Forst

Baumarten für den Wald der Zukunft

Mischwald
Ulrich Lieberth, StMELF
am Donnerstag, 26.03.2020 - 12:42

Gemeinsam mit der neuen Förderrichtlinie wurden kürzlich auch die Leitlinien „Baumarten für den Klimawald“ veröffentlicht. Damit es mit dem Klimawald klappt, sollten Waldbesitzer die Hintergründe kennen und ein paar Tipps beherzigen.

Auf welche Baumarten sollen Waldbesitzer angesichts des fortschreitenden Klimawandels setzen? Und wie soll waldbaulich bei der Verjüngung vorgegangen werden? Antworten hierzu liefern die neuen Leitlinien „Baum- arten für den Klimawald“, die Staatsministerin Michaela Kaniber gemeinsam mit der neuen Förderrichtlinie im Februar bekannt gegebenen hat (Wochenblatt 8/2020, S. 58/59).
Die Leitlinien zeigen die angesichts der Klimaveränderungen zu erwartenden Chancen und Risiken für bereits etablierte sowie für alternative Baumarten auf. Sie enthalten insgesamt 110 Baumarten – 39 heimische und 71 aus anderen Ländern. 16 alternative Baumarten werden für einen forstlichen Anbau in den heimischen Wäldern ausdrücklich nicht empfohlen. Damit hat Bayern als eines der ersten Bundesländer einen Rahmen für eine zukunftsfähige Baum- artenwahl gesetzt.
Die Leitlinien entsprechen dem aktuellen Wissensstand, der sich im Zuge des Klimawandels sowie neuer Erkenntnisse und Erfahrungen aus Wissenschaft und Praxis stetig weiterentwickeln wird. Insbesondere das Baumartenspektrum soll daher laufend aktualisiert werden. Die Leitlinien sind ein Gemeinschaftsprojekt des Forstministeriums mit der TU München, der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf, der Universität Bayreuth, der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft, dem Bayerischen Amt für Waldgenetik sowie Fachleuten der Forstverwaltung und der Bayerischen Staatsforsten.

Temperaturtoleranzen in Stufen eingeteilt

Der gegenwärtig stattfindende Klimawandel stellt gegenüber natürlichen Klimaschwankungen eine völlig neue Entwicklung dar: Er findet in einem Tempo statt, das um mehrere Größenordnungen schneller ist, als die Erwärmung nach der letzten Eiszeit. Der durchschnittliche Temperaturanstieg von 1,6 Grad in den letzten 40 Jahren ist bereits erfolgt. Die globale Erderwärmung auf 2 Grad zu halten, entspricht dem erklärten politischen Ziel der Vereinbarung von Paris. Im Rahmen dieses Szenarios wird es in Bayern vermutlich zu höheren durchschnittlichen Temperaturen kommen. Dies gilt besonders dann, wenn es nicht gelingen sollte, den Ausstoß der klimaschädlichen Gase drastisch und konsequent zu reduzieren.
In den Leitlinien wurden daher für die allermeisten Baumarten sogenannte Temperaturtoleranzstufen angegeben. Diese Klassifizierung der aufgezählten Baumarten gilt unabhängig vom jeweiligen Klima-Szenario. Das heißt, dass bei einer gemäßigten Temperaturerhöhung von 2 Grad, Baumarten mit einer mäßigen Temperaturtoleranzstufe noch angebaut werden können. Tritt eine stärkere Temperaturerhöhung ein, sollte der Waldbesitzer ausschließlich auf Baumarten mit einer hohen bis sehr hohen Temperaturtoleranzstufe zurückgreifen.
Alle Baumarten weisen eine gewisse Klimatoleranz auf. Die sogenannten Klimahüllen – die die klimatischen „Wohlfühlbereiche“ der Baumarten grafisch darstellen – sind ein wichtiger Bestandteil zur Beurteilung der ökologischen Anpassungsfähigkeiten der jeweiligen Baumart und liegen im Bayerischen Standort- informationssystem (= BaSIS) vor. Dieses digitale Informationssystem bietet bayernweit Informationen zum Standort und zu den Anbaurisikoeinschätzungen für 32 Baumarten. Darauf aufbauend wurde 2019 die Praxishilfe „Klima – Boden – Baum- artenwahl“ als begleitendes Printmedium zu BaSIS für 16 Baumarten entwickelt, ein zweiter Band soll Mitte dieses Jahres mit weiteren 16 Baum- arten veröffentlicht werden.
Diese Informationen stehen allen Försterinnen und Förstern der Bayerischen Forstverwaltung als Beratungswerkzeug zur Verfügung, um die Waldbesitzer möglichst gut beraten zu können.

