Tiergesundheit

Schweinemast: Wohlbefinden hinfüttern

Schweinebucht
Helga Gebendorfer
am Montag, 15.11.2021 - 08:51

Beim Online-Seminar Schweinefütterung der BAT und des LAF ging es um Fütterung und Tierwohl. Faserstoffe tragen zu mehr Tierwohl und Leistung bei. Außerdem standen Möglichkeiten der N- und P-Absenkung auf dem Programm.

Heuraufe
Gesunde Tiere mit Wohlbefinden, die ihre artspezifischen Verhaltenskomplexe befriedigen können – das umfasst der Begriff „Tierwohl“. Die Tierhalter beeinflussen diese Bereiche im positiven wie im negativen Sinne. Vor allem im Stall werden artgemäße Verhaltensweisen wie Nahrungssuche, Fressen, Bewegen, Beschäftigen und Ruhen teilweise eingeschränkt. Dagegen wirken andere Bereiche wie Schutz vor Witterungseinflüssen, Parasiten oder eine bedarfsgerechte Ernährung positiv. Die Forschung und Entwicklung im Bereich der Tierernährung sucht intensiv nach Maßnahmen zur Befriedigung der arttypischen Nahrungssuche und Futteraufnahme – und damit nach wichtigen Beiträgen zum Tierwohl.

Das Wohlbefinden geht durch den Magen

Fressen 2

„Das Wohlbefinden geht durch den Magen – auch beim Schwein“. Von diesem Leitsatz waren alle Redner bei der gemeinsamen Vortragsveranstaltung der Bayerischen Arbeitsgemeinschaft Tierernährung (BAT) und des Landesarbeitskreises Fütterung Baden-Württemberg (LAF) einig. Schwerpunkt des Online-Seminars waren Aspekte bei der Fütterung, die mit Tierwohl assoziiert sind.

„Futter und Fütterung sind beim Schwein eine wichtige Schlüsselrolle bezüglich Wohlbefinden und Verhalten“, stellte der Tierernähungsexperte der DLG, Dr. Detlef Kampf, fest. Zu den Einflussfaktoren zählen Wasser, Futtertechnik, Fütterungsverfahren, Futter- bzw. Nährstoffverfügbarkeit, Futter- und Fütterungshygiene sowie Futterform.

Das Fazit von Kampf: „Die Basis für gutes Wohlbefinden sind ausgewogene, auf Erhaltung von Gesundheit und Leistungsbereitschaft der Tiere abgestimmte Futtermittel. Das bedeutet ausgeklügelte Futterauswahl, Fütterungsstrategien und Rationszusammenstellungen.“ Gleichzeitig müssen die das Tierwohl mindernden Inhaltsstoffe einzelner Komponenten und die Wechselwirkung verschiedener Inhaltsstoffe und Zusatzstoffe beachtet werden.

Kohlenhydrate, die durch den Dünndarm gehen

Aber was heißt das? Schweinehalter müssen Wert auf optimale Wasserqualität und hygienisch einwandfreie Futtermittel legen. Eine weitere entscheidende Rolle für das Wohlbefinden der Tiere spielen Kohlenhydrate, die nicht im Dünndarm abgebaut werden. Dazu gibt es bereits Erkenntnisse in der Praxis zum Einsatz von Beschäftigungsfutter neben dem eigentlichen Hauptfutter. Doch zukünftige Versuche müssen weitere Zusammenhänge offenlegen.
Wie sich Faserstoffe auf das Tierwohl und die Leistung auswirken, beleuchtete Herbert Nehf von der BayWa München. Sie haben ihm zufolge zweierlei Wirkung: „Sie beeinflussen Tierverhalten und Tiergesundheit“, erklärte er. So erhöht sich der Zeitbedarf beim Fressen, wodurch sich Stereotypien reduzieren. Doch anscheinend machen Faserstoffe mit ihrem Volumen und ihrer Eigenschaft, Wasser zu binden, nicht nur mechanisch satt, sondern sie wirken auch als Metabolite ihrer mikrobiellen Fermentation (z. B. Butyrat).

Faserstoffe fördern die Tiergesundheit

Faserstoffe beeinflussen aber auch die Tiergesundheit und zwar das Immunsystem und die Darmflora. So entstehen bei mikrobieller Fermentation aus Zellulose Essigsäure, aus Stärke Propionsäure und aus Fructane/Arabinoxylane Buttersäure, die sich durch ihre vielfältigen lokalen und systemischen Effekte interessant macht.
Der Einsatz von Grundfuttermitteln beschäftigt die Tiere. Die Schweine werden neugierig, sie riechen, betasten, sortieren, bekauen, und zerkleinern. Durch das Einspeicheln werden Enzyme und Hormone ausgeschüttet. Hohe Trockenmasse-Gehalte verlangsamen das Abschlucken. Der Magen füllt sich, die organische Substanz ist gering verdaulich und die Darmwand- bzw. Darmzotten stabilisieren sich.
Solche Futtermittel stellen eine Nährstoffquelle für Dickdarmbewohner dar, fördern unter anderem Milchsäure-/Bifidobakterien und wirken sich auf Peristaltik und Kotkonsistenz aus. „Grob- und Saftfutter sorgen grundsätzlich für einen zusätzlichen Beschäftigungseffekt“, fügte Nehf hinzu.

