Reserveantibiotika

Umstrittener Rechtsakt findet Mehrheit

Huhn erhält Antibiotika
Alexandra Königer
Alexandra Königer
am Donnerstag, 16.09.2021 - 10:52

Selten sind die Empörungswellen vor einer Abstimmung im EU-Parlament so hoch geschlagen, nun gibt es eine Entscheidung: Der Grünen-Vorstoß zur Regelung des Antibiotika-Einsatzes bei Tieren fiel durch, die EU-Kommission hat sich mit ihrem Vorschlag durchgesetzt.

Die Grünen und die Sozialdemokraten im EU-Parlament wollten den Einsatz von Reserveantibiotika im Stall einschränken und einen delegierten Rechtsakt der EU-Kommission zurückweisen, in dem geklärt werden soll, welche Antibiotika künftig für den Menschen vorbehalten und damit für die Tiermedizin weitgehend ausgeschlossen sind. Ziel der Grünen war, vier Wirkstoffgruppen in der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung zu verbieten, die von der Weltgesundheitsorganisation als „Reserveantibiotika“ eingestuft werden. Sie gelten als letztes Mittel im Krankenhaus, wenn andere Antibiotika nicht mehr wirken.

Reserveantibiotika wichtig für Mensch und Tier

Norbert Lins von der CSU

Der Vorsitzende des Landwirtschaftsausschusses im EU-Parlament, Norbert Lins (CDU), hatte noch kurz vor der Abstimmung für den Rechtsakt der EU-Kommission geworben. Es sei bedauerlich, dass Grüne und Sozialdemokraten ein Verbot zahlreicher Antibiotika für die Tiermedizin forderten. Laut Lins sind Reserveantibiotika sowohl für Menschen als auch für Tiere wichtige Medikamente, die Leben retten können. Ein Verbot, wie es die vom Umweltausschuss empfohlene Resolution für viele Wirkstoffgruppen fordert, würde nach seiner Auffassung dazu führen, dass kranke Tiere nicht mehr behandelt werden könnten, obwohl es wirksame Medikamente für sie gäbe. Das weltweit zunehmende Problem von Antibiotikaresistenzen könne so nicht gelöst werden. Vielmehr brauche es einen ganzheitlichen Ansatz von Human- und Veterinärmedizin sowie Umweltwissenschaften anstatt einseitiger Verbote. Der delegierte Rechtsakt der Kommission sei wissenschaftsbasiert und verhältnismäßig und führe bereits zu einer Verringerung der in der Tiermedizin verfügbaren Antibiotika und einen verbesserten Schutz vor Antibiotikaresistenzen beim Menschen. Eine Ablehnung des Kommissionsvorschlags hätte aus seiner Sicht zu einer Verschlechterung der jetzigen Situation geführt und Lösungen verzögert.

Bundestierärztekammer zeigt sich erleichtert

Nach Ansicht der Grünen lässt die EU-Kommission in ihrem Rechtsakt zu viele Schlupflöcher zu für den Einsatz von Reserveantibiotika vor allem in der Geflügel- und Schweinemast. Wäre der Rechtsakt im Plenum zurückgewiesen worden, hätte die EU-Kommission einen neuen Vorschlag vorlegen können, der die Bedenken der Abgeordneten einbezieht. Nun bleibt es bei den Plänen der EU-Kommission. Diese sehen laut dpa zunächst keine konkrete Liste von Stoffen vor, die künftig bei Tieren verboten sein sollen. Stattdessen sollen Kriterien für die Auswahl von künftigen Reserveantibiotika gelten: etwa eine hohe Bedeutung für die menschliche Gesundheit und ein „nicht-essenzieller“ Bedarf in der Tiermedizin.

Im Vorfeld der Abstimmung hatte der Bundesverband Praktizierender Tierärzte (bpt) eine Unterschriftenkampagne gegen ein EU-weites Anwendungsverbot bestimmter Antibiotika bei Tieren gestartet und dabei auch vor Konsequenzen bei der Behandlung von Haustieren gewarnt. Der agrarpolitische Sprecher der Grünen im EU-Parlament, Martin Häusling, hatte dem bpt in seiner Kampagne „irreführende Argumente“ vorgeworfen, da der Grünen-Vorstoß Ausnahmen für Einzeltierbehandlungen vorgesehen hätte. Die „Lobby-Kampagne“ habe Früchte getragen, denn „die Sorge um ihre tierischen Schützlinge habe in Deutschland allein über 600 000 Menschen dazu gebracht, ihre Unterschrift für ein angeblich besseres gesetzliches Vorhaben zu leisten“. Die Bundestierärztekammer zeigte sich nach der Abstimmung „erleichtert und erfreut“. Die Mitglieder des EU-Parlaments hätten den „Wegfall weiterer essenzieller Antibiotikaklassen für die Behandlung von Tieren“ verhindert.