Ökosysteme

Der Preis für den Wert des Waldes

BLW_Buchenwald-Totholz
Karola Meeder
Karola Meeder
am Freitag, 16.07.2021 - 09:55

Wert und Preis sind leicht zu verwechseln, haben aber völlig verschiedene Bedeutungen. Das zeigen die Diskussionen um die Rolle des Waldes beim Klimaschutz und die Honorierung seiner Ökosystemdienstleitungen.

Klimaschutz auf Bundes- und EU-Ebene, die Rolle des Waldes dabei und die Honorierung der Waldbesitzer – zu diesen Themen gab es in letzter Zeit viele Wortmeldungen. Anfang Juni hat Bundeswaldministerin Julia Klöckner beim zweiten nationalen Waldgipfel ein zweistufiges Modell vorgestellt, mit dem die Klimaschutzleistung der Wälder honoriert werden soll (Wochenblatt Heft 23, Seite 53).
Ende Juni stand dann das Klimaschutzgesetz zur Abstimmung im Bundestag. Dazu äußerte unter anderem Max v. Elverfeldt, Vorsitzender der Familienbetriebe Land und Forst, seine Bedenken: „Mit dem vorliegenden Klimaschutzgesetz können wir unsere ambitionierten Klimaschutzziele nicht erreichen.“ Es sei zu befürchten, dass als Folge des Gesetzes große Teile der Wälder stillgelegt werden müssen. Eine Einschränkung der Waldwirtschaft würde aber nicht nur den klimastabilen Waldumbau unmöglich machen, sondern auch negative Auswirkungen auf die Klimaziele in anderen Sektoren haben, wie dem Gebäude- und Industriesektor, führte er weiter aus.

CO2-Reduktion nur mit aktiver Bewirtschaftung

Nach seinen Worten habe der wissenschaftliche Beirat Waldpolitik, ein Gremium aus 15 Forschern und Forscherinnen, das die Bundesregierung in Fragen zum Wald berät, diese Sorge bestätigt. Laut ihnen könnte das Klimaschutzgesetz die Anpassung der Wälder an den Klimawandel behindern, den Wald störungsanfälliger machen und die Klimaschutzziele durch Verlagerungseffekte konterkarieren. Elverfeldt betont daher: „Eine dauerhafte, nachhaltige CO2-Reduktion ist nur durch eine aktive, nachhaltige Waldbewirtschaftung gewährleistet, die zudem eine entsprechende Honorierung für ihre Klimaschutzleistung verdient. Hier muss die neue Bundesregierung nach der Bundestagswahl dringend nachbessern!“
Zum Hintergrund: Bei der Klimabilanzierung für den Wald liegt der Fokus aktuell auf dessen Funktion als Speicher. Die Holznutzung und deren Substitutionseffekte, also der Ersatz klimaschädlicher Materialien und Rohstoffe durch den klimafreundlichen, nachwachsenden Rohstoff Holz, werden dem Sektor hingegen nicht zugerechnet. In dieser Logik wird aber jede Baumentnahme im Wald bilanziell zu einer Emission – selbst wenn sie getätigt wird, um einen klimastabilen Waldumbau zu betreiben bzw. den wichtigen nachwachsenden Rohstoff Holz zu nutzen. „Die aktuelle Ausgestaltung ist völlig kontraproduktiv. Das Klimaschutzgesetz darf nicht nur die natürliche CO2-Senkenwirkung der Wälder in den Fokus nehmen, sondern muss auch den Holzproduktespeicher und die sektorübergreifenden Substitutionsleistungen in die Gesamtbetrachtung miteinbeziehen“, so von Elverfeldt.

Ökosystemleistungen honorieren

Während das Klimaschutzgesetz im Bundestag zur Abstimmung stand, widmete die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände (AGDW) ein zweitägiges Symposium dem Thema „Ökosystemleistungen honorieren – Herausforderungen des Klimawandels meistern“. Auch hier wurde die Sorge, dass durch das Klimaschutzgesetz Wald aus der Nutzung genommen werden könnte, angesprochen. So betonte auch Hans-Georg von der Marwitz, Präsident der AGDW, in seinem Grußwort beim digitalen Symposium, dass die Honorierung der Ökosystemdienstleistungen der Wälder an die Bewirtschaftung gebunden sein müsse.

„Der deutsche Wald befindet sich aktuell in der größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg“, sagte er – und bezifferte die Schadfläche auf landesweit 300.000 ha und den Schadholzanfall auf 200 Mio. fm. Durch fehlende Einnahmen seien die Waldbesitzer mit der Wiederbewaldung überfordert – und der Klimawandel erhöhe den Druck zusätzlich. Umso wichtiger sei es, die Ökosystemleistungen des Waldes zu honorieren. Bislang würden sie zwar „politisch eingepreist, aber nicht entsprechend bezahlt“, so der AGDW-Präsident.

