Forstschäden

Verschnaufpause in Franken

Philipp Braumiller, Valentin Aschmann, Hannes Lemme, Gabriela Lobinger,Andreas Hahn (LWF)
am Donnerstag, 27.05.2021 - 12:24

Nachdem die Massenvermehrung des Schwammspinners besonders in Frankens Wäldern Spuren hinterlassen hat, sieht es nun nach Entspannung aus – zumindest vorerst, denn das wird wohl nicht die letzte Massenvermehrungen gewesen sein.

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In den bayerischen Wäldern ist der Klimawandel längst angekommen. Und manche Insektenarten profitieren davon – wie zum Beispiel der wärmeliebende Schwammspinner. Diese Schmetterlingsart spielte in mitteleuropäischen Wäldern lange keine bedeutende forstliche Rolle. Doch seit den 1990er Jahren vermehrt er sich in Bayern in regelmäßigen Zeitabständen massenhaft.

Nach einigen Jahren mit niedriger Dichte befindet sich das Insekt nun seit 2018 wieder in einer solchen Massenvermehrung. Für die durch mehrere Trockenjahre geschwächten Eichenwälder Frankens war dies eine beunruhigende Entwicklung.

Der Schwammspinner zeigt zyklisch auftretende Massenvermehrungen, die zum Kahlfraß ganzer Laubwaldbestände führen können. Die erste Pandemie trat in Mitteleuropa von 1992 bis 1994 auf 80 000 ha auf, wovon 40 000 ha in Bayern lagen. Seitdem kam es 2004/2005 und 2009/2010, sowie von 2018 bis 2020 in den wärmeren Regionen Bayerns zu weiteren Massenvermehrungen des Schwammspinners.

Folgen des Befalls hängen von vielen Faktoren ab

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Die Folgen des Schwammspinnerfraßes sind indes nur schwer prognostizierbar, da sie von vielen unterschiedlichen Faktoren abhängen. So ist es von zentraler Bedeutung, ob der Blattaustrieb mit dem Schlupf der Raupen zeitlich zusammenfällt. Bedeutsam ist aber ebenso, ob im Jahr des Fraßes von den Bäumen noch ein erneuter Austrieb erbracht werden kann.

Außerdem spielen unabhängige Begleitfaktoren, wie etwa Temperaturen und Niederschläge während des Fraßes eine erhebliche Rolle. Für die Eichenvitalität ist zudem die Witterung vor und nach dem Fraß bedeutsam.

Befall von Eichen durch andere Insekten (z. B. Eichenwickler oder Eichenprozessionsspinner) oder Pilze (z. B. Mehltaubefall des Wiederaustriebs) kann zum Verlust weiterer Blattmasse führen. Sekundäre tierische Schadorganismen – wie Eichenprachtkäfer und Splintkäfer – und pilzliche Schädlinge wie etwa Hallimasch können schließlich bei geschädigten Bäumen zu weiteren Vitalitätseinbußen führen – im schlimmsten Fall bis hin zur Auflösung ganzer Waldbestände.

Natürliche Gegenspieler des Schwammspinners sind verschiedene Parasitoide an Eiern und Raupen, wie Erzwespen. Räuberischer Fraß an Eiern und Raupen findet durch Insekten, Vögel und Kleinsäuger statt.

Eine sehr große Rolle spielen auch Krankheitserreger wie Viren, Bakterien, Mikrosporidien und Pilze. In aller Regel entfalten diese natürlichen Gegenspieler jedoch erst Jahre nach Beginn der Massenvermehrung ihre Wirkung – können aber dann zum Zusammenbruch lokaler Populationen führen.

Regulationseffekte: Die Natur greift ein

Die letztgenannten Regulationseffekte konnten in Unter- und Mittelfranken teilweise bereits 2020 beobachtet werden. Ausgang waren Spätfröste Ende April, welche die Entwicklung der Schwammspinnerraupen vom Austrieb der Waldbäume entzerrte.

Die Folge waren schlechte Nahrungsqualität für die Raupen und eine damit verbundene verzögerte Entwicklung. Dies führte zu einem längeren Entwicklungszeitraum, innerhalb dessen die Raupen teilweise stark parasitiert wurden. Diese Umstände führten zu einer schlechten gesundheitlichen Verfassung einiger Schwammspinnerpopulationen – wodurch sie anfälliger für verschiedenste Krankheitserreger waren.

Beobachtet werden konnten vor allem Virusausbrüche, die zum Zusammenbruch vieler Schwammspinnerpopulationen führten. In diesen Waldbeständen konnten Ende 2020 kaum noch Schwammspinnereigelege gefunden werden.

