Tierwohl

Schweinehaltung: Wie geht’s den Tieren?

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Ulrike Westenhorst, Karl Kempkens und Sabine Schützem, Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen, Jeannette Lange und Ute Knierim Universität Kassel
am Mittwoch, 07.04.2021 - 10:00

In einem Projekt haben Schweinehalter überprüft, wie es auf ihren Betrieben ums Tierwohl bestellt ist. Die dabei verwendeten Indikatoren lassen sich gut in der Praxis erfassen und helfen bei der Beurteilung der Situation.

Auf einen Blick

  • Der KTBL-Leitfaden zur Eigenkontrolle ermöglicht es den Schweinehaltern, die Situation auf dem eigenen Betrieb objektiv zu erfassen. Er hilft Bereiche anzuschauen, die im Alltag schnell mal untergehen.
  • Dadurch können negative Entwicklungen frühzeitig erkannt werden, möglicherweise bevor es zu deutlichen Problemen in der Herde oder bei den Tierleistungen kommt.
  • Es  hat sich als positiv erwiesen, dass der Landwirt die Daten mit einem Berater erfasst.

Fühlen sich die Tiere wohl? Sind sie gesund?

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Wenn ein Tierhalter das möglichst objektiv beurteilen will, braucht er Indikatoren. Diese müssen aussagefähig sein und der Landwirt muss sie mit vertretbarem Aufwand erheben können. Wie es um das Tierwohl auf den Höfen bestellt ist und wie Indikatoren im Praxisalltag genutzt werden können, um das Tierwohl zu verbessern, damit haben sich 14 schweinehaltende Bio-Betriebe in Nordrhein-Westfalen gemeinsam mit ihrem Vermarkter Biofleisch NRW e.G., der Landwirtschaftskammer NRW und der Universität Kassel beschäftigt.

Grundlage der Erhebung waren die im KTBL-Praxisleitfaden 2016 vorgeschlagenen Tierschutzindikatoren für die betriebliche Eigenkontrolle. Daneben wurden weitere Untersuchungen durchgeführt, etwa Futteranalysen oder Blutuntersuchungen. In etwa halbjährlichem Abstand bewerteten die Landwirte ihre Tiere anhand der Indikatoren selbst. Dabei wurden sie von einer Beraterin begleitet. Weitere Informationen stammten vom Schlachthof, aus dem IQ-Agrar-Portal und der HIT-Datenbank. Durch den Vergleich mit zuvor festgelegten Orientierungswerten wurde jeder Indikator in Form einer Ampelbewertung grafisch dargestellt:

  • grün: im Zielbereich;
  • gelb: noch akzeptabel, aber Ursachensuche und erste Maßnahmen empfohlen;
  • rot: dringender Handlungsbedarf.

Die Auswertung der Daten vor Ort gab den Schweinehaltern eine direkte Rückmeldung. Anhand der Ergebnisübersicht legten die Landwirte fest, in welchen Bereichen sie Maßnahmen zur weiteren Verbesserung ergreifen, und wie sie dabei vorgehen wollten.

Ferkelerzeuger: Stärken im Tierverhalten

Die Erhebungen zeigen, dass jeder Betrieb sein individuelles Stärken-Schwächen-Profil hat. Dennoch waren einige Trends über die Betriebe hinweg zu erkennen:

