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Waldtag Bayern

Leistung der Wälder: Nur das Holz wird honoriert

Ein Waldbesuch entspannt. Diese Behauptung überprüften die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Waldtags 2022 bei der Exkursion im Augsburger Siebentischwald.
VBF
am Mittwoch, 05.10.2022 - 11:13

Wer braucht den Wald? Diese Frage stand beim Waldtag Bayern im Mittelpunkt. Die Antwort: jeder. Aber was sind die Leistungen der Wälder eigentlich wert?

An vielen Orten in Bayern sind die Wälder gefährdet. Deshalb muss sehr schnell gehandelt werden, damit die Wälder auch in Zukunft überleben und ihre wertvollen Leistungen für alle bereitstellen können. Das betonte Urban Treutlein vom Bayerischen Forstministerium beim Waldtag Bayern. Veranstalter sind die Vertreter der Bayerischen Forstwirtschaft (VBF), ein bundesweit einmaliger Zusammenschluss von 20 bayerischen Forstverbänden und -organisationen in Kooperation mit dem Zentrum Wald-Forst-Holz Weihenstephan, wie es in einer Pressemitteilung des VBF heißt.

Damit ist in Bayern praktizierte multifunktionale Forstwirtschaft auch der Weg in die Zukunft. Laut Isabelle Jarisch, Sprecherin der VBF, bedeutet Multifunktionalität, viele Ansprüche auf einer Fläche zu vereinen, wozu es sowohl Fachwissen, Kommunikation und Zusammenhalt als auch Kompromissbereitschaft brauche.

Augsburg: Mehr als 7000 ha Stadtwald

Das wird auch am Stadtwald in Augsburg deutlich. Die Hauptstadt Schwabens ist mit 7679 ha der größte kommunale Waldbesitzer in Bayern. Nach Aussage von Oberbürgermeisterin Eva Weber versorgt er die Augsburgerinnen und Augsburger mit frischem, sauberem Trinkwasser, bietet jährlich ca. 3 Mio. Besuchern Ruhe und Naherholung und filtert 10 000 t Kohlendioxid pro Jahr aus der Luft. Der innerhalb der Stadtgrenzen liegende Teil von ca. 2000 ha ist Naturschutzgebiet, macht ein Viertel der Stadtfläche grün und beherbergt eine unglaubliche Vielfalt an Tier und Pflanzenarten.

Christoph Schulz von der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft hat die Ökosystemleistungen (ÖSL) im Augsburger Stadtwald untersucht, also die direkten und indirekten Beiträge von Ökosystemen zum menschlichen Wohlergehen. Bis zu 13 ÖSL stellt der zentrumsnahe Wald gleichzeitig vielen Menschen bereit. Für den gesamten Kommunalwald der Stadt Augsburg sind es sogar 15.

Aber, so Schulz: „Das Management wird schwieriger.“ Sowohl Umweltänderungen wie beispielsweise der Klimawandel als auch gesellschaftliche Veränderungen erhöhen die Anforderungen an Waldbesitzer und Forstleute zur optimalen Bereitstellung der ÖSL.

Die Baubranche braucht Holz

Der Augsburger Stadtwald liefert aber auch Holz, einen Rohstoff, den die Baubranche dringend braucht, wie Anne Niemann, Architektin an der TU München (TUM) betonte. Holz sei der einzige nachwachsende Baustoff und die nachhaltige Forstwirtschaft ermögliche, dass nachhaltig mehr Holz als bisher im Bau verwendet werden kann.

Und das sei praktischer Klimaschutz, denn der im Holz gespeicherte Kohlenstoff wird über Jahrzehnte der Atmosphäre entzogen. Gleichzeitig wird der Einsatz emissionsintensiver Baustoffe wie Zement und Stahl verringert. Da künftig weniger Fichtenholz geerntet werde, müssen im Bau verschiedene Holzarten intelligent eingesetzt werden. Als Beispiel zeigte Niemann ein Parkhaus, das innovativ aus Buchenholz gebaut ist.

