Waldschutz

Forstliches Gutachten: Der Verbiss bleibt zu hoch

Wildverbiss
AK
am Donnerstag, 25.11.2021 - 11:11

Die Hälfte der bayerischen Hegegemeinschaften soll die Abschüsse erhöhen. Das geht aus dem forstlichen Gutachten hervor, das die Grundlage für die Abschussplanung bildet.

Verbissbelastung-Bayern-2021

Mit ihrer Einschätzung zum neuen forstlichen Gutachten hat Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU) der Opposition im Landtag gleich den Wind aus den Segeln genommen. „Wir können nicht zufrieden sein“, sagte sie bei der Vorstellung des Gutachtens im Landtag. Alle drei Jahre wird das Gutachten erstellt, das die Grundlage für die Abschussplanung bildet. Und es zeigt: Bayerns Wälder leiden vielerorts noch unter zu starkem Wildverbiss.

Der Anteil des sogenannten Leittriebverbisses durch Rehe, Hirsche und Gämsen hat sich seit der Erhebung vor drei Jahren kaum verändert: Bei Laubbäumen ist er von 20 auf 21 Prozent gestiegen, bei Nadelbäumen von vier auf drei Prozent zurückgegangen. „Uns allen muss klar sein, dass unsere Wälder die Klimakrise nur dann bewältigen können, wenn zukunftsfähige Baumarten eine Chance haben, zu stabilen Mischwäldern heranzuwachsen. Aber genau das ist in zu vielen Jagdrevieren Bayerns noch nicht der Fall,“ sagte Kaniber. Der zu hohe Verbiss lasse auf Dauer ausgerechnet die Baumarten verschwinden, auf die klimafeste Wälder so dringend angewiesen seien.

Nur die Hälfte der Hegegemeinschaften als grün eingestuft

Nur die Hälfte der 750 bayerischen Hegegemeinschaften wird als grün eingestuft, wo das Gutachten die Verbisssituation als „tragbar“ (47 %) oder „günstig“ (3 %) einordnet. Der Anteil roter Hegegemeinschaften mit nicht tragbarer Verbisssituation liegt ebenfalls bei 50 Prozent. Eine zu hohe Verbissbelastung weisen 47 Prozent der Hegegemeinschaften auf, in drei Prozent ist sie deutlich zu hoch. „Da muss eindeutig mehr getan werden“, sagte die Ministerin. 23 Prozent der Hegegemeinschaften seien seit fünf Inventuren dauerhaft rot, da brauche es dringend Fortschritte. Kaniber appellierte eindringlich an Grundbesitzer und Jäger, in den betroffenen Regionen gemeinsam und mit Nachdruck für waldverträgliche Wildbestände zu sorgen: „Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren, der Klimawandel sitzt uns im Nacken.“ Das heißt für die Abschussempfehlung (siehe Karte): Nur die Hälfte der Hegegemeinschaften kann ihre Abschusshöhe auf bisherigem Niveau beibehalten. Für 46 Prozent lautet die Abschussempfehlung „erhöhen“ und für weitere vier Prozent „deutlich erhöhen“.

Besser sieht es dagegen in den bayerischen Bergwäldern aus: Hier hat sich der Verbiss bei Buchen um drei, bei Edellaubhölzern und bei den für die Stabilität so wichtigen Tannen um jeweils vier Prozentpunkte verbessert. Diese Zahlen sind laut Kaniber auch ein Hinweis darauf, dass das Wild auf die seit dem Beginn der Corona-Pandemie gestiegenen Besucherzahlen in den Wäldern nicht mit mehr Verbiss reagiert hat.

Teures Rehfutter, das da ausgebracht wird

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Der Forstexperte der Landtags-Grünen, Hans Urban, lobte die Erhebung der Daten als „weltweit beachtetes Vegetationsgutachten, das seinesgleichen sucht“. Um in roten Hegegemeinschaften die Situation zu verbessern, seien besonders die revierweisen Aussagen hilfreich. Kritisch sieht er die Verschlechterung im Staatswald bei Buche, Eiche und Tanne: „Wenn wir da sechs Millionen Bäume und dreißig Millionen Euro reinbringen, dann fressen das die Tiere“, sagte er. Das sei „teures Rehfutter, das da ausgebracht wird“. Er forderte, die Anstrengungen im Staatswald zu verstärken. Ziel müsse der Waldumbau ohne Pflanzungen sein.

Dem widersprach der forstpolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Christoph Skutella: „Da in der Hälfte der Hegegemeinschaften die Verbissbelastung nach wie vor zu hoch ist, brauchen wir nicht nur ein angemessenes Schalenwildmanagement, sondern vor allem deutlich mehr Aufforstungen, sonst haben unsere Mischwälder keine Zukunft.“

Die Aschaffenburger SPD-Abgeordnete Martina Fehlner richtete den Blick auf die „Hotspots mit Trockenheit und Borkenkäferbefall“. „Hier müssen wir mehr tun“, sagte sie. Es brauche eine ehrliche Diskussionsgrundlage für die weitere Abschussplanung, um gemeinsam vor Ort Lösungen zu finden.

Nikolaus Kraus (Freie Wähler) sieht die Lage insgesamt kritisch: „Wenn ich höre, dass sich der Waldzustand seit 15 Jahren deutlich verbessert, möchte ich nicht wissen, wie das vorher ausgeschaut hat“, erklärte er. Die Hälfte der Hegegemeinschaften sei rot, 23 Prozent dauerhaft schlecht – das seien Brennpunkte, „um die man sich massiv kümmern muss“.

Erschreckend hohe Zahlen

Das sehen auch die Waldbesitzer so: Der Anteil der Hegegemeinschaften mit dauerhaft hoher Verbissbelastung sei erschreckend hoch. „Hier können nicht nur die künftigen Bäume nicht wachsen und die Wälder werden dauerhaft entmischt, sondern es werden letztlich gesetzeswidrige Zustände toleriert“, erklärte der Vize-Präsident des Bayerischen Waldbesitzerverbandes, Götz Freiherr von Rotenhan. Er appelliert an die Beteiligten vor Ort sowie die Landräte, Jagdbeiräte und unteren Jagdbehörden, in diesen dauerhaft roten Hegegemeinschaften Rahmenbedingungen zu schaffen und sich gemeinsam dafür einzusetzen, dass die Situation nachhaltig verbessert wird.

Die Verjüngungsinventur wurde heuer zum dreizehnten Mal seit 1986 durchgeführt. Die Beschäftigten der Bayerischen Forstverwaltung hatten auf rund 22 000 Verjüngungsflächen über zwei Millionen junge Bäume auf Verbiss- und Fegeschäden untersucht. Auf dieser Basis haben die Ämter für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten für jede Hegegemeinschaft ein Forstliches Gutachten und zusätzlich insgesamt rund 9000 individuelle Aussagen für die Reviere erstellt, die den Beteiligten nun als Hilfsmittel für die Abschussplanung zur Verfügung stehen. Details zum Gutachten gibt es unter www.stmelf.bayern.de/waldforstlichegutachten.