Tierwohl

Ziegen: Den Blick fürs Tier schärfen

Haarkleid_normal
Katrin Sporkmann, Heiko Georg, Thünen-Institut
am Donnerstag, 03.12.2020 - 15:26

Das Erfassen von Tierwohlindikatoren bei Milchziegen lässt sich gut in den Alltag integrieren ohne den betrieblichen Ablauf zu stören und bringt einige Vorteile für den Tierhalter mit sich – es braucht aber auch etwas Training.

Auf einen Blick

  • Der Leitfaden zur Bewertung des Tierwohls bei Milchziegen stellt eine erste praxiserprobte Empfehlung zur Schwachstellenanalyse des Tierwohls im eigenen Betrieb dar.
  • Für die Durchführung der Tierwohlbewertung zur Eigenkontrolle wird Wert darauf gelegt, dass die tierbezogenen Indikatoren ohne Abtasten, Einfangen oder Einsperren der Ziegen erfasst und die betrieblichen Abläufe dadurch nicht verändert werden.
  • Mit der Tierbeobachtung am Futtertisch lässt sich beurteilen, ob das Haltungssystem und Management des Betriebes allen Tieren eine gleichzeitige Futteraufnahme ermöglicht.
  • Eine regelmäßige dokumentierte Tierwohlbewertung bringt für den Tierhalter neben zeitlichem Aufwand auch einige Vorteile.

Leitfaden zur Bewertung des Tierwohls erstellt

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Mit den gesellschaftlichen Forderungen nach mehr Tierwohl wurden in den vergangenen zwei Jahrzehnten zunächst für Rinder, Schweine und Geflügel neue Bewertungssysteme mit dem Schwerpunkt der Erfassung von tierbezogenen Indikatoren entwickelt. Für Milchziegen gab es diese neuen tierbezogenen Indikatoren bislang nur ansatzweise. Im Rahmen des EU-Forschungsprojekts „Animal welfare indicators (AWIN)“ wurde das Thema Tierwohl bei Milchziegen erstmalig umfassender behandelt. Zudem ermöglichte das von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) geförderte Projekt „Tierbezogene Indikatoren zur Optimierung der Tiergesundheit und des Tierwohls in der Milchziegenhaltung – Stable Schools als innovatives Beratungskonzept in der Milchziegenhaltung“ auch in Deutschland eine umfassende Studie zu diesem Thema.

Die daraus gewonnenen Erkenntnisse wurden in einem Leitfaden zur Bewertung des Tierwohls von Milchziegen zusammengefasst. Dieser Leitfaden stellt eine erste praxiserprobte Empfehlung zur Schwachstellenanalyse des Tierwohls im eigenen Betrieb dar, den Milchziegenhalter, Berater und Tierärzte als Werkzeug nutzen können. Der überwiegende Teil der hier vorgestellten tierbezogenen Indikatoren orientiert sich an den Ergebnissen des AWIN-Projekts.

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Für das Durchführen der Tierwohlbewertung zur Eigenkontrolle wird Wert darauf gelegt, dass die tierbezogenen Indikatoren ohne Abtasten, Einfangen oder Einsperren der Ziegen erfasst und auch die betrieblichen Abläufe (Fütterung, Melken usw.) nicht beeinflusst werden. Die Tabelle zeigt eine empfohlene Erfassungsreihenfolge der ausgewählten zehn Indikatoren zur betrieblichen Eigenkontrolle, eingeteilt nach Gruppen- und Einzeltierbewertung, Ort und Zeitpunkt der Erhebung.

Für einen Gesamtüberblick zur aktuellen Tierwohlsituation im Betrieb sollten möglichst alle Stallbuchten mit laktierenden Ziegen in die Bewertung einbezogen werden. Die Indikatoren der Einzeltierbetrachtung werden an einer zufällig ausgewählten Stichprobe von laktierenden Ziegen im Melkstand erfasst. Der Umfang orientiert sich an der Anzahl laktierender Ziegen.

