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Schleichend und tückisch

Deshalb sollten Augenentzündungen beim Pferd ernst genommen werden

Aufmerksam kontrollieren: Viele Pferde kommen in Kontakt mit dem Erreger, nicht immer erkranken sie, aber wenn dann drohen Schmerzen und im schlimmsten Fall Erblindung.
Anna Castronovo
am Freitag, 18.11.2022 - 08:00

Die Periodische Augenentzündung zerstört unbemerkt und unbehandelt Strukturen im Auge und führt zur Erblindung. Die letzte Möglichkeit ist dann oft die Entfernung des Auges. Augenentzündungen sind deshalb ernst zu nehmen.

Früher hieß sie Mondblindheit und war ein Gewährsmangel – der medizinische Begriff für die periodische Augenentzündung lautet Equine rezidivierende Uveiti (ERU). Diese immer wiederkehrende Entzündung der Gefäßhaut im Auge tritt entweder in Schüben auf oder wird schleichend schlechter. Unbemerkt und unbehandelt zerstört sie Strukturen im Auge und führt zur Erblindung.

Die Entzündung kann einseitig, aber auch beidseitig auftreten. „Wenn bereits ein Auge entzündet ist, liegt das Risiko, dass das andere Auge auch erkrankt, bei 30 bis 35 %“, sagt Fachtierärztin Dr. Veronika Klein. Damit stellt die Periodische Augenentzündung weltweit die häufigste Ursache für Erblindung von Pferden dar.

Ursachen oft ungeklärt

Die Ursachen für diese Entzündung sind immer noch nicht vollständig geklärt. „Die wissenschaftlich akzeptierte Hypothese ist eine immunassoziierte Erkrankung mit verschiedensten Ursachen“, erklärt Klein. „Diese sind je nach geographischer Lage unterschiedlich. Diskutiert werden Leptospiren, Streptokokken, Virusinfektionen, allergische Reaktionen, Autointoxikationen, Autoimmunkomplex-Erkrankungen und auch erbliche Dispositionen.“ In den USA handelt es sich meist um eine Autoimmunreaktion, dagegen ist in Europa meistens eine Leptospiren-Infektionen mitbeteiligt.

Das Problem: Die Leptospiren-Infektion kann ohne Symptome verlaufen und erst Monate bis Jahre später eine Entzündung im Auge auslösen. Leptospiren sind Bakterien, deren Hauptwirte Nagetiere sind, zum Beispiel Mäuse – und die gibt es in den meisten Ställen. „Die Bakterien werden bei kranken Mäusen mit dem Urin ausgeschieden. Deshalb stellen verunreinigte Futtermittel und Wasser sowie feuchte Böden oder Gewässer die Hauptquelle für Infektionen dar“, erklärt Klein. „Die Bakterien sind temperaturabhängig und kommen daher vermehrt im Sommer und Herbst vor. Aufgenommen werden sie über Schleimhäute und verletzte Haut.“ Mäusebekämpfung in den Ställen ist die einzige Möglichkeit, um wirksam vorzubeugen, denn eine Impfung gibt es noch nicht. „Im Einzelfall kann aber aus den bestandsspezifischen Leptospiren ein Impfstoff nach der Anzüchtung hergestellt werden“, erklärt die Fachtierärztin. „Dieser wirkt dann aber nur für diese eine Leptospiren-Serogruppe in diesem einen Stall.“

Stress vermeiden

Die gute Nachricht: Zwar kommen fast alle Pferde irgendwann in ihrem Leben mit Leptospiren in Kontakt, eine periodische Augenentzündung entsteht daraus aber bei Weitem nicht immer. „Untersuchungen geben eine Häufigkeit der Krankheit von acht bis zwölf Prozent in der Pferdepopulation an“, relativiert die Tierärztin.

„Hat das Pferd eine periodische Augenentzündung, sollten Stress und alle Situationen vermieden werden, die das Immunsystem schwächen“, rät Klein. Die ERU kann sehr unterschiedlich verlaufen. Manchmal zwinkern die Pferde nur etwas mehr, und der Entzündungsschub bleibt unbemerkt; andere Verläufe zeigen starke Symptome. „Augenerkrankungen sind grundsätzlich sehr schmerzhaft – die Pferde zeigen häufig ein Schmerzgesicht. Dabei sind die Ohren nach hinten gerichtet und die Nüstern werden krausgezogen sowie das Maul fest zusammengekniffen“, sagt die Veterinärin.

Fatale Folgen

Die Mondblindheit ist fatal: „Bei immer wiederkehrenden Schüben wird das Auge stark zerstört. Der Augapfel schrumpft zusammen, die Hornhaut trübt sich. Selbst wenn das Auge vollständig zerstört ist, haben die Pferde immer wieder Entzündungsanzeichen und Schmerzen“, erklärt Dr. Klein. Dann bleibt als letzte Möglichkeit nur noch die Entfernung des Auges.

