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Schweinehaltung

Tierwohl: Mehr Platz, mehr Stroh, mehr Arbeit

Rampe mit Ferkel
Rudolf Wiedmann
am Donnerstag, 19.08.2021 - 09:25

Zukunftsträchtige Mastställe müssen auf Schweine mit intaktem Ringelschwanz ausgerichtet sein. Dazu muss man auf Großgruppen, Trockenfütterung, Raufutter, Ausläufe und Suhlen setzen. Und die Mehrarbeit einplanen.

Liegen im Stroh

Die Borchert-Kommission hat den Umbau der Tierhaltung zur nationalen Aufgabe gemacht. Nun sind Haltungskonzepte gefragt, die den bisherigen komplett entgegenstehen. In den Vordergrund rücken Fragen, wie die bauliche und finanzielle Umsetzung erfolgen kann. Darüber hinaus müssen Schweinehalter die Mehrarbeit in den tierfreundlichen Haltungsformen einplanen, da in den letzten Jahrzehnten der Fokus auf möglichst arbeitssparende Verfahren lag. Aber nicht nur die Landwirte sind gefordert, sondern insbesondere auch der Einzelhandel, Verbraucher, Stallbaufirmen, Beratung und die öffentliche Hand, denn nur gemeinsam kann der Umbau der Tierhaltung gelingen.

Große Einigkeit herrscht darüber, dass es ein Weiter-so nicht gibt. Im laufenden Jahr, aber auch in den nächsten Jahren, wird Deutschland die Erzeugung von Schweinefleisch deutlich zurückfahren. Somit steht mehr der Um-, als der Neubau von Ställen im Fokus der Überlegungen. Die künftigen Mastställe weisen vier Gemeinsamkeiten auf:

  • Doppelt so hohes Platzangebot wie nach Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung vorgeschrieben,
  • Angebot verschiedener Klimabereiche, damit sich Tiere individuell aufwärmen und abkühlen können,
  • Ausläufe, die aus Emissionsgründen überdacht sind,
  • flächendeckend Einstreu; zumindest im Liegebereich, um Tiere mit intakten Schwänzen halten zu können.

Mit der Vergrößerung des Platzangebots und dem Einsatz von Stroh können Spaltenböden maximal im Fress- und Tränkebereich von Umbauten Verwendung finden. In der Regel ist sind solche Umbauten mit Großgruppenhaltung am einfachsten zu realisieren. Mit trittsicheren, flachen Rampen zwischen eingestreutem Liege- und Fressbereich wird der Stroheintrag auf die perforierten Flächen vertretbar. Diese Rampen sind ca. 30 cm hoch und auf jeder Seite ca. 1 m lang. Den Rampenanfang bildet jeweils eine 10 cm hohe Stufe.

Trockenfütterung ist das Gebot der Stunde

Silage auf Podest

Schweine sind naturgemäß keine Schnellfresser. Dazu werden sie jedoch bei der Flüssigfütterung animiert. Die negativen Folgen sind unzureichende Einspeichelung des Futters, Stress beim Fressen – insbesondere bei Kurztrögen mit Sensorfütterung – und viel zu geringe Beschäftigung mit dem Futter.

Um Schwanzbeißen möglichst zu vermeiden, wird in Tierwohlställen deshalb meist trocken gefüttert. Entscheidend ist das Tier/Fressplatz-Verhältnis von 2:1 – auf keinen Fall darf es 3:1 übersteigen. Dieses Verhältnis gilt auch beim Einsatz von Breifutterautomaten, die jedoch gegenüber Trockenfutterautomaten keine Vorteile zeigen.

Das Saufen aus offener Schale ermöglichen

Suhle mit Stroh

Zapfentränken zeichnen sich durch hygienische Vorteile in kleinräumigen Buchten aus, in denen Beckentränken meist verschmutzen. Dagegen können bei einem Platzangebot von 1,5 m² ab 50 kg Lebendgewicht und strukturierten Buchtenbereichen Beckentränken erfolgreich eingesetzt werden. Dies kommt dem Saufverhalten der Schweine als Saugtrinker entgegen.

Nach bisheriger Erfahrung sollte man jedoch in Großgruppen nur etwa ein Viertel der vorgeschriebenen Tränkestellen als Beckentränken vorsehen. Bei einem wesentlich höheren Anteil an Beckentränken bleibt ein Teil der Beckentränken unbenutzt, was die Wasserqualität beeinträchtigt. Anders in Kleinbuchten mit beispielsweise 24 Tieren: Dort ist der Einbau einer Becken- und einer Zapfentränke angebracht.