Nicht nur ein Holzhaus erzeugt ein Wohlfühlklima. Viele Studien belegen auch die gesundheitsförderliche Wirkung von Waldaufenthalten. „Je höher der Stress desto höher die heilsame Wirkung“, betonte Dr. Gisela Immich von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Inzwischen gibt es in Bayern 13 neu zertifizierte Kur- und Heilwälder. Jede Kommune, Gesundheitseinrichtung oder jeder Waldeigentümer könne einen eigenen Kur- und Heilwald ausweisen lassen.

Selbst Miniwälder fördern das Wohlbefinden

Auch in den Städten entfalten sogenannte Stadtoasen ihre Wirkung. Monika Egerer meint: „Miniwälder in der Größe von Tennisplätzen werden oft unterschätzt.“ Kleinststadtwälder und Grünflächen tragen zum lokalen Klimaschutz bei, bieten Lebensraum für Tiere und Pflanzen und verbessern das Wohlbefinden der Stadtbewohner.

Die bisherigen Ausführungen zeigen auch, dass allgemein anerkannt wird, dass der Wald viele wertvolle Leistungen erbringt. Josef Ziegler, Präsident des Bayerischen Waldbesitzerverbandes, nannte dies bei der Podiumsdiskussion im Rahmen der Tagung eine durchaus gute Nachricht – auch für Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer. Problematisch findet er jedoch, dass davon nur eine Leistung – die Holzernte – finanziell honoriert würde.

Auwaldpflege kostet eine halbe Million im Jahr

Roland Barth, Stadtkämmerer von Augsburg, zeigte auf, dass Ökosystemleistungen nicht zum Nulltarif zu haben sind. Rund eine halbe Million Euro ist der Stadt Augsburg ihr Auwald jedes Jahr Wert. Die Bundesregierung arbeitet derzeit an einem Förderprogramm. Laut Urban Treutlein ist dies zwar eine echte Wertschätzung für Waldbesitzer, allerdings könnten Flächenprämien allein den Wald nicht retten.

Die Anpassung der Wälder an den Klimawandel zu fördern, sei noch wichtiger. Ziegler hob hervor, dass der Klimawandel insbesondere durch die Nutzung fossiler Energiequellen entstanden ist. Wichtig für ihn ist, die Verursacher des Klimawandels, also alle Emittenten, an den Kosten zur Schadensbehebung zu beteiligen.

Forderungen der Forstverbände

Beim Waldtag Bayern haben die Vertreter der Bayerischen Forstwirtschaft (VBF) eine gemeinsame Botschaft vorgestellt. Dem Zusammenschluss forstlicher Verbände und Organisationen liegen Erhalt und nachhaltige Bewirtschaftung der Wälder am Herzen, um die Ökosystemleistungen langfristig zu sichern, also die ökonomischen, ökologischen und sozialen Leistungen und Funktionen der Natur, die zum Wohlergehen des Menschen beitragen.

Die VBF heben die besondere Verantwortung der Menschen heraus. Der Wald müsse an die veränderten Rahmenbedingungen angepasst werden und spiele als Kohlenstoffspeicher und Lieferant des klimafreundlichen Rohstoffes Holz eine entscheidende Rolle auf dem Weg zur Klimaneutralität.

Daraus leiten die Verbände folgende Positionen und Forderungen ab:

  • langfristige Strategien zur Sicherung des Nachwuchses an Fachkräften,

  • eine holzbasierte Bioökonomie, vor allem Bauen mit heimischem Holz,

  • aktive Klimaanpassung der Wälder durch Mischwald und klimatolerante Baumarten,

  • eine gegenseitige Akzeptanz verschiedener Ansprüche an den Wald,

  • mehr qualifizierte Fachleute mit Ortskenntnis,

  • politische, finanzielle und gesellschaftliche Unterstützung des Forstsektors.

Nähere Informationen zum Waldtag Bayern unter www.forstzentrum.de in der Rubrik „Aktuelle Nachrichten“.