Alternative Baumarten in vier Kategorien aufgeteilt

Grundsätzlich sollte bei Aufforstungen die zur Verfügung stehende Baumartenpalette der heimischen und seltenen heimischen Baumarten und deren Herkünfte ausgeschöpft werden, bevor man den Blick auf alternative Baumarten aus anderen Ländern richtet. Mit 39 heimischen Baumarten steht dem Waldbesitzenden in den Leitlinien eine ausreichende Palette an heimischen Baumarten zur Verfügung. Es wird derzeit kaum eine Situation geben, in der nicht eine oder mehrere heimische und gleichzeitig klimatolerante Baumarten infrage kommen. Denn die Leitlinien enthalten immerhin knapp 20 heimische Baum- arten mit einer hohen bis sehr hohen Temperaturtoleranzstufe.
Wo es fachlich angezeigt ist und die Palette der heimischen Baumarten knapp werden sollte, können auch alternative Baumarten aus anderen Ländern im bemessenen Umfang und kleinflächig beteiligt werden. Diese alternativen Baumarten wurden in vier Kategorien eingeteilt. Die Kategorien stellen in Abhängigkeit von Wissenstand und vorhandener Erfahrungen eine Art „Risikoklasse“ dar. Gerade bei alternativen Baum- arten aus anderen Ländern sollten sich Waldbesitzer vor der Einbringung gut informieren, um Rückschläge, aber auch negative Auswirkungen auf die Ökosysteme (Stichwort: Invasivität) zu vermeiden.
Schreitet der Klimawandel voran, verringern sich in der Konsequenz die noch zur Verfügung stehenden heimischen und alternativen Nadelhölzer aus anderen Ländern. Insofern sollte man nicht den Fehler begehen, die Fichte Eins zu Eins mit der Douglasie oder der Küstentanne ersetzen zu wollen. Es gilt vielmehr, möglichst viele Baumarten in den Beständen zu beteiligen und dabei auf klimatolerante heimische Baumarten zu setzen.

Weniger Nadelholz und mehr Laubholz

Das heißt ganz eindeutig, der Anteil des Nadelholzes in Bayern wird sich zugunsten von heimischen Laubhölzern verringern! Zu den allermeisten klimatoleranten heimischen Baumarten gehören die oben erwähnten knapp 20 Laubbaumarten. Auch bei alternativen Baumarten aus anderen Ländern, über die genügend Informationen vorliegen um Einschätzungen zum Anbau treffen zu können, gibt es nur sehr wenige klimarobuste Nadelhölzer. Übrig bleiben einzig die Schwarzkiefer, die Atlaszeder, die Libanonzeder und die Bornmüllertanne mit einer hohen bis sehr hohen Temperaturtoleranz aus den Kategorien 1 und 2, die Palette an alternativen klimatoleranten Laubbäumen ist dagegen wesentlich umfangreicher.

In den meisten Fällen war bislang eine flächige Bepflanzung von Kulturflächen üblich. Die klimatisch bedingten Rahmenbedingungen für die Forstwirtschaft haben sich allerdings dramatisch geändert. Die letzten beiden Trockenjahre führten zu großen Ausfällen in Kulturflächen, der Nachbesserungsbedarf war und ist immens. Gleichzeitig wird das Potential an Naturverjüngung und Sukzession viel zu wenig genutzt, als kulturhinderlich betrachtet und früher oder später „beseitigt“. Aus mehreren Gründen kann deshalb ein punktuelles Vorgehen bei der Pflanzung in Form von Trupps oder anderen kleinflächig bis einzelne eingebrachter Beimischung zielgerichteter, naturnäher und kostengünstiger sein.