  1. Bei den Ferkelerzeugerbetrieben zeigten sich klare Stärken im Bereich des Tierverhaltens. Bei den Sauen waren beispielsweise keinerlei Stereotypien erkennbar und es war stets ausreichend Stroh für den Nestbau vorhanden. Bis auf wenige Ausnahmen wurden keine stark verkratzten oder verwundeten Tiere beobachtet, was für eine gute Gruppenführung und ausreichend Ausweichmöglichkeiten der Sauen im Wartestall spricht. Der Anteil von Fundament- und Klauenproblemen war gering. Lahmheiten und Schwellungen an den Beinen der Tiere kamen höchstens vorübergehend bei Einzeltieren vor, aber niemals als Bestandsproblem.
  2. Weniger gut sah es bei den Saugferkelverlusten und -verletzungen aus. Die Ferkelverluste überschritten auf fast allen Höfen den Zielwert, hier suchten die Tierhalter gemeinsam mit den Beratern individuell nach Ursachen und Lösungen. Ein Grund mag in der Kondition der Muttersauen liegen, mehrere Betriebsleiter stellten etwas zu dünne Sauen (BCS 2) in den verschiedenen Abschnitten fest. Auch die Beifütterung der Saugferkel ist verbesserungswürdig, hier haben die in Öko-Qualität verfügbaren Milchpulver nicht immer die nötigen Qualitäten.
  3. Die Mastbetriebe lagen beim Antibiotika-Einsatz über die gesamte Projektlaufzeit im grünen Bereich. Bei den in diesem Zusammenhang mit zu betrachtenden Tierverlusten erreichten die meisten Betriebe den Zielbereich (durchschnittlich 1,8 % Verluste), genauso wie beim Anteil Kümmerer und lahmer Tiere. Auch am Schlachthof war die Anzahl verworfener Tiere sehr gering (0,1 %) und es gab nahezu keine Gelenkentzündungen.
  4. Mit Bezug auf das häufig diskutierte Problem des Schwanzbeißens wurden im Mittel bei 2,7 % der durchweg unkupierten Tiere Schwanzverletzungen festgestellt, häufig kurz nach der Aufstallung in die Mast. Hier bestand zwischen den Betrieben eine große Spannbreite von keinerlei Problemen bis hin zu einem regelmäßigen Auftreten von verletzten Tieren. Positiv ist, dass die Problematik durch eine mehr Aufmerksamkeit und verschiedene Maßnahmen verbessert werden konnte, dabei sind jedoch Konsequenz und Durchhaltevermögen nötig.
  5. Die größte Herausforderung für die meisten Mastbetriebe war im Komplex der Lungen-, Brustfell- und Herzbeutelentzündungen zu sehen. In rund der Hälfte aller Fälle wurden hier die Zielwerte am Schlachthof überschritten. Die vermuteten und zum Teil auch ermittelten Ursachen waren sehr unterschiedlich, begonnen von spezifischen Infektionserregern, über zu verbessernde Haltungsbedingungen – vor allem Zugluft im Liegebereich – bis hin zu Parasitenbelastung (Wanderung der Spulwurmlarven durch die Lungen). Gerade letztere ist in vielen Betrieben ein Problem, das aber über die Projektlaufzeit gemindert werden konnte.

Negative Entwicklungen rechtzeitig erkennen

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Der KTBL-Leitfaden zur Eigenkontrolle ist eine hilfreiche Grundlage für Erhebungen auf den Betrieben, das hat dieses Projekt gezeigt. Er ermöglicht den Tierhaltern, die Situation auf dem eigenen Betrieb objektiv zu erfassen. Sicherlich schaut der Landwirt beim täglichen Stallrundgang jedes Tier an; mithilfe des Leitfadens kann aber eher eine gesamtbetriebliche Einschätzung vorgenommen werden und er hilft Bereiche anzuschauen, die im Betriebsalltag nicht immer im Blick liegen. Hierdurch können negative Entwicklungen frühzeitig erkannt werden, bevor es möglicherweise zu deutlich sichtbaren Problemen in der Herde oder bei den Tierleistungen kommt.

Zu Beginn empfiehlt es sich, den gesamten Indikatorenkatalog einmal für seine Herde durchzugehen. Insbesondere für die Ferkelerzeuger ist das mit einem durchaus hohen Arbeitsaufwand von mindestens vier Stunden inklusive der Auswertung verbunden. Für Mastbetriebe liegt der Aufwand je nach Bestandsgröße bei etwa zwei Stunden. Relativ schnell wird sich für den Betrieb herausstellen, in welchen Bereichen es gut läuft und wo es Verbesserungspotenzial gibt. Dann spricht wenig dagegen, sich im Folgenden auf die Indikatoren zu beschränken, bei denen es noch Verbesserungsmöglichkeiten gibt. Dennoch sollte der Tierhalter in regelmäßigen Abständen den gesamten Katalog durchgehen, um mögliche Veränderungen nicht zu verpassen.

Routine und Sicherheit entwickeln

Es hat sich im Projekt als vorteilhaft erwiesen, dass Landwirt und Berater die Daten gemeinsam erfassen. Zum einen bekommt die Datenerhebung dann einen festen Platz im Terminkalender des Landwirts und zum anderen diskutieren beide Seiten dann häufig schon beim Stallrundgang über mögliche Lösungsansätze bei auffälligen Indikatoren. Außerdem wurden die halbjährlichen Abstände als zu lang empfunden, um Routine und Sicherheit in der Erhebung zu entwickeln. Eine möglichst einheitliche Erfassung ist aber wichtig, damit die Einordnung der Ergebnisse gegenüber Orientierungswerten oder anderen Betrieben aussagekräftig ist.

Das Projekt EIP-Bioschweine

Das Projekt "EIP-Bioschweine" wurde im Rahmen der europäischen Innovationspartnerschaft (EIP) durchgeführt, gefördert wurde es durch den europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums unter Beteiligung des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen.