Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Interview

Mit Pferdestärke im Wald

Annette Scholz, Bayerische Waldbauernschule
am Freitag, 27.05.2022 - 12:00

Pferderücker Korbinian Arzberger arbeitet eng mit seinen Pferden zusammen. Ist das überhaupt zeitgemäß oder nur Nostalgie?

Pferderücken

In einem Fichten-Kiefern-Altbestand in steilem Gelände sind Korbinian Arzberger und sein bester Mitarbeiter bei der Arbeit: Der Pferderücker und sein 9-jähriger Norikerwallach Stratos sind in einem Wasserschutzgebiet bei Brennberg im Vorderen Bayerischen Wald mit mit dem Vorliefern der eingeschlagenen Sortimente beschäftigt.

Herr Arzberger, das ist ja eine schweißtreibende Angelegenheit für Mensch und Pferd in diesem steilen Gelände.

Ja, die Geländeverhältnisse sind hier tatsächlich recht anspruchsvoll. Steile, bisher kaum erschlossene und zum Teil stärker blocküberlagerte Hangbereiche wechseln sich mit kleinen Bächlein und schützenswerten Quellhorizonten ab. Zwischen den bearbeiteten Flächen befinden sich außerdem noch die eingezäunten Quellfassungsbereiche.

Wie sind Sie eigentlich zu dem Auftrag hier gekommen?

Ein älterer Waldbesitzer hat die WBV Regensburg-Nord beauftragt, seine Flächen durchzuarbeiten. Angesichts der besonderen Geländeverhältnisse und der Lage im Wasserschutzgebiet war sowohl dem Waldbesitzer als auch dem Geschäftsführer Thomas Iberl die bodenschonende Bringung hier sehr wichtig. Deshalb wurde ich gefragt, ob ich mit meinen Pferden das Vorliefern der motormanuell gefällten Stämme bis zur Rückegasse beziehungsweise bis an den nördlich verlaufenden befahrbaren Weg übernehmen könnte.

Und welche Ausrüstung brauchen Sie und Stratos für diesen Einsatz?

Stratos trägt ein sogenanntes Kummet. Die daran befestigten Stränge verlaufen seitlich am Pferdekörper, übernehmen dann die Kraft nach hinten auf das Ort- oder Waagscheid, das wiederum die Kraft auf die Kette konzentriert. Die vier Millimeter dünne Kette aus hochverdichtetem Stahl ist für Lasten weit über eine Tonne ausgelegt. Das wars, mehr brauchen wir nicht.

Auf was müssen Sie als Pferdeführer bei der Rückung achten?

Stratos hat einen sehr starken Willen, er will selbst den Stamm zu seinem Ziel bringen. Wenn das nicht so klappt, gefällt ihm das gar nicht! Meine Aufgabe ist, Stratos bei seiner Arbeit zu unterstützen und möglichst wenig zu stören. Das Pferd drückt mit seiner Brust und Schulter ins Kummet und bewegt so den Stamm vorwärts. Beim Anbringen der Kette am Stamm achte ich immer darauf, dass ich dem Pferd die Arbeit erleichtere. Deshalb hänge ich die Kette ein bisschen versetzt zur Stammoberseite an. Das führt zu einer Rotation des Stammes und erleichtert dem Stratos das Losgehen. Bei größeren Hindernissen muss ich die Kette immer wieder abnehmen und neu am Stamm befestigen.

Der Stoßzügel hängt bei der Arbeit eigentlich immer lose durch, mit dem kann ich das Pferd eh nicht lenken. Über einen kurzen Zug am Zügel kann ich aber Stratos Aufmerksamkeit auf mein Kommando lenken. „Wia“ heißt vorwärts, „Vista“ links, „Hott“ rechts und Stop heißt „Jöhh“.

Unglaublich mit wie viel Kraft sich Stratos ins Zeug legt. Wie sind Sie denn auf die Idee gekommen mit Pferden Holz zu rücken?

