Geschlechtsbestimmung

Sexing: Von der Resi ein Kuhkalb

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Josef Berchtold
am Donnerstag, 01.10.2020 - 15:03

Nur 40 Kilometer westlich von Memmingen hat die Rinderunion Baden-Württemberg das erste Labor zum Sexen von Rindersperma in Süddeutschland eröffnet. Auch bayerische Stationen lassen dort bereits produzieren.

Auf einen Blick

  • Das neue Sexing-Labor in Bad Waldsee schafft Vorteile für die Künstliche Besamung bei Rindern im süddeutschen Raum.
  • Vor allem bei den milchbetonten Rassen Holstein und Braunvieh spielt der Einsatz von gesextem Sperma zur Geschlechterwahl schon eine Rolle.
  • Bei der Doppelnutzungsrasse Fleckvieh werden vor allem von Spitzentieren zur Zucht weibliche Nachkommen gewünscht.

Bei Milchrassen könnte es zum Standard werden

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Die Resi ist eine gesunde und milchfreudige Kuh, die zudem noch schön, brav und aus einer guten Linie ist. Wie sehr würde sich der Bauer freuen, nach zwei Stierkälbern jetzt endlich weibliche Nachzucht von ihr zu kriegen. Um ihm diesen Wunsch zu erfüllen, könnte der Einsatz von gesextem Sperma helfen.

„Bei Milchrassen wird es in Zukunft zum Standard werden, weitestgehend mit gesextem Sperma und mit Fleischrassen zu besamen“, sagt Dr. Alfred Weidele, Geschäftsführer der Rinderunion Baden-Württemberg (RBW). Auch für Fleckvieh biete es Vorteile. So könne man mit den besten Tieren züchten und aus den weniger guten noch höherwertigere Mastkälber erzeugen. Und beim Einsatz auf Rindern gebe es weniger Schwergeburten und so einen besseren Start ins Jungkuhleben.

Das Samensexing wird seit etwa zehn Jahren in den Laboren der US-Firma Sexing Technologies praktiziert. Die bayerischen Stationen ließen in Cloppenburg/Niedersachsen sowie in Norditalien sexen. Jetzt aber gibt es eine Alternative: Die RBW eröffnete ein Labor zum Samensexing an der früheren Besamungsstation in Bad Waldsee, die die vergangenen 17 Jahre leer stand. Sie wurde komplett saniert und im Inneren befindet sich das weltweit jüngste Labor zur Geschlechtstrennung von Rindersperma.

Erster in der EU mit der Technologie der Firma IntelliGen

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In der EU ist es das erste, das mit der Technologie der Firma IntelliGen arbeitet, einer Tochterfirma des US-Besamungsunternehmens ABS-Genus. Betrieben wird die Anlage von der RBW-Tochter „RBW-Genetik“. Ab Oktober soll in drei Schichten rund um die Uhr gesext werden. Bei optimierten Abläufen geht Weidele dann von 400 bis 500 gesexten Dosen pro Ejakulat bzw. von mehr als 1000 gesexten Samendosen täglich aus.

Ein Gang durch die Station verdeutlicht, um was für ein komplexes Verfahren es sich handelt. Teure und modernste Technik findet sich bei der Qualitätskontrolle, wo die Anzahl an Bakterien, die Beweglichkeit der Spermien und der Anteil an „weiblichen Spermien“ (X-Spermien) untersucht wird. In den Praxistests weisen über 90 % aller Spermien das X-Chromosom auf. Sämtliche Medien und Verdünner stellt das Labor- team selbst her.

Jetzt heißt es, Schutzbrille aufsetzen, wir gehen in das Laser-Labor. Es ist ein großer und kühler Raum, die Fenster sind orange beschichtet. „Als Schutz für den Laser und damit keine Laserstrahlen nach außen dringen können“, erklärt Dr. Anne-Rose Fischer, die das Projekt in der Einführungphase leitet.

X-Chromosom hat etwa 3,6 Prozent mehr Masse als ein Y-Chromosom

Und dann das Sexen: Erst wird dem Sperma ein Farbstoff beigesetzt. „Ein X-Chromosom hat etwa 3,6 Prozent mehr Masse als ein Y-Chromosom“, erklärt sie. Dadurch nehmen die X-Chromosomen mehr Farbstoff auf. Das Sperma wird mit einer spermafreundlichen Flüssigkeit (Sheet-Fluid) vermischt und mit hoher Geschwindigkeit durch den Durchfluss-Zytometer geleitet, in dem die X- bzw. die Y-Zellen erkannt werden. Jede Sekunde passieren einen Zytometer so über 20 000 Spermien.