Was sind die Ökosystemdienstleistungen wert

Aber was sind eigentlich die vielfältigen Ökosystemdienstleistungen wert? Dazu gab Prof. Dr. Thomas Knoke von der TUM einen Impulsvortrag und machte dabei deutlich: Wert und Preis sind zwei verschiedene Dinge. Der Preis sei, was man zahle, der Wert sei, was man bekommt. Auf den Wald umgemünzt: Der Wert unserer Wälder ist hoch – sie erfüllen vielfältige Ökosystemdienstleistungen. Von ihnen profitieren alle Menschen, aber keiner zahlt etwas dafür. Das soll sich ändern, aber wie hoch wäre denn dann der Preis?

Knoke näherte sich dem Thema mit der Frage, was die Ökosystemdienstleistungen einen Forstbetrieb kosten. „Diese Kosten vernünftig wissenschaftlich abzubilden, ist sehr komplex“, betonte er. In den letzten Jahren seien in den Wäldern jedoch wirtschaftliche Schäden in bisher nicht gekannter Höhe entstanden. Alleine die Extremwettereignisse 2018 und 2019 hätten einen Schaden von 13 Milliarden Euro verursacht.

Mit den Schäden ist aber noch nicht Schluss: So zeigt eine Simulation, an der Knoke mitgearbeitet hat, dass sich der Wert der Fichtenbestände künftig um 10.000 €/ha vermindern wird, was einem jährlichen Schaden von 150 €/ha entspräche. „Und das sind keine Werte aus einem Worst-Case-, sondern aus einem durchaus zu erwartenden Szenario“, betonte Knoke. Mit Blick auf die Wiederbewaldung ging er auch kurz auf die Wildbestände ein – sind sie zu hoch, könne das zusätzliche Kosten von bis zu 100 € je Hektar und Jahr verursachen.

Für Waldbesitzer fehlen die Anreize

Zurück zu den Ökosystemdienstleitungen: Knoke erklärte, dass der Anreiz für Waldbesitzer, diese Ökosystemdienstleistungen bereitzustellen, derzeit komplett fehle – denn die Produzentenrente fehlt. Die Waldbesitzer bekommen also entweder gar keine Entlohnung oder es werden nur die Kosten der Leistung (Kompensation) gedeckt – für die Waldbesitzer bleibt aber „nichts hängen“. „Das ist, wie wenn BMW seine Autos zum Selbstkostenpreis verkaufen würde“, verdeutlichte Knoke. Es stellt sich also erneut die Frage, was die Bereitstellung der einzelnen Ökosystemdienstleistungen eigentlich kostet. Knoke gab dazu zwei Beispiele:

  1. Buchentotholz als Produkt: Dazu nannte Knoke als Beispiel einen niederbayerischen Forstbetrieb mit 50 ha Fläche. Rund 25 % der Betriebsfläche eigenen sich zur Bereitstellung von Buchentotholz. Nur um die Kosten dafür zu decken, wären jährlich 6000 € nötig – obendrauf müsste dann noch die Produzentenrente kommen: Knoke nannte für diesen Beispielbetrieb eine Summe von zusätzlich 11.500 € im Jahr. Das ist fast das Doppelte der reinen „Kostenkompensation“.
  2. Kohlenstoffbindung: Als Beispielbetrieb dient hier ein Süddeutscher Bestand, dominiert von Tanne, Fichte und Buche. Um vier Tonnen mehr Kohlenstoff zu binden, müsste der Betrieb des Nadelholzanteil zugunsten den Laubholzes senken. Ebenso muss die Ernte nach hinten verschoben werden. Beides verursacht Kosten. Beim genannten 4-Tonnen-Ziel vermindert jede Tonne Kohlenstoff den Wert des Bestandes laut Knoke um 568 € – und zwar im Vergleich zu einer ökonomisch optimalen Bewirtschaftung. Umgerechnet auf die Tonne gebundenes CO2 entspricht das 155 €. „Das ist teurer, als wir bisher angenommen haben“, sagte Knoke.

Wir sehen also, dass den hohen Werten auch hohe Kosten seitens der Forstbetriebe gegenüberstehen, führte er weiter aus. Diese Kosten würden im Moment nicht oder nur unzulänglich honoriert werden. Betrachtet man nur die Totholzbereitstellung, könnte eine faire Honorierung im Bereich von jährlich rund 300 €/ha liegen.

Ob es nun künftig tatsächlich einen Preis für den Wert der Ökosystemdienstleistungen unserer Wälder geben wird? Und ob der Preis dann eher einer Kostenkompensation oder einer Produzentenrente entspricht? Das bleibt abzuwarten.