Interview

Werte schöpfen in der Kette

Sepp Kellerer
Sepp Kellerer
am Freitag, 19.02.2021 - 12:44

Stephan Sedlmayer ist neuer LfL-Präsident. Wir sprachen mit ihm über die Landwirtschaft. Hier das volle Interview mit Videos.

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Wochenblatt: Was ist aus Ihrer Sicht die Rolle der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft?

Sedlmayer: Wir sind die bayerische Forschungseinrichtung für die bayerische Landwirtschaft. Das heißt wir forschen, um aktuelle Praxisfragen zu beantworten und verschiedene Lösungswege für Zukunftsfragen anzubieten. Zum Beispiel, wie schaut die optimale Futterration aus für das Tier, die Umwelt und den Geldbeutel oder welche Rahmenbedingungen beeinflussen die individuelle Betriebsentwicklung. Wir untersuchen, was heute die beste Sommergersten- oder Weizensorte für einen bestimmten Standort ist und erforschen, was wir in 10 oder 20 Jahren anbauen können. Gemeinsam mit den Ämtern für Landwirtschaft versuchen wir den Tierhaltern, den Teichwirten, den Energiewirten, den Direktvermarktern und allen, die im Bereich Diversifizierung unterwegs sind, den Landwirten insgesamt, kompetente Beratungsempfehlungen zu geben.
Ein weiterer Bereich ist der Hoheitsvollzug, den wir machen müssen. Wir machen nicht die Gesetze, sondern wir versuchen, die Dinge, die der Gesetzgeber vorgibt, für den Landwirt umsetzbar zu machen.
Der dritte Punkt ist die Bildung. Wir koordinieren bayernweit die Aus- und Fortbildung für zahlreiche grüne Berufe, wie die Tierwirte Geflügel oder Schaf. In unseren bundesweit anerkannten Bildungszentren in Triesdorf und Kempten bilden wir Profis für Milchwirtschaft und Molkereien aus. Unsere Fachexpertise fließt in den Unterricht der Fach-, Techniker- und Höheren Landbauschulen ein.

Wochenblatt: Auf den Betrieben kommt im Moment eher an, dass die LfL Vorschriften präsentiert und kontrolliert.

Sedlmayer: Da habe ich eine andere Wahrnehmung. Wir versuchen über Managementhilfen und Beratungstools, den Landwirten zu helfen, dass sie dem gesetzlichen Auftrag nachkommen können. Das ist manchmal schwierig, die Düngeverordnung ist ein Beispiel dafür. Aber wir stellen uns dieser Aufgabe, wir verbessern unsere Onlineprogramme zusammen mit Praktikern, nehmen ihre Hinweise und Anregungen auf. Wir haben eine ganze Reihe Erklärvideos gedreht, um für die Landwirte die Prozesse besser zu zeigen und Entscheidungshilfen zu geben.
Ich bin unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sehr dankbar, denn die haben in den letzten Wochen Unglaubliches geleistet, damit die Regelung einigermaßen verständlich rüberkommt. Das Wochenblatt hilft mit einer Artikelserie ja auch mit, die Düngeverordnung zu übersetzen.
Es ist aber auch unsere Aufgabe, Verstöße zu ahnden. Ich sage ganz klar, wir müssen kontrollieren, denn wir wollen die ganz überwiegend sauber arbeitende Landwirtschaft vor den wenigen schwarzen Schafen schützen. Das ist unser Auftrag.  

Wochenblatt: Wo sehen Sie die großen Herausforderungen für die bayerische Landwirtschaft?

Sedlmayer:  Die Landwirte fragen nach ihren Perspektiven im Zuge von  Globalisierung, Klimawandel und   gesellschaftlichem Wandel. Welche Entwicklungsmöglichkeiten habe ich selber als Betrieb in Zukunft? Wo sind die Märkte der Zukunft? Und welche Auflagen und Hemmnisse stehen dagegen? Langfristig müssen die Landwirte von den Höfen leben, ein Einkommen erwirtschaften.
Wir müssen schauen, dass wir zu einer gesellschaftlich akzeptierten Landwirtschaft kommen. Zum Schluss wird an der Ladentheke das Geld gemacht. Deshalb brauchen wir eine faire Partnerschaft zwischen Landwirten und Verbrauchern.

Wochenblatt: Ist diese Partnerschaft erreichbar?

Sedlmayer: Ja, und ich glaube, dass wir in Bayern gute Chancen haben, weil wir noch überschaubare Strukturen haben, weil wir sehr unterschiedliche Betriebstypen haben, und weil nach meiner Auffassung die Nähe zum Verbraucher noch da ist. Bayern selber ist eine starke Marke und die Regionen verstärken dies noch einmal. Ich glaube schon, dass es da Chancen gibt. Die Verbraucher interessieren sich immer mehr, wo die Lebensmittel herkommen. Da hat die bayerische Landwirtschaft größere Chancen als andere.

