Schweinehaltung

Tierwohllabel: Mehr als doppelte Kosten

Schweine
Stefan Leuer, LWK NRW
am Montag, 25.11.2019 - 13:44

Das staatliche Tierwohllabel soll 2020 eingeführt werden. Die verschiedenen Erzeugerbereiche sind unterschiedlich stark von den Kostensteigerungen betroffen. Diese werden sich speziell auf die Gebäudekosten enorm auswirken.

Auf einen Blick

  • Ab 2020 soll es ein dreistufiges staatliches Tierwohllabel geben. Mit jeder Stufe werden die Anforderungen strenger.
  • Die betäubungslose Ferkelkastration wird mit Einstieg in eine der Stufen schon ab 2020 verboten.
  • Auch für Transport und Schlachtung gibt es neue Regeln. So dürfen Tiere nur noch maximal acht Stunden transportiert werden.
  • Das bestehende Güllesystem muss mit dem vermehrten organischen Einstreu- und Beschäftigungsmaterial fertig werden.
  • Ferkelerzeugung, Ferkelaufzucht und Mast sind unterschiedlich stark von der Kostensteigerung betroffen.

Kosten überprüft

Mit dem staatlichen Tierwohllabel, das 2020 eingeführt werden soll, dürfen künftig alle Schweinehalter werben, die überprüfbar die geforderten Tierschutzanforderungen erfüllen. An der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen wurde für die Publikation „DLG-Kompakt – Schweinehaltung in Deutschland“ berechnet, welche Mehrkosten auf Schweinehaltungsbetriebe zukommen, wenn sie zukünftig nach einer der drei Stufen des staatlichen Tierwohlkennzeichens produzieren.

Das neue Tierwohlkennzeichen umfasst drei Stufen, die qualitativ aufeinander aufbauen. Mit jeder Stufe werden die Anforderungen strenger. So wird zum Beispiel das Platzangebot in der ersten Stufe um 20 Prozent erhöht. Für die zweite Stufe müssen 47 Prozent und für die dritte Stufe 91 Prozent mehr Platz zur Verfügung gestellt werden. Die Buchtenstrukturierung in Ruhe-, Aktivitäts-, Fress- und Kotbereich muss bereits ab der ersten Stufe verbessert werden.

Anforderungen an die Tierhaltung

Kennzeichnung

Tierhalter müssen für organisches Beschäftigungsmaterial und Raufutter im Stall sorgen.
Das Kupieren der Schwänze, das grundsätzlich zwar auch heute schon verboten, per Ausnahmegenehmigung aber gängige Praxis ist, wird ab Stufe 2 komplett verboten sein.

Für Betriebe der Stufe 1 wird weiterhin die Möglichkeit bestehen, eine Ausnahmegenehmigung für das Schwanzkupieren zu erwirken. Sie müssen allerdings durch konsequentes Minimieren der Stressfaktoren dafür sorgen, dass ein Kupieren der Schwänze gar nicht erst nötig wird.
Die betäubungslose Ferkelkastration wird mit Einstieg in eine der Stufen 1 bis 3 bereits ab 2020 verboten sein. Für Betriebe, die nach gesetzlichen Standard produzieren, gilt das Verbot ab 2021.

Die Säugephase beträgt im gesetzlichen Standard nach wie vor mindestens 28 Tage. Die in der Praxis übliche Verkürzung der Säugephase darf in der ersten Stufe künftig aber nur noch auf 25 Tage (statt wie in der Praxis üblich 21 Tage) erfolgen. In der zweiten Stufe muss die Säugephase dann (gänzlich ohne Ausnahme) mindestens 28 Tage betragen und in der dritten Stufe sind 35 Tage angesetzt.

Regeln auch für Transport und Schlachtung

Die neuen staatlichen Tierwohlanforderungen beschränken sich jedoch nicht allein auf die Schweinehaltung. Auch für Transport und Schlachtung gibt es Regeln: So dürfen die Tiere zum Beispiel nur noch maximal acht Stunden transportiert werden, ab vier Stunden müssen Einstreu und Tränken angeboten werden. Bei der Schlachtung verlangt das Label unter anderem höhere Tierschutzvorrichtungen im Wartebereich und bei den Betäubungsmöglichkeiten.
Viele Schweinehalter in Deutschland sind bereit, ihren Stall und das Management an das neue Tierwohlkennzeichen anzupassen, fragen sich aber, was es kosten wird, die unterschiedlichen Tierwohlstandards in den Ställen umzusetzen. 

