen, wird es für die Braugerste 2020 erheblich weniger Geld geben. Und auch für die alternative Ware sieht es schon lange nicht mehr so gut aus.

Prämien schmelzen dahin

Braugerstenmarkt

Für die alte Ernte sind die Preise seit Monaten gefallen. Anfang Februar betrug der Preisabstand zum Vorjahr schon 50 bis 60 Euro je Tonne. Der Getreidehändler Archer Daniels Midland (ADM) Deutschland berichtet auch von schrumpfenden Prämien gegenüber Futtergerste. Diese war Anfang 2020 nur noch halb so hoch wie Jahr zuvor. Die ADM-Analysten stellten fest: „Insgesamt stagniert der Markt und die Industrie hat nur noch geringen Deckungsbedarf. Gleichzeitig haben die Landwirte bei der aktuellen Prämienstruktur wenig Interesse, zu verkaufen.“

Auch der britische Händler Fengrain berichtete Ende Januar, „dass allein der Transport viele britische Bauern den größten Teil der geschrumpften Malzprämien kostet.“ Hinzu kommt, dass die europäische Malzindustrie sich beim Einkauf neuerntiger Ware ebenfalls zurückhält. „Dabei ist die Bedarfsdeckung für 2020 noch sehr gering“, stellten die ADM-Analysten fest. Grund dürften die sehr hohen Ernteprognosen bei Sommergerste sein.

ADM beobachtet außerdem: Zusätzliche Ware fließt – trotz des formal vollzogenen EU-Austritts – aus dem Vereinigten Königreich auf den europäischen Mark. „Diese Ware findet jedoch nur mit kräftigen Preisabschlägen Abnehmer“, heißt es. Fengrain berichtet seinen Bauern: „Die meisten EU-Einkäufer sagen, dass sie für den Rest der Saison praktisch ihren gesamten Bedarf gedeckt haben. Es sieht also so aus, als ob die Mehrheit der nicht verkauften Sommergerste als Futtermittel betrachtet werden muss.“

Sehr früher Saisonbeginn

Angesichts der Aussicht auf einen großen Überschuss an Sommergerste, ermutigen manche Getreidefirmen ihre Bauern, sich für andere Sommerkulturen zu entscheiden, berichtet Sigma Consail. Vor allem in Frankreich sei deshalb auch mit einem Anstieg des Maisanbaus zu rechnen. Auch Hafer oder Sommerweizen und neuerdings auch Durum wären Alternativen.

Ohnehin ist ein Großteil der zusätzlich angebauten Sommergerste qualitativ nicht als Braugerste geeignet und kann nur verfüttertet werden. Das zeigen die Erfahrungen aus dem Jahr 2018. Trotzdem müssen sich die Bauern schnell auf die neuen Bedingungen einstellen. Denn die neue Saison dürfte früh beginnen. Der bislang extrem milde Winter macht in allen wichtigen Anbauregionen einen sehr frühen Beginn der Aussaat wahrscheinlich.

Im vorigen Jahr war der Startschuss Ende Februar gefallen, sagt Herbert König von der Braugerste-Gemeinschaft. In diesem Winter waren die Temperaturen in großen Teilen West- und Mitteleuropas so hoch wie noch nie zuvor, berichtet die europäische Crop-Monitoring-Agentur MARS. In Deutschland war es im Januar ungefähr 3 bis 4 Grad Celsius wärmer als im langjährigen Mittel und auch für den Februar wurde kein Wintereinbruch erwartet.

Importe werden kommen

Auch wenn es also zu einer kräftigen Anbauausweitung in Deutschland kommt: Der heimische Bedarf an Braugerste wird mit der hiesigen Ernte dennoch nicht gedeckt. In den letzten beiden Jahren lag braufähige Menge Sommergerste zwischen 1,2  Mio. t und 1,3 Mio. Tonnen, sagt Walter König von der Braugersten-Gemeinschaft.

Benötigt werden von der deutschen Brauindustrie jedoch etwa 1,7 Mio. t. Der Rest kommt aus dem Ausland – also vor allem aus Frankreich, Dänemark und dem Vereinigten Königreich – aber auch aus Tschechien, Polen und dem Baltikum. Die Anbauausweitung in wichtigen Lieferländern dürfte die deutsche Bedarfslücke also sehr gut füllen und auch noch auf die Preise drücken.

Das erwarten zumindest die Getreidehändler und Mälzereien – wenn man einmal auf die gebotenen Kontraktpreise schaut. Darauf sollten sich die Bauern jedenfalls einstellen. Wer dieses Jahr rechtzeitig einen Vorkontrakt abschlossen hat, wird wohl eher zufrieden sein als derjenige der zu lange gewartet hat.

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