Wochenblatt: Auf dem Land ist vielleicht noch Kontakt da, aber die Städter haben schon eine wahnsinnig große Distanz zur Landwirtschaft.

Sedlmayer: Die LfL geht in der Öffentlichkeitsarbeit mit gutem Beispiel voran, am Tag der offenen Tür in Grub haben rund 15 000 Besucher, davon mehr als 85 % Verbraucher, die Tierhaltung hautnah erlebt, das Zentrallandwirtschaftsfest nutzen wir ebenfalls als Brücke zu den Verbrauchern Aber, ich glaube, die gesamte Brache muss sich stärker öffnen und die modernen Medien dafür nutzen, denn ja, die junge Generation hat keinen Kontakt zur Landwirtschaft. Die Information, die sie zieht, stammt aus digitalen Netzwerken.
Einen Ansatzpunkt sehe ich über das Essen an sich.  Mein 15-jähriger  Sohn kocht manchmal und da reden wir schon darüber, welches Fleisch ist das, wo kommt es her? Das gesteigerte Bewusstsein für Ernährung bietet gute Anknüpfungspunkte zur landwirtschaftlichen Produktion, aber das geht nicht von heute auf morgen. Einer der Schlüssel ist die Übersetzung in die neue Medienwelt.

 

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Wochenblatt: Zurück zur Landwirtschaft. Wie können die bayerischen Strukturen an Digitalisierung und Automatisierung teilhaben?

Sedlmayer: Die LfL arbeitet in Ruhstorf genau an solchen Lösungen. Das entwickelt sich sehr gut, weil die Kollegen dort auch die Landwirte einbinden. Neue Techniken werden ausprobiert und demonstriert. Wir testen aber nicht nur neue, teure Technik, sondern wir suchen auch nach günstigen Lösungen, die man in vorhandene Maschinen einbauen kann. Zusätzlich haben wir ein Netzwerk, wo wir uns intensiv mit Landwirten austauschen. So kann es gelingen, die Technik auch für kleinere Strukturen verfügbar zu machen.

Wochenblatt: Wie sieht es in der Tierhaltung aus?

Sedlmayer: In Grub gibt es mit DigiMilch ein Leuchtturm-Projekt mit rund 3,4 Mio. €, in dem wir in allen fünf Bereichen der Milchviehhaltung vom Wirtschaftsdünger über den Ertrag auf den Futterschlägen und die Ration im Trog bis hin zu den Melkdaten und der Sensorik am Tier forschen. Mit Pilotbetrieben analysieren wir passgenaue, innovative Praxislösungen. Im Kern geht es um eine zukunftsfähige Milcherzeugung in bayerischen Verhältnissen mit mehr Tierwohl, Umweltschutz, aber auch positiver Ökonomie, Arbeitsqualität und einer leistbaren Arbeitsbelastung.

Wochenblatt: Ist die LfL in das kürzlich vorgestellte Fraunhofer-Projekt zum Smart Farming involviert?

Sedlmayer: Wir beschäftigen uns schon länger mit dem Thema und haben hervorragende Experten. Die sind jetzt schon sehr eng vernetzt mit der TU München, der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf, mit Universitäten in Österreich. Da knüpft dieses Fraunhoferprojekt an. Wir bieten auch dabei unser Wissen an.
Wochenblatt: Ist die Abgrenzung zwischen LfL und BaySG abgeschlossen?
Sedlmayer: Ja. Seit dem 1.1.2020 gibt es den Staatsbetrieb. Die Personalstruktur steht, die Standorte sind zu den BaySG übergegangen und jetzt sind wir Partner.

Wochenblatt: Und die Zusammenarbeit läuft?

Sedlmayer: Einer meiner ersten Besuche war beim BaySG-Chef Dr. Hermann Lindermayer. Das war ein sehr gutes Gespräch. Natürlich muss man sich an der einen oder anderen Stelle noch sortieren. Aber insgesamt läuft die Zusammenarbeit sehr gut.

Wochenblatt: Es gibt immer wieder Diskussionen um den Standort Grub. Welche Rolle wird er spielen?

Sedlmayer: Grub ist eine einmalige Marke, die bundesweit bekannt ist. Wir arbeiten dort mit 13 Einrichtungen zusammen, das wird auch so bleiben. Meine Vorstellung ist, dass dieser Standort weiterentwickelt wird  und dass wir dort weiter in Leuchtturmprojekte investieren. Ich sehe auch die Nähe zu München als großen Vorteil. Man hat sozusagen einen Bauernhof vor Ort. Ich möchte das in Zukunft noch stärker für die Öffentlichkeit nutzen, für die Fachwelt sowieso.

