Tiergesundheit

Schweinemast: Beim Absetzten auf den Darm achten

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Ulrike Amler
am Montag, 21.10.2019 - 14:07

Das Absetzen ist eine entscheidende Phase für Ferkel, in der die Weichen für den weiteren Verlauf der Aufzucht und Mast gestellt werden.

Der Darm ist die Schaltstelle für Gesundheit und Wachstum und damit für profitable Leistungen.
Werden Ferkel im Alter von 21 bis 28 Tagen abgesetzt ist das wesentlich früher als in einer natürlichen Umgebung. Hier geschieht das erst um die 17. Woche herum. Für die Jungtiere ändert sich schlagartig alles: Die Trennung von der Mutter und Wurf­geschwistern, Milchentzug, Futterumstellung, die räumliche Trennung von Wasser und Futter, wesentliche Umweltveränderungen und die Eingliederung in große Gruppen führen in dieser kritischen Lebensphase zu Stress.

Erst 14 Tagen nach der Geburt sind die Lunge und Leber des Ferkels voll ausgereift. Entsprechend anfällig sind die Tiere für pathogene Keime. Das Immunsystem ist wie das Verdauungssystem noch nicht vollständig ausgebildet. Auch die Thermoregulation funktioniert noch unzureichend.

Ein besonderes Augenmerk verdient zu diesem Zeitpunkt der Darm. Er gilt als größtes Organ des Immunsystems und die Zusammensetzung der Darmflora entscheidet über die Gesundheit des einzelnen Tieres. Wissenschaftler schätzen, dass sich 80 % der Zellen des Immunsystems im Darm befinden. Die Darmflora setzt sich aus mehr als 400 Bakterienstämmen zusammen.

Mehr Keime als Zellen

Die rund  100 000 Billionen einzelne Keime übertreffen die Zahl der Zellen des gesamten Tieres um mehr als das Zehnfache. Ein ausgewachsenes Schwein weist eine Gesamtmasse an Bakterien von rund einem Kilogramm auf. In der Humanmedizin geht man bereits dazu über, diesem sogenannten Mikrobiom den Stellenwert eines Organs einzuräumen.

Im Mutterleib ist der Darm des Ferkels noch steril, aber bereits im Geburtskanal nimmt das Ferkel erste und wichtige Bakterien in der Scheide der Sau auf. Das sogenannte bakterielle Imprinting erfolgt durch die frühzeitige Aufnahme des Kotes der Sau mit einer – hoffentlich – günstigen Darmflora. Im weiteren Verlauf der Saugferkelphase entwickelt sich das individuelle Mikrobiom-Profil abhängig vom Futter, dem Kontakt mit Umweltkeimen, krank machenden, pathogenen Keimen und Medikamentengaben.

Die Darmflora trägt zur Vitaminversorgung bei

Ohne Keime geht es nicht, denn Darmkeime haben auch die Aufgabe, rohfaserreiche Futtermittel aufzuschließen und kurzkettige Kohlenhydrate oder kurzkettige Fettsäuren wie Buttersäure als Energieträger bereitzustellen. Außerdem stellt die Darmflora auch Verdauungsenzyme bereit und trägt zur Vitaminversorgung bei. Die Darmentwicklung, das heißt die ausbalancierte Besiedelung mit Mikroben und die Entwicklung des Darmepithels und der Schleimhaut, muss bereits in der Saugferkelphase störungsfrei verlaufen. Die Sau muss ausreichend Milch haben.

Starker Gewichtsverlust der Sau während der Säugezeit führt zur Freiseitzung von Körperfett und den darin eingelagerten Toxinen, die die Darmentwicklung des Ferkels ebenso nachhaltig stören können wie Futtermitteltoxine oder solche durch bakterielle Erreger. Infekte und Durchfälle in der Saugferkelphase durch Bakterien, Viren oder Parasiten stören nicht nur die Darmentwicklung, sondern führen zu Vorschäden. Besonderes Augenmerk liegt deshalb auf der Optimierung des Managements, der Hygiene und der Gesundheitsprophylaxe von Sauen und Ferkeln. Wirkungsvolle Impfungen verhindern Durchfallerkrankungen bei Infektionen mit Escherichia coli (E. coli), nekrotisiernde Enteritis ausgelöst durch Clostridium perfringens Typ C, einer Ileitis-Infektion durch den Erreger Lawsonia intrazellularis oder einer Infektion mit dem Porcinen Circovirus 2 (PCV2). Eine notwendige Behandlung in dieser Phase mit Antibiotika verursacht zusätzliche Kosten.

Antibiotika sind bei bakteriellen Krankheitsgeschehen oftmals unumgänglich, die Gabe sollte aber genau abgewogen werden, denn Antibiotika wirken nicht selektiv auf den zu bekämpfenden Krankheitskeim sondern beeinflussen die Zusammensetzung der gesamten Darm­flora. Rund 70 % der Darmflora bestehen aus grampositiven Bakterien. Ein notwendiger Angriff auf diese Gruppe durch Antibiotika begünstigt die Entwicklung gram-negativer Erreger und kann eine Infektion mit Salmonellen oder dem Ileitis-Erreger Lawsonia intracellularis begünstigen.

