Wildhaltung

Zukunftskonzept Rotwild

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Externer Autor
am Donnerstag, 20.09.2018 - 10:44

Auf dem Betrieb der Familie Walter in der Oberpfalz wagte man vor zehn Jahren den Schritt von der Rinder- zur Wildhaltung. Auch wenn trotzdem viel Arbeit damit verbunden ist, will heute niemand das Rotwildrudel mehr missen.

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Mit sechs Alttieren startete Familie Walter im oberpfälzischen Michelbach im Landkreis Neumarkt vor zehn Jahren mit der Rotwildhaltung. Heute grasen beim Nebenerwerbsbetrieb im Gehege 15 Alttiere mit Nachzucht und ein Hirsch. Hinzu kam im Oktober 2013 eine EU-zugelassene Schlachtstätte.

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„Unser Betrieb hat sich so entwickelt, weil wir gemerkt haben, dass unser Sohn Korbinian Interesse zeigt“, erzählen Josef und Gerina Walter. Der Landwirt und Mechanikermeister übernahm 1997 den elterlichen Hof mit 20 Milchkühen. „Ab diesem Zeitpunkt haben wir alles umstrukturiert – sowohl die Gebäude als auch die Tierhaltung“, blickt das Ehepaar zurück.

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Aus dem Vollerwerbsbetrieb wurde damals ein Nebenerwerb und aus der Milchviehhaltung zunächst Mutterkuhhaltung und nachfolgend Bullenmast. „Da wir beide berufstätig waren, wurde das zu arbeitsintensiv“, erläutern sie. Allerdings sollte die Landwirtschaft nicht ganz aufgegeben, sondern die eigenen Wiesenflächen genutzt werden. „Der zuständige Fachberater am Landwirtschaftsamt Schwandorf gab den Anstoß, dass wir schließlich auf die Rotwildhaltung umgestellt haben“, berichten sie rückblickend.

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Der Startschuss fiel 2008 mit sechs trächtigen Muttertieren und einen Monat später folgte ein Hirsch. Eingezäunt wurden 2,5 ha, diese wurden schon drei Jahre darauf um weitere 2 ha erweitert. Insgesamt gibt es somit aktuell 10 ha Grünland – 4,5 ha Gehegefläche und vom Rest wird Heu gewonnen. Der Nebenerwerbsbetrieb umfasst neben 2 ha Wald insgesamt 24 ha LN mit Getreide- und Rapsanbau sowie Rotkleevermehrung.

Das in zwei Gatter aufgeteilte Gehege befindet sich rund 800 m vom Hof entfernt direkt am Main-Donau-Kanal. Im Sommer dient das Gras als Futtergrundlage, im Winter Heu bzw. Grummet, Hafer oder Gerste sowie Salzlecksteine und Mineralfutter. Heuer wurden erstmals gequetschte Erbsen aus dem eigenen Anbau als Beifutter getestet. Sie werden gerne gefressen und der Wildhalter will das Eiweißfutter in der Ration beibehalten. Im Kälberschlupf werden Hafer oder Gerste angeboten. „Damit die Kälber ordentlich an Gewicht zulegen. Das klappt ganz gut“, berichtet er.

Die Setzzeit ist die schönste Zeit im Jahr

Ein 1000-l-Wasserfass bietet einen Vorrat für die Wassergaben in alten Trögen, die im Gehege verteilt stehen. „Die schönste Zeit im Jahr ist Ende Mai bis Mitte Juni die Setzzeit, wenn die Kälber zur Welt kommen“, schwärmt der 57-jährige. Dann heißt es täglich im hohen Gras kontrollieren, denn nur in den ersten zwei Lebenstagen ist es möglich, diese zu markieren. Dabei ist höchste Vorsicht geboten, denn die Mütter verteidigen ihre Jungtiere. „Wir betreten das Gehege in diesem Zeitraum nur zu zweit zum Einziehen der Ohrmarken“, so die Gehegebesitzer. Jedes Jahr wird eine andere Farbe verwendet und in der Regel rund 70 Prozent der Jungtiere „erwischt“. „Das ist eine große Erleichterung beim Schießen“, fügt Josef Walter hinzu. Von einer Entwurmung der Tiere hält sich der Wildhalter nach Möglichkeit zurück. „Wenn das Haarkleid in Ordnung ist und wir beim Schlachten keine Auffälligkeiten entdecken, entwurmen wir nicht. Ich scheue dabei vor allem die Resistenzgefahr“, erklärt er und verrät, dass er in den letzten drei Jahren keine Maßnahmen durchgeführt hat.

