Gesellschaft und Bauern

Viele Fehler im System

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Max Riesberg
Max Riesberg
am Freitag, 19.03.2021 - 06:05

Die AbL-Frühjahrstagung macht deutlich, dass sich viele Bauern auch das wünschen, was gesellschaftlich gefordert wird. Die Rechnung dafür können sie aber nicht alleine zahlen, denn viele Existenzen stehen auf dem Spiel.

Themen, die die bayerischen Milchviehhalter derzeit umtreiben, gibt es unzählige. Ob es der Ausstieg aus der ganzjährigen Anbindehaltung, die Kritik hinsichtlich der Tierschutzproblematik bei Kälbertransporten oder dringend notwendige Ansätze zur besseren Wertschöpfung in der Kälberaufzucht sind. Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) holte eine Reihe dieser Brennpunkte im Rahmen ihrer ersten Online-Frühjahrstagung auf den digitalen Schirm. Denn das Spannungsfeld zwischen landwirtschaftlicher Praxis und gesellschaftlichem Wunschdenken könnte aktuell gefühlt nicht größer sein. Für viele wird es zur Zerreißprobe kommen: Geht es überhaupt weiter? Und wenn ja, wie lässt sich langfristig bei all den Auflagen mit der Milchviehhaltung noch Geld verdienen?

Überwältigende Resonanz

Die Resonanz zum virtuellen Stelldichein mit rund 160 Teilnehmern war überwältigend, wie der AbL-Vorsitzende Josef Schmid lobte und gleich zu Beginn im Hinblick auf die Anbindehaltung deutlich machte: „Warum stehen denn noch über 30 Prozent der bayerischen Kühe in Anbindeställen? – Sicher nicht, weil es dort so bequem ist zu arbeiten, sondern weil Perspektiven für Investitionen fehlen.“ Die Tierhaltung ist und bleibt auch künftig eine Frage der Wirtschaftlichkeit für die Betriebe. „Der rasante Strukturwandel wird das Problem nur in größere Bestände verschieben. Wollen wir das wirklich?“, mahnte Schmid. Immerhin haben in den vergangenen knapp fünf Jahren mehr als 13 % der viehhaltenden Betriebe aufgehört.

„Die Betriebe stehen enorm unter Druck. Wir haben es mit einem Systemproblem zu tun, das sich nicht mit irgendwelchen Wertschöpfungskampagnen aus der Welt räumen lässt“, machte der BDM-Vorsitzende Manfred Gilch, selbst Milchviehhalter in Hilpoltstein, deutlich. Im bundesdeutschen Vergleich sieht er die bayerische Landwirtschaft „nicht leistungsfähiger, aber leidensfähiger“, denn hier würden alle Kapazitäten der Familienbetriebe bis zum Geht-nicht-mehr ausgebeutet. Die Preis-Kosten-Ratio spreche aber eine eindeutige Sprache. Dabei geht es Gilch aber nicht allein um den Milchpreis, sondern um eine ganzheitliche Kursänderung aus dem „Wahnsinnssystem“. Es sei kein Spielraum mehr für zusätzliche Auflagen, und das dicke Ende komme erst noch. „Betriebe steigen meist nicht direkt dann aus der Milchviehhaltung aus, wenn der Milchpreis fällt oder im Keller ist. Sondern erst, wenn das Investitionskapital ausläuft und ein Generationswechsel ansteht.“ So eine Welle ahnt Gilch auf uns zukommen.

Wenn die kleinen Betrieb wegfallen

Wenn vor allem die kleinbäuerlichen Strukturen weiter wegfallen, sieht er die klare Gefahr, noch abhängiger vom Weltmarkt zu werden. „Qualitätsansätze und Nischenprogramme sind nötig und löblich, aber sie lösen das Gesamtproblem nicht“, so Gilch, der das Landwirtschaftsministerium ganz klar in der Pflicht sieht mehr „mutige Entscheidungen“ für die bayerische Milchwirtschaft zu treffen. Seine Hoffnungen liegen vor allem im Milchdialog der Verbände sowie bei Sektorstrategie 2030, mit der der BDM die Marktposition der Bauern deutlich verbessern will.