Die Darmgesundheit und damit die Gesundheit des heranwachsenden Tieres sind von der Vielfalt und der Ausgewogenheit der Darmflora abhängig. Ihre Hauptaufgaben liegen in der Entwicklung der Stoffwechselvorgänge, der Ernährung der Darmzellen durch den bakteriellen Abbau von Nährstoffen, der Verhinderung einer Besiedelung mit krank machenden pathogenen Keimen und der Ausbildung eines stabilen Immunsystems.

Kurze Darmzotten durch gestörte Futteraufnahme

Stress in der frühen Absetzphase kann das noch nicht ausgereifte Darmmikrobiom negativ beeinflussen. Das zeigt sich üblicherweise in einem Einbruch der Milchsäurebakterien um den Absetzzeitpunkt, verbunden mit einer pH-Wertveränderung im Magen und einen Anstieg von Coli-Bakterien. Die gestörte Futteraufnahme durch vorübergehend hungernde Ferkel kann eine Verkürzung der Darmzotten bedingen in deren Folge die Enzymaktivität reduziert und die Nährstoffabsorption gestört ist. Durchfälle und Wachstumsstörungen folgen. Das ist auch bei Stress durch Überbelegung oder geschwächten Tieren durch Vorerkrankungen in der Saugferkelphase zu beobachten. Mehr als die Hälfte der Ferkel mit Durchfall weisen bereits in der Saugferkelphase E. coli-Erreger auf.

Das Absetzen bewirkt Stress, der zu mäßigen bis schwerwiegenden Entzündungsreaktionen im gesamten Körper führen und die Abwehrkräfte des noch unreifen Ferkels schwächen kann. Die Immunreaktion und die erhöhte Stoffwechselaktivität lassen die Futterverwertung und die Tageszunahmen vorrübergehend abnehmen. Neurobiologen und Mediziner haben eine ständige Kommunikationsverbindung von Darmbakterien mit dem Gehirn und dem Zentralnervensystem über den Nervus vagus aufgedeckt, die ähnlich funktioniert wie bei einem gewöhnlichen Organ. So erscheint es nicht abwegig, dass Stress negativen Einfluss auf die Zusammensetzung der Darm­flora hat. 

Keine Magenbarriere für pathogene Keime

Durch Beobachtungen bei Schweinen und im Tierversuch mit Mäusen wurden negative Verhaltensänderungen bei einer gestörten Darmflora beobachtet. Bei der Futterumstellung zum Absetzen von überwiegend Muttermilch auf feste pflanzliche Nahrung fressen manche Tiere nur sehr schlecht, während andere extrem große Portionen aufnehmen.

Der Nahrungsbrei wird durch die beim Saugferkel sowieso geringe Magensaftsekretion mit Salzsäure nur mangelhaft durchsäuert. Dadurch wird die Fermentation vermehrt in den Dickdarm verschoben. Die Folge davon ist eine unwirksame Magenbarriere für pathogene Keime und eine Unterernährung der Darmschleimhaut. 

Kommunikation zwischen Bakterien und Gehirn

Kann mangelnde Hygiene bei Futter und Wasser ebenso wie eine falsche Futterzusammensetzung ausgeschlossen werden, muss bei schlechten Zunahmen oder vermehrt auftretenden Durchfällen oder anderer Krankheitsbilder ein Ungleichgewicht der  Darmbakterien in Betracht gezogen werden. Auch Viruserkrankungen wie das Post-Weaning-Syndrom infolge einer PCV2-Infektion, können auf eine gestörte Darmflora zurückgehen. Ein Zusammenhang zwischen verschiedenen Mikrobiomprofilen und der Ausprägung von Virusinfektionen mit PRRS und PCV2 konnte mittlerweile wissenschaftlich nachgewiesen werden.

Eine vielfältige Darmflora trägt zu einer stabilen Immunsituation bei. 
Forschungen konzentrieren sich derzeit darauf, den Einfluss des Mikrobiomprofils zu erfassen und so zu beeinflussen, dass pathogene Keime wenig Chance haben, den Organismus zu schwächen. Hier wurden Erkenntnisse aus der Humanmedizin bestätigt, wonach das Keimprofil des Darmes auch Einfluss auf die Wachstumsraten hat. Im Fokus steht hier das Verhältnis zwischen dem Bakterienstamm der Firmicutes und der Gattung Bacteroides. Bei Tieren mit einem weiteren Verhältnis dieser beiden Spezies wurden höhere Tageszunahmen beobachtet als bei solchen mit einem engeren Verhältnis. 

In Zukunft wird auch die Beeinflussung der Zusammensetzung der Darmmikroben und eine möglicherweise genetische Abhängigkeit größere Aufmerksamkeit verdienen. Alle alternativen diätischen Maßnahmen im Trog können unterstützend wirken. Grobe Fehler in der Haltung, Fütterung, Hygiene und im Management können sie jedoch nicht kompensieren.