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Tiergesundheit

Den Schweinedarm gesund füttern

Dr. Reinhard Puntigam und Dr. Wolfgang Preißinger, LfL Tierernährung, Grub
am Mittwoch, 18.05.2022 - 07:00

Fasern setzen im Darm Energie frei und unterdrücken krankmachende Keime. Wie hoch darf der Anteil der Fasern in der Ration sein?

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In der Schweinfütterung nimmt die Rationskomponente „Faser“ einen immer wichtigeren Bestandteil ein. Warum das seine Berechtigung hat und was sich hinter dem Begriff verbirgt, zeigt ein Fütterungsversuch.

Während in früheren Publikationen der DLG für Ferkel ab 12 kg Lebendmasse (LM) pro kg Futter 35 g und für Ferkel ab 20 kg LM 30 g Rohfaser empfohlen werden (DLG, 2008), werden im Merkblatt 463 (DLG; 2021; Fütterung und Tierwohl beim Schwein Teil A: Futter, Fütterung und Faserstoffversorgung) ausschließlich Rohfasergehalte von mehr als 35 g pro kg Futter empfohlen.

Sehr hohe Faseranteile,aber kein Energieausgleich

In einem aktuellen bayerischen LfL-Versuch ging man einen Schritt weiter. Anwendung fand ein Fasermix mit hohem Anteil an löslicher Faser (Kombination aus: Apfeltrester, Trockenschnitzel, Sojabohnenschalen und Weizenkleie) in einem Ferkelaufzuchtversuch, der mit 4 % in der Ration eingesetzt wurde und mit Weizen-Gerste-basierten Rationen (A und B) ohne Ergänzung an Faser verglichen wurde.

Neben dem sehr hohen Rohfasergehalt (ca. 50 g/kg, 88 % TM; Gruppe D) zeichnete sich eine Ration (Gruppe C) mit Fasermix dadurch aus, dass kein Öl-Ausgleich zur Aufrechterhaltung des Gehaltes an umsetzbarer Energie stattfand.

Wie in der Tabelle ersichtlich, übte der hohe Einsatz an Faser, auch ohne Öl-Ausgleich keinen negativen Effekt auf die tierische Leistungsfähigkeit aus. Demgegenüber konnten speziell um die Absetzzeit verbesserte Leistungen durch den gesteigerten Einsatz von Faser nachgewiesen werden. Bekannt sind die positiven Wirkungen der Faser schon länger.

Nur die Darm-Mikroben können sie abbauen

Entscheidend aus Sicht der Tierernährung ist, dass unter dem Begriff „Faser“ Futtermittelbestandteile verstanden werden, die von den Verdauungsenzymen der Wirbeltiere nicht verdaut werden können. Genutzt werden können sie ausschließlich durch den mikrobiellen Abbau im Zuge der Fermentation

  • im Dickdarm bei Schweinen und
  • im begrenzen Umfang im Blinddarm von Geflügel.

Die dabei entstehenden Säuren, vor allem Essig-, Propion- und Buttersäure, dienen dem Schwein als zusätzliche Energiequelle und wirken sich über dies positiv auf die Tiergesundheit aus. Einerseits senken die mikrobiell gebildeten organischen Säuren den pH-Wert im hinteren Verdauungstrakt und führen so dazu, dass krankmachenden Keimen wie E. coli kein Lebens- bzw. Vermehrungsraum geschaffen wird.

Dies bezieht sich ebenfalls auf weitere pathogene Bakterien, welche im Zuge des Absetzens von Ferkeln Durchfallerscheinungen verursachen. Die gesteigerte Menge an gebildetem Mikrobenprotein trägt ebenfalls zur Emissionsminderung (speziell von Ammoniak) bei.

Positiver Einfluss auf krankmachende Keime

Andererseits passiert Faser nahezu unverändert den gesamten Verdauungstrakt und kann Einfluss auf die krankmachenden Keime und die Nährstoffverdaulichkeit üben. Dieser Umstand ist darin begründet, dass die Verweildauer des Futters im Darm verkürzt wird und somit z. B. E.coli keine ausreichende Zeit verbleibt, um pathogen zu wirken bzw. so den Verdauungsenzymen weniger Zeit zum Abbau der Nährstoffe zur Verfügung gestellt wird. Offenbar regt die Faser auch das Ausschütten von Enzymen an, allein durch die Interaktion mit der Darmschleimwand. Dieser Effekt steigert die Nährstoffverdauung und er konnte bereits wissenschaftlich nachgewiesen werden.

Bei Zuchtsauen leistet die gezielte und ausreichende Faserversorgung einen sehr wertvollen Beitrag. Speziell die Faserkomponenten mit hoher Wasserhalte- bzw. Wasserbindungskapazität tragem aufgrund der Quellung zu mehr Ruhe und weniger Stress im Wartestall bei. Das Quellvermögen der Faser beeinflusst die Futteraufnahmekapazität in der Laktation positiv, da es das Volumen des Verdauungstrakts steigert. Auch die gezielte Anfütterung der Jungsau mittels Faser zur Ausprägung eines gesteigerten Magenvolumens ist möglich und wissenschaftlich dokumentiert.

Faser senkt Risiko von MMA deutlich

Darüber hinaus wird zum geburtsnahen Zeitraum eine ausreichende Peristaltik im Darm erreicht, wodurch die Kotkonsistenz verbessert wird und einer möglichen Verstopfung vorgebeugt werden kann. In der Folge kann das MMA-Risiko deutlich gesenkt werden und damit auch ein wertvoller Beitrag zur Gesunderhaltung der Ferkel geleistet werden.

Nachteilig kann ein hoher Anteil an löslicher Faser (z. B. Trockenschnitzel) eine klebrige Kotkonsistenz nach sich ziehen. Dieser Umstand beruht nicht nur auf der hohen Wasserhaltekapazität, sondern auch auf dem hohen Kaligehalt der Trockenschnitzel.

Oft Nebenbestandteile der Lebensmittelindustrie

Bei den Schweinen kommen Faserfuttermittel aus vielerlei Herkünften an. Pflanzen bilden im Zuge der Photosynthese Kohlenhydrate, entweder als Stärke oder eben als Faserstoffe. Die Gruppe der Faserstoffe lässt sich wiederum in folgende Hauptkomponenten untergliedern: Zellulose, Hemizellulose, Lignin und Pektin. Speziell die Pflanzenart und das Vegetationsstadium der Pflanzen, sowie technologische Produktionsschritte im Zuge der Aufbereitung, üben den größten Einfluss auf deren Zusammensetzung und Wirkung aus.

Neben dem Einsatz von klassischen Lignozellulosen (aufbereitete Nebenprodukte der Holz- und Papierindustrie) und Grüngut (Luzernepellets) fließen auch eine Vielzahl an Nebenprodukten der Lebensmittelindustrie in heimische Schweinetröge. Deren wichtigste Vertreter sind keine Unbekannten: Kleien aus der Müllerei) sowie die Trockenschnitzel von den Zuckerfabriken, aber auch Trester von den Saftkellereien und Schalen von Sojabohnen, Sonnenblumen und von der Dinkelentspelzung.