Waldschutz

Jagd als Grundlage des Waldumbaus

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Karola Meeder
Karola Meeder
am Dienstag, 30.11.2021 - 06:57

Im Steigerwald wurde der Wald-vor-Wild-Preis des ökologischen Jagdverbandes zum ersten Mal an Preisträger aus dem Staatswald verliehen – die Diskussionen vor Ort sind deshalb aber nicht weniger interessant für Privatwaldbesitzer.

Braucht es eigentlich die Jagd noch? Einer der bekanntesten Förster Deutschlands schreibt in seinem neuesten Buch, dass der Wald auch ohne Jagd auskomme – eine Aussage, die wohl viele zu einer ungehaltenen Antwort animiert. Ulrich Mergner, der bis zu seiner Pensionierung im Mai diesen Jahres Forstbetriebs- und Jagdleiter des Forstbetriebs Ebrach der BaySF war, reagiert darauf ruhig: „Wenn es nur um Fichten- oder Buchenverjüngung geht, mag er Recht haben“, sagt er. Aber der notwendige Waldumbau im Zuge des Klimawandels, das enorme Potenzial der natürlichen Mischbaumarten – sofern noch vorhanden – und der Schutz der Bodenvegetation belegen, wie wichtig die Regulation der Rehwildbestände ist, erklärt er weiter. Denn zu viele Faktoren bieten Rehen optimale Bedingungen – und darum sieht er keine Alternative zu einer konsequenten, am Waldökosystem orientierten Rehwildbejagung.
„Wald vor Wild – das ist die Grundlage für den klimabedingt dringend nötigen Waldauf- und -umbau“, bekräftigt auch Dr. Wolfgang Kornder. Der 1. Vorsitzende des Ökologischen Jagdverbandes (ÖJV) Bayern hat zur Waldexkursion nach Ebrach (Lks. Bamberg) eingeladen – genauer gesagt zur Exkursion in die Reviere der drei diesjährigen Preisträger des Wald-vor-Wild-Preises des ÖJV. Heuer geht er zum ersten Mal in den Staatswald. Der Zeitpunkt war perfekt gewählt: Der Steigerwald präsentierte sich im Herbstkleid und so konnten alle drei Preisträger einen doppelten Augenschmaus vorzeigen: Waldbaulich tolle Bestände, die in den schönsten Herbstfarben leuchteten.
„Ein Forstbetriebsleiter kann Jagdkonzepte erstellen, er kann Finanzmittel locker machen, er kann den verwaltungsbürokratischen Schreibkram erledigen – sprich den jagdlichen Innendienst verrichten“, sagte Mergner. Dadurch werde jedoch kein einziges Waldbäumchen vor dem Rehwildverbiss geschützt. Hier sei das jagdliche Engagement und das Organisationstalent der Revierleiter und Revierleiterinnen entscheidend. Und hierbei hätten die drei Preisträger hervorragende Arbeit geleistet – genau wie alle weiteren Revierleiter am Forstbetrieb Ebrach. „Mit hohem persönlichem Einsatz und viel jagdlichem Verständnis setzen sie sich alle dafür ein, dass die natürliche Baumartenverjüngung und eine üppige Bodenflora wachsen.“

