Tiergesundheit

Schweinehaltung: Tiergesundheit überprüfen

Tiergesundheit
Anja Rostalski, TGD
am Freitag, 02.08.2019 - 17:06

Schwanzbeißen hat viele Ursachen. Um es zu vermeiden sollte im Rahmen der eigenbetrieblichen Risikoanalyse auch der Gesundheitsstatus überwacht werden.

Auf einen Blick

  • Die Ursachen von Kannibalismus in Form von Ohren- und/oder Schwanzbeißen sind bei Schweinen vielfältig und können von Durchgang zu Durchgang verschieden sein.
  • Akutes Schwanz- und Ohrenbeißen kann jederzeit als Folge eines Krankheitsgeschehens auftreten. Daher ist die regelmäßige Beurteilung der Tiergesundheit nicht zu vernachlässigen.
  • Regelmäßige Besuche des Hoftierarztes ermöglichen die Beurteilung des Bestandes im Vier-Augen-Prinzip.
  • Ein einzelnes deutlich verbissenes Tier kann bereits ein Symp­tom für ein größeres Problem in der ganzen Gruppe sein.

Seminare zum Thema

Tiergesundheit

Im Bereich Tierschutz gibt es viele aktuelle Fragen und die meisten Unsicherheiten. Themen wie Nottöten, Transport von Schlachtschweinen, Umgang mit kranken und verletzten Tieren, Saugferkelkastration oder Tierschutzindikatoren am Schlachthof sind dafür gute Beispiele.

Hierzu wurden in den letzten Jahren Gesetze geändert, Verordnungen erlassen und Leitfäden erarbeitet, die rechtlich bindend sind. Dies bedeutet, dass bisherige Arbeitsgewohnheiten geändert werden müssen. Das gilt auch für den Bereich Tiergesundheit, denn auch hier hat sich in den letzten Jahren einiges verändert.

Die 16. AMG-Novelle sowie die neue TäHAV(Verordnung über tierärztliche Hausapotheken) wurden von einer wahren Flut an neuen Impfstoffen und Impfprogrammen begleitet, mit dem Ziel, vor allem den Einsatz von Antibiotika zu minimieren. Entsprechend groß ist das Angebot seitens der pharmazeutischen Hersteller, die Landwirte direkt auf einem Seminar von den gesundheitsprophylaktischen Vorteilen einer Vakzinierung zu informieren.

Dabei handelt es sich aber nicht um eine reine Werbeveranstaltung, denn das Programm wird meist mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Krankheitsgeschehen oder anderen aktuellen Themen abgerundet. Im Anschluss gibt es, wie natürlich auch bei den staatlichen Fachzentren in Kringell oder Schwarzenau, Teilnahme-/bzw. Fortbildungsbescheinigungen, die im Rahmen der Risikoanalyse zum Aktionsplan Kupierverzicht in der Checkliste zu Gesundheit und Fitness angegeben werden können.

Regelmäßige Beurteilung erforderlich

Beschäftigungsmaterial

Akutes Schwanz- oder Ohrenbeißen kann jederzeit als Folge eines Krankheitsgeschehens bei Einzeltieren wie auch bei einer ganzen Tiergruppe auftreten, daher ist die regelmäßige Beurteilung der Tiergesundheit im Bestand nicht zu vernachlässigen. Dazu gehören schon „oberflächliche“ Wahrnehmungen wie herabgesetzte Aktivität, abnormes Liegeverhalten oder reduzierte Futter- und Wasseraufnahme (für letzteres ist die Installation einer Wasseruhr von Vorteil) der gesamten Tiergruppe. Das Beobachten und Auftreiben liegender Tiere hilft, gesundheitliche Probleme von Einzeltieren frühzeitig zu erkennen.

Tiere mit Bewegungsunlust werden schnell zum Opfer von Beißattacken, weil ihre Kameraden schon aus Neugierde gerne testen, wie weit sie gehen können. Schweine erkunden ihre Umgebung u.a. durch Bekauen, d.h. wenn die Abwehr des Opfers nur schwach ausfällt, beißen sie weiter. Gibt das Opfer dabei noch untypische Geräusche von sich, werden auch andere Buchtengenossen aufmerksam und beteiligen sich. Das Tier wird entsprechend zum Beschäftigungsmaterial umfunktioniert.

Bewegungsunlust als Warnsignal

Ferkelkastration

Bewegungsunlust kann Symptom einer fieberhaften Allgemeinerkrankung, aber auch einer akuten Lahmheit geschuldet sein. Daher sollten erkennbar lahme Tiere zügig in eine geeignete „Genesungsbucht“ umgestallt und tierärztlich behandelt werden. Bei Anzeichen einer fieberhaften Allgemeinerkrankung besteht Ansteckungsgefahr, hier sollte ebenfalls schnell der Hoftierarzt hinzugezogen werden. Gelegentlich wird auch beobachtet, dass Tiere das Knabbern vor allem an den Ohrrändern sehr gut tolerieren, wenn es im Zuge von Durchblutungsstörungen am Ohr zu Taubheitsgefühl oder Juckreiz kommt. Daher ist es auch hier wichtig mit dem Hoftierarzt Infektionen wie zum Beispiel die Eperythrozoonose abzuklären.