Pflanzgut ist rar – und wird es mittelfristig bleiben

Die Versorgungslage mit herkunftsgesichertem Pflanzgut ist derzeit je nach Baumart höchst unterschiedlich. Die Baumschulen können auf die steigende Nachfrage nach forstlichem Vermehrungsgut aufgrund mangelnder Kapazitäten oder fehlenden Saatgutes zunehmend schlechter auf den sehr großen Pflanzenbedarf reagieren. Die Pflanzenverfügbarkeit etwa bei den beiden Eichenarten ist derzeit überschaubar. Alternative Baumarten der Kategorien 2 und 3 sind kaum auf dem Markt verfügbar. Hier müssen die hiesigen Baumschulen größtenteils noch Vertriebswege etablieren, so dass erst in zwei bis drei Jahren mit ausreichend Pflanzgut zu rechnen ist.
Pauschal lässt sich sagen, dass das Pflanzgut vor dem Hintergrund der Flächen, die deutschlandweit für eine Wiederaufforstung und deren Nachbesserung anstehen – nach derzeitiger Schätzung liegt die wieder in Bestockung zu bringende Fläche bei 230 000 ha – ein rares Gut ist und mittelfristig auch bleiben wird.
Insofern sollten Waldbesitzer möglichst auf Naturverjüngung setzen. Viele kleinere Flächen können auch der natürlichen Sukzession überlassen werden. Auf diesen Flächen werden sich neben Pionierbaumarten auch Baumarten aus dem benachbarten Waldbestand verjüngen. Eine wesentliche Voraussetzung hierfür sind angepasste Wildbestände. Das konstruktive Gespräch mit dem verantwortlichen Jäger ist notwendiger denn je.
Entsteht eine Naturverjüngung, die zu wenige klimatolerante Baumarten enthält, sollte diese mit klimatoleranten Baumarten möglichst mit unterschiedlicher Temperaturtoleranz angereichert werden. Der Waldbesitzer kann und sollte die vorhandene Verjüngung gezielt mit unterschiedlichen klimatoleranten Baumarten anreichern. Diese sogenannte „Anreicherungskultur“ hilft, sparsam mit Pflanzenmaterial umzugehen, so dass ohne größeren Pflanzenverbrauch eine Kulturfläche aus mehreren Baumarten entstehen kann.

Das eiserne Gesetz des Örtlichen nicht vergessen

Bestehende sich auflösende Wälder wieder mit standortsgerechten Baum- arten in Bestockung zu bringen, gleich ob mit Natur- oder Kunstverjüngung, wird zweifelsohne für den Waldbesitzenden anspruchsvoller als in der Vergangenheit. Patentrezepte gibt es hierfür nicht, außer dass die bayerischen Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer gut beraten sind, auf gleicher Fläche gleichzeitig auf mehrere Baumarten zu setzen, denn niemand weiß derzeit definitiv, wie stark sich das Klima ändern wird. Es sei betont, dass die Leitlinien nicht geeignet sind, die konkrete Bewertung vor Ort zu ersetzen. Für die Baumartenwahl und die waldbauliche Vorgehensweise müssen unbedingt die Bewertung der örtlichen Standortbedingungen, das Anbaurisiko nach BaSIS und die waldbauliche Ausgangslage und Zielsetzung mit einfließen. Welche Baumarten konkret geeignet sind, sollten Waldbesitzer daher in bewährter Weise mit ihrem Förster“ vor Ort besprechen.

Die Leitlinien „Baumarten für den Klimawald“ finden Sie unter www.waldbesitzer-portal.bayern.de/klimawald-baumarten. Dort finden Sie auch mit dem „Försterfinder“ ihren zuständigen Förster.