Weidehaltung

Wolf: Nachhaltige Landbewirtschaftung in Gefahr

Max Riesberg
Max Riesberg
am Montag, 29.03.2021 - 12:02

Viele Weidetierhalter verstehen die Welt nicht mehr. Die Ausbreitung des Wolfes gefährdet ernsthaft ihre geliebten Zuchttiere und letztlich auch ihre Existenz. In Mittenwald sieht man sogar ein komplett stimmiges Kreislaufsystem in Gefahr.

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Eigentlich ist das Frühjahr die Zeit, auf die sich viele Weidetierhalter freuen. Denn dann dürfen ihre Lieblinge wieder raus ins satte Grün, oft laufen die Jungtiere schon bei den Müttern mit und in Sachen Tierwohl lässt sich wohl keine andere Maßnahme besser vermarkten als der Weideaustrieb. Doch seit geraumer Zeit ist diese Vorfreude bei immer mehr Schaf-, Ziegen-, Rinder- und sogar Pferdezüchtern getrübt. Der Wolf geht um im Freistaat und da überlegen sie sich zum Start in die Weidesaison 2021 ganz genau, ob sie ihre Stalltore überhaupt öffnen.

„Wir sind gebrannte Kinder“, erzählen Christian und Andreas Neuner aus Mittenwald im Lks. Garmisch-Partenkirchen. Von früher Jugend an sind die beiden Brüder begeisterte Schaf- und Ziegenzüchter. Als 2008 der Bär Bruno durch die Region streifte, riss er drei ihrer besten Zuchtböcke am Lautersee, direkt neben einem zu Pfingsten voll ausgebuchten Hotel. „Es war ein grausamer Anblick“, berichtet Andreas Neuner, der neben seiner Passion für Schaf- und Ziegenzucht noch der des Jagens nachgeht. „Wenn ein Mensch einem Tier so etwas Brutales antun würde, dann landet er im Gefängnis.“

System aus Weide, Wald und Jagd gerät ins Wanken

Dass Bruno eindeutig verhaltensauffällig war, steht für beide außer Zweifel. Doch das ist Geschichte. Aktuell bereitet ihnen die unkontrollierte Ausbreitung des Wolfes in Bayern und im benachbarten Österreich enorme Sorgen. „Bei uns wird seit Jahrhunderten ein nachhaltiges System der Landbewirtschaftung praktiziert, das aus Weidewirtschaft, Wald und Jagd besteht und bestens aufeinander abgestimmt ist“, schildert Christian Neuner, der seit 30 Jahren in der Vorstandschaft des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern aktiv ist. „Von diesem System profitieren das heimische Handwerk, die Wirtschaft sowie Tourismus und Naherholung. Und jetzt will man da den Wolf mit Gewalt reinbringen, der hier keinen geeigneten Lebensraum mehr findet. Das ist die Katastrophe.“

Das viel zitierte Argument „Der Wolf erwischt keine gesunden Tiere“, ist für den erfahrenen Jäger Andreas Neuner nur ein Ammenmärchen. „Natürlich lernt er schnell mit den Gegebenheiten zurecht zu kommen. Es kommt zur Rudelbildung und bereits die nächste Wolfsgeneration ist bestens an die Infrastruktur angepasst – mit fatalen Folgen für das Wild und die Weidewirtschaft.“

90 Prozent der Flächen „nicht schützbar“

In Sachen Weideschutzzonen haben zwei Experten des Landesamts für Umwelt die Garmischer Flächen zu etwa 90 % als „nicht schützbar“ eingestuft. „Das heißt für uns eigentlich in Folge entweder ganzjährige Stallhaltung oder mit der Tierhaltung ganz aufhören“, mahnt Christian Neuner, der selbst 16 gefährdete, weiße Bergschafe und einige Ziegen hält.

Gemeinsam schicken etwa 60 Betriebe im Sommer rund 400 Schafe, 200 Ziegen, 230 Rinder und 40 Pferde auf Mittenwalder Weidegebiet, unter anderem auf die extreme Schafalm Karwendel. Doch wie lange noch? Denn die wertvollen Zuchttiere als Wolfsfutter zu opfern, dafür setzt keiner der für die Region typischen Klein- und Kleinstbetriebe Kosten, Zeit und Mühen ein.

Wir züchten nicht um Entschädigungen zu kriegen

„Wir züchten nicht um Entschädigungen zu kriegen. Zuchtarbeit ist ein langwieriger Prozess. So viel Enthusiasmus kann man gar nicht aufbringen. Wenn es so weiter geht, dann stirbt der für die Kulturlandschaft unverzichtbare praktische Naturschutz“, sind sich Jäger und Almbauer einig. Denn auch die Bewirtschaftung der einzigartigen Buckelwiesen und Wiesmahd-Flächen, mit wertvoller und einzigartiger Flora und Fauna, sehen sie ernsthaft in Gefahr.

Die berechtigte Frage sei: „Was ist schützenswerter und wer entscheidet das?“ Ein Wolf koste die öffentliche Hand im Jahr im Schnitt 4000 Euro, wie die Schafzucht-Zeitung angibt. Die Herdenschutzmaßnahmen sind für viele Weidetierhalter nur ein momentaner Aktionismus, aber keine Zukunftsperspektive. „Wir brauchen endlich Klarheit bezüglich der Weideschutzzonen, damit wir auf Basis einer ehrlichen Antwort von Seiten der Politik argumentieren und handeln können“, fordert Neuner. Und außerdem müssten gerade auffällige Wölfe schnell entnommen werden. „Dazu muss der Schutzstatus um eine Stufe abgesenkt werden.“ Wenn die Sache weiter aus dem Ruder läuft, dann zieht das eine verheerende Kettenreaktion nach sich.