Ich habe selbst 20 Hektar Wald und mein erstes Pferd mit neun Jahren bekommen. Im eigenen Wald war mir die bodenschonende Bringung schon immer ein Anliegen und dort habe ich auch meine ersten Rückeversuche mit meinen Pferden unternommen. Vor 15 Jahren konnte man sich allerdings hier in Bayern nicht wirklich zum Thema Pferderückung fortbilden. Darum bin ich bis nach Frankreich und Luxemburg gefahren, um zu lernen. Dort ist die Pferderückung sehr verbreitet. Auch starke wertvolle Eichenstämme, die mehrere Festmeter haben, werden mit Pferden gerückt.

pferderueckung-arzberger

Sie sind ja selbst Geschäftsführer einer WBV im Landkreis Regensburg gewesen und haben vor allem maschinelle Holzernte im Kleinprivatwald organisiert. Die Wirtschaftlichkeit steht da im Vordergrund. Kann denn die Pferderückung überhaupt wirtschaftlich sinnvoll sein?

Es gibt Einsatzgebiete, in denen das Pferd im Vergleich zu anderen Verfahren besonders schlagkräftig ist. Das Vorliefern, sowohl in Hanglagen als auch auf Sonderstandorten sind optimale Einsatzbereiche der bodenschonenden Pferderückung. Bei Abständen von Rückegassen von mehr als 30 bis 40 Metern, beginnt das Vorliefern mit dem Pferd wirtschaftlich interessant zu werden. Vor allem im steileren Gelände ist das Pferd eine attraktive Alternative. Eine gute Auszeichnung und Erschließung des Bestandes sowie das Vorhandensein von Lagerplätzen sind für mich Voraussetzungen, um einigermaßen wirtschaftlich arbeiten zu können. Auch der Waldbesitzer kann uns die Rückearbeit sehr erleichtern, in dem er beim Einschlag vermeidet, mehrere Stämme übereinander zu fällen. Bei einem Gassenabstand von 40 Metern können erfahrungsgemäß Kosten von etwa sechs bis acht Euro netto pro Festmeter veranschlagt werden. Bei größeren Entfernungen, schwierigen Geländebedingungen, sehr schwachen oder überstarken Sortimenten, kann sich dieser Satz deutlich erhöhen. Das Vorliefern mit dem Pferd muss immer mit einer maschinellen Endrückung kombiniert werden.

Wie stark darf denn so ein Stamm sein, dass Stratos ihn noch gut rücken kann?

In der Ebene werden idealerweise Stämme mit einer Stückmasse von etwa 0,3 Festmeter vom Pferd vorgeliefert, das sind also schwächere Sortimente, wie sie bei der Erstdurchforstung entstehen. Hier in diesem Altbestand fallen viel stärkere Sortimente mit einer Stückmasse von rund einem Festmeter an, die wir einspännig zum Teil bis zu 200 Meter vorliefern. Am Hang können wir die Hangabtriebskraft zum Transport nutzen, dafür muss das Holz aber länger angehängt werden. Der Rücker muss hier sehr aufpassen, dass die Stämme nicht zwischen die Beine des Pferdes geraten. In der Ebene könnten solche starken Sortimente nur über recht kurze Distanzen von wenigen Metern, zum Beispiel in die Kranzone, vorgeliefert werden.

Das Arbeiten am Hang hört sich ziemlich unfallträchtig an. Gibt es viele Unfälle?

Mir ist kein Unfall mit Pferden beim Holzrücken bekannt. Stratos oder einer seiner Kollegen waren noch nie verletzt oder krank. Ich glaube, dass so wenig passiert, hängt an der vertrauensvollen Verbindung von Mensch und Pferd! Die ist Voraussetzung für das gemeinsame Arbeiten im Wald. Jeder von uns beiden muss auf den anderen gut aufpassen. Einsatzzeiten von drei bis zu vier Stunden pro Pferd sollten nicht überschritten werden, solange können meine Pferde hochkonzentriert arbeiten. Das wichtige ist der Kopf und die Konzentration, kraftmässig geraten sie in dieser Zeit eigentlich weniger an ihre Grenzen. Außerdem ist eine gute Ausbildung sehr wichtig.

Vertrauensvolle Bindung

Stichworte Vertrauen und Ausbildung: Wie lange ist Stratos schon bei Ihnen und wie haben Sie Ihre Pferde zum Holzrücken ausgebildet?