Für die kommende Förderperiode stellte Gerhard Brandmaier vom BayStMELF zumindest üppige Finanzmittel im Rahmen des Agrar- und Investitionsprogrammes (AFP) sowie dem Bayerischen Sonderprogramm Landwirtschaft (BaySL) für Neu- und Umbauten in Aussicht (siehe S. 62). Klar werde aber auch, dass der LEH mit der Haltungskennzeichnung die Entwicklungen für die Betriebe weiter beschleunigt und immer mehr Molkereien mit Preisdifferenzierungen reagieren. „Wir konnten uns in Sachen Anbindehaltung mit dem LEH leider nicht auf die sogenannte 90+ Regelung einigen. Wir tun trotzdem mit Nachdruck weiter alles dafür, dass es nicht zum Strukturbruch in der Milchviehhaltung kommt. Dazu brauchen wir entsprechende Übergangsfristen für die Betriebe, um Maßnahmen umsetzen zu können“, betonte Brandmaier.

Kälbertransport auf der Tagesordnung

Tierarzt Dr. Michael Marahrens, stellvertretender Leiter des Instituts für Tierschutz und Tierhaltung am Friedrich-Löffler-Institut (FLI) Celle beleuchtete die Kälbertransporte sowie den rechtlichen Rahmen. „Hunderttausende Kälber verlassen jährlich Deutschland. Da muss die Versorgung der Tiere sichergestellt sein.“ Nicht abgesetzte Tiere über lange Strecken zu transportieren sei für ihn schon allein aus ernährungsphysiologischer Sicht nicht mit dem Tierschutz vereinbar. Der Experte sieht einen wichtigen Schlüssel darin vor allem die Langstreckentransporte zu überdenken, deren Organisation zu Optimieren und sich nach Alternativen umzuschauen.

Am liebsten ganz vermeiden möchte die Kälbertransporte Christine Rauch vom Bürgerbündnis „Mensch fair Tier“, die sich im Rahmen einer Projektinitiative für einen geschlossenen Kreislauf einsetzt: Aufzucht, Mast, Schlachtung und Vermarktung in Bayern. „Wir haben die Fehler im System und müssen schnellstens etwas ändern“, so die Tierschützerin. Dafür nehmen sie und ihre Organisation sogar 20 000 Euro in die Hand, um mit dazu bereiten AbL-Mitgliedsbetrieben einen Vorstoß in Richtung heimische Wertschöpfung zu wagen. „Allerdings können wir sie in Sachen Tierschutz nicht aus der Verantwortung nehmen. Und wir legen gerade im konventionellen Bereich den Finger in die Wunde, wo es notwendig ist“, sagte Rauch.
Beispiele für konkrete Strategien zur Inwertsetzung von Kälbern hatten schließlich noch Kristina Schmalor aus Nordrhein-Westfalen und Dr. Christoph Reiber aus Baden-Württemberg im Gepäck. „Auch wir wollten weg vom Problem überzählige Kälber zu produzieren, die nichts wert sind und diese auch noch weite Strecken transportieren zu müssen“, erzählt die zweite Landesvorsitzende der AbL-NRW von Schmalors Bauernhof im Sauerland. Auf dem konventionellen Milchviehbetrieb mit 70 Kühen und Direktvermarktung wird seit 2015 muttergebundene Kälberaufzucht praktiziert und alle Tiere bleiben bis zu einem Alter von 12 Monaten am Hof. Dabei setzt man auf Holsteins alte Zuchtrichtung, Jersey, Zweinutzungsrassen bzw. Kiwi-Cross. „Es dauerte etwa zehn Jahre, bis es rund lief. Aber es hat sich für uns gelohnt. Und wir entwickeln unsere Strategie laufend weiter. Manchmal muss man auch wieder lernen, nicht alles zu kontrollieren und wieder mehr der Natur zu überlassen“, so das Fazit der innovativen Bäuerin.

Ökologische Milchviehhaltung

Auch an der Uni Hohenheim beschäftigt man sich derzeit intensiv mit dem Mehrwert vor allem für männliche Kälber aus der ökologischen Milchviehhaltung. Dr. Christoph Reiber stellte die Ergebnisse einer gemeinsamen Umfrage mit der Rinderunion Baden-Württemberg sowie mögliche Lösungsansätze des Bio-Wertkalb-Projekts vor. Dabei ging es auch um Strategien der kuhgebundenen Aufzucht, längere Zwischenkalbezeiten, den Einsatz von gesextem Sperma, Kreuzungszucht oder die Kooperation mit Mutterkuhbetrieben. Ein Schlüssel sei eine enge Vernetzung heimischer Produzenten, Verarbeiter und Vermarkter, um für ein gutes Produkt mehr im Geldbeutel zu haben und auch noch etwas für den Tierschutz zu tun.

„Wir haben es mit einem Systemproblem zu tun, das sich nicht mit irgendwelchen Wertschöpfungskampagnen aus der Welt räumen lässt.“