Eine lange Liste voller Vorteile für Faserstoffe

Weiter führte er die Faserstoffeffekte bei den Sauen vor Augen:
  • bessere Steuerung der Futteraufnahme und -intensität,
  • ruhige und satte Tiere,
  • weniger Stress – geringe Fötussterblichkeit,
  • voluminöser Verdauungskanal – hohe LAK-Futteraufnahme,
  • leichtere und schnellere Geburten,
  • optimale Kotbeschaffenheit und somit verminderte Verstopfungsgefahr,
  • Kontrolle von pathogenen Keime im Dickdarm,
  • weniger Endotoxine – vorbeugende Wirkung gegen MMA-Syndrom.
Bei Ferkeln und Mastschweinen zeigen sich folgende Wirkungen:
  • bessere Steuerung der Futteraufnahme und -Intensität,
  • Beschäftigung und Sättigung,
  • weniger Stress – mehr Ruhe im Stall,
  • verbesserte Darmgesundheit,
  • Vorbeuge „Kannibalismus“,
  • Absicherung bei hohen Maisanteilen (CCM, MKS),
  • Absicherung bei Nebenprodukten (Altbrot, Backwaren etc.).
In der Tierernährung ist die Diskussion um eine konsistente Definition der „Faserstoffe“ überfällig. Die verdauungsphysiologischen Eigenschaften der Nahrungsfaser sind sehr vielgestaltig: Wasserbindung, Viskosität, Fermentierbarkeit, Ort der mikrobiellen Fermentation, beteiligte Mikroorganismen und Art der Metabolite (z. B. Butyrat). Deshalb erfordern die vielgestaltigen Eigenschaften differenzierte Analysen.
Faserstoffe können mit dem Immunsystem interagieren und anti-inflammatorische Effekte auslösen. Mikrobielle Metabolite aus der Fermentation von Faser scheinen zur Sättigung beizutragen. Separat vorgelegtes Beschäftigungsmaterial/Beschäftigungsfutter hilft, das (Futter-) Erkundungsverhalten zu befriedigen. Dies scheint indirekt das Risiko für Verhaltensstörungen, z. B. Schwanzbeißen zu reduzieren. Darum sollte eine Automatisierung der Vorlage von Beschäftigungsfutter (Grundfuttermittel, Mischfutter, z. B. Pellets) im Fokus stehen.

Abgesenkte Nährstoffgehalte ohne Einbußen

Dr. Wolfgang Preißinger, LfL Schwarzenau, beschäftigte sich mit dem Thema „Nährstoffangepasste Fütterung – wie weit können wir absenken?“. Er wies darauf hin, dass in den letzten Jahren der Rohproteingehalt in der mittleren Mastmischung in Bayern von 167 g auf mittlerweile 152 g/kg TF und der Phosphorgehalt von 4,8 g auf 4,3 g/kg TF reduziert wurde. „Das führte zu keinerlei Einbußen auf die biologischen Leistungen und Schlachtleistungen bei Mastschweinen“, betonte der Fütterungsexperte.
Wie sieht es bei Sauen und Ferkeln aus? Die vorläufigen Ergebnisse aus dem abgeschlossenen Sauenversuch und die LKV-Daten des Ausbildungs- und Versuchszentrums Schwarzenau ergaben, dass eine sehr stark N- und P-reduzierte Fütterung von Sauen nach DLG-Vorgaben funktioniert und zu keinen Leistungseinbußen führt.

Die Ration analysieren und anpassen

Zum Schluss fasste Preißinger zusammen: „Absenkungen im Bereich der DLG-Empfehlung sind möglich. Doch man muss wissen, was man füttert.“ Das heißt für ihn: Futteranalysen (Schnellverfahren für Aminosäuren, Mineralstoffe) durchführen, Ration kontrollieren und gegebenenfalls anpassen (im Beispiel Schwarzenau: Analysenwert 2,5 g P/kg Weizen; Tab.-Wert: 3,3 g/kg).
Außerdem sollten die Möglichkeiten des Einsatzes von Aminosäuren wie Lysin, Methionin Threonin, Tryptophan, Valin und Phytasen ausgeschöpft werden. Auch weniger limitierende Aminosäuren wie Isoleucin und Leucin sind zugelassen und können zur weiteren N-Absenkung beitragen.
Die N- und P-reduzierte Fütterung wurde in die neue TA-Luft aufgenommen und wird somit in Teilbereichen schon gesetzlich gefordert. „Ich plädiere dafür, dass man bei der N- und P-angepassten Fütterung nicht die Grenzbereiche überschreitet. Anpassen ja, aber das Wohl der Tiere im Auge behalten und die Schweine nach ihren Bedürfnissen füttern“, erklärte Preißinger.