Bleibt die Entzündung unbemerkt oder wird fälschlicherweise angenommen es handle sich „nur“ um eine Bindehautentzündung, kann das Pferd unbemerkt erblinden. Hinweise darauf können sein, dass das Tier plötzlich schreckhaft wird, Angst vor wechselnden Untergründen hat, beim Springen verweigert, in bestimmten Wendungen unwillig ist und den Kopf schräg hält. „Auch wenn ein Pferd häufiger und über einen längeren Zeitraum ein tränendes Auge zeigt, sollte immer vom Tierarzt überprüft werden, ob noch weitere Veränderungen im Auge zu sehen sind“, rät die Tierärztin. „Bei einer klinische Untersuchung sollte der Augenhintergrund beurteilt und eventuell ein Ultraschall vom Auge durchgeführt werden.“ Augenveränderungen sind sehr ernst zu nehmen, deshalb muss für eine sichere Diagnose in jedem Fall ein Tierarzt das Auge untersuchen.

Keine Heilung möglich

Ist das Auge erstmal geschädigt, ist eine Heilung nicht mehr möglich. Aber: Mit einer Operation kann man den Krankheitsprozess anhalten. Eine OP ist aber nicht während einer akuten Entzündung möglich, daher muss zuerst medikamentös behandelt werden: „Atropin stellt die Pupille weit. Zur Behandlung der Entzündung werden kortisonhaltige Augensalben eingesetzt, allerdings nur bei intakter Hornhaut. Nichtsteroidale Entzündungshemmer wirken schmerzlindernd und entzündungshemmend“, sagt Dr. Klein.

Eine medikamentöse Behandlung kann also die Entzündung bekämpfen und die Schmerzen lindern. „Allerdings ist diese Behandlung extrem zeitaufwendig und teuer und kann in den meisten Fällen weitere Schübe nicht verhindern, sondern nur den bestehenden Schub abfangen“, so die Fachtierärztin. Letztlich erblindet das Pferd trotzdem. Und: Bei jedem neuen Schub muss die Therapie sofort wiederholt werden. „Teilweise ist es sogar nötig, stündlich Augentropfen oder Salben einzubringen, auch nachts. Darüber hinaus lassen sich die Pferde das in der Regel nach einer gewissen Zeit nicht mehr gefallen. Dann muss ein Augenkatheter eingesetzt werden, was nur in der Klinik möglich ist“, so Klein. Das ist bei aller Liebe zum eigenen Vierbeiner kaum machbar. Daher plädiert die Veterinärin für eine Operation.

Operation als Chance

Ist die Entzündung abgeklungen, kann eine von zwei möglichen Operationen durchgeführt werden. „Eine Vitrektomie wird bei einer periodischen Augenentzündung durchgeführt, die durch Leptospiren ausgelöst wird“, erklärt Klein. „Dabei wird der Inhalt des Glaskörpers ausgetauscht. Er wird abgesaugt und mit ihm die Entzündungsprodukte und Bakterien. Durch diese Spülung werden die Entzündung und die fortschreitende Zerstörung gestoppt. Das Risiko, dass eine erneute Augenentzündung auftritt, wird mit unter fünf Prozent angegeben.“ Durch diese Operation könne die Sehfähigkeit zum Teil wieder verbessert werden.

Eine andere Möglichkeit ist mit einem Ciclosporin-A-Implantat die auftretende Autoimmunreaktion zu unterdrücken – dieses Verfahren ist bei Pferden sinnvoll, bei denen der Leptospiren-Titer negativ ist. „Das Implantat wird ins Auge gesetzt und gibt dort kontinuierlich Medikamente ab. Somit muss keine Augensalbe angewendet werden und weitere Entzündungen werden unterdrückt“, erklärt die Tierärztin. „Der Wirkstoff wird sicher über ein Jahr abgegeben. Bei vielen Pferden bleibt das Auge reizfrei, bei anderen muss das Implantat nach einigen Jahren ausgewechselt werden.“

Frühe Erkennung ist wichtig

Das alles ist nur möglich, wenn die Erkrankung früh erkannt wird. „Bei einer fortgeschrittenen Zerstörung des Auges kann es nötig sein, es ganz zu entfernen, um dem Pferd Linderung zu verschaffen“, mahnt Klein.

Periodischen Augenentzündung: Typische Symptome:

 

  • Lidschwellung

  • Tränenfluss

  • gerötete Bindehaut

  • grau-rauchige Hornhauttrübung

  • verengte Pupille (Schmerzanzeichen)

  • häufiges zwinkern bis Auge zukneifen (Schmerzanzeichen)

  • Fibrinfäden in der vorderen Augenkammer (sichtbare weiße Fäden schwimmen im vorderen Teil des Auges)

  • Schmerzbedingter Enophthalmus: Das Auge wird tiefer in die Augenhöhle gezogen und erscheint kleiner.

  • Die Wimpern stehen senkrecht (im gesunden Zustand stehen die Wimpern waagerecht bis leicht schräg nach unten vom Kopf).

  • Unbemerkt und unbehandelt zerstört die Periodische Augenentzündung Strukturen im Auge und führt zur Erblindung.

  • Hat das Pferd eine Periodische Augenentzündung sollen Stress und alle Situationen vermieden werden, die das Immunsystem schwächen.

  • Bei immer wiederkehrenden Schüben wird das Auge stark zerstört, der Augapfel schrumpft und die Hornhaut trübt sich.

  • Bleibt die Entzündung unbemerkt oder wird fälschlicherweise angenommen, es handle sich „nur“ um eine Bindehautentzündung, kann das Pferd auch unbemerkt erblinden.

  • Mit einer Operation kann man den Krankheitsprozess anhalten.

  • Bei einer weit fortgeschrittenen Zerstörung des Auges kann es nötig sein, es ganz zu entfernen, um dem Pferd Linderung zu verschaffen.