Eine Jagdstrategie, diefür Gegenwind sorgt

Doch bei allem Lob: eitel Sonnenschein herrscht natürlich auch nicht in Ebrach. Die Revierleiter haben auch häufig starken Gegenwind aushalten müssen, wie Mergner und Kornder in ihren Ansprachen betonten. Zum einen geht es da um den gelebten Grundsatz „Wald vor Wild“, es geht aber auch um Jagdneid. „Der Staat schießt uns die Rehe weg“, ist ein oft gehörter Vorwurf, der auch bei der Exkursion von einem Jagdvorstand ausgesprochen wurde.
Und in der Tat haben alle drei Preisträger, als sie in ihre Reviere gekommen sind, die Jagd intensiviert – dabei lag der Fokus auf der Bewegungsjagd. Als zum Beispiel Ellen Koller in ihr Revier kam, hat sie bis zu acht Drückjagden im Winter organisiert. Das sei dann auch für die Angrenzer nicht leicht zu akzeptieren gewesen, blickte sie zurück. „Aber Uli hat mich immer rausgehauen“, sagte sie mit einem dankbaren Blick in Richtung Ulrich Mergner.
Nachdem sich bei ihr mittlerweile sogar die Eiche ohne Schutzmaßnahmen verjüngen kann, hat sie bei der Jagd wieder den Fuß vom Gas genommen. Jetzt hält sie drei bis vier Jagden im Jahr. Bei ihrem Kollegen, Andreas Balling vom Revier Schmerb, macht sich die intensive Jagd ebenfalls bezahlt: Selbst gepflanzte Tannen brauchen bei ihm keinen Schutz. Und auch im Revier von Petra Diener brauchen Tannen und Edellaubbäume aus Naturverjüngung keinen Schutz mehr.
Bei der Exkursion in die drei Reviere zeigten sich die anwesenden Fachleute von Forstämtern, BaySF und Verbänden durchaus begeistert. „Was wir hier sehen, ist allererste Sahne“, sagte zum Beispiel Klaus Schulz, stellvertretender Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft (ANW). Nur einer zeigte sich wenig beeindruckt: Hinter einem Zaun seien die Bäumchen doch auch gut geschützt, sagte ein Teilnehmer. Der Bürgermeister einer fränkischen Gemeinde erzählte stolz, dass seine Gemeinde erst kürzlich 10 000 Bäumchen gepflanzt und anschließend gezäunt hat - und man dafür sogar eine Förderung von 30 000 € bekommen habe.
Mit nur einem Satz nahm ihm Preisträgerin Ellen Koller den Wind aus den Segeln. Sie fragte: „Finden Sie es richtig, dass das der Steuerzahler bezahlen muss?“. Denn wenn die Jagd stimmt, brauche es auch keine teuren Schutzmaßnahmen. Wenn gejagt wird, der Verbiss aber hoch bleibt, dann „zahlt der Steuerzahler das Jagdvergnügen der Jäger“, verdeutlichte sie.

Jagd am Waldbild messen, nicht an Trophäen

Auch Götz von Rothenhan, Vizepräsident des Bayerischen Waldbesitzerverbandes, meldete sich zu Wort und lenkte den Blick auf den Privatwaldwald. Er appellierte, dass Jagdgenossenschaften genauer bei der Auswahl der Jagdpächter hinsehen müssten. Will man wirklich den Zahnarzt aus der 50 km entfernten Stadt oder lieber einen, der nicht nur physisch näher dran ist, sondern auch näher dran an den Ansprüchen, die die Waldbesitzer an die Jagd haben? Und dann sollte man sich auch überlegen, was bei den Verhandlungen wirklich wichtig ist. Ist das tatsächlich eine möglichst hohe Jagdpacht – oder ist den Waldbesitzern nicht mehr geholfen, wenn man konkrete Ziele zum Abschuss und zum Zustand der Vegetation vereinbart? Zudem müsse man weg von dem Gedanken, dass sich die Jagd an Jagdtrophäen misst – die Jagd müsse sich am Waldbild messen.

Es geht um die gesamte Waldvegetation

Es gehe nicht darum, die Rehe auszurotten – was man sowieso nicht schaffen könne, bekräftigte Ellen Koller. Es gehe darum, Bedingungen zu schaffen, unter denen sich die vorhandenen Baumarten ohne Schutzmaßnahmen verjüngen können. Und auch wenn der Fokus auf den Bäumen liegt, geht es bei angepassten Wildbeständen um die gesamte Vegetation. Denn die Kraut- und Strauchschicht hat eine elementare Bedeutung für das Waldökosystem und seine Stabilität.
Zu den bekannteren Vertretern der Strauchschicht gehört das Weidenröschen, das nicht nur schön aussieht, sondern auch Kahlstellen im Wald relativ zügig schließen kann. So schützt es den Boden vor Erosion, beschattet ihn und schützt vor Nährstoffausträgen – oder anders gesagt: Wo Lücken im Bestand entstehen, hält die Pionierpflanze den Boden fruchtbar und sorgt für Bedingungen, unter denen sich andere Arten besser etablieren können als auf kahlen, ungeschützten Böden.
Doch auch Weidenröschen werden gerne von Rehen geäst. Stimmt die Jagd nicht, fehlt also auch dieser wertvolle Lückenfüller. Das ist nur ein Beispiel, das stellvertretend für die Kraut- und Strauchschicht stehen soll. Hinzu kommt, dass sie auch Futter- und Habitatpflanzen für verschiedene Arten umfasst.

