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Betriebskonzepte

Stallbau: Von der Anbinde- zur Laufstallhaltung

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Max Riesberg
Max Riesberg
am Donnerstag, 20.01.2022 - 17:07

Der Schritt von der Anbindehaltung zum Laufstall ist für viele Betriebe derzeit die größte Herausforderung. Das Wochenblatt hat mit den Familien Schwaiger und Riedenauer zwei Betriebe bei der Umstellung begleitet und zeigt zukunftsträchtige Baulösungen.

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Ob mit oder ohne politischen Druck, viele Rinderhalter stehen derzeit ohnehin vor einem großen betrieblichen Entwicklungsschritt, nämlich von der Anbinde- zur Laufstallhaltung. Die Voraussetzungen, Ansprüche und Lösungen dabei sind so vielfältig wie die Betriebe selbst.

Ob moderner Liegeboxenlaufstall mit automatischer Fütterung, mehrhäusige Bauweise mit Außenklima, Liegehalle mit Tiefstreu bzw. Kompost oder arbeitswirtschaftlich optimierter Mutterkuhstall, das Wochenblatt hat einige Rinderhalter besucht, um Ideen der Bauherren zu sammeln und gibt die Erfahrungen im Rahmen einer Serie an bauwillige Landwirte weiter.

Für Hans Schwaiger war der Schritt überfällig

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Für Hans Schwaiger aus Jachenau (Lks. Bad Tölz-Wolfratshausen) und seine Familie war es 2018 ein längst fälliger Schritt in mehr Tierwohl und somit in einen neuen Laufstall zu investieren.

Der alte Anbindestall von 1961 hat seine Dienste längst erwiesen und kann nach einem Umbau noch für das Jungvieh verwendet werden.

„Für die Milchkühe war es aber eindeutig zu eng, zu stickig und zu dunkel geworden. Und auch wir Menschen wollten uns die Arbeitsbedingungen etwas verfeinern“, berichtet der 47-jährige Betriebsleiter, den es vor jedem Winter im alten Stall zugegebenen Maßen schon gegraust hat. „Arbeitstechnisch war das Harakiri“, wie Schwaiger sagt. Denn er selbst arbeitete noch am Bau und seine Frau ist in ihrem Job als Tierärztin auch nicht immer verfügbar.

Mit dem Bau die Umstellung auf bio verbunden

Bei der Bauplanung sei dann zudem der Gedanke gekommen, die Milchviehhaltung auf Bio umzustellen. „Diese Anforderungen kamen uns leichter zu erfüllen vor, als die Vorgaben zur Bauförderung durch den Staat“, so Schwaiger und denkt dabei beispielsweise an die Liegeboxenbreite, die Fressplätze und die Spaltenlänge am Fressgang. „Die Quadratmeter pro Kuh müssen halt stimmen. Ob es da immer auf ein paar Zentimeter hin oder her drauf ankommt, sein dahingestellt“, meint der oberbayerische Landwirt, der in der Optimierung der Förderrichtlinien durchaus noch Potenzial sieht. Es werde immer viel Geld versprochen, aber dann sind die Hürden für die bauwilligen Landwirte doch relativ hoch.

Viel Eigenleistung eingebracht

Familie Schwaiger hat bei der Realisierung ihres neuen Stalls viel Eigenleistung eingebracht. Die Erfahrungen als Zimmerer und Bodenleger kamen Betriebsleiter Hans hier durchaus zugute. Der neue Stall, ausschließlich für die Laktierenden, ist 40 m auf 20 m groß und bietet Platz für 36 Kühe.

Die Mittelhochboxen sind mit Gummimatten ausgestattet und werden zudem mit Strohmehl eingestreut. Bug- und Endschwellen steuern die Tiere beim Abliegen bzw. geben Halt beim Aufstehen. Der Kopfraum ist für die Tiere barrierefrei, denn die flexible Nackenkette bietet ihnen die nötige Bewegungsfreiheit und somit besten Kuhkomfort. „Für mich ist diese Form der Aufstallung die ideale Liegeplatzgestaltung, aus Sicht der Hygiene, der Tiergesundheit und des natürlichen Verhaltens“, schildert Schwaiger seine Erfahrungen mit dem System.

Großzügige Laufflächen

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Die Laufflächen sind großzügig dimensioniert und werden mehrmals täglich vom Landwirt mit einem Aufsitzspaltenschieber in Windeseile gereinigt. Der Fressgang ist zusätzlich mit einer Komfort-Gummiauflage ausgestattet, was die Klauen entlasten bzw. schonen soll.