Eine Antwort auf diese Frage findet sich in DLG-Faktenblatt.Kompakt „Schweinehaltung in Deutschland“. Darin hat eine Expertengruppe  anhand der wichtigsten Investitionsblöcke – Lohnkosten, Gebäudekosten, Direktkosten und Sonstigen Kosten – kalkuliert, welche Kosten pro Kilogramm Schweinefleisch für jede der drei neuen Stufen, im Vergleich zum gesetzlichen Standard, entstehen.

Aus dem Faktenblatt geht hervor, dass die Kosten mit jeder Stufe steigen. Demnach liegen die Gesamtkosten pro Kilogramm in Stufe 1 mit 1,91 € um etwa 9 % und in Stufe 2 mit 2,16 € um rund 23 % über dem gesetzlichen Standard. Wer zukünftig in Stufe 3 produzieren will, muss nach DLG-Kalkulationen mit Kosten von 2,38 € pro Kilogramm Schlachtgewicht rechnen – das ist ein Plus von 36 %, verglichen mit dem gesetzlichen Standard.

An- und Umbauten schlagne zu Buche

Für An- und Umbauten stehen den Schweinehaltungsbetrieben durch die neuen Tierwohlanforderungen die höchsten Kostenzuwächse ins Haus. Es kommt es bei den Gebäudekosten zwischen gesetzlichem Standard und Stufe 3 zu einem Anstieg von 111 %.

  • ab Stufe 1: Die höheren Gebäudekosten ab Stufe 1 entstehen vor allem durch den zusätzlichen Platzbedarf für die Tiere sowie die bauliche Strukturierung der Buchten in Ruhe-, ­Aktivitäts-, Fress- und Kotbereich, samt Installation entsprechender Technik für Fütterung und Wasser. Notwendig wird zudem neue Technik für die Einbringung und Dosierung von organischem Beschäftigungsmaterial.
  • ab Stufe 2: Neben dem in Stufe 1 Genannten, kommen hier noch Mehrkosten bei der Buchtenstrukturierung hinzu. Denn in Stufe 2 ist zusätzlich noch eine geschlossene, weiche oder leicht eingestreute Liegefläche sowie ein Außenklimareiz (bzw. Buchten mit unterschiedlichen Klimareizen) vorgeschrieben. Außerdem fallen zusätzliche Kosten durch die Erweiterung des Abferkelbereiches an, der aufgrund der verlängerten Säugezeit vergrößert werden muss.
  • ab Stufe 3: In Stufe 3 ist neben dem in Stufe 1 und 2 Genannten noch ein Auslauf gefordert. 

Mehrkosten im Vgl. zum gesetzl. Standard

                               Stufe 1    Stufe 2    Stufe 3
Ferkelerzeugung    111 %    117 %    159 %
Ferkelaufzucht        111 %    128 %    131 %
Schweinemast        108 %    124 %    129 %
 

Kalkulation der Gebäudekosten

Das Expertenteam ist bei der Gebäudekostenkalkulation davon ausgegangen, dass die schweinehaltenden Betriebe einen An- bzw. Umbau der Ställe in Betracht ziehen, um das höhere Platzangebot und die sonstigen Tierwohlanforderungen gewährleisten zu können. Vorausgesetzt wurde dabei, dass die erforderlichen Baumaßnahmen aus baurechtlicher und betrieblicher Sicht umsetzbar sind. 

Mehr Platz könnte prinzipiell auch durch eine Reduzierung der Tierbestände erreicht werden. Eine solche Abstockung der Bestände ist im DLG-Faktenblatt jedoch nicht berücksichtigt. Aus folgendem Grund: Durch die Abstockung entstehen zusätzliche Deckungsbeitragskosten je Mastplatz, die dazu führen, dass diese Methode wirtschaftlich ungünstiger wäre als ein Um- oder Anbau.

Eine weitere Annahme, die bei der Kalkulation im DLG-Faktenblatt getroffen wurde, ist, dass die bestehenden Güllesysteme mit dem vermehrten Angebot an organischem Material zur Einstreu und Beschäftigung fertig werden, sodass nicht in neue Entmistungssysteme investiert werden muss. 

