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Schweinehaltung

Verletzte Ohren, verbissene Schwänze

Freilaufbucht 1
Helga Gebendorfer
am Montag, 25.04.2022 - 16:52

Der Blick auf Schlachtkörper zeigt oft die Wahrheit und diese ist nicht sehr vorteilhaft: Bislang sind die Schweinehalter nicht gut auf den Kupierverzicht vorbereitet. Ein Seminar des Wissensnetzwerk Kupierverzicht weist den Weg.

Die Wahrheit hängt am Haken und die Wahrheit ist in diesem Fall nicht appetitanregend. Es sind die Schlachtkörper mit verletzten Ohren und verbissenen Schwänzen, die Mirjam Lechner, Beraterin beim nationalen Wissensnetzwerk Kupierverzicht, Sorgen bereiten. Denn sie kann auf Untersuchungen von Schlachtschweinen verweisen, die einen erheblicher Anteil von Ohrnekrosen und Schwanzbeißen belegen.

Kommunikartion 1

„Meine Beobachtung ist, dass die Probleme zunehmen und wir nicht gut auf Kupierverzicht vorbereitet sind“, fügte sie ihren Erklärungen beim einem Online-Seminar des Netzwerkes hinzu. Dabei wies die Beraterin und Projektleiterin Eip Coachingsystem darauf hin, dass künftig bei der automatischen Erfassung von Schlachtkörper Veränderungen und Schäden detaillierter bestimmt werden.

„Die Bedeutung von heilen Tieren wird in Zukunft zunehmen“, stellte Lechner gleich zu Beginn fest. Studien belegen laut Lechner, dass schnelles Wachstum das Auftreten von Störungen begünstigen kann. So zeigten internationale Forschungen, dass das Osteochondrosis-Risiko (Knochenstörung in Gelenken) pro 100 g der Tageszunahme während der Endphase um etwa 20 % anstieg.

Genetik wichtig für Gesundheit

Hautfehlbildung, Spreizer, Reifeverzögerung, Nabelbrüche, Haarkleid, Zitzen und Klauenasymmetrie: Schweine könnten viele Faktoren vererben, sagte die Beraterin und lenkte die Aufmerksamkeit auf die Bedeutung der Genetik für die Gesundheit.

Anatomische Merkmale sind hoch vererblich, aber löst die Zucht auch offene Fragen wie Verhaltensabweichungen, Stereotypen und Verhaltensstörungen? Erstmal gilt es dafür die Umgebung zu optimieren, sagte die Beraterin. Da gibt es noch Luft nach oben, ein Beispiel: Viele Risikountersuchungen beim Kupierverzicht der letzten Jahre – sowohl bei den Ferkeln, als auch bei der Mast – zeigten, dass ein erheblicher Anteil der Tiere keine optimal eingestellte Durchflussrate bei der Tränke in der Bucht vorfanden. „Das hat viel mit Verhaltensstabilität und Impulskontrolle bei Stress zu tun“, kommentierte sie.

Gestresste Tiere neigen eher zu Verhaltensstörungen

Säugen

Gestresste Tiere neigen durch unzureichende Versorgung eher zu Verhaltensstörungen. Auch unterwürfiges Verhalten bei Zitzen-Streitigkeiten in großen Würfen ist von der Natur nicht eingeplant und führt häufiger zu Schwanzbeißen. „Schon die Kleinsten lernen, von ihren Geschwistern bekämpft zu werden“, erläuterte Lechner. „Vorgeschädigte Ferkel können wir uns für die freie Abferkelung nicht leisten“, meinte sie.

Auch die Versorgung mit Kolostralmilch und deren Qualität spielen eine wichtige Rolle. „Die Konzentration, also Menge und Qualität, muss das Ferkel durch das Immunloch in der Aufzucht tragen“, gab die Beraterin zu bedenken. In diesem Zusammenhang verwies sie auch darauf, dass Saugferkel genügend Wasser brauchen, was durch eine Tränke mit Hilfebügel sehr gut funktioniert.

Steigende Wurfgrößen bringen automatisch mehr kleine Ferkel mit Anzeichen von IUGR (Verzögerung des Wachstums eines Fötus in der Gebärmutter). Die Anzeichen dafür sind steile, delfinähnliche Kopfform, herausstehende Augen und Haarwuchs ohne Anordnung. IUGR führt zu reduzierter Kolostrum-Aufnahme und Gewichtszunahme, geringerer Überlebensfähigkeit sowie geringeren Endgewichten und Tageszunahmen. Wichtiger als die ganz großen Würfe seien also „gleichmäßige Würfe“, betonte sie. Den Einfluss der Genetik auf SINS beleuchtete Gerald Reiner von der Klinik für Schweine an der Justus-Liebig Universität Gießen in seinem Vortrag. SINS ist die Abkürzung von Swine Inflammation and Necrosis Syndroms oder übersetzt Entzündungs- und Nekrose-Syndrom beim Schwein.

