Methanemissionen

Treibhausgase: Methanemissionen aus Tierhaltung überschätzt

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Andrea Tölle
Andrea Tölle
am Donnerstag, 25.11.2021 - 09:51

Für Prof. Wilhelm Windisch von der TU München sind die Methanemissionen aus der Rinderhaltung bislang mindestens um den Faktor 3 bis 4 überschätzt worden.

Wir beschäftigen uns mit der großen Herausforderung, die Nutztierhaltung in Bayern zu halten“, sagte BBV-Veredlungspräsident Gerhard Stadler bei der digitalen Erzeugerwoche des BBV. Hierfür lieferte Prof. Dr. Dr. habil Wilhelm Windisch wertvolle Argumente: „Gesunde Nutztierhaltung kann für die Umwelt sinnvoll sein.“ Der Inhaber des Lehrstuhls für Tierernährung an der Technischen Universität München meinte: „Die Rolle der Wiederkäuer hinsichtlich des Klimaschutzes ist bislang mindestens um den Faktor 3 bis 4 überschätzt worden. Fälschlicherweise wurde den Wiederkäuern bisher ein enormer Beitrag zur Klimaerwärmung zugemessen, um die 15 bis 20 Prozent.“

Windisch wies darauf hin, dass es heute in Deutschland mit 12.809.000 Rindern (im Jahr 2010) nicht viel mehr Kühe als vor 100 oder 150 Jahren gibt (1873: 15.777.000 Rinder) und Wiederkäuer auch im Hinblick auf die Sicherung der Welternährung wichtig sind. Denn sie können nicht lebensmitteltaugliche Biomasse in für die menschliche Ernährung wertvolles Eiweiß verwandeln und das ist wichtig.

1 kg veganes Lebensmittel erzeugt mindestens 4 kg für Menschen nicht essbare Biomasse. Man sollte also unvermeidlich anfallende, nicht essbare Biomasse als primäre Futterbasis verwenden und den Futterwert und den Transformationsprozess dieser Biomasse optimieren.

Kühe kein Klimaproblem

„Man kann durchaus sagen, dass Kühe kein Problem fürs Klima sind“, sagte der Wissenschaftler von der TU München. Was die Kühe emittieren, wird in wenigen Jahren abgebaut. Das ist ein Gleichgewicht: Solange man die Anzahl der Tiere oder den Futterverzehr nicht erhöht, hat diese Emission keine weitere Steigerung der Konzentration in der Atmosphäre zur Folge und damit auch keine Erhöhung der Temperatur. Das ist beim CO2 anders. Wenn man CO2 emittiert, bleibt das einige Jahrzehnte lang in der Atmosphäre.

Dagegen hätte die Vermeidung von Nahrungskonkurrenz durch Nutztiere gravierende Folgen: Die knappe Verfügbarkeit an nicht essbarer Biomasse limitiert die Produktion an Lebensmitteln insgesamt. Hilfreich ist es, wenn Zusatzstoffe, Züchtung und neue Technologien die limitierende Futtermenge entschärfen (v. a. beim Geflügel).

Windisch sieht in der Erzeugung von Kunstfleisch (cellular meat) keine Lösung. Denn Kunstfleisch konkurriert um vegane Lebensmittel. Die „Ernte“ an Eiweiß ist stets geringer als der Input an essbarem Eiweiß. Selbst wenn die Nährlösung aus nicht essbarer Biomasse erzeugt werden kann, ist der direkte Verzehr der Nährlösung stets effizienter als die „Verfütterung“ an die Zellkultur.

Veganer sind Partner

Der Wissenschaftler meinte, dass Veganer und Verbraucher, die auch Fleisch essen, keine Konkurrenten sind, sondern sich als Partner sehen sollten. Denn vegane Lebensmittel erzeugen große Mengen an Tierfutter. So liefert 1 kg Hafer 380 g im Haferdrink sowie 250 g Kleie und 370 g Rest, 1 kg Soja liefert 200 g Öl, 470 g Protein und 70 g Schalen sowie 250 g Rest, aus 1 kg Lupine werden 300 g Protein und 240 g Schalen sowie 410 g Rest und 50 g Öl, das Öl ist allerdings toxisch (Zahlen bezogen auf die Trockenmasse).