Der Rotwildbestand wuchs relativ schnell, indem sämtliche weibliche Nachzucht aufgestellt wurde. Die Gründe: Die Tiere bereiteten viel Freude und Sohn Korbinian zeigte Interesse, die Wildhaltung passte zum Betriebsablauf, für die Vermarktung im Spätherbst stand ausreichend Zeit zur Verfügung und bereits die Kunden aus der Verwandtschaft und Bekanntschaft nahmen das Wildfleisch gut an und durch Mund-zu-Mund-Propaganda wurden die Abnehmer immer mehr.

Farmwild und EU-Schlachthaus

Die Saison konzentriert sich auf die sechs Wochen vor Weihnachten. In diesem Zeitraum werden zwei- bis dreimal vom Vater und Sohn mit Schießerlaubnis im Gehege zwei bis fünf Tiere erlegt. Die Wildhaltung der Walters läuft unter der Kategorie „Farmwild“, das bedeutet, die Schlachtung und Zerlegung in einem EU-zugelassenen Schlachthaus ist Voraussetzung. Die ersten Jahre nahmen die Rotwildhalter dazu die Dienste eines 12 km entfernten Metzgers in Anspruch. Bei dem Ein-Mann-Betrieb half Korbinian Walter, Elektrikermeister und Landwirt, fleißig mit und lernte dabei viele wertvolle Grundlagen rund um den Schlacht- und Zerlegevorgang. „Der Nachteil war, dass wir uns zum einen mit der Vermarktung zeitlich nach der Metzgerei richten mussten und zum anderen die Tierzahl zu groß war“, erzählt der Wildhalter. Denn bei fünf Schlachtkörpern war es nicht mehr machbar, die Kühlkette aufrechtzuerhalten. Hinzu kam, dass die Kundschaft damals den Weg zur Metzgerei in Kauf nehmen musste.

Schließlich entschlossen sich die Direktvermarkter, selbst ein EU-zugelassenes Schlachthaus einzurichten, wofür der ehemalige Schweinestall umgebaut wurde. Mit Beratung durch das Veterinäramt wurde alles Machbare selbst verwirklicht. So hielten sich die Kosten in Grenzen. Nach drei Jahren Planungs- und Bauphase war es 2013 so weit und das Schlachthaus konnte in Betrieb genommen werden.
Nun werden die erlegten Tiere im Alter von einem halben bis eineinhalb Jahren und einem Schlachtgewicht von 35 bis 70 kg nach der Lebendbeschau durch den Veterinär geschossen, entblutet und nach Hause transportiert. Im Schlachtraum werden sie aufgebrochen und aus der Decke geschlagen. Nach der Fleischbeschau hängen die Schlachtkörper mit elektronischer Überwachung bei 3 bis 4 °C im Kühlraum ab. Die Zerlegung nach Kundenwunsch erfolgt meist am Wochenende. Zum Großteil werden die Stücke von den Knochen ausgelöst und anschließend nach Wunsch vakuumiert. Einige Kunden nehmen allerdings auch halbe Schlachtkörper ab.
Die meisten Kunden bestellen die Ware vor. Sie werden dann benachrichtigt, wenn das Fleisch fertig hergerichtet ist, und holen ihre Portionen zeitnah ab. „In der Regel sind als Erstes die Edelteile weg. Aber es gibt von Saison zu Saison durchaus Unterschiede“, stellt Gerina Walter fest. Zu haben sind Filet sowie Lende, Keule, Schulter und Hals als Bratenstücke und Haxn als Gulasch. Der Bauch wird zu Hackfleisch verarbeitet. Mit übrig gebliebenen Fleisch – meist Hals und Bauch – wird Wurst hergestellt. „Wir machen Bratwurstglasl mit 70 Prozent Hirsch- und 30 Prozent Schweinefleisch sowie geräucherte Bratwürste für die Pfanne“, so die Direktvermarkterin weiter. Bisher waren die Wurstwaren nur für den Eigenbedarf bestimmt.

Unerwartet viel Aufwand für Bürokratie

„Ich hätte nicht gedacht, dass mit der Wildhaltung doch so viel Bürokratie und Aufwand verbunden ist“, gibt Josef Walter zu bedenken. Er denkt hier vor allem auch an den Bau des eigenen Schlachthauses mit den entsprechenden Hygienevorschriften. Positiv empfindet er den täglichen Ausgleich zu seiner Berufstätigkeit und trotzdem brauche es viel Idealismus, wie er sagt. Denn es ist viel Arbeit mit der Wildhaltung verbunden. Helga Gebendorfer