Nachbarn und Behörden können Probleme bereiten

Trotz der guten Argumente finden nicht alle die Jagd im Staatswald gut. Das haben die drei Preisträger zu spüren bekommen – am deutlichsten wohl Petra Diener. „Es ist traurig und kennzeichnend für einen Teil Deiner Jagdnachbarn, dass sie die Erfolge Deines jagdlichen Engagements nicht neidlos anerkennen“, sagte Ulrich Mergner in seiner Laudatio für Petra Diener.
Kritik übte auch Wolfgang Kornder – allerdings hatte sie einen anderen Adressaten: Manchmal – aber nicht in Ebrach – spielen auch die Jagdbehörden eine unrühmliche Rolle. Zum Beispiel, wenn sie die notwendigen Abschusspläne verweigern – oder wenn „in kleinkarierter Weise Rehbockabschüsse nach dem 15. Oktober geahndet werden, obwohl diese in modernen synchronisierten Jagdgesetzen – beispielsweise in Baden-Württemberg oder in Thüringen – zusammen mit dem übrigen Rehwild längst bis Januar frei sind“, sagte er.
Doch trotz aller Widrigkeiten haben es die drei Preisträger geschafft, eine waldfreundliche Jagd in ihren Revieren durchzusetzen. Dafür dankte ihnen Kornder – ebenso dankte er deren langjährigen Vorgesetzten Ulrich Mergner. Seiner Nachfolgerin Barbara Ernwein, die bei der Exkursion natürlich auch dabei war, wünschte er Kraft und Mut, dieses Werk fortzusetzen.
Jagdliche Erfolge brauchen jagdliches Know-how, einen fürsorglichen Umgang mit den Mitjägern, eine gute Portion Frustrationstoleranz und einen langen Atem – fasste es Ulrich Mergner zusammen. Diese schwierige Aufgabe hätten die drei Preisträger mit Bravour gemeistert. „Ihr habt dem Wald den Vorrang vor dem Wild gewährt, so wie es das Gesetz vorschreibt. Ich wünsche mir, dass Ihr Vorbilder für andere und vor allem für die forstliche Jugend seid“, fasste er zusammen – und so sollte dann auch die Frage geklärt sein, ob es die Jagd braucht.

Tannenpflanzung ohne Schutz

Waldpreis

Preisträger Andreas Balling, Revier Schmerb, Abteilung Schwarzäcker: Der Name verrät es schon – wo heute ein üppiger Wald steht, befanden sich um 1800 Äcker. Aufgeforstet wurde etwa um1850, vorwiegend mit Fichte. „Die Fichten, die wir heute sehen, sind also die zweite Generation nach der Erstaufforstung“, erklärte Andreas Balling den Exkursionsteilnehmern. Im Revier ist er seit 1986. Damals setzte sich die Jagdstrategie aus einer Kombination aus Einzel- und Kirrjagd zusammen. Balling hat dann Bewegungsjagden und später auch sehr große Jagden mit bis zu 200 Teilnehmern eingeführt – und diese Jagden gingen durch das ganze Revier, das 1500 ha groß ist. „Die Einzeljagd ist sehr schwierig und ineffektiv“, erklärt Balling. Durch die Bewegungsjagden mache er in seinem Revier über 90 % der Rehwildstrecke.

Heute ist der Umbau der ursprünglich fast reinen Fichtenbestände mit Tanne und Edellaubbäumen gelungen: Laut Balling hat die Fichte noch einen Anteil von etwa 10 Prozent. Und ein Ergebnis seiner Jagdstrategie ist, dass selbst die gepflanzten Tannen nicht geschützt werden müssen.