Nicht essbare Biomasse besser verwerten

Windisch sieht bei der Transformation von nicht essbarer Biomasse hinsichtlich der Effizienz noch mindestens 20 % Steigerungspotenzial durch Einsparung, Management und die Umsetzung bereits vorhandenen Wissens.

Weitere Steigerungen seien durch Innovationen in der Pflanzen- und Tierzucht, in der Verfahrenstechnik und durch die Verwendung von Zusatzstoffen möglich. So sollte man kein Futter verschwenden, die bereits vorhandene nicht essbare Biomasse maximal nutzen und präzise füttern. Bei der Pflanzenzüchtung sollte man auf einen hohen Futterwert durch z. B. weniger Lignozellulose und weniger Toxine achten. Ein Beispiel für eine positive Pflanzenzüchtung ist der Raps. Dieser war bis vor ca. 25 Jahren als Tierfutter weitgehend ungeeignet, da er zu hohe Gehalte an Giftstoffen hatte, die aber konsequent weggezüchtet wurden. Inzwischen sind die Nebenprodukte von Raps zum weltweit zweitwichtigsten Eiweißfuttermittel aufgestiegen.

Windisch verwies darauf, dass die landwirtschaftliche Nutzfläche pro Mensch weltweit bedrohlich abnimmt. Er sieht darin neben der Klimakrise eine der größten Bedrohungen der Menschheit. Derzeit müssen mit der Fläche eines Fußballfeldes (7400 m²) drei Menschen ernährt werden, im Jahr 2050 mindestens fünf Menschen.

Gemeinsam mit NGOs

Werner Schwarz, Präsident des Bauernverbandes Schleswig-Holstein war Mitglied der Zukunftskommission Landwirtschaft. Er verweist auf die Erfolge: „Wir sind gemeinsam mit NGOs zum Erfolg verpflichtet, bei einer Pressekonferenz saßen NGOs mit mir am Tisch. Wir haben die NGOs nicht mehr gegen uns. Die ZKL übt heute mehr Druck auf die Politik aus, als wir es je hätten leisten können, wenn wir getrennt vorgegangen wären. Gesetze müssen einen verlässlichen Planungshorizont und eine verlässliche Perspektive bieten.“ Wichtig sei, dass man eine Antwort auf die Frage hat: „Was hat die Gesellschaft davon, dass es in Deutschland Landwirtschaft gibt?“ Allerdings müsse die Politik ihre eigenen Zielkonflikte auflösen.

Stefan Leuer von der LWK Niedersachsen sagte, dass es Tierwohl nicht zum Nulltarif gibt. Die Initiative Tierwohl sieht Leuer als sehr gute Entwicklung, weil man daran sieht, dass man, wenn man zusammenarbeitet, durchaus etwas auf die Beine stellen kann. Mehr Tierwohl bedeutet immer, dass man eine Abgrenzung zur vorhandenen Ware hat, um beim Verbraucher ein besseres Gefühl zu erzeugen.

Ferkelerzeuger bedenken

Ein Label verspricht ein höheres Preissegment verbunden mit einem begrenzten Marktzugang. Leuer kritisiert, dass bislang die Ferkelerzeuger bei vielen Labels nicht mitgenommen werden. Dabei sei das gerade hinsichtlich des Kriteriums Ringelschwanz wichtig. Alle Programme fordern mehr Platz und mehr Raufutter. Das staatliche Tierwohllabel 3 und das Label „Fair Farm“ wollen sogar doppelt so viel Platz wie bei der bisherigen gesetzlichen Regelung von 0,75 m² je Mastschwein. Das wird bei einigen zu einer deutlichen Bestandsreduzierung führen. Allerdings sind die Baukosten für einen Neubau deutlich niedriger als die Kosten für die Bestandsreduzierung vor allem bei höheren Labels.

Die in der Schweinefleischproduktion entstandenen Mehrkosten wurden bisher über steigende Leistungen kompensiert. Das wird laut Leuer künftig aber nicht mehr gehen. „Wir brauchen eine staatliche Sicherheit, durch Investitionszuschüsse oder Prämien. Es muss leichter sein, Genehmigungen zu bekommen. Es führt nichts an 5xD vorbei, sonst werden wir die Ferkelerzeuger verlieren“, forderte der Betriebswirt und wies darauf hin, dass 5xD nicht von staatlicher Seite kommen könne. „Wir müssen überlegen, wie wir den Markt überzeugen. Das ist noch ein großes Problem“, meinte Leuer.