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Wochenblatt: Wie sieht Bayerns  Landwirtschaft im Jahr 2030 aus?

Sedlmayer: Da ist ja nicht mehr so lange hin. Neun Jahre, das ist die Hälfte der Nutzungsdauer eines Stalles, vielleicht sogar weniger. In der Zeit müssen wir Teile – und es können nur Teile sein – der Tierhaltung umbauen. Wie schnell das gehen kann, das hängt auch davon ab, wie viel die Gesellschaft bereit ist, zu geben. Ich glaube auch, dass die Markenbildung, das Einmalige und das Regionale, letztendlich der Schlüssel für den Erfolg sein werden, auch im Export. Wir haben mit Bayern und mit seinen Regionen schon eine extrem starke Marke. Natürlich geht es auch um Diversifizierung insgesamt.

Wochenblatt: Lässt sich das noch etwas konkretisieren?

Sedlmayer: In der Tierhaltung wird es Verschiebungen geben, weil Verbrauchersicht und Verzehrsgewohnheiten sich ändern. Geflügel  wird zunehmen, Fisch auch und der Fleischkonsum wird grundsätzlich diskutiert, wie viel, woher und ob überhaupt.
Auch im Pflanzenbau wird sich einiges ändern, muss sich einiges ändern, allein schon aufgrund der Düngeverordnung. Wir werden andere Pflanzenbausysteme haben, mehr Öko und mehr Leguminosen. Wir werden andere standortangepasste Kulturarten bekommen. Wir werden in den fränkischen Trockengebieten Hirse Quinoa und so weiter ausprobieren. Vielleicht kriegen wir auch mehr Sommergerste. Wir brauchen Bereiche, wo es auch um Mengen geht. Da sehe ich zum Beispiel im Eiweißsektor große Potenziale oder bei der Braugerste.
Ich glaube, dass die bayerische Landwirtschaft für diesen Veränderungsprozess gut gerüstet ist, weil sie kleiner strukturiert ist und flexibler reagieren kann als vielleicht andere. Wir werden in diesem Prozess die bayerische Landwirtschaft mit Leidenschaft begleiten und unterstützen.

Wochenblatt: Und technologische Ansätze, zum Beispiel Gemüse unter Glas oder Insekteneiweiß in einer Halle produzieren?

Sedlmayer: Ich war kürzlich an unserem Fischereiinstitut in Starnberg, die entwickeln zusammen mit einem Start Up in Freising, ein System, in dem man Insekten mästet, um sie als Fischfutter einzusetzen. Im Gemüsebau sind geschlossene Systeme sicher auch eine Option.
Aber noch einmal, ich sehe in der Regionalität einen wichtigen Ansatz. Den Leuten ist es nicht mehr egal ist, wo die Produkte herkommen. Deshalb sollte man alles, was machbar ist, in Bayern, in Deutschland, in Europa erzeugen. Da liegen große Chancen.

Wochenblatt: Welche Rolle kann  da die LfL spielen?

Sedlmayer: Ich will das mal am Beispiel Sommergerste erläutern. Die braucht pro Hektar bis zu 100 kg Stickstoff, beim Weizen sind es bis zu 200 kg. Es gibt die Düngeverordnung mit ihren Roten Gebieten. Ich sehe es als unsere Aufgabe in der Landesanstalt, dass wir Pflanzenbausysteme entwickeln, die die Rahmenbedingungen beachten,  nach wie vor aber auch Erlöse erbringen. Denn letztendlich ist der Geldbeutel entscheidend. Das wird in dem Fall nur über Anbauverträge funktionieren. Aber Beispiele dafür gibt es. Kleinere Brauereien stellen Schilder an die Braugerstenfelder und werben so für die regionale Herkunft.  
Ich bin von solchen Wertschöpfungsketten überzeugt. Ja, wir haben einen Weltmarkt. Aber wenn es gelingt, den Bezug zum Verbraucher herzustellen, dann ist das ein schlagkräftiges Gegengewicht gegen billige Produkte vom Weltmarkt. Und es ist die Chance, Wertschöpfung hinzukriegen. Da sind auch wir als LfL gefordert. Wir dürfen nicht nur in eine Richtung forschen, wir müssen auch beachten, wenn sich die Rahmenbedingungen ändern und wir einen anderen Weg beschreiten müssen.
Nehmen wir unsere Zukunft selbst in die Hand. Es gibt Chancen.