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Wald-vor-Wild-Preis 2022

Blattschuss für den Wald

Wald-vor-Wild-Preisträger Andreas Tyroller: Ihn freut jede Eiche, die in einer geglückten Eigenbewirtschaftung hochkommt.
Barbara Höfler
am Montag, 21.11.2022 - 07:31

Im Konflikt zwischen Jagdpächter und Waldbesitzer rät Andreas Tyroller: Eigenbewirtschaftung! Dafür erhält er jetzt den Wald-vor-Wild-Preis 2022.

Jagen ist jetzt seine Sache: Josef Finkenzeller, der Vorsitzende der Jagdgenossenschaft Gerolsbach, hat den Jagdschein gemacht, um die Probleme in seinem Wald mit Rehverbiss selbst zu lösen.

Wald und Jagd – das ist ein Minenfeld. Mittendrin steht Andreas Tyroller, die Zukunft zu seinen Füßen: allüberall Tannenspitzen auf der Lichtung in einem Wald bei Gerolsbach im Landkreis Pfaffenhofen a. d. Ilm, dazwischen Eichen und Buchen, sämtliche zwischen einem und fünf Jahren alt. „Jetzt samma da“, sagt Tyroller. „Das ist der Effekt.“ Der Effekt seiner Arbeit als BBV-Fachberater und eines mutigen Schrittes der Jagdgenossenschaft Gerolsbach, die das Jagen seit fünf Jahren nicht mehr den Jagdpächtern überlässt, sondern selber in die Hand nimmt. „Nichts ist da vorher hochgekommen!“, sagt Tyroller. Rehe hätten alles verbissen. Dabei hätten die Jagdpächter immer gesagt, da seien gar keine Rehe mehr im Wald. „Gesehen haben sie sie wahrscheinlich nicht“, flachst der 53-Jährige ein bisschen, der hier auch selber ein paar Hektar Wald vom Schwiegervater betreut.

Kleine Tannen haben eine Chance, wo Rehe sie nicht verbeißen, wie hier in Gerolsbach.

Wie leichtentzündlich das Verhältnis zwischen Waldbesitzer und Jagdpächter – nicht immer, aber häufig – ist, erlebt Tyroller seit vielen Jahren in seiner Beratertätigkeit, wenn Waldbesitzer sich an ihn in der Münchner Geschäftsstelle des BBV Oberbayern wenden. Oft geht es um nicht erfüllte Abschusspläne aus den forstlichen Gutachten, um Wildschäden in Wald und Feld mit hohen landwirtschaftlichen Ertragsverlusten und immer wieder um die Frage, wer am Ende eigentlich die Wildschadensersatzpflicht trägt. Auf all das hat Tyroller eine Antwort: Eigenbewirtschaftung. „Die Bauern müssen sich ihr angestammtes Recht zurückholen“, sagt er und meint das Jagdrecht. Das sie selbst es besitzen, sei vielen Waldbesitzern heute gar nicht mehr richtig bewusst. Tyroller weiß alles darüber, angefangen vom Mittelalter, als Könige und Fürsten sich das Recht zur Jagd einfach exklusiv herausnahmen, bis zum Vormärz 1848, als sie es den Bauern am Gipfel einer Hungersnot zur Selbsthilfe gaben, damit die das Wintergetreide vor Wild schützen können, bis in die Verästelungen des heutigen 150 Jahre alten Jagdrechts, in dem es schwarz auf weiß in § 3BJagdG steht: dass das Jagdrecht „untrennbar mit dem Eigentum am Grund und Boden verbunden“ ist.

Jagdrecht selbst wahrnehmen oder übertragen

Die in einer Jagdgenossenschaft organisierten Waldbesitzer können ihr Jagdrecht entweder einem Jagdpächter übertragen oder es selbst wahrnehmen. Rechtlich ist das ganz einfach möglich, nicht einmal die Zustimmung der Jagdbehörde ist notwendig. Voraussetzung ist aber ein hauptverantwortlicher „jagdpachtfähiger“ Jäger, der drei volle Jahresjagdscheine vorweisen muss. Mit ihm schließt die Jagdgenossenschaft einen Anstellungsvertrag, ohne sozialversicherungsrechtliche Folgen, der ihn als weisungsgebunden Dienstleister definiert. Im Vertrag festgehalten sind die Ziele der Eigenbewirtschaftung im Rahmen eines Abschussplanes und sämtliche Vorgaben zu weiteren beteiligten Jägern, dem Betriebs der jagdlichen Einrichtungen oder der Verwertung des Wildprets.

„Ab dann hat die Jagdgenossenschaft „die Hand drauf als Herr im eigenen Haus“, sagt Tyroller. Denn während ein Jagdpachtvertrag neun Jahre läuft, ob zur Zufriedenheit der Grundbesitzer oder nicht, endet ein Jagddienstvertrag jeweils zum Ende des Jagdjahres. Sind die Waldbesitzer zufrieden, wird er verlängert. Andernfalls nicht. „Dann sucht man sich neue Jäger“, sagt Tyroller. Ganz einfach ist das. In der Theorie.

