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Umweltschutz

Waldbau mit dem Boden im Mittelpunkt

Forstschlepper
Karola Meeder
Karola Meeder
am Freitag, 17.06.2022 - 08:28

Ein Wald, der als Beiwerk eines Naturschutzprojektes gepflanzt wurde, hat Raimund Hofmann zum leidenschaftlichen Waldbesitzer gemacht. Er setzt auf das Prinzip Dauerwald und stellt den Boden in den Mittelpunkt.

Erst eine Wiese, dann ein Deko-Objekt für ein Naturschutzprojekt und jetzt ein lupenreiner Mischwald – wie es dazu kam, erklärt Raimund Hofmann. Vor 32 Jahren hatte hier in Weil im Landsberg am Lech sein Vater rund 1,3 ha Grünland zu Wald umgewandelt – aber nicht zur forstlichen Nutzung, sondern als Beiwerk für die ebenfalls neu angelegten Tümpel als Biotop zum Schutz einer seltenen Krebsart.

Doch der Wald nutzte seine Zeit. Wo vor 33 Jahren noch eine grüne Wiese war, steht heute ein vielfältiger, laubholzdominierter Mischwald mit 39 verschiedenen Baumarten. Bergahorn, Esche und Stieleiche werden von Wildkirsche, Winterlinde, Hainbuche, Fichte, Feldahorn, Schwarzerle und Traubenkirsche begleitet. Vereinzelt sind Lärche, Kiefer, Birke, Weißtanne und Eibe zu finden. Die Vielfalt der gepflanzten Bäume konnte aber nur erhalten werden, weil der Bestand seit 2003 von Raimund Hofmann forstlich genutzt und entsprechend gepflegt wurde. Die erste Durchforstung erfolgte im jugendlichen Alter von 14 Jahren.

Dauerwald als Ziel

Doch bei der Bewirtschaftung seines Waldes geht Hofmann bewusst seinen eigenen Weg. „Mein Ziel ist es, einen Dauerwald zu generieren und keinen Altersklassenwald“, erzählt er. Denn ein Dauerwald sei nicht nur wesentlich stabiler gegenüber Stressfaktoren, sondern bringe auch einen konstant hohen Biomassezuwachs – und nur wenn der Biomassezuwachs hoch ist, kann der Wald all seine Gemeinwohlleistungen erbringen. „Wenn man einen Bestand abräumt, ist die biologische Produktion und damit auch die Erbringung der Ökosystemdienstleitungen für fünfzehn bis zwanzig Jahre unterbrochen“, verdeutlicht er.

Punktuelle Eingriffe nach dem Prinzip: Mäßig aber stetig

Weil er das auf keinen Fall will, setzt er – ganz nach dem Motto mäßig, aber stetig – auf regelmäßige, aber nur punktuelle Eingriffe. Es werden also nur einzelne Bäume und keine Gruppen etnommen. Ebenso ist das Ziel, möglichst viele verschiedene Altersklassen und Baumarten im Bestand zu haben. „Außerdem kommt dem Boden beim Dauerwald eine größere Bedeutung zu“, erklärt Hofmann, und „er ist ja der Grundstein für alles andere.“ Unten wird bestimmt, was oben passiert.

Aber nicht nur der Boden, auch Hofmann mischt mit, was in seinem Wald oberirdisch passiert. Mit der gezielten Entnahme einzelner Bäumen steuert er den Lichteinfall; nicht zu viel und nicht zu wenig – so wie es die jungen Keimlinge am Boden des Waldes brauchen. Kombiniert mit der vielfältigen Artenmischung, vermeidet er so Kahlflächen – was es der Verjüngung wesentlich leichter macht.

Und an Naturverjüngung mangelt es im Wald von Hofmann wirklich nicht. Verungrasung oder Brombeerbewuchs findet man dagegen nicht. Das liegt laut Ludwig Pertl, der viele Jahre als Förster in der Nachbargemeinde Kaufering tätig war und sich auch im Ruhestand tatkräftig für den Wald einsetzt, nicht nur am richtigen Licht- und Schatten-Verhältnis. „Wenn der Boden erst im Gleichgewicht ist, gibt es im Wald kein Grasproblem – und damit auch kein großes Mäuseproblem“, erklärt er.