Die Großgruppen sind den Kleingruppen überlegen

Auslaufbild1

Kleingruppenhaltung war lange Zeit die bevorzugte Haltungsform. Dies gilt besonders in Ställen mit Flüssigfütterung, da sonst der Stress beim Füttern zu groß wäre. Bei der Haltung von Schweinen mit intakten Schwänzen ist insbesondere bei Umbauten die Großgruppe im Vorteil:

  • Mit Großgruppen können konventionelle Ställe baulich einfacher und vor allem kostengünstiger auf mehr Tierwohl umgebaut werden als mit Kleingruppen.
  • Großbuchten bieten mehr Gestaltungsspielraum, die Bucht sowohl klimatisch als auch strukturell zu gestalten.
  • Einstreuen und Entmisten kann mit technischer Unterstützung erfolgen, da auch die Liegebereiche befahrbar sind.
  • Insgesamt – wahrscheinlich auch wegen der größeren Ausweich- bzw. Fluchtdistanzen – verringert sich erfahrungsgemäß in Großbuchten das Risiko von Schwanzbeißen.

Stroh zur Tierkontrolle einsetzen

Bis vor wenigen Jahren war Einstreu von Schweineställen vor allem auf Biobetrieben und bei alternativen Haltungen anzutreffen. Neue Vermarktungsmöglichkeiten von Strohschweinen und der „Nationale Aktionsplan Kupierverzicht“, der eine Verminderung des routinemäßigen Kupierens der Schwänze bei den Ferkeln zum Ziel hat, veranlassen zunehmend Landwirte, in Ställe mit Einstreu im Liege- und/oder Auslauf zu investieren. Der Markt bietet eine große Auswahl an technisch unterstützten oder gar vollautomatisch arbeitenden Einstreuverfahren.
Mithilfe eines Strohpodestes, das an einer Schienenbahn aufgehängt ist, kann man die Schweine nicht nur effizient, sondern auch rasch kontrollieren. Auf dem Strohpodest finden alle in der Bucht benötigten Futter- und Beschäftigungsmittel wie Stroh, Heu, Ackerbohnen, Erbsen, Mais, Gras-, Maissilage Platz, um sie arbeitssparend in der richtigen Dosis und an der richtigen Stelle abzuwerfen.

Ausläufe haben nicht nur Schaufensterfunktion

Ausläufe sind ein bedeutendes Strukturelement von Ställen: Es werden unterschiedliche Klimazonen angeboten, Exkremente werden hauptsächlich im Freien abgesetzt, was für die Sauberkeit und den Arbeitsaufwand im Stall vorteilhaft ist, und es gibt mehr Spielraum für Individualdistanzen in der Bucht, was Verhaltensauffälligkeiten mindert. Ausläufe stellen in Genehmigungsverfahren immer noch eine große Hürde dar.
Messungen der LUFA Oldenburg haben jedoch ergeben, dass Tier- und Umweltschutz vereinbar sind und mit geeigneten Entmistungsverfahren (4 % Gefälle im Auslauf, Lochblechrinne, Einstreu, Entmistung jeden zweiten Tag) Ausläufe bezüglich der Emissionen sogar günstiger als geschlossene, zwangsbelüftete Stallungen sind.

Suhlen bringen höhere Tageszunahmen

Im stallnahen Auslaufbereich sind kleine Vertiefungen, die bei hochsommerlichen Temperaturen mit Wasser befüllt werden, unverzichtbar. Mit Suhlen lässt sich z. B. bei einer Außentemperatur von 26,5 °C die mittlere Atemfrequenz pro Minute von 48 auf 22 senken, wie Untersuchungen zeigten. Nieder- oder Hochdruckvernebelungsanlagen bieten aufgrund der Anatomie des Schweines mit Borsten und Schwarten dagegen nur einen relativ geringen Abkühlungseffekt. Vielmehr brauchen Schweine den direkten Kontakt zu Kühlflächen, wie sie wassergefüllte und beschattete Suhlen bieten.
In Ställen mit Suhlen beeinträchtigen sommerliche Außentemperaturen erfahrungsgemäß die Tageszunahmen kaum. Darüber hinaus neigen die Tiere weniger dazu, sich in der Nähe von Tränken abzulegen und dabei Buchtengenossen am Trinken zu hindern. Es gibt auch deutlich weniger mit Exkrementen verschmutzte Tiere in Ställen mit Suhlen, was wiederum die Emissionen deutlich verringert.

Mit Stoßlüftung den Stallstaub verringern

Stallstaub lässt sich auf die folgenden drei Bereiche fokussieren:
  • Stallstaub-Allergien sind für manche Tierhalter zu einem chronischen Gesundheitsproblem geworden,
  • aus veterinärmedizinischer Richtung wird über zunehmende Lungenbeanstandungen bei den Mastschweinen in den Schlachthöfen berichtet,
  • auch immissionsschutzrechtlich sind Stallstäube relevant.
Im besten Fall setzen Emissionsminderungsmaßnahmen schon im Stall an, wo der Staub entsteht und dann mit der Abluft nach draußen gelangt. Bei freier Lüftung sind auf beiden Traufseiten möglichst großflächige Wandaussparungen vorzusehen, die mehrmals täglich zur Stoßlüftung eine kurze Zeitspanne geöffnet werden. Besonders wirkungsvoll für den raschen Luftaustausch sind Folienrollos, mit denen sich eine Traufseite komplett öffnen lässt.