Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Baustoffe

Holzbau im Rastermaß

Holzbau
Hnas Fritz
am Donnerstag, 15.09.2022 - 11:06

Teurer Baugrund, steigende Baukosten und Energiekrise. Wer kann sich das leisten? Die Antwort: Mit Holz bauen, vielleicht nach amerikanischem Vorbild.

Mit der traditionellen Holzbauweise in USA und Kanada wurde seit Beginn der Plattentechnik viel Erfahrung gesammelt. Dort sind sicher 90 % aller Häuser ausschließlich aus Holz gebaut. Es wird aber nicht, wie viele glauben, aus ganzen Stämmen, sondern in holzsparender Rahmenbau- oder Holzständerbauweise gebaut (das ist die gleiche Bauweise nur mit unterschiedlichen Bezeichnungen).

Dass auch mit dem Baustoff Holz sparsam umgegangen wird, ist wichtig, um die Kosten im Griff zu behalten. Die Holzrahmenbauweise erreicht mit dünneren Wänden die gleichen Dämmwerte wie dickere Ziegelmauern, was zusätzliche Wohnfläche schafft oder umbauten Raum spart. Für das Holz spricht weiterhin die Energiebilanz, und zwar schon beim Bauen. Die Gestehungsenergie eines Holhauses liegt nur bei einem Fünfzigzigstel von der eines Steinhauses.

Nun aber zur Praxis: In der Stadt Rapid City in Süddakota, USA, entsteht gerade ein sechsstöckiger Wohn- und Geschäftskomplex aus Hölzern von 3,8 cm Stärke. Nur die Tiefgarage ist aus Beton. Das darüberliegende Erdgeschoss wird für Geschäfte und Restaurants genutzt, in den fünf Stockwerken darüber, entstehen 99 Wohnungen.

Während in Deutschland beim Holzbau relativ viel mit vorgefertigten Elementen gearbeitet wird, nageln die Amerikaner die einzelnen Hölzer vor Ort zusammen, ähnlich wie hierzulande die Maurer Stein auf Stein setzen. Auch die Treppen bauen die Zimmerleute bereits bei jedem Stockwerk gleich mit. Ein Treppenbelag wird zum Schluss nach der Ausbauphase aufgebracht.

Bei dieser Bauweise werden alle 40 cm nur 3,8 cm starke Wandhölzer verbaut

Bei dieser Bauweise werden alle 40 cm nur 3,8 cm starke und je nach Gegend und Klimazone, 10 bis 20 cm breite Hölzer, als senkrechte Wandhölzer verbaut. Unten und oben werden die stehenden Hölzer mit Schwellenhölzern, in derselben Dimension zu einem Rahmen stumpf vernagelt. Daraus ergibt sich ein stabiles Gerüst mit dünnen stehenden Hölzern in geringem Abstand. Dadurch werden die darüberliegenden Lasten abgetragen und zugleich ergibt sich der ideale Befestigungsabstand für eine Beplankung. Der Druck pro Quadratzentimeter ist nicht höher als im bei uns traditionellen Fachwerkbau mit einem Säulenabstand von 2 bis 3 Metern.

Allerdings würden die Wände noch wackeln, weil die Aussteifung fehlt. Die Aussteifung und die feste Verbindung, von den Stehern zum Schwellenholz wird erst durch, meist sogar beidseitig aussteifende Platten durch Vernagelung in kurzen Abständen erreicht. Die Platten verhindern auch ein seitliches Ausbiegen der dünnen Hölzer durch Druck von oben. Gemeinsam mit den Stehern bilden sie eine Art hohlen Kasten, der die Dämmung einschließt. Alle erforderlichen Leitungen können ebenfalls darin verlegt werden.

Viele Hohlräume zur Wärmedämmung

Durch die vielen zur Verfügung stehenden Hohlräume kann die effektivste Wärmedämmung erreicht werden, die Wände bleiben dünn. Diese Bautechnik kommt der Natur am Nächsten. Schneidet man z. B. einen Getreidehalm mit einem scharfen Messer schräg durch, kann man dieselbe „Technik“ erkennen: dünne Wände mit geringen Abständen. Wie effektiv dieses Prinzip ist, wird einem erst klar, wenn man den Halm gedanklich verhundertfacht. Der einen Meter hohe Halm hat am Boden etwa acht Millimeter Durchmesser. Bei 100 Meter Höhe wäre der Durchmesser am Boden lediglich 80 Zentimeter. Auch Bienenwaben, Knochen und vieles mehr sind ähnlich aufgebaut.

In Amerika wird nicht in Zentimetern und Metern gebaut, sondern in Zoll und Fuß. Das Zwölfersystem hat den Vorteil, dass es durch zwei, drei, vier und sechs teilbar ist. Das Maßsystem scheint irgendwie besser an den Menschen angepasst. So ergeben zum Beispiel 4 Fuß 122 cm, ein ideales Maß, z. B. bei der Breite von Gängen oder Toiletten sind. Auch die Standardlänge von 8 Fuß ergibt eine günstige Raumhöhe von 244 cm. Bei diesem System gibt es fast keinen Verschnitt, weil alle Einbaugewerke von der Badewanne, über Bodenbeläge, bis zu Fenstern und Türen, auf Fußmaße standardisiert sind. Ausgesteift wird mit Platten.

Es braucht keine schräge Abstützung eingebaut zu werden. Das Holz hält die Platte und die Platte steift das Holz aus, ähnlich wie die Glasplatte in einem Bilderrahmen. Dadurch können auch die dünnen tragenden Wand-Hölzer, die in nur 16 Zoll (rund 40 cm) Abstand stehen, sich seitlich nicht wegbiegen. Der Abstand von Nagel zu Nagel wird dabei, ebenfalls wie bei uns, statisch berechnet festgelegt.

Überzeugende Bauweise

Ich bin seit 1990 von dieser Bauweise voll überzeugt, weil ich 2 Tage nach den Jahrhundertstürmen Wiebke und Vivian einer Einladung eines befreundeten Professors an die Porland-Staate Universität folgte. Im Schock der Millionen umgestürzten Bäume in Bayern, trieb ich mich fast ausschließlich nur auf amerikanischen Baustellen rum und studierte diese Bauweise. Dort wurden die Standardhölzer, wie bei uns die Ziegelsteine auf die Baustelle geliefert. Und so wie bei uns die Ziegeleien nicht wissen, welches Haus aus ihren Steinen gebaut wird, wissen dort die Sägewerke auch nicht, was aus ihren Bohlen entsteht. Hätten wir dieses standardisierte Bausystem gehabt, hätten wir das ganze Sturmholz auf Vorrat sägen können!

Architektonisch bieten Holzhäuser auch viel Potenzial, wie Beispiele in Kanada und USA zeigen. Zum Teil wurden sie auch mit dünnen Steinmauern, oft aus Klinkersteinen vorgemauert. Heute ist das meistens zu teuer. Neuerdings werden die Häuser gerne mit Kunststoffbrettern in Holzimitation beplankt. Typisch Amerika!