Die Y-Chromosomen der „männlichen Spermien“ werden dann deaktiviert, damit sie nicht mehr befruchten, dabei aber nicht von den X-Spermien getrennt. Anschließend wird das Sheet-Fluid mit einer Ultrazentrifuge vom Sperma getrennt und diesem ein Verdünner zugesetzt. Die Nachbarstationen können in der eigenen Station absamen und das Rohsperma in einer Kühlbox mit 19° C anliefern.

Auch die alten Waldseer Bullenställe wurden renoviert. Beide Ställe mit insgesamt 36 Plätzen stehen noch leer, könnten aber sofort belegt werden. Ziel ist es, alle Milch- bzw. Doppelnutzungsrassen und in einem zweiten Schritt auch die Fleischrassen (Y-Spermien für Stierkälber) gesext anzubieten. Über die Befruchtung der Testbesamungen gibt es noch keine Statistiken. „Es sieht aber gut aus“, sagt Weidele nach den ersten Rückmeldungen der Besamungstechniker.

Anteil von 10 % erwartet

Er rechnet damit, dass der Anteil der gesexten Besamungen mittelfristig bei durchschnittlich 10 % liegen wird und in Deutschland jährlich 1 Mio. gesexte Samendosen benötigt werden. Davon ist man aber noch weit entfernt: Im Jahr 2019 wurden bundesweit gut 161 000 gesexte Samendosen eingesetzt, das waren 2,2% aller eingesetzten Dosen. Eine deutliche Steigerung auf geringem Niveau gab es bei Brown Swiss (+26%, 5061 gesexte Dosen = 2,1% der Gesamtbesamungen) und Fleckvieh (+93%, 3466 ges. Dosen = 0,2%). Die Holsteinzüchter verwenden das X-Sperma bereits bei 3,5% aller Besamungen, Jersey liegt sogar bei 25%.

Geringe Nachfrage beim Fleckvieh in Bayern

Und was sagen die Stationen in Bayern? Alle Fleckviehstationen bestätigen, dass der Einsatz des gesexten Spermas bisher nur eine geringe Rolle spielt. Johannes Wolf von CRV erklärt, dass die Betriebe nur einzelne Kühe gesext besamen, wenn Sie nach mehreren männlichen Kälbern von den Lieblingskühen ein weibliches Kalb wollen. Stärker sei der Einsatz bei Holstein. Hier werden oft die Kühe, von denen Nachzucht aufgestellt werden soll, weiblich gesext besamt und die Tiere, von denen keine Nachzucht gewünscht wird, mit gesextem männlichen Samen. Männlich gesextes Fleckviehsperma biete man von möglichst hornlosen Bullen mit gutem Kalbeverlauf an. Ob man künftig in Bad Waldsee sexen lässt, hänge von der Qualität, dem Preis und der Terminverfügbarkeit ab.

Bayern-Genetik liegt bei 0,3 %,

Bei der Bayern-Genetik lag der Anteil an gesextem Sperma über alle Rassen im Vorjahr bei nur 0,3 %, erklärt Stationsleiter Martin Zirnbauer-Heymann. Die Bayern-Genetik stehe für die Doppelnutzungsrasse Fleckvieh mit Tieren, die gut in Milch und Fleisch sind. Er erwarte, dass sich der Einsatz auf Fleckvieh mittel- bis langfristig nicht verändern wird. In Betrieben mit Milchrassen sei die Nachfrage nach gesextem Sperma hingegen steigend. In den Holstein- oder Braunviehbetrieben sei auch eine Zunahme des Einsatzes von männlich gesextem Spermas zur Erzeugung von Mastkälbern zu erwarten. Die Bayern-Genetik werde das Labor der RBW nutzen, aber nicht ausschließlich. Weitere Pläne mache man, wenn Erfahrungswerte des alternativen Sexing-Verfahrens vorliegen.

„Der Einsatz des gesexten Spermas hat sich beim Fleckvieh trotz des deutlich breiteren Angebotes kaum geändert“, erklärt Benjamin Köhnlein vom Besamungsverein Nordschwaben. Bei Fleckvieh setzten die Mitgliedsbetriebe unter 0,5 % gesext weibliches Sperma ein, bei Holstein waren es dreimal so viel. Nur einzelne Bullen wie Herakles PS seien gesext sehr stark nachgefragt. Der neue Sexing-Standort biete für Höchstädt einige Vorteile. Durch die räumliche Nähe werde der logistische Aufwand reduziert und Kapazitäten seien aktuell noch leichter zu bekommen. Höchstädt hat bereits Fleckviehbullen dort sexen lassen.

