Milchviehhaltung

Treibhausgase: Klima-Check für Milchkühe

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Anna Karer, Vanessa Karger, Anton Reindl, Dr. Monika Zehetmeier, LfL Agrarökonomie, München
am Montag, 29.11.2021 - 08:11

Milcherzeuger können jetzt mit dem LfL-Klima-Check schnell und einfach prüfen, wie viele Treibhausgase ihre Kühe erzeugen. Das Programm zeigt auch, wie sich eine Senkung der THG-Emissionen auf den Deckungsbeitrag auswirkt.

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Zum diesjährigen Tag der Milch am 1. Juni veröffentlichte die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) ihren Treibhausgas-Rechner für die Milchkuhhaltung – webbasiert, kostenlos, ohne Anmeldung nutzbar und mit voller Datenhoheit für die Landwirtin und den Landwirt.

Die für die Berechnung notwendigen Daten variieren je nach Anwendung, da jedes Tool einen unterschiedlichen Grad der Individualisierung bietet. Je mehr Daten abgefragt werden, umso höher ist die Belastbarkeit der Ergebnisse. In der IDB.THG-Anwendung kann der Grad der Individualisierung selbst bestimmt werden. Für jeden Wert sind Standarddaten hinterlegt, die angepasst werden können.

Die Datenabfrage beginnt mit den wichtigsten Kennwerten im Produktionsverfahren. Ausgangspunkt ist die Frage: Welche Rasse steht im Stall? Daran orientieren sich die hinterlegten Standardwerte für Bayern. In den grundlegenden Kennwerten werden Punkte wie die Abgangsquote, die Zwischenkalbezeit oder auch die Bestandsergänzung über Erstkalbungen im eigenen Bestand oder den Zukauf von Jungkühen abgefragt. Die Datenanpassung an die eigenen Produktionsbedingungen führt dazu, dass einzelne Werte automatisch berechnet werden, wie zum Beispiel der Wert „Kälber je Kuh und Jahr“.

Was zeigen die Ergebnisse nach der Dateneingabe?

In den einzelnen Modulen finden sich weitere Datenanpassungsmöglichkeiten. Unter anderem wird noch die Milchleistung, das Schlachtgewicht, die Art des Wirtschaftsdüngers (Gülle, Tiefstreu ...) oder auch die Anzahl an Weidetagen abgefragt. Zur Berechnung der ökonomischen Allokation werden die Erlöse aus der Milch, dem Kälberverkauf und dem Altkuhverkauf benötigt – was es damit auf sich hat, dazu kommen wir später.

Einzelne Punkte wie die Auswahl an unterschiedlichen Güllelagerungsverfahren, der Wasserverbrauch oder auch der Energieverbrauch aus unterschiedlichen Energiequellen können in der Treibhausgasbewertung im jeweiligen Modul angepasst werden.

Datenübersicht zur Treibhausgasbewertung im Produktionsverfahren Milchkuhhaltung
Kennwerte Milchkuh

Eingabe bei Kennwerte/Milchmenge u. Preisansätze/Leistungen/var. Kosten:

-Rasse, Milchleistung + Eiweiß- u. Fettgehalt, Abgangsquote + Kuhverluste

-Ø-Lebendgewicht + Schlachtgewicht, Zwischenkalbezeit

-Bestandsergänzung (Kalbin/Jungkuh),

-Weidetage, Art des Wirtschaftsdüngers (Gülle, Mist,..), Einstreumenge

-Fütterung (Futtermittel, -menge, Energiegehalt Futtermittel)

Kennwerte Milchkuh

Eingabe bei Treibhausgasbewertung

-Emissionsfaktor Bestandsergänzung bei Eigenerzeugung

-Emissionsfaktor für selbsterzeugte Futtermittel und Einstreu

-Güllelagerungsverfahren

-Wasserverbrauch, Energiequelle und -verbrauch, Dieselverbrauch

Kennwerte Kalb

Eingabe bei Kennwerte/Milchleistung u. Preisansätze/var. Kosten

-Ø-Verkaufsgewicht weibl./männl. Kalb

-Aufzuchtmethode (Vollmilch / MAT), Absetzalter, Kälberverlustquote

-Fütterungsmengen je Futtermittel

Ökonomische Kennwerte

Eingabe bei Kennwerte/Milchleistung u. Preisansätze/var. Kosten

-Ø-Verkaufsgewicht weibl./männl. Kalb

-Aufzuchtmethode (Vollmilch / MAT), Absetzalter, Kälberverlustquote

-Fütterungsmengen je Futtermittel

Die Tabelle zeigt, welche Daten der Landwirt benötigt, um für sein eigenes Produktionsverfahren die Treibhausgasemissionen im IDB.THG-Tool zu berechnen.