Höhere Lohnkosten durch Mehraufwand

Auch hinsichtlich der Lohnkosten kommt einiges auf die Betriebe zu. Zwischen gesetzlichem Standard und Stufe 3 kommt es laut Berechnung des Expertenteams zu einem Lohnkostenanstieg von etwa 79 %

  • ab Stufe 1: Die höheren Lohnkosten entstehen durch Bereitstellen von Raufutter und Beschäftigungsmaterial. Zudem durch den höheren Aufwand für die dokumentierte Eigenkontrolle und Fortbildungen (z. B. Tierschutz). In der Ferkelerzeugung entsteht ab Stufe 1 noch Mehraufwand durch die aufwändigere Ferkelkastration (Narkose oder Impfung), die ab 2021 aber auch gesetzlich vorgeschrieben ist. Diesen Kostenunterschied zwischen den drei Stufen des Tierwohlkennzeichens und dem gesetzlichen Standard, wie im DLG-Faktenblatt kalkuliert, wird es ab 2021 nicht mehr geben. Zudem entstehen den Ferkelerzeugern noch Kosten durch Bereitstellen und Entsorgen von Nestbaumaterial und die verlängerte Säugephase.
  • ab Stufe 2: Neben dem in Stufe 1 Genannten, entsteht in Stufe 2 zusätzlicher Arbeitsaufwand durch Bereitstellen und Entfernen von Stroh für die Liegeflächen. Zudem muss für die erhöhte Tierkontrolle wegen der unkupierten Tiere (Kupierverbot ab Stufe 2) und in der Ferkelerzeugung für die verlängerte Säugephase mehr Zeit einkalkuliert werden.
  • ab Stufe 3: In Stufe 3 ist neben dem in Stufe 1 und 2 Genannten noch Arbeitszeit für das Bereitstellen und Entfernen von Stroh in der Außenbucht anzusetzen. In der Ferkelerzeugung entsteht zudem Mehraufwand durch die verlängerte Säugephase. 
  • Zunahme der Direktkosten hält sich im Rahmen
  • Die Zunahmen bei den Direktkosten halten sich im Vergleich zu den Gebäude- und Lohnkosten im Rahmen. Zwischen gesetzlichem Standard und Stufe 3 kommt es laut DLG zu Mehrkosten von 23 %.
  • ab Stufe 1: Die Mehrkosten entstehen vor allem durch das (zusätzliche) Raufutter und das organische Beschäftigungsmaterial. Hinzu kommen Kosten für Klima- und Tränkewasserchecks, sowie Heizkosten. Denn mit abnehmender Belegdichte produzieren die Tiere weniger Eigenwärme, was gerade bei kleinen Tieren eine höhere Heizleistung erfordert. In der Ferkelerzeugung schlagen die Kosten für das Nestbaumaterial und die Ferkelkastration zu Buche. Auch hier sei erwähnt, dass die erhöhten Kastrationskosten ab 2021 auch für Betriebe anfallen, die nach gesetzlichem Standard produzieren.
  • ab Stufe 2: Neben dem in Stufe 1 Genannten, kommt noch Stroh zum Einstreuen der Liegeflächen hinzu. In der Ferkelerzeugung entstehen zusätzliche Kosten bzw. Verluste durch die verlängerte Säugephase.
  • ab Stufe 3: In Stufe 3 ist neben dem in Stufe 1 und 2 Genannten noch zusätzlich Stroh zum Einstreuen des Auslaufs nötig. In der Ferkelerzeugung entstehen zusätzliche Kosten bzw. Verluste durch die verlängerte Säugephase.

Die verschiedenen Erzeugerbereiche Ferkelerzeugung, Ferkelaufzucht und Mast sind unterschiedlich stark von den Kostensteigerungen durch das Tierwohlkennzeichen betroffen. Dazu gibt es Berechnungen, die im DLG-Faktenblatt nicht enthalten sind. Danach sind die Kostensteigerungen in der Ferkelerzeugung und Ferkelaufzucht höher als in der Schweinemast, da hier umfänglichere An- und Umbauten stattfinden müssen und ein höherer Arbeitsein­satz erforderlich ist. Wie stark sich die Kosten in den einzelnen Stufen und Erzeugerbereichen erhöhen, gibt die untenstehende Tabelle wieder.