Durch die Gebäudehöhe von 9 Meter ist genug Luftraum für ein gutes Stallklima vorhanden. Der Lichtfirst und die Curtains an den Außenwänden sorgen für viel Licht. „Die Brettschichtdecke erweist ebenfalls gute Dienste bei unseren nicht ganz problemlosen klimatischen Voraussetzungen. Denn im Sommer schirmt sie die extreme Hitze gut ab und im Winter isoliert sie ausgezeichnet, auch noch bei strengem Frost“, erklärt der Milchviehhalter aus der Jachenau, dessen Herde im Sommer Tag und Nacht Zugang zur Weide hat. Während der Stallsaison, bietet ein südlich ausgerichteter Laufhof mit Außenliegeboxen den Milchkühen der Familie Schwaiger zudem die Möglichkeit, Frischluft und Sonne zu tanken. „Das wird gut angenommen“, freut sich der Betriebsleiter.

Halbautomatisches Fütterungssystem

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Eine Besonderheit in seinem neuen Milchviehstall ist das halbautomatische Fütterungssystem, ein Futterband mit Abwurfschlitten. Sobald sich das System vollautomatisch einschaltet, stehen alle Tiere auf und gehen zum platzsparenden, ein Meter breiten und beschichteten Futtertisch. „Fünf Mal am Tag werden die laktierenden Kühe gefüttert und fressen kleinere Mengen auf eine längere Zeit verteilt. Das ist äußerst gut für die Tiergesundheit und wirkt sich letztlich auch positiv auf die Leistung aus“, berichtet Schwaiger.

Der Landwirt hat die Fütterungszeiten auf 5.30, 6.30, 11, 16.30 und 17.30 Uhr programmiert. „Dann stehen die Tiere zum Melken schonmal auf. Sie dürfen aber vor dem Melken nicht satt sein, sonst ist kein Zug drin“, wie er seine Erfahrungen schildert. Nach dem Melken können die Kühe sich dann mit frischem Futter richtig vollfressen. In der Nacht ist Ruhe.

2x5 Fischgräten-Melkstand zum Melken

Gemolken wird in einem 2x5 Fischgräten-Melkstand mit Zwischendesinfektion und automatischem Dippen. „Der Aufpreis von 23 000 Euro für dieses wertvolle Extra hat sich im Sinne der Tiergesundheit für uns auf alle Fälle gelohnt“, bekräftigt Schwaiger seine Entscheidung. Auch die Methylmethacrylat (MMA)-Bodenbeschichtung, ebenso wie am Futtertisch, bietet aus Sicht der Hygiene und Tiergesundheit deutliche Vorteile. Der gleitende Herdendurchschnitt liegt bei rund 7500 kg Milch, die der Naturland-Betrieb an die Molkerei Berchtesgadener Land liefert.

Der Einzug in den neuen Stall im August 2019 verlief reibungslos, wie Hans Schwaiger rückblickend versichert. Im Rahmen des Umbaus und der Umstellung auf Bio habe man sich mit einem Motivationsschreiben schließlich auch beim Naturschutz-Förderpreis „Gemeinsam Boden gut machen“ beworben, ausgeschrieben von Alnatura bzw. deren Bio-Bauern-Initiative (ABBI) und dem Naturschutzbund (NABU). Und siehe da, es hat geklappt. Schwaigers belegten 2018 den ersten Platz. „Für uns ist das natürlich eine schöne Bestätigung, dass wir den richtigen, zukunftsweisenden Weg eingeschlagen haben“, sind sich Verena und Hans Schwaiger einig. Außerdem sei das Preisgeld eine willkommene Finanzspritze gewesen, mit der der Umbau des alten Stalls für Jungvieh und Trockensteher gestemmt wurde.

Seit dem Start des Projekts „Gemeinsam Boden gut machen“ haben knapp 80 Betriebe ihre Wirtschaftsweise auf Ökolandwirtschaft umgestellt. Seit diesem Jahr schloss sich die Rewe-Markt GmbH der Initiative zur finanziellen Förderung an. Auf 15 000 ha Land wurde somit inzwischen von den Landwirten schon ein wertvoller Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz geleistet. Im April 2022 startet die Bewerbungsphase für die nächste Runde.

Tiere von Alois und Agnes Riedenauer bezogen 2020 den neuen Stall

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Auch Alois und Agnes Riedenauer aus Seiding bei Weyarn konnten mit ihrer knapp 40-köpfigen Milchviehherde im Oktober 2020 in den neuen Laufstall einziehen. Im alten Anbindestall waren 30 Milchkühe in Mittellang-Ständen mit Halsrahmen sowie das Jungvieh mit Grabnerketten untergebracht.

„Es war alles Handarbeit, der Futtertisch nicht mal befahrbar und ein betrieblicher Entwicklungsschritt ist einfach angestanden“, erzählt Alois Riedenauer und erinnert sich zurück. Auch ans Aufhören oder an die Umstellung auf Kalbinnenaufzucht habe man gedacht und sich schließlich aber für das Weitermachen entschieden.