Die Brombeere, die vielen Waldbesitzern wahrlich ein Dorn im Auge ist, sieht Balling nicht als Störfaktor – zumindest solange sie nicht überhand nimmt. Denn zum einen schließe sie Nährstoffkreisläufe und zum anderen stelle sie eine Art natürlichen Verbissschutz dar. Dazu erinnerte einer der Gäste an folgenden Spruch: „Die Brombeere ist der Stacheldraht der naturgemäßen Waldbewirtschaftung“. Im Sommer diesen Jahres wurde Andreas Balling pensioniert – er zeigte sich aber guter Dinge, dass sein Nachfolger Jonathan Schäfer seine Arbeit gut fortsetzen wird.

Eichen wachsen unter Altbestand

Waldschutz

Preisträgerin Ellen Koller, Revier Oberschwappach, Abteilung Ölarn: Ellen Koller führte die Exkursionsteilnehmer durch einen eichenreichen Mischbestand. „Im Hauptbestand sind hier rund 20 Baumarten, doch als ich 2012 ins Revier kam, konnte sich meist nur die Buche verjüngen“, blickte sie zurück. Also hat sie die Jagd intensiviert (siehe Haupttext). Mittlerweile konnte sie bei der Jagd den Fuß wieder etwas vom Gas nehmen und freut sich nicht nur über eine prächtige Verjüngung. „Die gesamte Vegetation ist wichtig“, betonte sie und erzählte, wie groß ihre Freude war, als sie zum ersten Mal Orchideen in ihrem Revier gesehen hat. Auch die Rückkehr der Weidenröschen habe ihr gezeigt, dass sie sich auf dem richtigen Weg befindet. „

Natürlich ist das Wild im Wald auch wichtig, aber der Wald, der ja auch die Lebensgrundlage des Wildes darstellt, muss Vorrang haben“, stellte sie klar – und konnte dafür auch ein eindrucksvolles Beispiel zeigen. Bei ihr im Revier können sich Eichen unter dem Schirm der alten Eichen ohne Schutz verjüngen. Wer darauf beharre, dass Eichen in erster Linie genug Licht brauchen um sich zu verjüngen, lüge sich in die eigene Tasche, sagte sie – und zeigte stolz die jungen Eichen, die sich unter dem Schirm der mittelalten Eichen gut entwickelt haben. „Über ihnen stehen 350 Vorratsfester je Hektar“, betonte sie, nahm eine der jungen Eichen und zeigte deren beachtliche Trieblänge. „Mehr kann man sich nicht wünschen“, sagte sie. Das sei nur ein Beispiel dafür, dass die Jagd eine entscheidende Rolle dabei spielt, ob sich die vorhandenen Baumarten ohne Schutzmaßnahmen verjüngen können oder nicht.

15 Baumarten wachsen unter dem Schirm

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Preisträgerin Petra Diener, Revier Hundelshausen, Abteilung Steinbruch: Das Revier liegt am Zabelstein, dem höchsten Berg im nördlichen Steigerwald – besonders ist es aber nicht nur deshalb. Der edellaubbaumreiche Mischwald bietet eine reichliche Naturverjüngung zahlreicher Baumarten, unter anderem Ahorn, Esche, Linde und Elsbeere. Insgesamt sind es 15 Arten – und alle wachsen ohne künstliche Schutzmaßnahmen.

Als Diener 2007 in das Revier kam, sah es dort noch anders aus – Ulrich Mergner erinnerte sich in seiner Laudatio: „Schon in Deinem vorherigen Revier konntest du dank effizienten Jagens vorbildliche Waldzustände vorzeigen. Kein Wunder, dass Du bei einem unserer ersten Begänge im neuen Revier wehmütig die außerhalb des Zaunes gnadenlos verbissenen Jungtannen betrachtet hast“. Sie sei skeptisch gewesen, ob man die Jungtannen ohne künstlichen Schutz hochbringen könne, stimmte Petra Diener zu. Doch ihr Revier zeigt, dass es ihr gelungen ist, die Wildbestände auf ein verträgliches Niveau zu regulieren. Die Führung durch ihr Revier schloss sie mit folgenden Worten: „Ich hätte niemals für möglich gehalten, welche Waldbilder man erzeugen kann, wenn die Jagd stimmt. Das ist ein Geschenk.“