Pachtschilling fällt weg

In der Praxis musste Sepp Finkenzeller trotzdem fünf Jahre Überzeugungsarbeit bei seinen 168 Mitgliedern leisten, bis die Jagdgenossenschaft Gerolsbach, deren Vorstand er ist, sich zur Eigenbewirtschaftung entschloss. Tyroller begleitete den Prozess, kam zum Vortrag, Besuche bei anderen Jagdgenossenschaften, die den Schritt schon erfolgreich gegangen waren, wurden organisiert. Hauptsächlich um zwei Aspekte drehen sich meist die Bedenken, weiß Tyroller: den Wegfall des Jagdpachtschillings und den erhöhten Arbeitsaufwand im Vergleich zum bequemen Pachtverhältnis.

Was ersteres betrifft, so zahlten die Jagdpächter vorher 10,50 €/ha. Jetzt jagen 15 Jäger auf Begehungsschein für nur noch 5 €/ha. „Der Wert der Jagd ist nicht die Pachteinnahme“, sagt Tyroller, „sondern dass ich die Wildbestände regulieren kann, damit vernünftige Land-und Forstwirtschaft möglich ist“. Mit Eigenbewirtschaftung sei kein Geld verdient, aber „irrsinnig viel Geld gespart“.

Waldverjüngung ganz von allein

So klappt es jetzt in Gerolsbach mit der gemischten Waldverjüngung – und zwar von ganz allein. „Vorher hätte ich hier irgendwelche Baumarten aus der Baumschule teuer kaufen, pflanzen, schützen müssen“, so Tyroller, und locker 5000 bis 10 000 € pro/ha versenkt. Jetzt: 0 €, mit Aussicht auf Christbaumverkauf.

Was den erhöhten Arbeitsaufwand betrifft, weiß Sepp Finkenzeller: Das stimmt. In Gerolsbach haben die Jagdgenossen ihn zum „jagdpachtfähigen“ verantwortlichen Jäger bestimmt. An seinem 50. Geburtstag hat der ehemalige Landwirt extra den Jagdschein dafür gemacht. Zehn Tage im Monat ist Finkenzeller jetzt bei der Münchener Berufsfeuerwehr, den Rest der Zeit im Wald. „Ich bin richtig süchtig geworden“, erzählt er. Den Wald betrachtete er vorher eher aus forstwirtschaftlicher Sicht, jetzt als Ganzes. Darüber freut er sich.

Vorkaufsrecht für die Jäger

120 Rehe im Jahr haben sich die Genossen vorgenommen und das Soll wird erfüllt. Der Deal mit den Jägern: Sie kriegen alles, was sie schießen, außer Reh. Dafür gibt‘s das obligatorische Rehessen einmal im Jahr, spendiert von der Jagdgenossenschaft, und ein Vorkaufsrecht. Die Wildpretvermarktung aber übernehmen die Jagdgenossen selbst. Bei einem Bauern wurde dafür ein Zerwirk- und ein Kühlraum eingerichtet und ein Metzger gesucht, der das Fleisch veredelt. Finkenzeller braucht bloß 200 Knackwürste, Salamis oder Burgerpatties in die Wildpret-Whatsapp- Gruppe stellen, nach 15 min sind sie ausverkauft.

Gut, dass das Reh-Gewicht seit der Eigenbewirtschaftung steigt – laut Tyroller, weil jetzt die Besatzdichte sinkt. So haben die Rehe mehr Futter, weniger Stress und sind gesünder.

Das Wildproblem selbst lösen

Die Coronazeit nutze Tyroller, um ein 148-seitiges „Praxisheft Jagdgenossenschaft“ zu schreiben. Ein halbes Buch, erhältlich beim BBV, mit allem, was es zur Umstellung auf Eigenbewirtschaftung braucht, rechtlich, mental und bürokratisch. Inklusive 50 Seiten Anhang mit Musterverträgen und Kopiervorlagen. Es sei einfach „eine echte Tragödie“, dass so viele Waldbesitzer sich ihr „enorm wertvolles Jagdrecht so billig abkaufen lassen“, findet er. Mit solchem Herzblut ist der vierfache Vater von der Sache überzeugt, dass er am Ende sogar noch das Alte Testament zitiert, Psalm 146: „Verlasst euch nicht auf Fürsten!“ Seit 30 Jahren gebe es die Vegetationsgutachten, „seit 30 Jahren funktioniert das nicht“, sagt er. „Wer das Wildproblem in seinem Wald wirklich lösen will, für den hab ich nur einen Rat: Mach es selber!“

Für seinen Einsatz für die Verjüngung gemischter Wälder verleiht der Ökologische Jagdverband Bayern Andreas Tyroller jetzt den „Wald-vor-Wild-Preis 2022“.