Nach der Anpassung der Werte in der Anwendung erhält man die für das eigene Produktionsverfahren berechneten Treibhausgasemissionen. Für die IDB-Standard-Fleckviehkuh ergeben sich beispielsweise folgende Werte:

  • THG-Emissionen je Kuh und Jahr: 10 389 kg CO2-Äq.
  • THG-Emissionen je kg verkaufter Milch (FPCM): 1,24 kg CO2-Äq.

Was bringen Änderungen und was kostet das?

Treibhausgase

Welche Erkenntnisse lassen sich aus den errechneten Emissionen ziehen? Es können die Bereiche identifiziert werden, die die höchsten Treibhausgasemissionen liefern. Durch Veränderung der dafür verantwortlichen Daten können Maßnahmen gefunden werden, mit denen man die Treibhausgasemissionen senken kann. Gleichzeitig können auch die ökonomischen Auswirkungen dieser Veränderung ermittelt werden. Die Verbindung der Ökonomie und der Treibhausgasbewertung in nur einer Berechnung ist die Besonderheit dieses Tools. Mit einer Dateneingabe erhält man beide Auswertungen.

Aufteilung bei Milch und Koppelprodukten

Das Produktionsverfahren Milchkuh erzeugt neben Milch noch weitere Produkte. Es ist daher verursachergerecht, die Gesamtemissionen des Produktionsverfahrens Milchkuhhaltung auf die Produkte aufzuteilen. Diese regelbasierte Verteilung wird als Allokation bezeichnet.

Im Tool IDB.THG wird, bedingt durch die vorhandenen ökonomischen Kennwerte, eine ökonomische Allokation angewandt. Das heißt, die Treibhausgasemissionen werden auf die drei Kategorien Milcherlös, Kälbererlös und Altkuherlös aufgeteilt . So wird verhindert, dass der Milch die Gesamt-Treibhausgasemissionen angelastet werden. Für die Standard-Fleckviehkuh errechnet der THG-Rechner bei ökonomischer Allokation dann je Kilogramm verkaufter Milch einen Wert von 1,03 kg CO2-Äquivalenten.

Ökonomische Aufteilung der Emissionen

 

Monetärer Wert

Prozentuale Aufteilung

THG-Emissionen

Milcherlös

3238,50 €

82,77 %

8599

Kälbererlös

333,80 €

8,53 %

886

Altkuherlös

340,30 €

8,70 %

904

Summe

3912,60 €

100 %

10 389

Wo sind die Möglichkeiten für Minderungen?

Sojaersatz

1. Globales Sojaschrot durch EU-Ware ersetzen: Ein Beispiel zur Minderung der Treibhausgasemissionen ist die Umstellung von Sojaextraktionsschrot aus zum Beispiel Südamerika auf Sojaextraktionsschrot aus der Europäischen Union. Im THG-Rechner der LfL ist Sojaextraktionsschrot mit 44 % Rohprotein (XP) als ein Standardfuttermittel hinterlegt.

Hier kann ausgewählt werden, ob man ein Produkt aus globaler Herstellung (darin enthalten sind zum Beispiel die Länder Brasilien und die USA) oder aus europäischer Herstellung (darin enthalten sind zum Beispiel die Länder Italien und Ungarn) verfüttert. Der jeweils notwendige Emissionsfaktor für die Herstellung (Emissionsfaktor = Gesamttreibhausgasemissionen, die bei der Herstellung des Produktes entstehen) stammt aus einer internationalen Datenbank (GFLI FeedPrint International/FeedPrint NL Datenbank).

Eine Umstellung der Herkunft von Sojaextraktionsschrot von globaler Herkunft auf europäische Herkunft führt zu einer Treibhausgasminderung von 538 kg CO2-Äq. je Kuh und Jahr bei der Fleckviehkuh nach IDB-Standard. Aus ökonomischer Sicht bedeutet dies eine Kostensteigerung um 15,79 €/Kuh und Jahr, gerechnet mit Preisen im Betrachtungszeitraum der letzten 60 Monate bis November 2021.