Boden ist wichtigster Helfer im Wald

Beim Stichwort Boden verweist Raimund Hofmann auf „seine wichtigsten Helfer im Wald“ – die Regenwürmer. „Sie durchlüften den Boden, machen Nährstoffe verfügbar und sorgen für eine gute Bodenstruktur, was letztendlich die Wasserverfügbarkeit erhöht“, erklärt er und fügt hinzu: „Nur die Regenwürmer können die Probleme im Boden lösen, sie sind einfach unersetzbar“.

Darum müsse man auch bei der Auswahl der Baumarten darauf achten, dass man genug „Regenwurmfutter“ im Bestand hat – das wären zum Beispiel: Hainbuchen, Linden, Sorbus-Arten wie Elsbeere, Speierling oder Esche und Edellaubholz – mit Ausnahme der Eiche. Auch die Buche zählt nicht als Regenwurmfutter – beide Baumarten haben einen zu hohen Gerbsäureanteil.

Damit haben die Regenwürmer einen ähnlichen Speiseplan wie die Rehe – und laut Ludwig Pertl lässt sich nicht nur der Zusammenhang von Rehwilddichte und Verjüngungszustand, sondern auch von Rehwilddichte und Regenwurmbesatz beschreiben. So würde 1 kg Reh/ha einem Regenwurmbesatz von 1000 kg je Hektar entsprechen – bei einem Rehbesatz von nur 4 bis 5 kg/ha gebe es dagegen keinen Regenwurm mehr.

Der Wildverbiss ist laut Hofmann auf solch einem Niveau, dass ihn die sehr üppige Naturverjüngung ausgleichen kann. In Hofmanns Wald scheint auch der Regenwurmbesatz gut zu sein, denn von dem Laub, das beim Besuch des Wochenblattes im Mai noch massig auf dem Waldboden lag, „ist im Juli nichts mehr da, darum kümmern sich die Regenwürmer“, sagt Hofmann.

Für seinen leichten Schlepper wird er häufig belächelt

Doch beim Thema Boden, kann man natürlich nicht alles auf den Regenwurm „abschieben“, auch der Waldbesitzer ist in der Verantwortung und die nimmt Hofmann sehr ernst. Sein Waldschlepper ist kleiner als der übliche Waldschlepper in Bayern. Wenn er raus in seinen Wald fährt und dabei für seinen kleinen Schlepper belächelt wird, lässt ihn das kalt, denn er weiß die Vorteile des Schleppers zu schätzen: „Er ist leichter als so mancher Pkw“, erklärt Hofmann.

Der kleine rote Schlepper wiegt nämlich nur eine Tonne und Hofmann hat den „Antonio Carraro 4400HST“ mit 38 PS, Allrad und Wendesitz bewusst ausgewählt. Bisher hat er ja in seinem 32-jährigen Bestand in erster Linie Brennholz geerntet. Und dazu reicht der Schlepper. „Besonders im letzten Winter war es recht feucht, trotzdem habe ich keine Spuren hinterlassen“, sagt Hofmann. Natürlich müsse man bei der Waldarbeit auch auf die Bodenverhältniss achten und mit dem Rücken dann eben auch mal auf bessere Bedingunge warten. „Man muss aber auch die Maschinen dem Wald anpassen“, davon ist er überzeugt. Wenn dann die Wertholzernte ansteht, braucht er natürlich einen größeren Traktor.

Entnahme von 18 Ster Brennholz pro ha

Im Schnitt macht Hofmann jährlich 18 Ster Brennholz je Hektar. „Das entspricht rund 3000 Litern Heizöl. Und das nur durch die Durchforstung“, betont er. Doch bezogen auf die Holzentnahme stellen sich auch kritische Fragen: Ist es nicht zu mühsam, immer wieder auf großer Fläche nur punktuell einzugreifen? Und macht man dabei nicht zu viele junge Bäumchen kaputt?