Doch nicht immer sind die Tiersignale eindeutig, wenn es um Krankheiten im Bestand geht. Die Erfassung der Tierverluste (nach SchHaltHygVO und TierSchNutzVO ohnehin verpflichtend) hilft dabei, den Überblick zu behalten. Saisonal oder altersmäßig gehäufte spontane Verluste haben dabei natürlich eine andere Aussagekraft als Verluste durch gezieltes Nottöten zum Beispiel aufgrund von Lahmheiten. Deshalb müssen diese Verluste möglicherweise völlig anders beurteilt werden. Auch Schlachthofbefunde sorgen gerne für unerwartete Überraschungen. Erhöhte Lungenbefunde, aber kein Schwein hustet? Das ist nicht ungewöhnlich, und auch nicht immer ein Problem des Schlachtprozesses. Manche Atemwegsinfektionen verlaufen schleichend subklinisch und verursachen ganz andere Symptome als nur schlichten Husten. Ähnliches gilt übrigens auch für manche Darminfektionen. Verworfene Lebern? Regelmäßiges Entwurmen und gegebenenfalls. Auch Enträuden kann hier wahre Wunder bewirken.

Hoftierarzt als wichtigster Partner

Verbiss

Der wichtigste Partner des Schweinehalters ist in diesen Fällen immer der bestandsbetreuende Hoftierarzt. Regelmäßige Besuche ermöglichen die Beurteilung des Bestandes im Vier-Augen-Prinzip und beugen einer gewissen Betriebsblindheit vor, die sich gerne mit der Zeit einstellt. Mit der Erstellung des Besuchsprotokolls werden bereits klinische Diagnosen dokumentiert, die als Basis für eine eingeleitete Therapie oder vorbeugende Impfmaßnahme dienen können. Im Zweifel werden zusätzlich weitergehende Untersuchungen durch Sektionen oder Labordiagnostik eingeleitet.

Nicht alle Krankheitserreger, die so nachgewiesen werden, sind ein Teil des Problems. Vielleicht ist auch gar keine Krankheit ursächlich am Geschehen beteiligt. Dies macht den Tierarzt aber nicht überflüssig, im Gegenteil: die verletzten Tiere müssen unbedingt medizinisch versorgt werden. Um den Gesundheitsstatus seines Bestandes objektiv beurteilen zu können, sollte man ihn vor allen Dingen erst mal kennen.

Der überregionale Handel mit Zuchtschweinen und Ferkeln hat die Etablierung von Gesundheitskontrollprogrammen in den verschiedenen Stufen unerlässlich gemacht. Zuchtunternehmen setzen auf regelmäßige Erregerscreenings oder Unverdächtigkeitszertifikate durch Vertragstierärzte oder den Schweinegesundheitsdienst, um durch entsprechende Impfprogramme oder -empfehlungen die Tiergesundheit vor all in den Empfängerbetrieben stabil zu halten.

Ferkelpässe und Hodensaftserologie

Für Ferkelerzeuger und Aufzüchter, die Tiere an Mastbetriebe vermarkten müssen, wurden von einigen nordwestdeutschen Vermarktungsorganisationen sogenannte „Ferkelpässe“ eingeführt, in denen der durch regelmäßige Blutuntersuchungen ermittelte aktuelle PRRSV- und Salmonellenstatus sowie die Anzahl und Art der verabreichten Ferkelimpfungen dokumentiert wird.

Im Süden, wo traditionell mehr die Sammelferkelvermarktung stattfindet, überprüfen einige Erzeugergemeinschaften den Gesundheitsstatus ihrer Lieferbetriebe ein- bis zweimal jährlich serologisch zumindest auf PRRSV und Salmonellen. Das ist dank der beim TGD Bayern etablierten Hodensaftserologie tierschonend und individuell auf andere serologische Untersuchungen (Influenza, PPV, PCV2, M.hyo) erweiterbar. Da dies nur den Antikörperstatus der Sauenherde wiedergibt, werden zum  Teil zusätzlich noch Ferkel gegen Ende der Aufzucht mit Blutproben untersucht.

Durch das Monitoring-Raster fallen eher die geschlossen arbeitenden Betriebe sowie die reinen Schweinemäster. Hier gibt es zwar das Feedback über die Schlachthöfe, aber es herrscht die weit verbreitete Meinung, dass allein die Herkunft der eingestallten Tiere maßgeblich den Gesundheitsstatus bestimmt. Dies gilt allerdings nur, wenn ausschließlich Tiere einer Herkunft eingestallt und die Biosicherheit absolut vorbildlich ist. Über die EG Südbayern läuft seit mehreren Jahren am Schlachthof in Vilshofen, Niederbayern, das vom SGD in Landshut und Deggendorf unterstützte MOSS-Projekt, bei dem regelmäßig Schlachttieruntersuchungen an Bestandsbesuche beim Mäster gekoppelt werden. Regelmäßige Screenings bieten hier die Möglichkeit, Veränderungen in der Tiergesundheit zu messen. Manchmal sogar, bevor es dafür klinische Anzeichen gibt.

Die Ursachen von Kannibalismus in Form von Ohren- und/oder Schwanzbeißen sind bei Schweinen vielfältig und können deshalb von Durchgang zu Durchgang ganz unterschiedlich sein. Gesundheit und Fitness der Tiere bestimmen deren Wohlbefinden und Verhalten elementar, und auch hier gibt es gute und schlechte Phasen. Der Tierhalter sollte früh erkennen, wenn eine schlechte Phase beginnt. Schon ein einzelnes deutlich verbissenes Tier kann bereits ein Symptom für ein größeres Problem der ganzen Gruppe sein.