Der Gießener Professor nimmt Optimisten gleich zu Beginn den Wind aus dem Segel: Derzeit könne kein Haltungssystem zuverlässig und nachhaltig „den Ringelschwanz“ garantieren. Selbst experimentelle Ringelschwanz-Projekte ergaben über 70 % versehrte Schwänze. Die Folge war ja eben die routinemäßige Amputation des letzten Schwanzdrittels, was jedoch mit dem Aktionsplan Ringelschwanz seit 2008 nicht mehr zulässig ist.

Drei Irrtümer zum Schwanzbeißen

„Schwanzbeißen ist eine Kernbedrohung für die Schweinehaltung in Deutschland“, meinte der Experte. Allerdings bemerkte er, dass das alleinige Berücksichtigen von Schwanzbeißen zu plakativ und einfach sei. Bei der Herangehensweise an das Problem räumte er mit drei Irrtümern auf. So machte er darauf aufmerksam, dass

  • die Einstufung von primärem Schwanzbeißen als Aggression und Verhaltensstörung nur ein Punkt sei,
  • dass die Verletzungen nicht nur den Schwanz betreffen und
  • die Optimierung der Umwelt zwar wichtig ist, aber allein nicht ausreicht.

Seine Erklärungen: Es gibt auch Nekrosen ohne Zutun anderer Schweine, sie treten regelmäßig und häufig auch an Ohren, Zitzen, Kronsaum, Ballen und Klauen auf. „Das Problem SINS kommt nicht von außen, sondern primär von innen“, stellte der Wissenschaftler fest.

„Die Ursache ist eine Überlastung von Darm und Leber“, betonte er. So führt eine nicht optimale Wasserversorgung dazu, dass sich die Blut-Darm-Schranke öffnet und bakterielle Abbauprodukte ins Blut gelangen. In der Folge entzünden sich Darm und Leber und es kommt zu Verstopfungen. Im Endeffekt bedeutet das: Die Koprostase der Sau bestimmt das SINS der Ferkel. „Durch die Verbesserung der Haltungsumwelt, wie Thermoregulation, Wassermenge und -qualität sowie Futter können Entzündungen und Nekrosen erheblich reduziert werden“, lautete sein Zwischenfazit.

Was können die Betriebsleiter dazu tun?

Ein paar schnelle Antworten:

  • Was gegen MMA hilft, hilft auch gegen SINS, Ziel ist die Darmstabilität.
  • Thermoregulation unterstützen insbesondere gegen Hitzestress: Mikrosuhle, wärmeableitende Bodenbereiche, keine Tiefstreu.
  • Wasserversorgung optimieren: Schalentränken mit Anlernfunktion, Durchfluss, offene Flächen, Hygienisierung des Wassers gegen Verkeimung und Toxine, Keimkontrolle, Biofilm etc.
  • Fütterung: Können die Ferkel nach dem Umsetzen fressen?; mehr und bessere Rohfaser; Förderung von Darmgesundheit, Reduktion von Entzündung und Mykotoxinen.
  • Zusatzangebot von Luzerne, Zeolith (Urgesteinsmehl).
  • Beachtung der frühen Tiersignale: SINS (Klauen, Ohren, Gesicht) als Warnsignal; bei anlaufenden Entzündungen wird Kupierverzicht zum Tierversuch.

„Aber es gibt keine hundertprozentige Garantie“, so Reiner, der auf die Suche nach weiteren Ursachen ging. Liegt die Entzündungsneigung bereits in den Genen? Er erinnerte daran, dass in den letzten 70 Jahren bei intensiver Selektion nur auf äußerliche Merkmale geachtet, aber enorme „Fortschritte“ Richtung Wachstum, Fleischfülle und Fruchtbarkeit erreicht wurden. Dabei entstand SINS-Empfindlichkeit anscheinend als Nebenwirkung.

Beißen und Nekrosen zwei verschiedene Dinge

Eine Studie in Thüringen zeigte, dass Beißen und Nekrosen zwei verschiedene „paar Schuhe“ sind. „Sie können zwar ineinander übergehen, aber das ist nicht zwingend“, verriet er das Resultat und wies darauf hin, dass äußerlich im Stall nur die Spitze des Eisbergs zu sehen ist.

„Eine Selektion ist möglich. Eber mit unterschiedlichen Genvarianten bestimmen die Entzündungsneigung der Ferkel. Eine gezielte Eberauswahl bringt Erfolg“, informierte der Genetiker.

Sein Fazit: Um Verbesserungen in Sachen „Schwanzbeißen“ zu erreichen, ist zu beachten, dass es um mehr geht, also auch Ohren, Kronsaum, Ballen, Sohle und Zitzen. Die Tiere entzünden sich von innen heraus, wobei eine Reihe von Körperteilen wie Leber und Darm betroffen sind. Das heißt, die Haltung, Fütterung und Management müssen optimiert werden.

Zusätzlich muss die Genetik korrigiert werden. Denn Praxis-Beobachtungen und wissenschaftliche Ergebnisse aus mehreren Studien belegen erhebliche Unterschiede im Grad der Entzündungen in Abhängigkeit der Genetik von Eber und Sau. „Alles in allem brauchen wir nicht maximale Ferkel in Anzahl und Fleischfülle, sondern optimale Ferkel mit einem hohen Gesundheitsstatus“, lautete seine Bilanz.