„Zu viel kaputt macht man dann nicht, wenn man es richtig macht“, erklärt er und zeigt auf einen Wurzelstock neben sich: „Hier habe ich im Winter einen Baum entnommen. Man sieht kaum noch etwas davon,“ erklärt er. Bezogen auf den Arbeitsaufwand gibt er zu, dass die Arbeitsstunden im Wald nicht entlohnt werden. „Aber Profit war auch nicht mein Ansporn. Es geht darum, dieses schöne Stückchen Land für die kommenden Generationen zukunftsfähig und stabil zu machen“, erklärt er.

Dass sein Wald über die Jahre für den Gymnasiallehrer zur echten Leidenschaft geworden ist, ist kaum zu übersehen. Egal an welcher Stelle man mit ihm in seinem Wald steht – er kann eine Geschichte dazu erzählen: „Hier habe ich mit meinem Bruder nachgepflanzt“; „diese Bäume haben wir selbst aus Samen nachgezogen“; „hier haben wir Wildlinge aus dem älteren Teil des Waldes eingebracht“. Und an manchen Stellen hat Hofmann ganz besondere Exemplare versteckt.

Experimente mit seltenen und nichtheimischen Baumarten

„Ich experimentiere gerne mit seltenen und nichtheimischen Baumarten. Ich bringe sie ein und beobachte, was passiert“, erzählt er. Und so findet man bei ihm zum Beispiel die Schwarznuss oder den Riesenmammutbaum. „Bisher hat es auch meist gut geklappt, nur die Paulownien haben es nicht geschafft. Aber es ist ja bekannt, dass sie rechte Mimosen sind“, erklärt Raimund Hofmann.

Nicht alles klappt aufs ersten Mal

Bei seiner Begeisterung für den Wald und dessen Bewirtschaftung verwundert es nicht, dass Hofmann 2007 den nächsten ungewöhnlichen Schritt gegangen ist: Er hat den an seinen Wald angrenzenden, etwa 1,8 ha großen Acker aufgeforstet. Und auch hier haben ihn negative Kommentare nicht daran gehindert, seinen Weg unbeirrt weiterzumarschieren – auch wenn nicht alles auf Anhieb geklappt hat.

So wollte er zum Beispiel die Pflanzung ohne Zaun hochbekommen. Die Feldhasen machten ihm aber einen Strich durch die Rechnung. Im folgenden Sommer wurde die Fläche dann zwar gezäunt, aber die verbissenen Pflänzchen wollten kaum wachsen, das Gras nahm überhand, 2009 kam dann noch das Eschentriebsterben dazu und die Esche hatte bei der Pflanzung einen Anteil von gut 30 %. Also musste Hofmann nachpflanzen. In den Folgejahren hat er auf Teilflächen imer wieder Samen eingebracht oder selbst gezogene Bäumchen eingepflanzt.

Hofmann hat viel Arbeit und Zeit in die Neuaufforstung gesteckt, „trotz allem bin ich froh, dass ich das gemacht habe“, sagt er. Heute steht er in einem gut durchmischten Bestand, über den er sich auch wirklich freuen kann. Einziger Wermutstropfen sind die Eschen, die stückchenweise ausfallen.

Mit seinem Wald nimmt Hofmann am Projekt Life Future Forest teil und aktuell steht er im Voting als Waldbesitzer des Jahres beim Deutschen Waldpreis. Seine Motivation dazu: „Ich will Waldbesitzern, insbesondere den kleineren, den Mut geben, ihre Wälder zu klimastabilen Beständen umzubauen – denn es lohnt sich auf jeden Fall“.

Hofmann nimmt am Deutschen Waldpreis teil

Aktuell laufen die Abstimmungen zum Deutschen Waldpreis. Insgesamt werden Preisträger in drei Kategorien bestimmt: Förster, Forstunternehmer und Waldbesitzer. In der Kategorie „Waldbesitzer des Jahres“ ist unter anderem Raimund Hofmann nominiert. Noch bis zum 3. Juli können Sie abstimmen, wer Waldbesitzer, Förster und Forstunternehmer des Jahres werden soll.

Die Teilnehmer sind in der anschließenden Bildergalerie aufgeführt.

DEUTSCHER WALDPREIS: Jetzt abstimmen!

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