Die Tierwohlbewertung beginnt mit einer 16-minütigen Direktbeobachtung der Ziegen im Anschluss an die Vorlage von frischem Grundfutter. Der Beurteiler erfasst alle zwei Minuten die Anzahl wartender Tiere vor dem Fressgitter. Eine Ziege wird als wartend vor dem Fressgitter registriert, wenn sie sich innerhalb von 50 cm Abstand hinter oder direkt neben einer anderen fressenden bzw. ebenfalls wartenden Ziege mit Blick Richtung Fressgitter befindet. Mit diesem Indikator lässt sich beurteilen, ob das Haltungssystem und das Management des Betriebs allen Tieren eine gleichzeitige Futteraufnahme ermöglicht. Findet die Futteraufnahme nicht gleichzeitig statt, kann das zu negativen Veränderungen des Sozialverhaltens führen.

Die Erfassung der Anzahl wartender Ziegen an der Tränke erfolgt nach der gleichen Methode, sobald eine Ziege Wasser aufnimmt oder spätestens im Anschluss an die Futteraufnahme. Eine reduzierte Wasseraufnahme der Tiere hat nicht nur Durst, sondern auch eine geringere Futteraufnahme und Milchleistung zur Folge.

Auf den Zustand des Haarkleides achten

Ein weiterer wichtiger Indikator ist der Zustand des Haarkleids der Tiere. In den beiden obenstehenden Bildern sind jeweils Ziegen mit normalen und eine Ziege mit schlechtem Haarkleid zu sehen. Ein normal aussehendes Haarkleid glänzt und liegt glatt am Körper an, während ein schlechtes Haarkleid verfilzt und stumpf erscheint und oftmals unregelmäßige Haarlängen zu beobachten sind. Ein schlechtes Haarkleid kann durch Fütterungsdefizite, Erkrankungen oder durch den Befall von Parasiten bedingt sein. Vom Futtertisch aus beobachtet der Beurteiler die gesamte Herde und protokolliert die Anzahl der Tiere mit einem schlecht aussehenden Haarkleid.

Mit Ausnahme von Kopf und Beinen wird der gesamte Körper des Tieres betrachtet, so können auch liegende Tiere bewertet werden. Ob Haltungssystem und Management die Thermoregulation der Tiere negativ beeinflusst, lässt sich anhand des Indikators Hitze-/Kältestress bestimmen. Merkmale für Hitzestress sind eine erhöhte Atemfrequenz, leichtes Hecheln mit geschlossenem Maul bis zu starkem Hecheln mit offenem Maul und heraushängender Zunge. Unter Kälte leidende Tiere stellen ihre Haare auf dem Rücken auf, nehmen eine steife Körperhaltung ein beziehungsweise krümmen ihren Rücken und senken ihren Kopf nach unten. Auch dieser Indikator wird in der gesamten Gruppe beziehungsweise Herde aufgenommen und die Anzahl der betroffenen Tiere registriert.

Apathische Tiere mehrfach kontrollieren

Der Indikator „apathisch/teilnahmslos wirkende Ziegen“ deutet auf einen schlechten Gesundheitszustand hin und lässt sich leicht durch eine längere Beobachtung der Ziegenherde erfassen. Die betroffenen Ziegen sondern sich von der Herde ab. Sie nehmen nicht am gemeinsamen Fressen teil und stehen manchmal über eine längere Zeit regungslos im Stall, häufig mit dem Kopf zur Wand oder anderen Stalleinrichtungen. Während alle anderen Indikatoren zu festen Zeitpunkten erhoben werden, sollten die zu Beginn der Tierwohlbewertung als apathisch eingestuften Tiere immer wieder zwischendurch beobachtet und mit Abschluss der Bewertungen vom Futtertisch aus die Gesamtzahl notiert werden.

Die Erfassung der schwer lahmenden Ziegen erfolgt zum Ende der Grundfutteraufnahme in der Stallbucht mit laktierenden Ziegen. Dazu bewegt sich der Beurteilende langsam durch die Bucht und nimmt die Anzahl der schwer lahmenden Ziegen auf. Liegende Ziegen werden zum Aufstehen und Laufen motiviert. Merkmale für schweres Lahmen sind unter anderem ein extrem ungleichmäßiger Gang, Stechschritte, starkes Kopfnicken und ein stark gewölbter Rücken.