Offene mehrhäusige Bauweise

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Man hat sich nach passenden Stallbeispielen umgeschaut. „Besonders beeindruckt hat mich der Stall des Lehrzentrums in Achselschwang. Die offene mehrhäusige Bauweise hat mir sofort gut gefallen. Dort war es im Winter richtig kalt und hat auch teilweise reingeschneit. Aber den Kühen war das ziemlich egal, Hauptsache sie konnten fressen, saufen und in Ruhe liegen“, erzählt Riedenauer seine Eindrücke von damals. Als er dann auf das sogenannte BK-Dachboxen-System gestoßen ist, wusste er, wohin die Reise gehen sollte.

Im Herbst 2018 war Baubeginn. „Die einfache, unkomplizierte und vergleichsweise günstige Bauweise war für mich unschlagbar“, berichtet der Fleckviehzüchter. In der Liegehalle sowie seitenständig am Melkhaus gibt es 47 Tiefboxen sowie eine Separationsbucht. Der Futtertisch ist ebenfalls extra überdacht, 2,5 m breit und vollbeschichtet. Wie bei Familie Schwaiger läuft auch bei Riedenauers die Fütterung automatisch mit einem stationären Futtermischer und einem Band mit Abwurf. „Hier kommt es uns sehr zugute, dass wir deutlich mehr Flexibilität beim Füttern geschaffen haben, wir im Winter den Futtermischer eigentlich nur einmal alle zwei Tage befüllen müssen und den Tieren sechsmal täglich etwas vorgelegt wird“, so hat es Riedenauer nämlich eingestellt, zur Freude seiner Herde.

Integrierter Laufhof

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Der Laufgang zum Fressplatz ist auf der Kuhseite nicht überdacht. Somit konnte der integrierte Laufhof auch in die Bauförderung mit einfließen. Der Futtertisch selbst und die Jungviehseite sind als Halle konzipiert. Am Futtertisch sind Rundbogen-Fressgitter installiert worden, damit es auch bei den behornten Ladys im Stall keine Probleme gibt. Der Antritt zum Futtertisch hin ist erhöht und zwar auf einer Breite von 1,6 m. Ein Mistschieber sorgt für Sauberkeit und Hygiene, vor allem in den stark frequentierten Bereichen.

Auf der Westseite des 47 m langen und vorne 28 m/hinten 22m breiten Stallgebäudes wurde Curtains angebracht, ansonsten dienen Windnetze zur Abschirmung. Die Liegehalle ist nur 3 m hoch (Einfahrtshöhe). Lichtfirst gibt es keinen. „Trotzdem fühlt man sich bei uns im Stall, wie wenn man draußen auf der Weide stehen würde. Sobald es irgendwie geht, machen wir die Seiten auf und unsere Kühe freuen sich allem Anschein nach wirklich über das naturnahe Wohlfühlklima, mit all seinen Reizen“, schildert Riedenauer.

Wunderbare Ruhe im Laufstall

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Zugegeben, im Winter sei auch schon mal an zwei Tagen Schnee in den Boxen gelegen, da musste man sich auch im Melkstand etwas einfallen lassen, sprich beheizen, dass nichts einfriert. Aber diese Ausnahmetage kommen zum Glück nur ganz selten im Jahr vor und hätten ihm und seiner Frau Agnes wahrscheinlich mehr ausgemacht, als den Tieren, gesteht Alois Riedenauer ein.

Für beide ist es eine wahre Freude zu sehen, wie gut sich die Tiere im Vergleich zum Anbindestall entwickeln und welche Ruhe im Laufstall herrscht. Kühe mit und Kühe ohne Horn laufen unproblematisch nebeneinander, denn sie können sich aus dem Weg gehen, wenn nötig. „Auch die enorme Arbeitserleichterung ist ein riesen Pluspunkt für uns“, sagt Agnes Riedenauer. Vorher habe man bis zu dreieinhalb Stunden pro Stallzeit gebraucht, „jetzt schaffen wir es zu zweit, wenn nichts dazwischen kommt, in eineinhalb Stunden“.

Entscheidung nicht bereut

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„Wir sind froh, dass wir uns für den Neubau entschieden haben“, sind sich beide einig und weiter: „Wenn man weitermachen will, gibt es auch eine Lösung. Und jeder Betrieb mit einer einigermaßenen Größe, der personell gut aufgestellt ist und wirtschaftlich gut um die Runden kommt, kann so ein Neubauprojekt auch stemmen“, ermutigt Alois Riedenauer bauwillige Berufskollegen.

Sein eigenes Bauprojekt beziffert er auf eine knappe Million, genau ausgeklügelt und mit viel Eigenleistung. „Wichtig ist der Schritt zur Bestandsaufstockung, dass man im neuen System auch produktiver ist als vorher und als Junger will man sich ja auch noch ganz anders austoben, als später, wenn man den richtigen Zeitpunkt zur Betriebsentwicklung vielleicht schon übersehen hat“, sagt der 27-jährige Betriebsleiter. Aber keine leichte Entscheidung, die natürlich viel Kraft und Geld kostet, sei es allemal und eine Garantie gibt es nie.