Heuer wird es vermutlich keinen Kahlfraß geben

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Nach drei Jahren der Massenvermehrung und der Fortführung des Monitorings im vergangenen Herbst konnte die Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) Entwarnung geben: Die Zahl der gefundenen Schwammspinnergelege wies auf keiner Probefläche darauf hin, dass im Frühjahr 2021 mit einem Kahlfraß gerechnet werden muss.

Selbst in den wenigen Eichenwäldern, in denen höhere Dichten gezählten wurden, waren die Gelegezahlen weit geringer als im Vorjahr. Daher geht die Waldschutzabteilung der LWF von einem Ende der Massenvermehrung des Schwammspinners aus.

Das schließt aber nicht aus, dass kleinflächig, gerade an den Rändern der bisherigen Verbreitungsgebiete, der Schwammspinner im laufenden Jahr auffällig werden kann.

Zusammengefasst lautet die LWF-Prognose, dass der Schwammspinner heuer voraussichtlich keinen flächigen Kahlfraß in den Eichenwäldern in Bayern verursachen wird!

Erkenntnisse aus der Massenvermehrung

Die Kombination von Laubmasseverlusten und Witterungsextremen gilt als bedeutender Auslöser für die „Komplexkrankheit Eichensterben“, die seit Anfang der 1990er Jahre verstärkt auftritt. Zukünftig ist aufgrund des Klimawandels mit einer Verschärfung des Problems zu rechnen.

Das Ausmaß einer potenziellen Schädigung durch eine drohende Massenvermehrung des Schwammspinners kann zu Beginn des Jahres nicht mit 100%-iger Sicherheit bestimmt werden. Andererseits erfordern relativ selektive Behandlungsmittel einen frühzeitigen Einsatz.

Zwischen der Behandlung der jungen Schwammspinnerlarven und deren maximaler Schadwirkung zum Ende ihrer Entwicklung kann sich die Witterung günstig oder eben auch ungünstig für den Schwammspinner entwickeln. Dies betrifft sowohl die Entwicklung der Schwammspinner selbst als auch das Tempo der Blattentfaltung.

Es gibt daher trotz dem umfassenden und mehrstufigen Monitoringprogramm eine gewisse Unsicherheit über den Umfang des Schadens. Hinzu kommt, dass der zeitliche Abstand zwischen Schadereignis und Zeitpunkt des Absterbens bei Eichen – im Gegensatz zu anderen Baumarten – ausgesprochen groß ist und sich erfahrungsgemäß über viele Jahre erstreckt.

Aktuelle Informationen zum Projekt finden sich unter www.artemis-waldschutz.de

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Aufwendiges Monitoring und gezielter Insektizideinsatz

Um den Aufbau einer Massenvermehrung des Schwammspinners frühzeitig prognostizieren zu können, führt die LWF jedes Jahr ein Monitoring durch. Es basiert auf einer Prognose mit Pheromonfallen, die zuletzt auf bayernweit 66 Standorte ausgeweitet wurde.

Sobald ein kritischer Wert von 2000 männlichen Faltern je Falle überschritten wird, führen die staatlichen Förster der Ämter für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, der Staatsforsten sowie weiterer Organisationen Eigelegesuchen in den betroffenen Regionen durch.

Auf dieser Basis prognostiziert die LWF einen Risikoindex, in den Faktoren wie Vorschädigungen, Anzahl alter Gelege, Bestandeszusammensetzung und -struktur sowie die Einzelbaumvitalität einfließen.

Wenn ein starker Fraß zu erwarten und so eine Bestandesgefährdung gegeben ist, können die betroffenen Waldbesitzer einer Pflanzenschutzmittelbehandlung zustimmen.

Seit 2018 erfolgt diese Behandlung mit Mimic, einem nicht bienengefährlichen Häutungsbeschleuniger, der selektiv auf freifressende Schmetterlingslarven wirkt. Alle Insektizideinsätze fanden kleinflächig und scharf abgegrenzt statt. Selbstverständlich durften keine pflanzenschutz-, wasserschutzrechtlichen oder naturschutzfachlichen Gründe dagegensprechen. In Ausnahmefällen – unter ganz bestimmten sehr restriktiven Voraussetzungen – darf eine solche Behandlung laut EU-Kommission auch in FFH-Gebieten durchgeführt werden.

Alle in der aktuellen Massenvermehrung aus Waldschutzgründen mit Mimic behandelten Flächen zeigten im darauffolgenden Jahr einen markanten Rückgang der Schwammspinnerpopulationen unter die Risikoschwelle.