Körperkondition mit zwei Methoden bewerten

Die Indikatoren auf Einzeltier- ebene werden im Melkstand erfasst. Das Body Condition Scoring der Ziegen erfolgt nicht mit der üblichen 5- oder 6-stufigen Methode. Dafür müssten die Tiere sowohl im Lendenwirbel als auch im Brustbeinbereich abgetastet werden, was aber dem Prinzip der minimalen Störung der Herde widerspricht.
Eine Alternative ist die dreistufige BCS-Methode mit visueller Bewertung der hinteren und seitlichen Körperpartien nach AWIN (2015). Gemäß dieser Methode entspricht die Körperkondition von stark abgemagerten Tieren einem BCS ≤ 2 und von stark verfetteten Tieren einem BCS > 3,5. Betrachtet wird zunächst, in wie weit die Wirbelsäule hervorsteht oder die Rippen an den Seiten erkennbar sind. Anschließend erfolgt eine genaue visuelle Betrachtung des Beckens der Tiere. Wenn Hüfthöcker und Sitzbeinhöcker nur schwer erkennbar sind und die Verbindung zwischen dem Hüfthöcker und dem Hüftgelenk eine leichte oder deutlich nach außen gewölbte Form annimmt, dann wird die Ziege als stark verfettet eingestuft. Im Gegensatz dazu werden Ziegen mit hervorstehenden Hüft- und Sitzbeinhöcker und einer deutlich ausgehöhlten Form zwischen Hüfthöcker und dem Hüftgelenk als stark abgemagert eingestuft.

Euterüberprüfung bei gefülltem Euter

Bei der Erfassung von Verletzungen am Euter ist darauf zu achten, dass das Euter gefüllt ist. Wenn die Größe der Hautverletzung oder die Anzahl an Hautverletzungen weniger oder gleich 1/8 des Euters einnimmt, wird der Ziege ein Wert von 1 zugeteilt. Sind mehr als 1/8 des Euters von Verletzungen betroffen, erhält die untersuchte Ziege den Wert 2 für eine schwere Euterhautverletzung.

Der Indikator „Schwellungen am Körper“ kann sich aufgrund von infizierten Wunden, Abkapselungen oder an Einstichstellen als Impfreaktion entwickeln. Sind die äußeren Hautlymphknoten betroffen, handelt es sich zumeist um die Infektionskrankheit Pseudotuberkulose. Betroffene Tiere reduzieren ihre Futteraufnahme, magern ab und vermindern ihre Milchleistung. Für die Bewertung wird der hintere und vordere Bereich des Körpers begutachtet. Die Anzahl der betroffenen Tiere wird notiert, die Anzahl der Schwellungen je Tier bleibt unberücksichtigt.
Zum Abschluss der Tierwohl-Bewertung wird bei den ausgewählten Tieren der Indikator „Einrisse der Ohrmuschel“ erfasst. Oftmals treten Einrisse der Ohrmuschel durch ausgerissene Ohrmarken auf. Wenn die Bewertung der vorderen Körperpartie im Melkstand nicht möglich ist, können Einrisse der Ohrmuschel und Schwellungen an Kopf, Hals und Schultern im Anschluss an die Grundfuttervorlage auf Gruppenebene erfasst werden.

Das Erfassen bringt viele Vorteile

Für die Erfassung und Auswertung aller zehn Tierwohlindikatoren stehen Tabellen und Kalkulationsblätter zum Download zur Verfügung. Eine regelmäßige dokumentierte Tierwohlbewertung im Bestand bringt für den Tierhalter neben zeitlichem Aufwand auch einige Vorteile. Die Anwendung von Tierwohlindikatoren ist eine gute Möglichkeit, den Blick für die eigene Herde zu schärfen, um so negative wie positive Veränderungen über die Zeit rechtzeitig zu erkennen. Zusätzlich können die Ergebnisse auch für einen sachlichen Austausch mit anderen Kollegen oder Verbrauchern hilfreich sein und nicht zuletzt erfüllen Landwirte so ihre Pflicht zur betrieblichen Eigenkontrolle unter Anwendung von Tierschutz- bzw. Tierwohlindikatoren (TierSchG § 11 Abs. 8). Im Gegensatz zur Kontrolle von haltungs- und managementbezogenen Indikatoren erfordert die richtige Anwendung der tierbezogenen Indikatoren ein Training der Beurteiler.

Der Leitfaden zur Bewertung des Tierwohls bei Milchziegen kann unter https://literatur.thuenen.de/digbib_extern/dn060294.pdf heruntergeladen oder bei katrin.sporkmann@thuenen.de bestellt werden.

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