Abgangsquote

2. Abgangsquote verringern: Eine Minderung der Treibhausgasemissionen ist auch über die Verringerung der Abgangsquote im Kuhbestand möglich. Die Fleckviehkuh nach IDB-Standard hat eine Abgangsquote von 31 %. Wenn diese Abgangsquote um fünf Prozentpunkte nach oben oder unten verändert wird, führt dies zu einer Erhöhung bzw. Verringerung der Treibhausgasemissionen sowie der variablen Kosten. Die Treibhausgasemissionen sind bei einer Abgangsquote von 26 % um 586 kg CO2-Äq. je Kuh und Jahr niedriger als bei einer Abgangsquote von 36 %. Nach Verteilung der Gesamtemissionen nach ökonomischer Allokation sinken die Treibhausgasemissionen für den Milcherlös um 226 kg CO2-Äq. pro Kuh und Jahr.

Im Bereich der Ökonomie lässt sich feststellen, dass bei einer geringeren Abgangsquote außerdem die variablen Kosten für die Bestandsergänzung sinken. Dieser Effekt überträgt sich nicht vollständig auf den Deckungsbeitrag, da bei geringerer Abgangsquote auch ein niedrigerer Erlös aus dem Verkauf von Altkühen entsteht.

Im Beispiel der Fleckviehkuh lässt sich durch eine Verringerung der Abgangsquote von 36 % auf 26 % ein um 70 €/Kuh und Jahr höherer Deckungsbeitrag erzielen (berechnet mit Preisen der letzten 60 Monate bis November 2021).

Treibhausgase

3. Kombination mehrerer Maßnahmen zur THG-Senkung: Durch die Kombination unterschiedlicher Maßnahmen zur Minderung von Treibhausgasemissionen lässt sich eine erkennbare Reduzierung der Emissionen erreichen. Folgende Maßnahmen wurden in einer Beispielrechnung kombiniert:

  • Einsatz von Sojaextraktionsschrot aus der EU.
  • Reduktion der Abgangsquote.
  • Erhöhung der Grobfutterqualität von Grassilage, Heu und Maissilage durch Anpassung des Energiegehaltes.

Die genannten Maßnahmen führen zu einer Reduzierung der Emissionen um insgesamt 1873 kg CO2-Äquivalente pro Kuh und Jahr im Vergleich zur Fleckviehkuh nach IDB-Standard.

Um den höheren Fleischansatz beispielsweise bei Zweinutzungskühen in der THG-Bilanz berücksichtigen zu können, wird mithilfe der Systemerweiterung auch die Mastleistung von Kälbern berücksichtigt, die den Milchkuhbetrieb verlassen und auf anderen Betrieben gemästet werden. Dazu gehören Bullenkälber sowie Kuhkälber, die nicht für die Bestandsergänzung benötigt werden. Der Effekt der Systemerweiterung soll anhand eines Beispiels verdeutlicht werden.
Beispiel: Das Ausgangsszenario bildet die Fleckviehkuh nach IDB-Standard mit einem Milchertrag von 8361 kg verkaufte Milch (FPCM) und einem Fleischertrag von 328 kg Schlachtgewicht (Altkuh plus Rindfleisch aus der Ausmast nicht zur Nachzucht benötigter Kälber).
Treibhausgase

Eine Umstellung auf die Schwarzbunte Kuh nach IDB-Standard führt bei gleichem Milchertrag zu einer Reduktion der Rindfleischmenge. Das fehlende Rindfleisch wird durch Fleisch aus der Mutterkuhhaltung ergänzt. In der Summe führt ein Wechsel in der Standardeinstellung von Fleckvieh zu Schwarzbunt zu einer Erhöhung der Treibhausgasemissionen um 1113 kg CO2-Äq. pro Kuh und Jahr.

Das hier gezeigte Beispiel ist an die Region Bayern angepasst. Eine Übertragung der Berechnungsmethodik in andere Regionen der Welt würde ein anderes Ergebnis zeigen, da je nach Region Rindfleisch im Vergleich zu Milch mehr oder weniger Bedeutung im Konsumverhalten des Menschen hat.

Dieses Beispiel zeigt aber, dass der alleinige Fokus auf die Treibhausgasemissionen an der Systemgrenze des Milchviehbetriebs den Betrieben mit Zweinutzungsrassen nicht gerecht wird. Im Online-THG-Rechner wird daher auf die Berechnungsproblematik hingewiesen.