Beim Besamungsverein Neustadt/Aisch unter einem Prozent

Beim Besamungsverein Neustadt/Aisch lag der Anteil der im eigenen Gebiet eingesetzten gesexten Dosen im Vorjahr bei allen Rassen bei unter einem Prozent, erklärt Geschäftsführer Dr. Johannes Aumann. Größere Nachfrage gebe es im Export. Von Irregut P*S habe man bereits Sperma zum Sexen nach Bad Waldsee gebracht, weitere werden folgen. Prinzipiell sei man auch mit dem Labor in Cloppenburg zufrieden und werde auch dieses weiterhin nutzen, zumal gesext männliches Sperma in Bad Waldsee noch nicht produziert wird. Vor allem bei männlich gesextem Sperma von fleischbetonten Fleckviehstieren erwartet sich Aumann eine steigende Nachfrage. „Es gibt immer Kühe, von denen die Bauern keine Nachzucht aufstellen möchten, diese werden immer häufiger mit männlich gesextem Sperma eines hornlosen Fleckvieh-Fleischbullen besamt“, erklärt Aumann.

Exporteinschränkungen führen zu weniger Bedarf an weiblicher Nachzucht

Ähnlich argumentiert Martin Seidl von der Besamungsgenossenschaft Marktredwitz-Wölsau. „Immer mehr Betriebe wollen oder können keine Kalbinnen mehr exportieren und haben deshalb weniger Bedarf an weiblicher Nachzucht“, erklärt Seidl. Dadurch werde männlich gesextes Sperma von Fleckvieh-Fleischbullen immer beliebter. Neben der Hornlosigkeit und guten Kalbeeigenschaften sei hier der weiße Kopf sehr wichtig, gerade auch in der Kreuzungszucht auf Holstein. Zur Produktion von weiblich gesextem Sperma habe man Holgersson und Hanno in Bad Waldsee sexen lassen, männlich gesextes Sperma wird weiterhin in Cloppenburg produziert.

An der Besamungsstation Bauer/Wasserburg wurden vom 1. Oktober 2019 bis 20. September 2020 bei über 62 000 Besamungen nur 16 mit weiblich und drei mit männlich gesextem Sperma gemacht, erklärt Leiter Peter Dürrwaechter. Man lasse deshalb keine eigene eigene Bullen sexen, sondern kaufe es bei Bedarf zu.

Größere Bedeutung bei Brown Swiss und Holstein

Größer ist die Bedeutung des gesexten Spermas an den Stationen mit einem höheren Anteil an Brown Swiss und Holstein. An der Besamungsstation Greifenberg wurden 2019 über 2300 gesexte Samendosen eingesetzt, die meisten bei Braunvieh (1060), wo es auch in diesem Jahr mit +15% die größte Steigerung gibt. Bei Holstein waren es 545 gesexte Dosen, bei Fleckvieh 305 und bei Fleischrassen 421, hier gesext männlich. Zusätzlich wurde etwa die doppelte Zahl an gesexten Dosen exportiert. Als großen Vorteil des nahen Standortes sieht Helmut Gossner, dass künftig mehr Bullen mit kleineren Chargen gesext werden können.

Die RBG Memmingen ließ zuletzt jährlich rund 10000 Dosen sexen, erklärt Stationsleiter Konrad Bischof. Davon waren 80 % Braunvieh, 10 % Holstein und 10 % Fleischrassen, etwa die Hälfte davon wurde im eigenen Gebiet eingesetzt. Da es mit gesextem Sperma aus Bad Waldsee noch keine Erfahrung gibt, werde man mittelfristig parallel fahren und weiterhin auch in Cloppenburg sexen lassen. Grundsätzlich sieht es Bischof positiv, dass es jetzt in der Nähe eine Alternative gibt.
Gespannt warten die Züchter auf die Befruchtungszahlen des gesexten Spermas aus Bad Waldsee und das erste „männlich gesexte“ Sperma aus dem Ländle. Sollte es hier gut ausschauen, dann dürfte „Sexed in Bad Waldsee“ immer häufiger auch in bayerischen Ställen zum Einsatz kommen.