Stratos und seinen Bruder haben wir auf einer Alm in Österreich als Fohlen gekauft, das sind die besten Pferde, die ich jemals erwerben konnte. Die Ausbildung zum Rückepferd kann erst beginnen, wenn ein Gespann schon einige Jahre beieinander ist und gegenseitiges Vertrauen zueinander hat. Ich fange mit zweieinhalb bis drei Jahren mit der Longenarbeit an, dann gehen wir viel miteinander in den Wald, sodass die Pferde ein Grundvertrauen entwickeln können. Sie müssen nervenstark und stressstabil sein. Das erreichen wir durch Gewöhnung an alle erdenklichen Geräusche und Situationen von Jugend an. Wichtig ist das Befolgen der Kommandos, das muss klappen! Auf „Jöhh“ müssen sie stehen, mitunter auch recht lange. Stellen Sie sich nur vor, der Stratos würde abhauen, wenn er Angst bekommt, dann könnt᾽ er sich die Haxn brechen oder mich verletzen. Er muss auf mich aufpassen lernen, auch wenn er Muffe hat. Mit knapp vier Jahren werden sie dann eingefahren, zunächst ein-, dann zweispännig im Geschirr, ein halbes Jahr im Straßenverkehr. Erst danach können wir langsam mit der Rückearbeit im Wald beginnen. Erst zu zweit, einer nimmt ihn vorne, der andere hängt den Stamm an. Bei den ersten 200 Festmetern darf nix Schlimmes passieren. Nervös darf er dabei schon mal werden, aber er darf nie eine schlechte Erfahrung haben! Am Anfang rücken wir auch nur in einfachen Verhältnissen. Das gegenseitige Vertrauen kommt also erst über die Jahre, da gewinnt das Pferd Sicherheit!

Das Holzrücken in schwierigen Geländeverhältnissen wie hier kann ich nur mit einem erfahrenen Pferd machen, das schon vier bis fünf Jahre Rückeerfahrung im Wald hat.

Gibt es auch noch andere Einsatzbereiche von Arbeitspferden im Wald?

Ein sehr interessanter Bereich ist die Bodenverwundung zur Einleitung der Naturverjüngung oder auch der anschließenden Saat von Baumarten. Das Pferd zieht dabei einen von mir umgebauten Scheibenpflug, so wird der Mineralboden sehr schonend freigelegt und das ohne jegliche maschinelle Befahrung abseits der Feinerschließung. In dem freigelegten Mineralboden verjüngen sich Baumarten reichlich, ich kann dort aber auch bestimmte andere Baumarten säen.

Wieviele Rückepferde gibt es denn in Bayern?

Diese Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten. Über die Interessensgemeinschaft Zugpferde, deren zweiter Vorsitzender ich in Bayern bin, kenne ich einige Freizeitpferde, die im Winter ab und zu zur Rückung kleinerer Mengen Brennholz eingesetzt werden. Richtige Arbeitspferde bzw. Rückepferde, die nicht nur sich selbst, sondern auch ihren Herren ernähren können, gibt es meines Wissens nicht allzuviele in Bayern. In der Forstlichen Unternehmerdatenbank der LWF werden derzeit 44 Pferderückeunternehmen geführt, 33 davon stammen aus Bayern, der Rest aus benachbarten Bundesländern.

Sie bieten an der Waldbauernschule in Kelheim Anfang Oktober einen Pferderückekurs an. Was für ein Ziel verfolgen Sie mit dem Kurs?

Mit dem Kurs an der WBS Kelheim wollen wir interessierten Pferde- und Waldbesitzern die Grundlagen für einen Einsatz von Pferden im Wald vermitteln und unsere Vorstellung von zeitgemäßem, sicheren und tierschonendem Holzrücken mit Pferden zeigen.

Wie entscheiden Sie eigentlich, welches Pferd Sie zum Rücken mit in den Wald nehmen?

Ich geh jeden Morgen in den Stall und der, der als erster zu mir kommt, den nehm᾽ ich mit zum Holzrücken. Nur wenn das Pferd Lust hat, darf es auch mit!